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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Das märcben der llacbf. 
Das märeben der Dacht bat ein strahlendes Kleid 
Und Augen so mondhell und klar, 
Und Schwingen voll tauweicber Dunkelheit, 
Und goldene Sterne im Raar. 
Das lDärcben der Dacht schwebt still durch den Rauin 
Und singt ein berauschendes Cied, 
Und wohin es blickt, erblühet ein träum, 
Uou goldenen Strahlen durchglüht. 
Das lDärcben der Dacht kommt aus ßimmelsböb’, 
Wenn Abendgeläute erschallt, 
6s mildert den Schmerz und lindert das UJeh, 
Streut Frieden durch 51ur und durch Wald. 
Das lDärcben der Dacht ist heilig und rein, 
Uou Gugeln Gottes umringt, 
Und weiss es wo herzen, die müd’ und allein, 
So wacht es bei ihnen und singt . . . 
fllois tnelzl. 
Uerkehrfe U3elf. 
Von Leon Xanrof. 
i ) ‘ \ ' ) ■ 
Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. 
ine bürgerlich eingerichtete Häuslichkeit. 
Der ergebene Freund, den die Hausfrau mit 
Ungeduld erwartet, wird von einem Dienstmädchen 
vom Lande, die in ihren Manieren noch an die Zeit 
erinnert, da sie das Vieh hütete, brutäl hereingeführt. 
Madame Pouffin (lässt die Strümpfe, an denen 
sie gerade arbeitete, fallen und eilt dem ergebenen 
Freunde schnell entgegen): Endlich sind Sie da, mein 
Freund. Wenn Sie wüssten, welches Unglück . . . 
Der ergebene Freund (auf dessen Gesicht 
sich die für solche Fälle vorgesehriebene Traurig 
keit malt): Was es auch sein mag, Sie wissen . . . 
Madame Pouffin: Ja, ja! Ich erwartete Sie 
gestern . . . 
Der Freund: Gewiss, aber als ich Ihren Brief 
erhielt, in dem Sie mir schrieben, ein grosses Unglück 
hätte Ihren Mann betroffen und Sie rechneten auf meine 
Freundschaft, da habe ich meine ganzen Ersparnisse 
zusammengeholt, das hat ein bischen Zeit in Anspruch 
genommen. Ich kann Ihnen 27 Francs leihen . . . 
wenn das genügt . . . 
Madame Pouffin: Nein, mein Freund , . . 
Der Freund (steckt schnell seine 27 Francs 
wieder ein): Dann ist es besser, Sie wenden sich 
an jemand anders! 
Madame Pouffin: Es handelt sich nicht um- 
Geld! 
Der Freund: Ach, es handelt sich nicht um . .. 
Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich schon gestern 
gekommen . . . Was ist denn das für ein Unglück, 
von dem Sie mir geschrieben haben? 
Madame Pouffin: HerrPouffinist wahnsinnig! 
Der Freund (ungläubig): Wahnsinnig? 
Madame Pouffin: Ja, wahnsinnig! 
Der Freund: Was Sie sagen! Das hätte ich 
nicht geglaubt 1 Wie ist denn das gekommen? Durch 
Aerger? 
Madame Pouffin: Ja! 
Der Freund: Sie haben ihn hintergangen? 
Madame Pouffin: Aber nicht doch! . . . 
Sie wissen. Herr Poulfin hatte sich um die 
„Akademischen Palmen“ beworben. Als wir noch 
das Restaurant „Zum brüllenden Ochsen“ hatten, 
hatte er mehreren Künstlern bis zu 50 F'rancs Kredit 
eingeräumt, und die Regierung war ihm doch eine 
kleine Belohnung schuldig, nicht wahr? 
D er Fre und: Gewiss; aber ich begreife nicht.. . 
Madame Pouffin: Nun, glauben Sie’s oder 
glauben Sie’s nicht; aber man hat ihm geantwortet, 
seine Verdienste reichten nicht hin . . . während 
jeder Xbeiiebige . . . Ja, Sie selbst . . . Sie sind 
doch nur Professor der Mathematik und haben sie 
bekommen! Das ist dem armen Pouffin so nahe 
gegangen, dass er essen und trinken darüber ver 
gessen hat . . . Dann wurde er trübselig . . . Und 
plötzlich ist es zum Ausbruch gekommen! Eines 
Tages ist er mit dem violetten Band nach Hause 
gekommen. Seitdem bringt er täglich eine neue 
Dekoration mit; das ist seine Manie. 
Der Freund: Aber man wird ihn schliesslich 
arretieren. 
Madame Pouffin: Darum habe ich mich 
auch entschlossen, ihn in ärztliche Behandlung zu 
geben und alle Vorkehrungen sind getroffen. Man 
erwartet ihn bei dem Dr. Saint Louis . . . Sie wissen 
doch, der die grosse Irrenanstalt in Passy leitet. 
Der Freund: Das ist recht, da müssen Sie 
ihn hinoringen . . . 
Madame Pouffin: Sehr richtig, und darum 
habe ich Sie hergebeten . . . 
Der Freund: Was, ich? Ich soll ihn hin 
bringen ? 
Madame Pouffin: Natürlich, Sie sind sein 
ältester Freund . . . Man kann den armen Mann 
doch nicht so brutal einsperren lassen . . . Und 
mir thäte es zu weh, ihn zu begleiten. Da habe 
ich an Sie gedacht . . . 
Der Freund: Ja, aber ich habe keine Zeit! 
Madame Pouffin: Ach, es ist ja in einer 
Stunde erledigt! 
j Der Freund (nach einer Entschuldigung 
suchend): Mein Hund iat unpässlich geworden und 
ich muss ihn pflegen . . . 
Madame Pouffin (ärgerlich werdend): Das 
nennt sich nun Freund! Zwanzig Jahre lang 
empfängt man Sie jede Woche zum Diner; und 
wenn maft einen Dienst von Ihnen verlangt . . . 
Der Freund: Aber, zum Teufel, das ist auch 
gerade kein angenehmer Dienst . . . Wenn er mich 
nun unterwegs umbringt? Sie haben manchmal 
eigentümliche Ideen . . . 
Madame Pouffin: Aber nicht doch, mein 
Freund, er ist zahm wie eine Hammelkeule. (Die 
Wohnungsthür wird geöffnet.) Uebrigens werden 
Sie ihn ja sehen; er kommt eben nach Hause. 
Der Freund (sehr bestürzt): Ich werd’s ver 
suchen. Aber Sie müssen den Wagen bezahlen . . . 
Madame Pouffin: Einverstanden. Ich lasse 
einen vom Dienstmädchen holen, (ab). 
(Als der ergebene Freund sich allein sieht, sucht 
er schleunigst einen Ausgang, doch alle Thüren 
führen auf das Entreezimmer. Er misst mit den 
Augen die Höhe des Fensters; man befindet sich im 
fünften Stock ... Er verzichtet deshalb auf die 
Flucht.) 
(Herr Pouffin tritt ein; im Knopfloch seines 
Paletots bildet die Rosette der Ehrenlegion einen 
heiteren Fleck. Das verleiht ihm übrigens mit 
seinem weissen Backenbart und seinen leuchtenden 
Augen ein recht vornehmes Aussehen.) 
Pouffin: Ah, sieh da, Malosieux, guten Tag! 
Wie geht’s seit wir uns nicht gesehen? 
Der Freund (ihm unruhig und schüchtern die 
Hand drückend): Es . . . geht mir . . . nicht übel . . . 
Pouffin (auf sein Knopfloch deutend): Hast 
Du gesehen? 
Der Freund: Ja, ja . . . sehr hübsch . . . 
mein Kompliment. 
Pouffin (öffnet seinen Paletot, um auf das 
Knopfloch seines Gehrocks zu deuten, in dem ein 
breites, violettes Band prangt): Und das'da! 
Der Freund: Ja, sehr hübsch ... es steht 
Dir vorzüglich ... zwei Dekorationen! 
Pouffin: Zwei Dekorationen? was? Na, und 
die da? (er öffnet seinen Gehrock und trägt als 
Kravatte ein breites Kommandeurband mit dem 
Kreuze, dann zeigt er auf seine Weste, an der ein 
gelbes Band hängt). Na, und das? (öffnet seine 
Weste und zeigt auf seinem Hemd ein grünes Band). 
Na, und das? (öffnet sein Hemd und zeigt auf seiner 
Flanelljacke ein schwarz-blaues Band). 
Der Freund (verdutzt): Ja, wirklich . . . mein 
Kompliment (wendet sich der Thür zu). Aber ich 
muss Dich um Entschuldigung bitten. 
Madame Pouffin (wieder eintretend): Ach, 
hör’ mal, Charles, unser lieber Freund wollte Dich 
zu einer kleinen Spazierfahrt abholen. 
Poussin: Ich weiss nicht, ob ich kann. Ich muss 
um 6 Uhr den Gesandten von Dahomey empfangen. 
Der Freund (eifrig): Ja, wenn Du zu thun 
hast . . . dann auf ein andermal. 
Madame Pouffin: Ach, nicht doch, nicht 
doch, der Gesandte kann warten. 
Pouffin: Ja, schliesslich kann er auch warten 
. . . Gehen wir! 
Er nimmt den Freund, der vor Entsetzen schielt, 
unter den Arm, und sie verlassen zusammen die 
Wohnung; der Freund sieht weit mehr aus, als 
würde er von seinem Gefährten geleitet. Der 
Kutscher findet das auch, machte Pouffin kleine 
Zeichen des Einverständnisses und murmelt: „Armer 
Kerl,“ wobei er auf Malosieux deutet, der blass wie 
ein unerfahrener Duellant ist. Pouffin, der sich erst 
ein bischen gewundert, dass der Kutscher keinen 
vergoldeten Hut und hohe Stiefel trägt und dass
        
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