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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

Schulze als Sectdieb. 
„Morjen, die Herrens!“ sagt mit jovialem Grinsen ein rüstiger 
alter Gentleman im Sonntagsstaat, der beim Betreten des Ge- 
richtssaals vor dem Richterkollegium höflich den Schlapphut 
lüftet. Bei dieser Gelegenheit wird ein Denkerschädel von un 
gewöhnlicher Ausdehnung sichtbar, dessen stattliche „Bebauungs 
fläche“ von spärlichen grauen Haarzoddeln malerisch umrahmt 
ist. Die verschmitzt unter dicken weissen Brauen hervorblinzenden 
Aeuglein lachen vergnügt den gestrengen Herrn Vorsitzenden 
an und die kühn geschwungene, aber in fuchsroter Couleur 
funkelnde Nase lässt es durchaus erklärlich scheinen, dass ihr 
Besitzer bei seinen Kollegen den schönen Spitznamen „Plansch- 
neese“ führt. 
Während er vom Gerichtsdiener zur Anklagebank gewiesen 
wird, fährt er in freundlichem, aber doch etwas vorwurfsvoll 
klingendem Tone fort: 
„Ick befinde mir hier sozusagen jänzlich ohne Rechtswidrig 
keit, denn von wejen Stehlen lasse ick mir doch lieber ’n paar 
Backzähne ziehn, als det ick sowat dhun dhäte. Eher will ick 
mit nackdije Beene uff jlühende Kohlen den Parademarsch 
machen, statts mir ans fremde Eijendhum zu verjreifen.“ 
„Schweigen Sie jetzt,“ bedeutet ihm ernst der Vorsitzende, 
„und nennen Sie uns ihren Vor- und Vatersnamen.“ 
„Sehweijen und Namen nennen is jut“, lächelt der alte Gent 
leman behaglich. „Det is ’ne kitzliche Chose, Herr Jerichtshof. 
Doch de Nachtijall reisst bekanntlich ’n Schnabel uff, wenn se 
singen will“. 
Nach einer Verwarnung, die Würde des Gerichtes nicht zu 
verletzen, erklärt der Angeklagte, dass er Gottlieb Friedrich 
Eduard Schulze heisst, achtundfünfzig Jahre alt und seines 
Zeichens Maurerpolier ist. 
„Sie sind angeschuldigt, sich am dreissigsten Oktober beim 
Restaurateur Herrn Oswald Kuhn widerrechtlich eine Flasche 
„ R heingol d “ - Sec t angeeignet zu haben“, sagt der Vor 
sitzende. „Was haben Sie hierauf zu äussern?“ 
„Jarnischt“, antwortet lakonisch der Gefragte, „als det es 
’ne dreimal destillierte LU je is“. 
„Sie wollen behaupten, dass Sie die Flasche dem Lohn 
diener Erkcl nicht aus der Tasche gestohlen haben?“ 
„Det behaupt’ iek in alle vier Jahreszeiten und nach alle 
Himmelsjejenden hin“, nickt Schulze gemütlich. 
„Aber die Zeugen werden das direkte Gegenteil bekunden“, 
ermahnt der Vorsitzende. 
„Det sind Hyphothesen, Herr Jerichtshof. Ick bin mir von 
wejen den kleenen Ulk nischt Böset bewusst. Mein Freind 
Erkel wird det mit Wonne bemeineidigen“. 
„Ihr Freund Erkel ist allerdings nachträglich sehr schwankend 
in seinen Aussagen geworden. Sie stellen also den Diebstahl 
gewissermassen als eine Art Scherz hin?“ 
„Da druff, Herr Jerichtshof, schiebe ick mir’n persönlichen 
Schwur zu“, versichert Schulze feierlich mit emporgehobener 
Hand. 
„Reden Sie keinen Unsinn, sondern erzählen Sie uns mal kurz 
und bündig die ganze Geschichte“. 
„Scheen“, überlegt Schulze bedächtig; „ick werde mir zu- 
sammenjedrängelt ausquetschen. Also: mein Freind Erkel, der 
jrosse Schaute“ — 
„Hüten Sie sich vor unnützen Beleidigungen!“ fällt der 
Vorsitzende ihm ins Wort. 
„Alle Hochverachtung vor Ihren Jeschmack, Herr Jerichtshof, 
aber Schaute bleibt Schaute“, meint der Angeklagte mit philo 
sophischer Ruhe. 
„Wenn Sie so fortfahren, werde ich Sie in Strafe nehmen 
müssen. Kommen Sie gleich zur Sache und lassen Sie alles 
Persönliche beiseite“. 
„Ooch jut. Der Kasus knusus war nämlich dieser“, hebt Schulze 
an: „Ick jing an den Dag janz mutterseelenverjnügt von de 
Arbeet nach Hause, als et mit eenmal derbe zu drippeln bejann. 
Det muss’n Sonnabend jewesen sind, denn wir hatten Mittags 
Brühkartoffeln jehabt, un die jiebt es bei uns alle Sonnabende. 
,Na’, denk’ ick nu: ,bei det Wetter un weil’t jrade heut Zahldag 
war, sollste mal rasch ’n kleenen Nordhäuser jenehmigen'. Und 
wie ick noch so denke, kommt schon wieder mein Freind Hujo“ — 
„Wer ist das nun wieder? Welchen Hugo meinen Sie?“ wirft 
der Vorsitzende ein. 
„Den kennen Se nich, Herr Jerichtshof? Det is doch der 
jleichfalls als Zeuge jeladene Hujo Bulle aus de Ackerstrasse, 
Ladenjüngling bei’t Kaufhaus Levy, der immer janz enge Hosen 
mit jrosse Quadrate und ’n Scherbel in’t Ooge hat, und det 
janze Jesichte seht aus, als wenn er damit uff’n Rohrstuhl 
jesessen hätte“. 
„Halten Sie uns nicht wieder mit langen Vorreden auf“, 
mahnt erneut der Vorsitzende. 
„Also der Ellenreiter looft mir in’n Weg und sagt: ,Ede, haste 
Jeld?' ■— ,Aber massenbach', sag’ ick. — ,Denn lass uns 
jeschwinde Eenen zwitschern jehn,' sagt er. — ,Machen wir“, 
sag’ ick, ,mir is noch janz flau in’n Magen von wejen die Brüh 
kartoffeln, un schuddern vor Kälte dhut et mir ooch bei den 
Rejen. 1 — Wir jingen denn nu in Stiickener viere bis fünf 
Lakäler, un bliesen da jedesmal kräftig Eenen von’n Turm. 
Endlich, um Klockener zwölwen, fielen wir noch in’n Keller rinn 
bei Oswald’n Kuhn, wat’n janz jewöhnlichcr Budiker is, aber 
keene blasse Ahnung nich von Resteratör, Herr Jerichtshof“. 
„Herr Kuhn ist doch Hauseigentümer und, wie der Zeuge 
Bulle behauptet, sehr angesehen in seinem Viertel.“ 
„Stimmt, Herr Jerichtshof“, lächelt Schulze ironisch, „det is 
nämlich eener mit Aermel, der pumpt nich — in den seinen 
Bumms möchte jeder Jast ihn jleich bei’t Rinnkommen mit 
’ne Kaution von Märker zwanzig ins Jesichte springen, von wejen 
die Zeche. Un seine Olle, die schielige Spinatschachtel, is janz 
jenau so jnietschig wie er; dadrum haben’s die Leute ooch 
propper zu wat jebracht, wojejen unsereens keene andere Staats 
papiere hat als höchstens ’n Mahnzettel von de Steuer, wo man 
nischt druff kriegt.“ 
„Sie werden schon wieder weitläufig, Angeklagter.“ 
„Jleich kommt’s. — Ick sitze denn also mit Bulle in scheenste 
Konspiration bei’ne jrosse Weisse mit Kümmel un ekle mir eben 
’n kleenet Eisbeen vor fuffzehn Fennje runter, da jeht mit 
eenmal de Dhiere offen un Erkel in’n schwarzen Schniepel mit’n 
Zylinder uff’n Kopp und ’ne Düte in de lamäng torkelt rinn. Erkel 
is Eener, Herr Jerichtshof, der jeht als Tafelbedienung bei Hoch 
zeiten und Kindtaufen, un weil er mit mich in dasselbichte Haus 
uff denselbichten Korridor wohnt, bringt er meine Olle öfters 
mal Tortenstiickskeh und Knackmandeln mit, wat er „Liebes- 
jaben“ nennt. Wie der mir ins Ooge fasst, jrient er un setzt 
sich an unsern Discli un quatscht Makkellatur, weil er von’t ville 
Picheln an den Abend schon ’n Käber in’n Kopp hatte. Denn 
wird er marode un lässt de Flabbe hängen bis iiber’t Kinn un 
fängt an zu schnarchen, da seh’ ick, det ihn hinten aus de 
Sclioosstasche von’n Frack ’ne Sectpulle rausbammelt un als ick 
ihr janz fianoporte bei’n Hals packe und’n Endsken vorziehe, da 
lese ick: „Rheinjold“ von Söhnlein un Kommpannie, Schier- 
steiu. ,Mensch“, sage ick, ,Hujo! Da is’n juter Droppen drin, 
fein-fein, da hab’ ick schon ville von jehört, den woll’n wir mal 
anstechen!' — Hujo sperrt de Horchlappen weit uff un meent: 
,Feste!' — Und ick ziehe denn ooch ’n Proppen raus, wat ’n 
dollen Knall jiebt, un der Sect looft über wie Seefenschaum, 
un wenn ick nich rasch ’n mächtijen Kuhschluck hinter de Binde 
jejossen hätte, denn hätt ick ’t Nachseh’n jehabt. ,Dunnerwett- 
stock', sag’ ick, ,schmeckst Du prächtig: Koste mal, Hujo'. — 
Der nimmt ’n Zug, det ick mir kannibalisch verschrak un jleich 
denke, er will in de Pulle jleich wohnen bleiben. Iek schrei’ 
also ,Haiti' un will eben Arrest uff de Pulle lejen, da haut mir 
das unjebild’te Jewächse ’ne Schote, wo man bequem ’ne halbe 
Mandel anständige Backfeifen von machen könnte un will den 
janzen teuern Schampanjer alleene saufen. Ick aber, nich faul, 
hau’ ’n ooch eene rinn un setze de Pulle an’n Mund un 
sage: ,Schluss!' Denn so’n Deutschen Sect hatt’ ick mein 
Lebdag noch nich jetrunken, un ick bin doch bereits von Ideen 
an uff de Welt.“ 
„Sie sollen dann aber den Zeugen Bulle noch wiederholt 
mit Püffen traktiert und mit Schimpfworten überschüttet haben“, 
unterbricht der Vorsitzende den Redefluss Schulzes. 
„Jung et denn anders? Den Jrienschnabel war woll der Sekt 
in’t Jehirn jestiejen und er wurde nu wild druff un wollte mich 
immer wieder de Pulle wegreissen; da stiess ick ihm denn in de 
Rippen un sagte: ,Loof man, du Lump, du Schuft, du süsser.' 
— Un da is denn der Wirt jekommen un hat uns raus- 
geselunissen, mir un Hujo’n un Erkeln ooch, der janz unschuldig 
un riesig erbost war, un da hat denn Hujo in seine Rachjierig- 
keit meinen Freind Erkel anjestift’t, mir wejen Diebstahl bei’n 
Staatsanwalt anzuzeiien — wat natürlich ’n Mumpiz is, weil 
Erkel doch selber die Sectpulle jemaust hat un weil wir doch 
längst wieder Duzbrüder sind un ick ihm ’ne neue Pulle von 
dieselbichte Marke „Rheinjold“ jekooft habe, die wir zusammen 
mit meine Olle in scheenste Harmonika jeleert haben. Un da 
drum bitt’ ick erjebenst um meine Freisprechung mit mildernde 
Umstände.“ 
Nach diesem schwungvollen Appell an die Milde des Gerichts 
hofs wird der Zeuge Erkel vernommen, der seinem Freunde 
Schulze das beste Zeugnis ausstellt; er erklärt immer wieder 
mit Nachdruck: „Ick ziehe allens retour, indem’t doch nischt 
jilt, weil ick’t noch nich uff’n Eid jenommen habe“, und ergeht 
sich in keineswegs schmeichelhaften Ausdrücken gegen den 
Zeugen Hugo Bulle, der ihn in seiner Katerlaune ani nächsten 
Morgen zu der Anzeige überredet hat. Da auch sonst die Be 
weisaufnahme ergibt, dass Schulze bei seinen intimen Be 
ziehungen zu Erkel sich einen derartigen „Scherz“ wohl erlauben 
durfte, so wird er von der Anklage des Diebstahls kostenlos 
freigesprochen. Arm in Arm mit Erkel und einem höhnischen 
Blick auf den Zeugen Bulle, den er auffordert, seine „schief- 
beenigen Weje zu jehn“, und dem er androht, er werde ihn 
nächstens „im steifen Arm verhungern lassen“, verlässt er 
triumphierend den Gerichtssaal, indem er zum Schluss noch, 
gegen den Richtertisch gewandt, hold schmunzelnd bemerkt: 
„Den Sect, Herr Jerichtshof, müssen Se ooch mal probieren, 
un wenn Se’n den besten Freind aus de Tasche stehlen sollten; 
so’n „Rheinjold“ is ja det reine Jold vor ’ne durstije Kehle.“ 
ff - -=o
        
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