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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

Wie es einem Dichter 
zu Pfingsten ergehen kann. 
Von Olga Görlitz. 
Nachdruck verboten. 
Pfingstsonntag war’s! 
Die Magnolien im. Vorgarten waren eben im Begriff, 
ihre rosa und weissen Knospen zu öffnen. Ein paar Blüten 
hatten sich schon erschlossen und dehnten und reckten sich 
nun in holder Pracht. 
Ueberall tönte der Ruf in den Strassen: „Maien, Maien 
zu verkaufen!“ und da schwankten sie auch schon heran, 
die grossen und kleinen Wagen, über und über beladen mit 
dem duftigen Maienschmuck! 
Es war noch früh am Tage. 
Da öffneten sich, zwei Fenster der ersten Etage eines 
schmucken Hauses am Noliendorfplatz und weich und 
schmeichelnd strömte sogleich die Frühlingsluft in das 
elegante Wohnzimmer hinein. 
Wie behaglich es hier aussah! Und wie aromatisch es 
duftete, nach Kaffee und Zigarretten! 
Ueberall waren Maienzweige angebracht, hinter dem 
Spiegel, über den Bildern, auf allen Tischen standen Vasen 
mit dem duftigen Schmuck und dazwischen huschte eine 
schlanke junge Frau geschäftig hin und her, eine Zigarrette 
zwischen den lächelnden Lippen, im hellroten Morgenrock 
dessen lange, weiche Schleppe unablässig ihren gleitenden 
Bewegungen folgte. 
Zweig auf Zweig entnahm sie jetzt dem grossen Korbe, 
um den Schreibtisch des Gatten damit zu schmücken — und 
was für einen Gatten hatte sie — sie lächelte glückselig vor 
sich hin. So! Nun noch die Lehne des Stuhles vor dem 
Schreibtisch mit einem Maienzweig umkränzt! Und dann 
das Tintenfass, das war ja die Hauptsache. Jetzt lugte auch 
dieses, von dem grünen Blätterschmuck umgeben, gar ver 
gnügt hervor und befriedigt überschaute die hübsche kleine 
Frau ihr anmutiges Werk. 
Nun schnell an den Kaffeetisch und den Kaffee ein 
gegossen ! 
Aha, da öffnete sich schon die Tür des Schlafzimmers 
und im kurzen schwarzen Sammetrock erschien der Herr 
Gemahl auf der Schwelle. Die kleine Frau jauchzte auf: 
„Guten Morgen, Rolf, mein lieber, süsser Dichter!“ 
Zwei weiche Arme schlangen sich stürmisch um den 
Hals des Angeredeten. Das ganze Zimmer war von Sonnen 
schein durchflutet. 
Von draussen guckte der Frühling hinein und drinnen 
im Zimmer schien es erst recht Frühling zu sein. Alles 
lachte dem Dichter entgegen! Der machte ja ein bitter 
böses Gesicht! Erschrocken schaute ihm Krau ITeta in die 
finsteren Augen. 
„Aber um Himmelswillen, Rolf, was ist Dir? Freust 
Du Dich nicht über das schöne Wetter draussen und dass 
Pfingsten ist und — nicht wahr, wir fahren doch heute 
nach dem Grunewald?“ 
Die kleine Frau klatschte vergnügt in die Hände. 
Ein missbilligendes Kopfschütteln ihres geliebten Dichters 
antwortete ihr. 
„Hast Du denn gar kein Verständnis für meinen Kummer, 
meinen Aerger?“ murmelte er im tiefsten Bass, „vergisst 
Du denn ganz und gar, dass heute Abend mein neues Stück 
zum ersten Male ist? Und da garantiert mir der Direktor, 
dass heute kaltes, schlechtes Wetter sein soll! Und jetzt 
scheint die Sonne, wie sie noch nie geschienen hat und 
das Wetter ist so unerhört schön, dass natürlich keine 
Katze ins Theater geht und die Herren Rezensenten werden 
wütend auf mich sein, dass sie, anstatt Kotelett mit Spargel 
und Weinbowle im Grunewald zu gemessen, bei „der“ 
ITitze zu meiner Premiere ins Theater sollen — da fliesst 
von ihrer Wut womöglich noch etwas in die Rezensionen 
hinein! Ha, es ist ein Unglück, wenn man eine Premiere 
zu Pfingsten hat!“ 
Der arme gepeinigte Dichter liess sich erschöpft in einen 
Sessel gleiten und starrte finster brütend vor sich hin. 
Frau ITeta schluckte mühsam ein paar Tränen hinunter, 
die ganze Stimmung war ihr verdorben. 
„Willst Du nicht eine Tasse Kaffee trinken, Röllchen?“ 
fragte sie schüchtern. 
„Nein! !“ donnerte er und mit heftigem Ruck schob er 
die eingeschenkte Tasse unsanft fort, sodass dieselbe be 
denklich klirrend gegen den Sahnentopf flog. 
Das war denn doch zu arg! 
Frau ITeta war empört! 
Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen. 
„Aber Rolf, freust Du Dich denn garnicht ein bischen, 
dass ich Dir hier alles so schön mit Maien geschmückt 
hab : e?“ fragte sie vorwurfsvoll. 
Er 'sprang auf. 
„Was? Das habe ich ja noch garnicht bemerkt! Auch 
das noch! Wie kannst Du mir, noch ehe der Erfolg 
meiner Premiere entschieden ist, alle diese grünen Zweige 
hier herum hängen! Das ist sicher eine schlechte Vor 
bedeutung! Du. verrufst mir ja den Erfolg! Ein Wunder, 
dass Du nicht meinen Schreibtisch mit Lorbeerkränzen 
garniert hast. ITa! Ha! Noch ehe die Premiere vorüber ist!“ 
Herr Doktor Rolf rang verzweifelt die Hände und lief 
wie ein gehetztes Wild unablässig auf und ab — durch 
das sönnendurchflutete Zimmer — — 
In einer Sofaecke sass ITeta und sch'uchzte herzbrechend! 
Hinter der Tür horchten Köchin und Hausmädchen. 
„I du mein Himmel! Was ist denn da los? Das hört 
sich ooch nich nach Pfingsten an!“ flüsterte die Köchin, 
ihr Ohr so nahe wie möglich an die Tür quetschend. 
„Hör’ mit dem Geheul auf, Du machst mich rasend!“ 
schrie der erzürnte Dichter seiner armen kleinen Frau zu; 
„Du hast nun einmal kein Verständnis für die Leiden eines 
Dichters, kannst es nicht begreifen, dass ein Dichter nervös 
ist, hörst Du, nervös ist! “ 
„Ja — ja — nervös — ist!“ schluchzte Frau ITeta 
noch lauter. 
Der Dichter hielt in seinem rasenden Laufe an und 
trat ans Fenster. 
„Ha! ha!“ lachte er grimmig, „die Elektrischen sind ja 
gekeilt voll! Natürlich! Alles fährt nach dem Grunewald! 
Bei dem unerhört schönen Wetter! O meine Premiere, 
meine unglückliche Premiere!“ 
Er fuhr sich mit beiden Händen zugleich verzweiflungs 
voll durch seine wohlfrisierten Locken, sodass nachdem von 
Frisur keiue Rede mehr war. 
Der arme Dichter, wie er sich malträtierte! 
Nun schlug er sich noch zum Uebertluss mit der flachen 
ITand gegen die arme Dichterstirn, dass es nur so krachte. 
„ITeta! Heta!“ schrie er plötzlich in verzweifelten Tönen, 
„ich bekomme meine Migräne! Mir wird ganz schwarz 
vor Augen!“ 
Geknickt sank er auf einen Sessel nieder. 
Die arme Frau zitterte am ganzen Körper vor Schreck. 
War das ein Pfingstfest! 
Sie riss die Tür auf. 
„Luise! Wasser! Minna, kochen Sie Kamillentee! Wo 
ist die Wärmflasche?“ 
Die Frau Doktor flog in die Küche, die beiden Mädchen 
wehklagend hinterher. 
Der arme Dichter lag jetzt auf seinem Bett im Schlaf 
zimmer und stöhnte zum Erbarmen. 
Es war wirklich jämmerlich. 
„ITeta, lass die Jalousie herunter! Ich will das schöne 
Wetter nicht sehen!“ sagte er mit matter Stimme. 
Frau Heta trat ans Fenster. Ach, sah das draussen 
schön und festlich aus! Die ganze Strasse vollerFestagsfreude! 
Heta's Blick fiel wehmütig auf ihr nagelneues, zart 
farbiges Foulardkleid, das erst gestern von der Schneiderin 
gekommen und welches sie heute zum ersten Male nach 
dem Grunewald hatte anziehen wollen. 
Das war nun alles vorbei! 
Auf dem Stuhle vor dem Fenster lag auch ihr neuer 
Strohhut — traurig glitt sie mit der Hand über das an 
mutige Spitzengekräusel und die entzückenden Apfelblüten — 
so etwas von „chic“ gab es nicht zum zweiten Male! 
Ein paar dicke Tränen tropften auf das duftige Hütchen 
nieder —- — — 
„Heta, lass die Jalousie runter!" grollte es ungeduldig 
aus dem Hintergründe des Zimmers hervor. 
Frau ITeta seufzte tief auf. 
Rrrrrr! machte es dann —'. 
Nun war keine Spur mehr vom Sonnenlicht zu sehen 
und die arme kleine Frau begann, kalte Kompressen für 
ihren kranken Dichter einzurichten. Umschlag auf Um 
schlag legte sie mit ihren kleinen kühlen Händen aufseine 
schmerzende Stirn und alle Augenblicke fragte sie liebevoll: 
„Röllchen, wie geht es Dir jetzt?“ 
Aber Rolfchen schien gar nichts zu hören, nur unab 
lässig zermarterte er sein armes Hirn: Was wird aus meiner 
Premiere? 
In der Küche schlichen Minna und Luise auf Zehen 
spitzen hin und her und ergingen sich in Mutmassungen 
über die plötzliche Erkrankung des Herrn. 
„Frau Doktorn meint, es wäre wegen der Premiere —“ 
flüsterte Luise, im Schaumschlagen innehaltend.
        
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