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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

Gin Cicero auf dem Kutschbock- 
Humoreske von /Jud. €/cho. 
m Hause meines Freundes Werner hatten 
wir ein köstliches Mahl verzehrt. Beim letzten 
Glas überkam uns die sangesfrohe Stimmung 
und der dem Sport ergebene Hausherr trällerte das 
Lied: „Hinaus in weite Ferne, an Wald und Flur 
entlang, hin zieht der Turner gerne mit frohem 
Liederklang. Wie hebt die Brust sich mächtig, 
wenn er die Freiheit grüsst, die hehr und mild und 
prächtig Natur vor ihm erschliesst!“ — Hier brach 
er ab, erhob sich und fuhr gegen mich und meine 
Frau gewendet, parlando fort: „Da der Sonntags 
braten nunmehr verzehrt ist, darf ich hoffen, dass 
meine lieben Gäste sich gleich mir nach Bewegung 
in freier Luft sehnen. In dieser Voraussetzung habe 
ich einen Wagen bestellt und schlage vor, dass wir 
an den Ufern der Spree, bei Treptow oder weiter 
hinaus die Freiheit in der Natur suchen. Einver 
standen?“ 
Wir stimmten freudig zu. 
Wie auf sein Stichwort erschien der Wagen vor 
der Haustür. Frau Werner und meine bessere Hälfte 
nahmen im Fond Platz, Werners kleines Töchterchen 
Hess sich auf dem Rücksitz nieder. Ich sollte an 
ihrer Seite Platz nehmen, während der Hausherr die 
Absicht hatte, den Kutschbock zu erklettern. Da 
der feurige Rheinwein mir aber den Kopf erhitzt 
hatte, so bat ich, mir den Sitz auf der hohen Warte 
zu überlassen und bald darauf sass ich neben dem 
Wagenlenker, einem stattlichen Märker, von dessen 
martialischem Schnurrbart und strammer Haltung 
man auf seine militärische Vergangenheit schliessen 
durfte. 
„Also vorwärts!“ rief Werner dem Kutscher zu. 
„Ihr Fuhrherr wird Ihnen wohl schon gesagt haben, 
dass wir einen Ausflug nach Treptow machen wollen.“ 
Statt sein Pferd anzutreiben, beugte sich der 
Kutscher zu den Insassen des Wagens nieder und 
ein halb mitleidiges halb verächtliches Lächeln flog 
über sein Gesicht, als er den Befehl „nach Treptow“ 
wiederholte. Dann richtete er sich mit einem Male 
stramm auf und hielt uns mit dem Brustton tief 
innerster Ueberzeugung und dem eifrigen Bemühen 
seine Sprache möglichst dialektfrei zu halten, fol 
gende Rede: „Herrschaften, wat wollen Sie an ’nem 
Sonndage in Treptow? Ick bitte Sie um Jotteswillen! 
Am Sonndage da sind doch de janzen Spreeufer 
iberschwemmt von allerjemeinstem Pöbel! Wir sind 
hier in Berlin O., un Sie wissen doch selber, wat 
for ’ne Rotte Korah an Sonn- un Feierdagen an der 
Spree ihr Verjnijen sucht. Beste Herrn in de Jeseil 
schaft von Dienstmädels, Fabrik - Arbeiterinnen, 
Häringsbändigern un jemeinen Soldaten, passen 
doch vornehme Damen wie ihre verehrten Frau 
Gemahlinnen nich rin. Wenn Sie denken, dass 
Sie da friedlich Kaffee trinken oder jar Abend 
brot essen können, dann sind Se schief je 
wickelt, denn in all die Restaurangs is Danz- 
verjnijen. Wo man aber danzt, verlass den Saal 
in Eile, so’n Verjnijen endet stets mit Keile. Nee, 
Herr Werner, in sone Jesellschaft dürfen Sie Ihre 
feinen Damen un Jäste nich rinbringen, ick möchte 
nich, dass mein scheener Kutschwagen Abends 
zum Lazarettwagen würde.“ 
„Aber zum Henker, wir wollen doch einen Aus 
flug machen,“ warf Werner ungeduldig ein, „wenn 
Treptow nach Ihrer Ansicht keine Garantie für einen 
angenehmen Aufenthalt bietet, wohin sollen wir uns 
denn wenden? 
„Nach Pichelsberg, jeehrte Herrschaften, nur 
nach Pichelsberg,“ rief der Kutscher und wirbelte 
seinen Schnurrbart so hoch auf, als wolle er jedes 
Hindernis für den unterbrochenen Redestrom be 
seitigen. „Pichelsberg, das is der Erholungsort für 
vornehme Herrschaften, da versammeln sich de 
feinen Leite aus ’m Westen. Seh’n Se mal,“ — hier 
triefte seine Rede von Biederkeit und Wohlwollen 
— „mir kann et ja janz ejal sein, wohin ick Se 
fahre und da wir hier in die Ostecke von Berlin 
halten, so hätt’ ick et ja ville leichter nach Treptow 
zu jondeln als nach ’n fernen Westen, wobei ick de 
janze Stadt durchqueren muss, aber meine Liese 
is ’n flotter Jaul und ick möchte doch, det meine 
Fahrjäste Verjnijen von ihrem Sonndagsausflug 
haben. Man will doch sein Trinkjeld — ick weess 
ja, Herr Werner, Sie lassen sich nich lumpen — 
ehrlich verdienen. Um Picheiswerder rum, da is 
Wasser, da sind Berge un Waldungen, da 
liegt ooch Schildhorn nebenan mit de scheene 
Aussicht, da sind feine Restaurangs mit nobler Be 
dienung. Na, ick kann Ihnen nur anraten, fahren 
Se nach Pichelsberg, das is ’ne Perle, das is an 
Sonn- un Feierdagen der einzig mögliche Ausflugs 
ort for feine Herrschaften; da finden Se Naturgenuss, 
— versteh’n Se mir? — ’nen richtigen Naturgenuss, 
alles andere is Mumpitz.“ 
Um seiner Rede den Schlusseffekt zu sichern, 
knallte er heftig mit der Peitsche. Der Mann be- 
sass unverkennbar eine starke ciceronische Begabung, 
nicht nur durch die artige, wenn auch plumpe Ver 
beugung vor den Damen, nicht nur durch den 
schlauen Hinweis auf die Freigebigkeit des Haus 
herrn, sondern vor allen Dingen durch den grund 
ehrlichen und begeisterungsvollen Ton seines 
Plaidoyers für Pichelsberg gab er den Gründen 
Ueberzeugungskraft. Werner Hess seine Blicke 
fragend über die lächelnden Gesichter der Damen 
schweifen und als diese nickend dem Cicero auf 
dem Kutschbock zustimmten, rief er: „Na, meinet 
wegen, folgen auch wir dem Zug der feinen Leute 
nach dem Westen.“ 
Der Kutscher hatte die Zustimmung voraus 
gesehen, denn Uber den Kopf seiner Liese hin liess 
er die Peitsche knallen und über sein Gesicht 
zuckte ein schlaues triumphierendes Lächeln. Die 
Fuchsstute Liese griff weit aus und flott fuhr der 
Wagen durch die Strassen der Stadt. Die August 
sonne schien so heiss, dass die durch die flotte 
Fahrt erzeugte Luftbewegung mir wohl tat, mein 
Behagen wurde jedoch durch die Beobachtung ge 
stört, dass der blonde Kutscher sich an der flotten 
Gangart seines Pferdes nicht genügen liess, sondern 
es durch Peitschenschlag zu höchsterKraftanstrengung 
antrieb. Ich glaubte ihm bemerken zu müssen, dass 
er sein Pferd schonen möge, da wir keine Eile hätten. 
Ueber sein Gesicht ging ein siegesfrohes Lächeln 
und in übermütiger Laune entfuhr ihm die Antwort: 
„Aber ich.“ — Als ich erstaunt und fragend zu ihm 
hinüberblickte, biss er sich erst auf die Lippen, dann 
aber erging er sich ablenkend in warmen Lobes 
erhebungen über seine Liese, die so viel Kraft und 
Feuer besitze, dass eine Fahrt nach Pichelsberg für 
sie eine Spielerei sei. 
„Umso besser“, sagte ich, „dann stecken Sie doch 
Ihre Peitsche in den Halter und ersparen Sie dem 
braven Tiere den Antrieb.“ 
Widerstrebend folgte er meiner Aufforderung. 
Ein prickelndes Gefühl schien ihm durch’s Blut zu 
gehen, denn er schwatzte, lachte und ermunterte 
den Gaul durch Zurufe, wie: „Dalli. Dalli, Lieseken! 
Nu aber man stramm, — der Spandauerberg wird 
Dir doch nicht schrecken! Na, denn verpuhste Dir 
man ’ne Minute, Du hast’s verdient, Schnudeken!“ 
Er gewährte dem in Schweiss geratenden Pferde 
beim Anstieg zum Spandauerberg kurze Rast, weil 
ich vom Kutschbock herabsprang und ihn da 
durch zwang, gleichfalls die von Westend gekrönte 
Anhöhe hinaufzugehen. Sobald diese erreicht war, 
fuhr er dem Pferde mit einer liebkosenden Bewegung 
über die Stirn und versicherte, dass er seine Pferde 
stets gut behandle; er habe bei den Gardedragonern 
gedient und nehme gegenwärtig bei der Landwehr 
den ehrenvollen Rang eines Unteroffiziers ein. Er 
habe den Gaul zur Eile angetrieben, damit „seine 
Herrschaften“ möglichst viel von dem schönen Tage 
geniessen könnten. 
Als die Frauen diese Versicherung vernahmen, 
steckten sie die Köpfe zusammen und flüsterten 
sich zu: „Was ist der Kutscher für ein prächtiger 
Mensch!“ Nachdem wir unsere Plätze wieder ein 
genommen hatten und der Wagen durch den Grune- 
wald hinrollte sang er mit sonorer Stimme: „Wer 
hat Dich Du scheener Wald aufjebaut so hoch da 
droben —“ 
Je näher wir dem Ziele kamen, desto aufgeräumter 
wurde er und, sich zu den Insassen des Wagens 
wendend, pries er diesen die Schönheit der Havel 
insel und des Ausblicks von Schildhorn, wies auf 
die Spielplätze hin, die man auf den waldigen Höhen 
finde, kurz, erwies sich als ein begeisterter Natur 
freund. Wiederholt versicherte er uns, dass nicht 
in der Restauration, sondern in Gottes freier Natur 
das wahre Sonntagsvergnügen zu finden sei! 
Er rannte damit offene Türen ein, denn wir hatten 
von vornherein die Absicht, uns im Walde herum 
zu tummeln. Bei dem ersten grossen Gasthaus, 
das wir erreichten, machte unser Kutscher Halt und 
bemerkte, dass er hier auszuspannnen pflege, und 
dass die Wirtin berühmt sei wegen ihrer guten 
Küche. Wir stiegen aus, wunderten uns aber, dass 
aus der grossen Gartenhalle Tanzmusik herüber 
schallte, denn die Warnung des Kutschers vor 
Lokalen mit Tanzvergnügen war noch frisch in 
unserer Einnerung. 
Auf einer der Waldhöhen fanden wir bald darauf 
einen von hohen Kiefern beschatteten fast kreis 
runden Rasenplatz, der zum Ballspiel förmlich 
herausforderte. Werner hatte Bälle mitgenommen 
und wir gaben uns mit Eifer dem Spiel hin, fanden
        
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