Path:

Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Annemarie hatte ihr Kinn auf die Hand gestützt 
und sah in freudiger Andacht zu ihm auf. Des Vaters 
Finger liefen zart und träumend über die Tasten. 
Lerchen in der blauen Luft 
Sangen ungesehen, 
Ferne lag der Morgenduft 
Uber allen Höhen. 
Die Stimme vibrierte jetzt auffallend. 
Standen still uns zugewandt, 
Mochten träumend scheinen 
Wohl, ich fühlte Deine Hand. — 
Hier brach der Gesang plötzlich ab. Annemarie 
erschrak, als sie in den Augen ihres Geliebten 
Thränen stehen sah. 
,,Aber Reini, mein süsser Reini, sag doch, was 
fehlt Dir . . .?“ 
Der Vater erhob sich beunruhigt. 
„Ich muss fort. — Ich schreibs Euch!* 1 — 
„Nein, nein, — ich wills jetzt gleich wissen. Du!“ 
Annemarie umklammerte angstvoll seinen Hals. 
„Reinhold, wozu diese Qual. Ich bitte Sie!“ 
„Nun denn“, sagte er, schnell gefasst und seine 
schmerzverzerrten Züge mit Gewalt meisternd, wissen 
müsst Ihrs ja doch! Morgen abend gehe ich fort 
von hier!“ 
Annemarie sah ihn ungläubig und verzweifelt an. 
„Nein, nein, es darf es ist — ach Gott, 
Reini, es ist nicht Dein Ernst . . . .“ 
„Bittrer Ernst 1 — Ich bin nach Düsseldorf 
versetzt, weil ich mich über meinen Direktor be 
schwert habe. Es ist — 11 
Man verstand das Wort, das er in voller Wut 
hervorstiess, nicht. Dann zog er Annemarie an sich 
und küsste sie heftig auf die nassen Augen. 
„Reinhold“, schluchzte sie, „mein Reini“ .... 
Der Vater ging kopfschüttelnd ins Nebenzimmer 
und Hess sie allein. 
„Reinhold, Du bleibst mir treu! Du schreibst 
mir oft jeden Tag ich habe Dich 
ja so lieb — so — lieb. — 
* 
<V- 
„Dort ist die Kapelle — wir müssen also jetzt 
links gehn — in der dritten Reihe — das fünfte — 
ich sahs schon von hier aus — dort.“ — 
Der Oberpostsekretär Deite wies mit der Hand 
auf einen grünen, mit Epheu und weissem Kreuz 
geschmückten Grabhügel, etwa 30 Schritt von sich 
entfernt. 
„Dieser herrliche Abend, nicht? Nach vielen 
Regentagen der erste — — endlich.“ 
Ein wolkenloser tiefblauer Himmel lag über dem 
Friedhof. Die Sonne stand im Untergang. Sie war 
von warmer rotgelber Farbe und glich einer unge 
heuren Apfelsine. 
Vom Bahndamm in Westend hörte man ab und 
zu das grelle Pfeifen der Lokomotiven und von der 
Spandauer Chaussee hallte das Rattern der Fuhr 
werke gedämpft herüber. 
Die beiden Herren standen nun vor dem Hügel. 
Der jüngere war ein Schul- und Jugendfreund von 
Reinhold Deite, ein Arzt. 
„Das ist mir der liebste Ort auf der ganzen 
Welt, glaub’ mirs, Karl. Doch ich will jetzt in meiner 
Erzählung fortfahren.“ 
„Ja, bitte, es interessiert mich wirklich, um 
somehr, da wir uns solange nicht gesehen haben.“ — 
„Ich war also dabei stehen geblieben, dass ich 
nach einjähriger Verbannung von Düsseldorf nach 
Köln versetzt wurde. Im Grunde war mir das nicht 
gerade unangenehm. Ich wollte nämlich sobald wie 
möglich mein Jahr abdienen. Dort aber hatte ich 
einen Onkel, der mir für die Dauer meines Militär 
jahres Beköstigung und Logis anbot. So blieb ich 
denn ungefähr 2 l / 2 Jahre von ihr fort. Annemarie 
und ich schrieben uns zuerst alle drei Tage. Während 
der Dienstzeit lebte ich ziemlich flott. Bei meinem 
Onkel lernte ich vergnügungslustige Leute und, last 
not least, hübsche Mädchen kennen. Der Karneval 
that auch sein übriges, und so wurde ich denn bei 
all dem Trubel ziemlich nachlässig in der Korrespon 
denz, Annemarie aber ohne Grund eifersüchtig. Sie 
überhäufte mich schliesslich mit ausgeklügelten und 
verletzenden Vorwürfen so lange, bis ich sie nicht 
mehr ignorieren konnte und ebenfalls heftig wurde. 
Darauf schwieg sie drei Wochen. Ich schrieb 
schliesslich an ihren Vater und erhielt die Nachricht, 
dass seine Tochter krank darniederliege und er ihr 
Schweigen zu entschuldigen bitte. Was ihr fehlte, 
ging aus dem einsilbigen Brief nicht hervor. 
Eines Abends lese ich gerade in meinem Lieb 
lingsschriftsteller Fontane, da klopft es und das 
Dienstmädchen bringt mir einen Brief. Aus Berlin. 
Die Finger zitterten mir, als ich das Kouvert aufriss. 
„Reinhold, ich seh’ Dirs an, die Erzählung regt 
Dich zu sehr auf. Vielleicht gehen wir jetzt nach 
Hause.“ 
„Lass nur, es ist schon vorüber. Also Anne- 
marjell — ich nenne sie jetzt immer wie ihr Vater — 
schrieb mir, dass sie sich in der Küche die eine 
Gesichtshälfte vollständig verbrannt hätte, dass die 
Sehkraft des einen Auges stark gelitten und dass 
sie dadurch ganz entstellt worden wäre. Unter 
diesen Umständen halte sie es für ihre Pflicht, mich 
von meinem Versprechen zu entbinden. Ich würde, 
so wie sie mich kenne, mit einer derart hässlichen 
Frau doch nicht glücklich werden können. Sie be 
halte mich weiter lieb und werde die seligen Stunden 
unserer Liebe niemals vergessen. Ich möchte ihr 
aber die Erinnerung daran durch einen letzten Brief 
voller Mitleid nicht vergällen.“ 
„Ein charaktervolles Mädchen“, warf der Doktor 
ein. Der Erzähler schwieg eine Weile, in Gedanken 
versunken. Dann fuhr er fort: 
„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Hier 
konnte ichs beweisen. Ich habe Momente gehabt, 
wo ich vor ihrem Bilde schluchzte und mir wieder 
und wieder gelobte, ihr treu zu bleiben, trotz alle 
dem und alledem. Aber — geschrieben — habe 
ich nicht!“ 
„Menschlich, allzumenschlich.“ 
„Noch ein Jahr nach meiner Militärzeit blieb 
ich in Köln. Dann Hess ich mich wieder nach 
Berlin versetzen. Ich wohnte in Bellevue, in der 
Nähe des Postamts, auf dem ich Dienst hatte, ln 
meinen dienstfreien Stunden war mein liebster 
Spaziergang nach dem Elisabeth-Ufer, wo sie mit 
ihrem Vater wohnte. Am Kanal ging ich wohl ein 
dutzendmal auf und ab und sah über den Damm 
zu den Fenstern hinauf. Niemals aber bekam ich 
sie zu sehen. Nachdem ich dies über ein Viertel 
jahr lang fortgesetzt, fragte ich eines Tages ein 
kleines Mädchen, das vor dem Hause spielte, ob 
Wöllmers noch hier wohnten. Sie sagte: „Ne, die 
sind längst jezojen.“ Ich erkundigte mich weiter 
und erfuhr, dass sie schon vor einem halben Jahr 
nach Gharlottenburg übergesiedelt seien. Sofort 
fuhr ich dahin. In der Leibnizstrasse wohnten sie. 
Ihre Etage hatte einen kleinen Balkon, der mit 
allerlei Topfgewächsen ausstaffiert war. Das fiel mir 
sofort auf, denn daran hatte sie früher keine Freude 
gehabt. Als ich an jenem Abend vorbeiging, sah 
ich den alten Herrn am Fenster sitzen und die 
Zeitung lesen. Sie sah ich nicht. Und beinah 
glücklich fuhr ich doch in die Stadt zurück. 
So ging das einen ganzen Monat fort. Einmal 
sah ich sie am Fenster stehen, dem sie den Rücken 
zuwandte. Noch immer trug sie sich schwarz. 
Das Haar aber schien mir nicht mehr so weich, und 
auch in den Formen war sie noch schmächtiger 
geworden. Mich, der ich Kultus mit ihrem Bilde 
trieb, wie ein Tertianer, der im Zeichen des Back 
fisches steht, machte das vollends zu einem Ritter 
Toggenburg. Da kam schliesslich die Katastrophe. 
Ich erinnere mich noch des Tages sehr lebendig. 
Es hatte geregnet, die Sonne kam hinter schwarzen 
Wolkenbergen hervor und spiegelte sich in den 
Pfützen. Nach einer halben Stunde musste es un 
fehlbar wieder regnen. Gerade dieses Aprilwetter 
ist mir das Widerwärtigste in der Grossstadt. 
Ich schlendre also die Leibnizstrasse entlang 
und sehe schon von weitem, dass jemand auf dem 
Balkon steht. Ich komme näher: das musste sie 
sein. Schnell überlegte ich. Leichenblass muss ich 
in dem Augenblick gewesen sein. Endlich fasse ich 
Mut und gehe vorbei. Von der Seite sah ich ver 
stohlen herauf zu ihr. Sie bückte sich gerade und 
richtete wahrscheinlich vom Regen geknickte Blumen 
wieder auf. Ich blieb stehen. Mir klopfte das Herz, 
sag’ ich Dir“ . . . 
Der Doktor nickte nur. 
„Und jetzt richtete sie sich auf und sah herunter 
zu mir. Entsetzlich! Ich hätte Blut weinen mögen. 
Das eine Auge lag in ihrem Gesicht wie in einer 
roten Lache. Auch der Hals war noch bedeckt 
davon. 
Ich fuhr mir mit der Hand krampfhaft über 
beide Augen. — 
Als ich wieder aufsah, um mich daran zu ge 
wöhnen, war sie zusammengesunken. Sie hatte mich 
erkannt. Ihr Vater stürzte aus der Stube und musste 
sie wohl angstvoll etwas fragen. Dann sah ich 
nichts weiter. 
Ich nahm mir eine Droschke und fuhr nach 
meinem Amt. Die Atmosphäre des Dienstzimmers, 
wusste ich, betäubte meinen Schmerz ein wenig. 
Nach einem halben Jahr starb sie. Ich weiss 
woran. Du magst drüber lächeln, Karl, aber sie ist 
an meinem Schreck gestorben.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.