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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

In einem interessanten Kontrast tritt uns echter 
Berliner Lokalgeist auch aus der Gegenüberstellung 
derlnte'rieurs einermodernen BerlinerKonditorei 
und der ältesten Berliner Weissbierstube ent 
gegen. Jene wird der Leser unschwer als die fashio- 
nablen Räume von Hillbrich in der Leipzigerstrasse 
erkennen. Die Weissbierstube hat das ehrwürdige 
Alter von hundertzwanzig Jahren, an dem sie nun 
leider zu Grunde geht, denn das Haus, in dem sie 
steht, Charlottenstrasse 78, wird am 1. April abge 
brochen. Ihre innere Einrichtung, und man darf 
getrost hinzufügen: auch die Gestalten der Wirts 
leute wie der Gäste zeigen noch ganz die alte Berliner 
Art. Die Weissbiergläser sind nach altberliner Muster 
etwas niedrig, haben dafür aber einen ganz bedeu 
tenden Umfang, so dass sie stets mit zwei Händen 
zum Munde geführt werden müssen. Die blendend 
weissen Blatten der in der Hinterstube stehenden 
Stammtische, an denen mehrere Generationen der 
„kühlen Blonden“ zugesprochen haben, sind durch 
das tägliche Abscheüern schon ganz dünn geworden. 
Eine Seltenheit ist die auf dem Buffet stehende 
Uhr, eine einfache Stutzuhr in einem hölzernen Ge 
häuse, die so alt ist, wie das Lokal und, obwohl 
sie niemals beim Uhrmacher war, noch heute auf 
den Punkt richtig geht. Sehenswert ist auch der 
unter dem Lokal befindliche Bierkeller, an dessen 
ganz eigenartiger Wölbung sich Schnecken an 
gesetzt haben. Das Haus ist aber noch in anderer 
Beziehung merkwürdig. In der auf dem Hofe ge 
legenen Werkstätte, die früher ein Stellmacher inne 
hatte, ist der erste Eisenbahnwagen gebaut worden, 
der bei der Eröffnung der Potsdamer Bahn von hier 
nach der Havel-Residenz fuhr. Auch der Erfinder 
der Telephonzellen, der Ingenieur Vehlow, hat in 
dem Hause bis zu seinem Tode gewohnt. 
Vom sterbenden zum lebendigen Berlin führt 
uns rasch die weitere Serie von „Berliner Schön 
heiten“, dann die Tafel der „Berliner Sou 
bretten“, von denen jede in ihrer Art eine Spe 
zialität ist, und eine Reihe anderer Bilder aus dem 
gesellschaftlichen und Kunstleben der Residenz 
zurück. Dem des achtzigjährigen Jubilars, früheren 
deutschen Botschafters in Petersburg, General von 
Werder, gebührt der Ehrenplatz. Von den übrigen 
erscheint im Augenblick wohl Herr Regierung^'rät von 
Glasenapp als die interessanteste Persönlichkeit. 
Hier zeigt sich wieder einmal in eklatanter Weise der 
Wert der Illustration, denn man braucht nur in dieses 
Gesicht zu blicken, um überzeugt zu söin, däss es nicht 
etwa Mangel an feinem Sinn für das Schöne und 
Erhabene ist, welches diesen vielgeschmähten, viel 
befehdeten Censor der Berliner Theater dahin ge 
bracht hat, ein Stück wie Heyses „Maria von Mag 
dala“ von den Brettern zu verbannen, wenn man 
schon von Dreyers etwas offenbachisch kühnem 
„Thal des Lebens“ schweigen will. Von unseren 
Theaterbildern seien noch besonders hervorgehoben 
das von Leopold Adler, dessen Regisseurkontrakt 
mit dem Königlichen Schauspielhause soeben auf 
Jahre hinaus verlängert wurde, das der Augusta 
Müller, die der Kaiser kürzlich als Amneris in 
Hannover hörte und als die grosse Altistin der Zu 
kunft bezeichnete, endlich das schöne Konterfei von 
Frau Deppe-Hertzer, früheres Mitglied unserer 
Königl. Oper und Gattin des bekannten Schauspielers 
und Regisseurs Ludwig Hertzer, die Schöpferin der 
weiblichen Titelrolle in Kaskels neuer Oper „Duseli 
und Babeli“ am Münchener Hoftheater. M. Handl. 
üsUted 
P'\q Theater. 
( feerr Otto Ernst, Lehrer in Hamburg an der 
JlE," Alster und Elbe, verfasste „Jugend von heute“ 
und „Flachsmann als Erzieher“. Beide Stücke ge 
fielen der Presse und dem Publikum und siehe da: 
die Kritiker waren verständnisvolle, brave Leute. 
Doch Herr Otto Ernst schuf noch ein drittes Werk, 
das gefiel der Presse nicht und — was noch 
schlimmer ist — das Publikum ging nicht ins 
Theater und siehe da: die Kritiker wären böswillige 
Idioten. Und um diese verrohten bösen Buben zu 
strafen, schuf Otto Ernst noch ein viertes Werk 
und nannte dieses „Gerechtigkeit“. Darin wollte 
er die kritischen Bösewichter und die elende Presse, 
die einem schaffenden Dichter die Tantiemen miss 
gönnt, an den Pranger stellen. Er geisselte nicht 
etwa mit Witz und Satire das Cliquenwesen, das 
leider besonders in Berlin zu finden ist, auch nicht 
die Oberflächlichkeit und die mangelnde Bildung so 
mancher Herren der Kritik — nein, sein durch 
keine Sachkenntnis getrübtes Urteil lautete anders! 
Nach Otto Ernst sind die Männer der Feder blöd 
sinnige Schufte, eine verbrecherische Bande, die ins 
Zuchthaus gehört. Aber armer Volksschullehrer a. D., 
der Du statt der mageren Besoldung so lange die 
letten Tantiemen bezogst, Du findest keine Gerech 
tigkeit. Denn Dein Stück fiel trotz der prachtvollen 
Leitung Arthur Vollmers auch im Königlichen 
Schauspielhaus durch und daran war nicht der 
Presse verrohte Horde schuld, sondern Du selbst, 
denn Dein Werk taugt nichts. Also „Gerechtig 
keit“ — Otto Ernst! 
„Was lange dauert, wird gut“, sagt ein altes 
Sprichwort. Mithin hätte Charpentiers „Louise“, 
die seit Jahren mit Sehnsucht erwartete Oper des 
Dichter-Komponisten einen grossen Erfolg erzielen 
müssen. Leider kam es etwas anders. Die ersten 
beiden Akten liessen kalt, erst der dritte mit seiner 
glänzenden Inszenierung fand stürmischen Beifall, 
während der letzte wieder weniger begeisterte. 
Dennoch ist „Louise“ die bedeutendste und inter 
essanteste Oper der Jetztzeit und nur die zahllosen 
Längen beeinträchtigen die Wirkung. Die Musik 
enthält eine Fülle von Geist und Feinheit und der 
Text ist oft von packendem Realismus. Der Zola 
der Oper schildert das Leben der Bohemiens und 
der Grisetten meisterhaft und die Musik steht mit 
der Handlung prachtvoll im Einklang. Hätte sich 
Charpentier nur zu Strichen verstehen wollen, es 
wäre zweifellos ein grosser Erfolg geworden. Aller 
dings Hess die Vertreterin der Titelrolle — so 
glänzend sie auch sang — sehr viel zu wünschen 
übrig. Denn Fräulein Destinn passt mit ihren 
schwerfälligen, unschönen Bewegungen absolut nicht 
dazu, den Typus der graziösen Pariserin zu ver 
körpern. Gesanglich war ihr Partner, Herr Philipp, 
auch ausgezeichnet, aber der geniale Zug, den dieser 
Bohemien haben soll, fehlte seiner sonst sehr ge 
wandten Darstellung. Herr Hoffmann und Frau 
Goetze liessen als Elternpaar nichts zu wünschen 
übrig. Trefflich waren auch die kleinen Rollen mit 
den Damen Reinl, Herzog, Dietrich, Roth- 
hauser, von Bibow und den Herren Sommer, 
Knüpfer, Nebe u. s. w. besetzt. Als „Lehrmops“ 
zeigt Fräulein Voltz viel Drolerie. Aber wie sahen 
die Ouvrieres im zweiten Akte aus! So wenig 
pariserisch gehen wohl viele Damen der Königlichen 
Oper im Leben, aber auf der Bühne hätte die Regie 
die unmöglichen Blusen und Röcke, welche die 
meisten trugen, nicht dulden sollen. Brillant war 
der dritte Akt inszeniert, in dem auch die so gra 
ziöse Tanzkunst unserer prima ballerina assoluta, 
des Fräulein dell’ Era, zur Geltung kam. Selbst 
unser Intendant in absentia, der Regisseur der 
„Armide“, wäre zweifellos mit der prachtvollen 
Dekoration und den glänzenden Bildern des dritten 
Aktes zufrieden gewesen. Ob er dieselben noch sehen 
wird? Das Orchester unter Muckä genialer Leitung 
war ganz vorzüglich — „merveilleux, merveilleux!“ 
sagte Charpentier wiederholt zu mir. Der Uebersetzer 
des Textes hat gerade kein Meisterstück geliefert. 
Wenn z. B. die Mutter (Frau Goetze) in einer grossen 
dramatischen Szene singt: „Das ist ’ne nette Be 
scherung“, dann wird die Wirkung ganz anders, 
wie sie sein soll! 
Das Berliner Theater ist für vier Wochen 
Sorma-Theater geworden. Als „Beatrice“ in 
„Viel Lärmen um nichts“ eröffnete Agnes 
Sorma ihr Gastspiel. Selbstverständlich war sie ganz 
reizend in dieser Rolle, aber das Publikum kam doch 
nicht auf seine Kosten, denn die „Beatrice“ ist nun 
einmal keine Gastierrolle. Sehr nett war Toni von 
Seyffertitz als Hero und die Herren Connard, 
Wehrlin, L’Allemand, Rohland, Sehefranek 
und Burg spielten recht brav. Herr Waiden 
(Claudio) wird immer manirierter, er spricht oft die 
harmlosesten Sachen mit der Schärfe eines Franz 
Moor alter Schule. Herrn Mischkes Benedict war 
von fast rührender Humorlosigkeit. 
Die erste Novität unter der Direktion Reinhardt 
im Neuen-Theater war Thomas dreiaktige 
Komödie „Die Lokalbahn“. Die Kleinstädter in 
Bayern sind ganz famos gezeichnet, aber man findet 
nicht die nötige scharfe Satire, sondern einen be 
haglichen Witz, so quabbelig, wie ein echter Leber- 
knödl. Daher kam es trotz vieler lustiger Szenen 
zu keiner erfreulichen Gesamtwirkung und auch 
Frau Conrad-Ramlos ausgezeichnetes Spiel und 
die guten Leistungen der Herren Giampetro, 
Thurner und Arnold konnten nicht viel helfen. 
Ein „Nachtasyl“ wird diese Lokalbahn nie. 
Hugo Russak.
        
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