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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Um sin Testament. 
Ein Familienrondo von H. von Endorff. 
Alle Rechte Vorbehalten! 
S a reden die Kerls in der Stadt immer soviel 
von der Ruhe der Landlebens. Der Teufel 
mag den Sommer ruhig nennen, den ich hinter 
mir habe! 
Fortreisen hätte ich sollen, aber: erstens langts 
bei uns notleidenden Agrariern nicht dazu. Ausser 
dem: gute Luft, Ozon umsonst. Na, das Umsonst 
muss man bildlich nehmen: Stellt ein hübsches 
Sümmchen stets im Jahre dar, was ich auf den 
Zauber zusetze. 
Aber: hätt ichs selbst dazu, — Schockschwere 
not, bliebe trotzdem da, statt wie andere fremde 
Orte und Wässer aufzusuchen. Kenne aus dem 
ff all die Wunderquellen! Wurde nach 70, wo mir 
der verfluchte Granatsplitter Arm und halbe Schulter 
wegriss, dass ich als Major Königlichen Dienst 
quittieren musste, jedes Jahr nach ’ner anderen 
geschickt. 
Haben meinen Arm auch nicht wieder wachsen 
lassen. 
Na, dann ging ich auf die väterliche Klitsche, 
ärgerte und rackerte mich mit selbstherrlich ge 
wordenem Inspektor ab, bis ich selbst den Rummel 
raushatte, was mir altem Invaliden höllisch sauer 
ankam. 
Aber: ich verstehs: wirtschafte allein. Musste 
manchmal Lehrgeld zahlen anfangs, jetzt nicht mehr. 
Bin mit Leib und Seele Landwirt. Kann von 
schlechten Preisen, Leutenot gründlich mitreden! 
Leutenot, jawohl! 
Hat man wirklich Kerls sich mit Müh und Not 
zusammengetrommelt Nette Sorte das! 
Ohne jeden Schneid, Appell! 
Drillte lieber noch auf meine alten Tage Re 
kruten, als mich mit der Bande rumzuschlagen! 
Dabei muss man froh sein, wenn man Arbeitshände 
in der Ernte kriegt. 
Böse Zeit! 
Dann: Familiensenior seit des alten Onkel 
Adolphs Tod. Bringt viel Scherereien. Soll stets 
vermitteln, schlichten. Und auf mich schimpft 
schliesslich jeder. — — 
Habe vier Neffen, Söhne von verstorbenen 
Brüdern. Gute Jungens. 
Reisen sonst im Sommer immer fort: Hoch 
gebirge, See. Zweie freilich, Karls Söhne, reisten 
schon mal früher. Gleich nach Amerika. Grund: 
Schulden und andere Dummheiten. Und waren doch 
Beide Leutnants in S. M. schönstem Garderegiment, 
wo wir Oldewitze seit mehr als zweihundert Jahren 
alle standen. Die zwei anderen Neffen auf Gütern 
in der Mark: Willy Landmann, Bernd nur Mitchrist, 
Zeitgenosse. Lässt durch Inspektoren alles machen. 
Na, ihn drückts nicht, wenn er übers Ohr gehauen 
wird und mich gehts nicht an! — 
Kommt da Anfang Juni eines Nachmittags der 
Willy. Geht mir immer auf die Nerven mit der 
lauten Stimme und dem Bramsigthun. Machte so 
’ne Heirat . . Na, Geld hat sie. Wenn sie „mir“ 
statt „mich“ sagt, ist das seine Sache. 
Rechnen kann sie auch, die Doris. Graulte gleich 
beide Schwestern Willys, die bis dahin bei ihm lebten, 
auf die Strasse, dass sie ihr nicht auf der Tasche lägen. 
Zwei famose Mädel! Ganz moderner Stil trotz 
feudaler Rasse. Zeigten Schneid. Eine in Berlin 
längst Direktrice in grossem Wäschegeschäft; andere 
erste Buchhalterin. Fahren Sonntags öfters zu mir 
rüber. Praktisch, klug, klarer Blick fürs Leben. 
Echte Oldewitze! Wurden die einst — darauf hielt 
mein Bruder, trotz den knappen Mitteln! — exklusiv 
erzogen! Ist vorbei. Machten mutig Strich darunter. 
Alle Achtung! 
Also: Willy kommt, fragt nach Befinden, spricht 
vom Wetter, Ernteaussichten, Wildstand. 
Jungeken, du willst was, sag’ ich mir. 
Stimmt. — Nach ’ner Weile schiesst er los: 
„Bernds wollen reisen!“ 
„Na, warum nicht?“ 
„Aber erst im Herbst, September, und zwar 
nach Jerusalem, Indien und China!“ 
Bernd, einziger Sohn meines jüngsten Bruders, 
ist der Krösus des Familie. Erbte unerwartet riesig. 
Liess sich dann — zehn Jahre müssens sein — von 
’ner späten Hofdame einfangen. Aufgeblasene Pute. 
Posiert mit Vornehmheit. Thut, als sei ihr nie was 
teuer, fein genug! Hat den Bernd gezogen . . . . 
Alles soll er wie bei Hofe machen: Frack zu Tisch, 
Mittagsessen spät, Handkuss, wenn er ihr nur in 
den Weg kommt, Jäger auf Bock mit Federhut. 
Reise nach Jerusalem gilt als feudal. Muss sie hin 
natürlich, statt dass er auf seinem Prachtsitz nach 
dem Rechten und den Inspektoren auf die Finger 
sieht. „Meinethalben“, sag’ich, „wer kein Sitzfleisch 
hat, soll immer reisen.“ 
„Hm, wenn dem Bernd nun aber unterwegs 
was Menschliches zustiesse? Bei dem schlechten 
Klima und den unsicheren Wegen “ 
Horche auf. Gemütsmensch? Das ist sonst 
doch nicht seit Doris’ Zeiten? Ja, da rückt er denn 
heraus: Bernd hätte nicht testiert: Kinder und Ge 
schwister nicht da; würde also alles mal, vom 
Witwenteil abgesehen, an die Vettern fallen. 
„Na, dann freu dich doch“, werf ich hin. 
I wo, er verlangt: Onkel Karls Söhne müssten, 
als unwürdig, übergangen werden. 
„Mensch, die armen Bengels drüben können 
ein paar Kröten doch am meisten brauchen!“ 
Donnerwetter, rückt er da mir zu Leibe: Fa 
miliengeist, Erhaltung des ungeteilten Besitzes, hei 
lige Verpflichtung und was weiss ich noch! 
„Schön! Also: du, mit deinen Schwestern, 
willst den ganzen Rummel?“ 
Hustet. — „Hm, ja. — Das heisst, Doris meint, 
die Mädchen heirateten wohl doch nicht mehr. Eine 
Rente würden Wir ihnen, gerade wie an Karls Söhne 
natürlich freiwillig “ 
Also: sic gefälligst wollten faktisch alles nur 
für sich und ihre sieben Göhren! 
Und ich, als Familiensenior, sollte den Bernd 
noch vor der Reise zu solchem Testamente pressen. 
„Ne, das giebts nicht, Willy!“ 
Doch der drängt und drängt. Und ich sage 
mir: Testament und Ordnung muss sein. — Fingern 
wirs. Aber: anders, als du dir mit deiner Doris 
ausklaviert hast. 
Willy zieht befriedigt ab und ich lasse mir den 
Bernd kommen, der mit seiner Frau grad in Berlin 
ist, wo sie sich ein „Pied-ä-terre“, wie die Melanie 
es nennt, halten und die Sommerequipierung bei 
Bister und Konsorten bewerkstelligen. 
Bernd erscheint denn auch. Gottseidank, allein. 
Lispelt was von: „Melanie bedaure, notwendigen 
Anproben, knapper Zeit u. s. w.“ — 
„Bitte, ganz auf meiner Seite!“ 
Früher netter, etwas weicher Bengel. Jetzt 
ganz unter seiner Melanie Pantoffel. 
Sitzt da wie ein Gletscher. Gehrock, Hand 
schuhe, Cylinder. So geh ich nicht mal zur Kirche! 
— Draussen die Victoria mit dem Jäger, die sie sich 
für die drei Wochen durch, die halbe Mark mit nach 
Berlin geschleppt. Ohne den Klimbim thuts die 
Melanie nicht. 
Nun, sie habens ja dazu. — Werden ihre Biester 
bald kaput kriegen, wenn die öfters solche Touren 
machen müssen. Sind 3 gute Meilen bis zu mir. 
Dabei reichlich Bahnverbindung! 
Und das nennt sich Gutsbesitzer! Hol der 
Teufel all die Weiberflausen! 
„Du befiehlst, lieber Onkel . . .?“ 
Ich maikäfere. Unverfänglich auf die Sache 
kommen gar nicht möglich. — 
Halt, der 93er Bocksteiner, den mein Freund 
vom Rhein mir dediziert, der soll dir die Zunge 
lösen, denke ich. — Hole also zwei Flaschen. 
Bernd nippt. 
„Na, prost Bernd, Irinkst du nicht mal aus?“ 
Murmelt was von schwachem Weintrinker, 
wegen Wallungen und Hitze. 
„Ach, doch nicht bei diesem: rein wie Gold 
und leicht wie Wasser!“ 
Zureden hilft: Bernd kommt in Geschmack und 
ich auf unser Thema. Alles geht nach Wunsch. 
Nun, mein Bocksteiner stieg ihm auch nicht 
schlecht zu Kopfe! Ja, die 93 er! Spürte seihst 
das Feuer, obwohl ich nur hin und wieder schluckte. 
Bernd immer parlanter. Gänzlich anderer 
Mensch. —- Knöpfte sich den Rock sogar auf. Em- 
brassierte mich noch vor der zweiten Flasche ganz 
unmotiviert. Versprach, wenn heimgekehrt, gleich 
alles, wie ichs vorschlug, aufzusetzen und mirs im 
Konzept zu schicken. (Willy soll noch Augen machen: 
Rente an die Schwestern und die Vettern ist nicht. 
Erben selbst). 
Na, wir tranken dann noch weiter. 
„Könntest dich auch etwas mehr um deine 
Güter kümmern; nur Inspektorwirtschaft taugt 
nichts“, meine ich. 
„Für wen soll ichs thun? Für den Willv und die 
Doris? Nein !— Meine Frau sielits auch nicht gern! 
Hätt’ ich Kinder noch! Aber so “ er seufzt. 
Armer Kerl! Und die Melanie wiird’ wohl auch 
anders sein, wenn sie statt der schlanken Taille 
Kinder wiegte! — Nun, wo ich ihm doch nicht 
helfen konnte, schenkte ich ihm wenigstens fleissig ein. 
Was der Wein ihm schmeckte! Süffiges Gewächs! 
Wurde selbst bekneipt. 
Aber: Bernd erst. Hat der mich'geküsst, umarmt! 
Alles 93er! 
„Onkel, du alleine meinst es gut mit mir, Du 
alleine liebst mich?“ 
„Muss die Melanie dich kurz halten,“ polterte 
ich. (Kenne ihren Vogel mit dem Küssen ja! ,Bernd, 
nur die Hand! 1 hiess es immer, wenn er mal nach 
Tisch im Verwandtenkreise zärtlich wurde.) Das 
nahm er krumm. 
„Onkel, sage nichts auf sie! Melanie ist gut 
und lieb; so lieb!“ 
Dabei drückt er mir die Rippen fast entzwei. 
Sang stark jugendliche Lieder, pfiff das letzte Glas
        
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