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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Sozialer Sport. 
Von Elise Münzer. 
8 [/räulein Henny hatte sich mit ernstem, auf- 
, richtigem Eifer den Bestrebungen der „Frauen- 
und Mädchenvereinigung zur Abhilfe sozialer Miss 
stände“ zur Verfügung gestellt. Als strebsames, 
wohlhabendes junges Mädchen, dessen Arbeitsdrang 
gebieterisch .nach Bethätigung verlangte, hatte sie 
jahrelang an allen Bildungsquellen getrunken, die 
Berlin den wissensdurstigen Töchtern der höheren 
Stände so reichlich fliessen lässt, und hatte nach 
einander in den verschiedensten Künsten dilettiert. 
Nun beschloss sie, ihren Fleiss ihren materiell und 
gesellschaftlich minder bevorzugten Mitmenschen 
zu Gute kommen zu lassen. 
In einer heroischen Anwandlung, die sie übrigens 
später nie bereute, hatte sie bereits die Teilnahme 
an einer Tennispartie für diesen Sommer abgesagt, 
obgleich sie recht lustig zu werden versprach und 
— beaufsichtigte dafür an drei Vormittagen in der 
Woche die kleinen schmutznäsigen Zöglinge eines 
Volkskindergartens weit draussen im Osten. Lauter 
echte Proletarierkinder, denen sie in ihren mannig 
fachen Nöten und Bedrängnissen eine tapfere und 
geduldige Helferin geworden war. Ausserdem las 
sie jeden Sonnabend Abend, unbeirrt durch etwa 
sich einstellende gesellschaftliche Verpflichtungen, 
in einer Blindenanstalt in Rixdorf den unglücklichen 
Insassen geeignete Werke der klassischen und 
modernen Literatur vor. 
Es war ihr übrigens durchaus nicht etwa leicht 
geworden, von ihrem Vater die Erlaubnis zu all 
diesen Unternehmungen zu erlangen, und noch 
schwerer war es gewesen, ihm seine harmlosen 
Witzeleien darüber abzugewöhnen. Nur ihre Geduld 
und als Folge davon der Umstand, dass sie ihre 
„Lösung der sozialen Frage“, wie er es zu nennen 
pflegte, seit Monaten schon mit immer gleichem 
Interesse betrieb, hatte ihn einigermassen entwaffnet. 
In der letzten Zeit war sogar noch mehr Arbeit 
hinzugekommen. Die Schriftführerin der „F. u. M. 
z. A. s. M.“, Frau Konsul Wiedemann, war an die 
Riviera gereist, und Fräulein Henny war die ehren 
volle Aufgabe geworden, sie zu vertreten. Das 
machte eine Menge Schreiberei. Heut in aller Frühe 
war wieder von der Vorsitzenden eine Postkarte 
gekommen, die sie zu einer Besprechung in wich 
tigen Vereinsangelegenheiten ins Bureau lud. Sie 
war dem Ruf natürlich sofort gefolgt, und die Vor 
sitzende, eine energische Vierzigjährige, die, obgleich 
unvermählt, bei den jüngeren Vereinsgenossinnen 
durch ihren gänzlichen Mangel an Prüderie oft 
fröhliches Erstaunen zu erregen pflegte, klärte sie 
darüber auf, was man von ihr wünsche. 
Die Sache war die: Gestern hatte Fräulein 
Bennecke (die Vorsitzende) von Frau Konsul eine 
Ansichtskarte aus Nizza erhalten. Der lieben Frau 
Hessen die leidigen Vereinssorgen auch auf dem 
köstlichen Erdenfleckchen am blauen Mittelmeer 
keine Ruhe. Besonders ein bestimmter Fall lag ihr 
am Herzen, und im Trubel der Abreise hatte sie 
damals dennoch versäumt, ihn zu erledigen. Zu 
den Familien, über deren leibliches und geistiges 
Wohl Frau Konsul zu wachen sich vorgesetzt hatte, 
gehörte auch die der Plättfrau Lischke, Invaliden 
strasse 288, Hof II. Die Frau, eine tüchtige, biedere 
Person, die sich einmal in der Verlegenheit, als es 
ihr schlecht ging, an den Verein gewendet hatte, 
lag seit Wochen an einem Krampfadergeschwür im 
Krankenhause Moabit. Sie war bereits auf dem 
Wege der Besserung, wie sich Frau Konsul vor der 
Abfahrt doch noch überzeugt hatte. Nun gab es 
da aber noch einen heikelen Punkt. 
„Sehen Sie, Fräulein Henny, Sie sind doch ein 
verständiges Mädchen, sind in Berlin aufgewachsen 
und haben auch Ihre Augen nicht immer ver- 
schliessen können vor so mancherlei, was —. 
Na, kurz und gut, die Frau hat ihre zwei Töchter 
zu Hause zurückgelassen, und ausserdem wohnte 
noch ein junger Mensch bei ihnen in Schlafstelle, 
angeblich ein Neffe, mit dem die älteste Tochter 
verlobt sein soll. Was so die Leute „verlobt“ nennen. 
Na also — es liegt Frau Konsul viel daran, dass 
vom Verein aus ab und zu mal nachgesehen wird, 
wie die Dinge dort stehen. Solange die Mutter, die 
streng auf Anstand und Sitte hielt, gesund war und 
aufpasste, konnte nichts Vorkommen. Frau Konsul 
hat ihr übrigens bei ihrer ganzen grossen Verwandt 
schaft gute Plättstellen verschafft. Die Familie 
Lischke ist aus der ärgsten Not heraus. Nun will 
eine Nichte von Frau Konsul kürzlich die jüngere 
Tochter mit zwei Kavalieren bei Kempinsky gesehen 
haben. Sie giebt zwar die entfernte Möglichkeit 
zu, sich geirrt zu haben, aber auch nur die sehr 
entfernte. Das Mädchen hatte früher manchmal 
Bestellungen von der Mutter auszurichten, daher 
war sie der Dame von Ansehen bekannt. Bitte 
gehen Sie doch einmal hin zu den Leuten, Fräulein 
Henny, und sehen Sie nach dem Rechten. Was die 
beiden Mädchen zu Hause für einen Eindruck machen, 
ob der junge Mann wirklich nicht mehr dort wohnt, 
wie die alte Lischken feierlich versichert, etc. 
„Sie kennen ja die Grundsätze unseres Vereins“, 
Fräulein Bennecke hatte sich auf zahlreichen 
Organisations- und Agitationsreisen einen etwas lehr 
haften Ton angewöhnt, „wir sind durchaus keine 
Philister, im Gegenteil, aber, von allem Pharisäertum 
abgesehen, man hat doch sozusagen die moralische 
Pflicht, ein junges Menschenkind, das sonst voll 
ständig sich selbst überlassen bliebe, nicht fallen zu 
lassen, wie leicht gerät so ein armes Ding ins Unglück!“ 
Henny war leicht errötet, teils aus Verlegen 
heit über die immerhin etwas ungewöhnliche Auf 
gabe, die man ihr zugedacht, teils aus freudigem 
Stolze, dass man gerade sie damit betraute. Sie 
versprach eifervoll, ihr Bestes zu thun, das heisst 
gut und möglichst unbemerkt, um die Leute nicht 
vor den Kopf zu stossen, zu beobachten, und das 
Resultat ihrer Nachforschungen sofort an mass 
gebender Stelle zu melden. Vielleicht Hesse sich 
dann doch noch etwas thun, um die drohende 
Gefahr abzuwenden. 
Sorge machte es ihr nur, wie sie ihren abend 
lichen Ausgang daheim erklären sollte. Seine wahre 
Veranlassung zu nennen, verbot sich von selbst. 
Endlose Sticheleien und schliesslich ernsthafte, viel 
leicht sogar heftige Debatten über Schicklichkeit, 
Unschicklichkeit, Jetzt und Früher, Dies und Das, 
wären dann unvermeidlich, und sie hatte keine 
Lust, dergleichen abermals in den Kauf zu nehmen, 
wenn es sich, wie hier, um eine Angelegenheit 
handelte, die sie für recht hielt und für die sie 
wirkliches Interesse empfand. 
Sie musste durchaus gerade am Abend nach 
der Invalidenstrasse, um die kleine Familie auch 
bestimmt anzutreffen. Das Hausmädchen Lina zu 
ihrem Schutze mitnehmen? Auf garkeinen Fall! 
Dieses sich Beschützenlassen durch junge weibliche 
Dienstboten ist für Mädchen vom Schlage Hennys 
längst ein überwundener Standpunkt. Die einfachste 
Ueberlegung sagte ihr, dass ein ärgerliches Aben 
teuer unterwegs weit eher auf Rechnung der hüb 
schen Lina zu setzen wäre, als auf ihre eigene. Die 
Uniform der Westberliner Hausmädchen, rosa Wasch 
kleid und blütenweisses Hamburger Häubchen, zieht 
natürlich die Aufmerksamkeit weit eher auf sich, 
besonders wenn sie ein niedliches Gesicht und eine 
stattliche Gestalt zur Geltung zu bringen hat, als 
die dunkel und schlicht gekleidete Figur des über 
schlanken Fräuleins. 
Sie ging also allein, offiziell abschiednehmend 
zu einem kurzen Besuch bei einer Freundin in ganz 
anderer Gegend. „Höchstens auf anderthalb Stunden!“ 
Sie ging allein oder vielmehr sie fuhr in einem 
Taxameter quer durch mehr als die halbe Stadt, 
von einem lauen übermütigen Frühlingsabendwind 
gezaust und geneckt, der von ihrem glatten Scheitel 
kleine Strähnen löste und ihr in die Augen wehte. 
Die Wohnung im Seitenflügel war bald ge 
funden, um so leichter, als ein im Hofe angebrachtes 
Schild genau den Weg zu „Frau Amanda Lischke, 
Wasch- und Plättanstalt auf neu“ wies. 
Ein von einer Milchglaslampe hell beleuchteter . 
Tisch, der auf seinem abgeschabten Wachstuch 
überzug gebrauchte Teller und Abendbrotreste trug, 
war der erste Eindruck, der sich Fräulein Henny 
bot, als sie von ' dem dunkelen Treppenflur ins 
Zimmer trat. Das grosse blonde, etwa fünfund 
zwanzigjährige Mädchen in dunkelroter Bluse, das 
ihr geöffnet hatte und dem sie sich als Abgesandte des 
Vereins vorstellte, bat sie artig, näherzutreten. Auf 
dem Tische, auf dem die Augen der Besucherin 
unwillkürlich einen Ruhepunkt suchten, während 
sie sich etwas befangen zuerst nach dem Befinden 
der Mutter erkundigte, fanden sich die Ueberbleibsel 
desselben Armeleutesoupers, das sie in letzter Zeit 
durch fortwährenden Kontakt mit den ärmsten 
Schichten Berlins genügend kennen gelernt hatte: 
Schmalz in einem weissen, Kaffee in einem braunen 
Topfe, Wurstpellen auf fettigem Papier und ein 
grosser Brotlaib. Einen stillen Schauder erregte 
bei der Gutgewöhnten nur noch die neben einigen 
zerknabberten Apfelsinenschalen auf einer Ecke des 
Tisches liegende zusammengeballte Flocke blonder 
Haare, die augenscheinlich vergessen worden war, 
als der Esstisch seinem zeitweiligen Nebenzweck als 
Frisiertoilette gedient hatte. 
Während das älteste Fräulein Lischke mit ge 
wandten Bewegungen den Tisch abräumte und dabei 
den Bescheid gab, dass es Mutter bedeutend besser
        
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