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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

nicht zwei Lakaien in Seidenstrümpfen hinten auf 
dem Fiaker sitzen, steigt mit Malosieux ein, und die 
Reise geht von dannen. Pouffin erzählt seinem 
Freunde mit grösster Zungenfertigkeit die Infamien, 
deren Opfer er von Seiten der Regierung geworden, 
die ihn immer noch nicht als Sohn Ludwig XVI., 
als Präsidenten der Republik und als Erben Roth 
schilds anerkennen will. Bei jeder Phase seiner 
Erzählung rückte er dem unglücklichen Freunde 
immer näher auf den Leib, so dass dieser ganz in 
die Ecke des Fiakers gedrückt wird. Er fängt schon 
an, ihn durch die Thür zu quetschen, da hält der 
Wagen, und der Kutscher sagt, sich höflich zu 
Pouffin wendend: „Mein Herr, hier sind wir vor 
der Irrenanstalt!“ 
Pouffin (erstaunt): Was? 
Der Freund (grün wie ein Gymnasiast, der 
seine erste Cigarre raucht): Gieb nicht Acht darauf, 
er weiss nicht, was er spricht. . . . (Der Kutscher 
giebt keine Antwort, sondern zeigt, mit dem Auge 
blinzelnd, nach dem Freunde, während er sich mit 
dem Finger auf die Stirn tippt.) 
Pouffin (verständnisinnig): Ach, ich verstehe! 
(steigt schnell aus dem Wagen und tritt in das Haus). 
Der Freund (freudig verdutzt): Was? er geht 
selbst hinein? (Er folgt ihm und tritt in ein kleines 
Zimmer, wo sich Pouffin bereits mit dem dienst 
habenden Arzt leise unterhält, der ihn, von der 
Rosette der Ehrenlegion und dem weissen Backenbart 
augenscheinlich beeinflusst, ehrfurchtsvoll anhört.) 
Der Freund (beiseite): Sieh da, er kennt 
hier jemand . . . Solch Zusammentreffen ist aber 
merkwürdig . . . 
Pouffin (das Gespräch beendend): Also, mein 
Herr, ich empfehle Ihnen den Aermsten aufs Ange 
legentlichste! 
Der Arzt: Seien Sie unbesorgt . . . 
Pouffin (zu dem verdutzten Freunde): Also, 
Adieu, lieber Freund, ich weiss, Du hast hier im 
Hause zu thun . . . 
Der Freund: Aber nicht doch, Du sollst ja 
hier bleiben . . . 
Pouffin: Also auf Wiedersehen, auf Wieder 
sehen! (geht zur Thür; der Freund will ihm folgen; 
doch zwei Aufseher halten ihn, jeder an einem 
Arm, zurück). 
Der Freund (ängstlich werdend): Aber zum 
Donnerwetter, ich bin ja nicht verrückt! 
Der Arzt: Ruhe, Ruhe! 
Pouffin (mitleidig): Armer Freund! 
Der Freund: Aber Sie werden mich doch nicht 
hierbehalten ... er ist ja der Verrückte! er, der 
Sohn Ludwig XVI., der Präsident der Republik und 
der Erbe Rothschilds, er ist es, er, nicht ich . . . 
Der Arzt: Haha, jetzt kommt der Anfall . . . 
Pouffin: Es ist schrecklich! 
Der Freund (wütend): Himmeldonnerwetter! 
wenn ich Ihnen doch sage . . . wollen Sie mich wohl 
herauslassen! (Er macht Miene, fortzulaufen, doch 
die Wärter stürzen sich auf ihn und halten ihn fest.) 
Der Arzt: Bringen Sie ihn unter die Douche, 
und wenn er sich dann nicht beruhigt, legen Sie 
ihm die Zwangsjacke an! 
Der Freund (während er von den Wärtern 
fortgeschleppt wird): Aber wenn ich Ihnen doch 
sage ... Er ist verrückt, nicht ich . . . Wollen 
Sie mich wohl loslassen! Das ist ja eine Infamie! 
Der Arzt (Pouffin mit grösster Rücksicht hin 
ausleitend): Das ist der gewöhnliche Fall . . . 
Grössenwahn verschärft durch Verfolgungswahn . . . 
Es ist nicht anzunehmen, dass er davon geheilt wird.. . 
Pouffin (sehr würdevoll): Armer Freund! Das 
ist ein grosses Unglück! . . . Na, geben Sie sich 
Mühe. Ich wäre gern noch ein bischen bei ihm 
geblieben, um den ersten Augenblick zu lindern . . . 
Aber ich habe eine Zusammenkunft mit dem Ge 
sandten von Dahomey, und den darf ich nicht 
warten lassen . . . (Der Arzt geleitet Pouffin zum 
Wagen, verneigt sich sehr ehrfurchtsvoll vor ihm 
und geht wieder hinein, um dem armen Malosieux 
die Douche verabreichen zu lassen.) 
Sin ßlumenmärchen. 
Autorisierte Übersetzung aus dem Polnischen von 
St efan ia Go 1 d enri ng. 
«Sijeber dem wunderbaren Garten der Königstochter 
Lala leuchtete ein Stern. Durch das dichte 
Laub hindurch sah er die weissen und purpurroten 
Blumenbeete, die von duftigen Säften belebt waren 
und Lie e ausströmten. Er entbrannte in Liebe zu 
diesem Zaubergarten und bat jeden Tag mit sehn 
süchtigem Gebet: „Erlaube mir, Herr, hinunter zu 
steigen. Ich friere und sehne mich hier. Einsam 
hänge ich in den endlosen Sphären, von ewigem 
Schweigen umgeben und sehe nichts, als den silbern 
schillernden Glanz, der von mir ausgeht“ . . . 
Der Herr antwortete: 
„Wisse, dass du deinen Silberglanz verlierst, 
wenn du hinuntersteigst. Und nimmermehr kannst 
du von dort hierher zurückkehren“ . . . 
Der Stern bat: 
„Erlaube es mir, Herr . . . Nimm die Kronen 
des Lichts, die mir lästig sind. Den Blumen will 
ich gleichen wie eine Schwester, nie werde ich mich 
dann nach der Todesstille der nebligen Lüfte sehnen.“ 
In einer schönen Sommernacht erhörte Gott das 
Gebet des Sternes. Er erblühte auf der Erde als 
eine ungekannte, eigenartige zaubervolle Blume. 
Bei Sonnenaufgang benetzte der Tau seine 
Blättchen mit kleinen Perlen, die Morgenröte färbte 
sie rosig, und die Sonne, die den Garten zu neuem 
Leben erweckte, überflutete den begeistert Umher 
schauenden mit Wärme und goldenem Glanz. Die 
Blumen öffneten ihre Lider als sie den Eindringling 
sahen, umkreisten ihn und riefen im Chor: 
„Woher kam diese neue Blume? Sie sieht uns 
so gar nicht ähnlich, sie ist so schön, so gross und hell.“ 
Er antwortete: 
„Ich bin zu euch gekommen, denn ich liebe euch.“ 
Die Vergissmeinnicht riefen: 
„Du bist zu hoch, zu hoch! Wir können dein 
Gesicht nicht sehen.“ 
Die steifen Malven fügten hinzu: 
„Zu beweglich. Deine Blättchen zittern bei 
jedem Geräusch, wir aber bewegen uns niemals.“ . . . 
Die heisse Brunnenkresse fragte: 
„Verstehst du auch den Tau aus der Erde zu 
trinken?“ 
Die blätterreiche Georgine nörgelte: 
„Strecke doch die Blätter nicht so nach dem 
Himmel aus! Niemand von uns thut es. Denke 
daran, dass wir die Wurzeln dazu haben, um die 
Säfte aus der Erde zu ziehen . .. denke an die Wurzeln, 
sonst trocknest du samt deinen Blättern ein.“ 
In diesem Augenblick wurde es lebhaft, die 
Blumen wichen und traten zurück, denn die stolzen, 
königlichen Rosen näherten sich nun. 
Sie betrachteten die neue Schwester und sagten: 
„Bis jetzt waren wir die schönsten . . . nun will 
uns eine Fremde durch ihre eigenartige Schönheit 
in den Schatten stellen“ . . . 
Die Lilien sangen: 
„Weisser will sie sein, als wir ... die Reinsten!“ 
Der alte Kastanienbaum murmelte: 
„Du kamst nicht unter meine Zweige . . . stolz 
wuchsest du mitten auf dem Wege auf . . . Ich werde 
dich nicht schützen! Die Sonne wird dich verbrennen, 
der Regen niederwerfen, der Erste der am Wege 
vorüberkommt, zertreten.“ 
Die Mohnblumen fügten hinzu: 
„Du nur allein zwinkerst während des Gewitters 
nicht mit dem Auge, während wir Alle die Kelche 
einziehen. Willst du uns durch Mut verhöhnen?“ 
Alle Blumen riefen zugleich: 
„Du magst wohl schön sein, aber du bist anders 
als wir. Wir brauchen dich nicht!“ 
Sie wandten sich ab und begannen unter 
einander eine leise Unterhaltung. 
Die Winde nur schlich zum Gast herbei und 
legte sich um seine Füsse. Aber die Winde suchte 
die Sonne und kletterte über seine Schultern zur 
Sonne empor. Bevor der Abend herankam, rang er 
in den Flechten der Winde mit dem Tode. Rings 
umher rauschten die Blumengespräche, er aber ver 
stand dieselben nicht. Er wuchs mit den Wurzeln 
in die Erde hinein und konnte sich nie mehr von 
ihr losreissen, aber auf seiner Stirn verblieb noch 
ein Abglanz früheren Silberlichtes . . . Am Morgen 
ging die Sonne auf und beleuchtete den halb 
verwelkten Stiel. 
Neben ihm wuchs wie auf einem abgestorbenen 
Baum ein Häufchen flacher Giftpilze . . . 
Ballade» 
6s glühte am ßimmel das Morgenrot, 
Im Barten lachte der (Flieder . . . 
Bor meinem ßause stand der Cod 
Und sang seine heiseren Cieder . . . 
Da stürmt’ des Cebens Zug vorbei, 
Gesellen mit strahlenden IBienen . . . 
Die schlugen dem Cod die Ceier entzwei, 
(juchheissa — und ich zog mit ihnen . . . 
.niois mcizi.
        
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