Path:

Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Sardou’scher Technik gemachte Stück spielt in der 
Kaserne einer kleinen Garnisonsstadt und behandelt 
die tragische Liebesgeschichte einer Wachtmeister 
tochter und eines jungen Offiziers. Neu und daher 
besonders interessant war dem Publikum die Ver 
handlung des Kriegsgerichtes, welche den ganzen 
dritten Akt ausfüllt. Vortrefflich spielten die Herren 
Patry, Winterstein und Schönfeld, ebenso Fräulein 
Rauch. Nur Herr Klein machte aus dem alten Wacht 
meister eine Figur der klassischen Tragödie im alten 
Stil.—Während „Biskotte“ von PierreWolff im Trianon- 
Theater das schwächste und albernste Machwerk 
ist, das je von Paris importiert wurde, hatte des 
selben Autors „Das grosse Geheimnis“ einen voll 
kommen berechtigten Erfolg im Residenz-Theater. 
Es ist kein frivoles, zotiges Stück, wie man sie auf 
der Bühne in der Blumenstrasse zu sehen gewohnt 
ist, sondern ein Lustspiel im alten L’Arronge’schen 
Genre, voll behaglichen Humors. Richard Alexander 
als gemütvoller Grosspapa, ist einfach köstlich — 
man sieht hier am Besten, dass die dem Künstler 
manchmal vorgeworfene Einseitigkeit nicht an ihm, 
sondern an seinen Rollen lag — und auch alle 
anderen Mitwirkenden: Frau Otto-Körner, Frau 
Reisenhofer, Fräulein Sorger und die Herren Seiden 
eck und Bach sind durchweg ganz famos. — Das 
Regime Prasch im Theater des Westens hat sich 
bisher brillant bewährt und die Vorstellungen werden 
immer besser und abgerundeter. Die letzte Neu 
einstudierung „Der Barbier von Sevilla“ war in jeder 
Hinsicht ausgezeichnet und fand den lebhaftesten 
Beifall des ausverkauften Hauses. Eine gute, 
zweite Oper in Berlin muss und wird auch ein gutes 
Geschäft sein. J{ugo tfussak. 
* * 
* 
Das Belle-AUiance-Theater, das schon seit langem 
eine Daseinsberechtigung nicht mehr besass und 
dem eine Schliessung aus bau- und feuerpolizeilichen 
Gründen in der verflossenen Saison den letzten 
Lebensfunken ausgeblasen hatte, öffnete unter der 
neuen Direktion von Julius August Grube, „neu 
renoviert“, wie es im Jargon der Gasthäuser dritten 
Ranges heissen würde, wieder seine Pforten, nach 
dem der Eröffnungstermin aus besagten Gründen 
mehrmals hatte hinausgeschoben werden müssen. 
Die Ehre, den Reigen zu beginnen, ward Herrn 
Thilo von Trotha zu teil, der vor zwei Jahren im 
Neuen Theater mit einem schlechten Stück „Hof 
gunst“ einen Treffer gezogen hatte. Diesmal aber 
war’s eine Niete, obgleich das Stück noch schlechter 
war. „Madame de Pompadour“, Lustspiel in drei 
Akten, trägt sich zu am Hofe des Königs Jerome 
von Westfalen. Erika, Hofdame der Königin und 
junge Gemahlin des Rittmeisters von Retzow, eine 
Naivität im Stile der Marcelle aus Alexandre Dumas 
des Jüngeren Schauspiel Demi-Monde, gerät nach 
Absicht des Autors in Gefahr, die Pompadour des 
Königs „Immer lustick“ zu werden. Der aus 
brechende Freiheitskrieg aber verhindert das 
Fürchterliche und Hans-Jürgen, der Rittmeister, 
schliesst sich, infam kassiert und zum Tode ver 
urteilt, Ltitzows wilder verwegener Jagd an, die als 
Schreckgespenst in der Perspektive erscheint. Dass , 
d 
nach dieser Exekution die Pforten des Theaters 
nicht sofort wieder geschlossen werden mussten, 
war lediglich das Verdienst der tüchtigen Regie und 
der wackeren Darstellung. Der freundliche Beifall, der 
ihr zu teil wurde, durfte der jungen Direktion als 
Beweis dafür gelten, dass man ihr das Stück nicht 
weiter übel nahm und von ihren weiteren Leistungen 
Erfreulicheres erwarte. In der Tat hat sich denn 
auch Herr Grube beeilt, durch lobenswerte Neu- 
a 
SchaarWächter, Kgl. Hofphot. 
Zur Konfirmation der Prinzen August Wilhelm 
und Oskar von Preussen. , 
einstudierungen älterer bewährter Stücke dieses 
Vertrauen zu rechtfertigen. Hoffen wir, dass in dem 
vorgezeichneten Rahmen des Familientheaters dem 
Hause vor dem Halleschen Tor ein neues Empor 
blühen und damit der tüchtigen Künstlerschar, die 
ihre Existenz mit der des Unternehmers identi 
fizieren muss, eine gesichertejund gedeihliche Wirk 
samkeit beschieden sei. 
Das Neue Kinder-Theater, welches von Richard 
Vallentin, dem geistvollen und strebsamen Regisseur 
des „Neuen Theaters“ geleitet wird, hat in eben 
diesem Hause ein schmuckes und zweckent 
sprechendes Heim gefunden. Es ist sicherlich ein 
lobens- und fördernswertes Unternehmen, durch 
Darbietungen, die dem Fassungsvermögen unserer 
Kleinen angepasst sind, ihre Phantasie anzuregen 
und neben der häufig genug langweiligen und geist 
losen Methode der Schule den Kreis ihrer Vor 
stellungen zu erweitern. Aber es fragt sich doch 
sehr, ob die von Alice Berend und Richard Vallentin 
erfundenen Tierspiele mit ihrem Gebell, Gepiepse 
und Gequietsche und ihren aufdringlichen Moral 
anwendungen diesen Zweck nur annähernd erreichen. 
Die Phantasie des Kindes ist bei weitem grotesker 
als die des Erwachsenen, sein Denken aber ist ein 
facher und gerader. Danach muss sich richten, wer 
für die Kinder dichten will. Diese einfache Beob 
achtung erklärt es auch, dass der alte Struwelpeter 
schon seit fast zwei Menschenaltern jedes neue 
Kinderbuch aus dem Felde geschlagen hat. Also, 
Herr Vallentin, mehr Struwelpeter! — Ueber Hermann 
Sudermanns Sturmgesellen ist so viel geschrieben 
und geschrieen worden, dass es sich erübrigte, ein 
Wort hinzu zu fügen, wenn ich nichts weiter zu 
sagen hätte, als in den Chor der Rache und der 
professionellen Miessmacher einzustimmen. Aber 
die Sturmgesellen sind zu gute alte Freunde von 
mir, als dass ich sie nicht begrüssen sollte — 
alte Bekannte, aus — sagen wir Msterhausen, 
denn der Urtypus des Bierphilistertunis und des von 
ihm vertretenen versumpften und unproduktiven 
Liberalismus ist überall derselbe, ob in Ostpreussen, 
oder in der Rheinprovinz, oder in Schlesien. Den 
Zahndoktor, den Oberlehrer, den Kaufmann, den 
Rabbiner, nicht zuletzt den Steuerinspektor a. D., 
alle habe ich sie gekannt und reden hören — fast 
mit denselben Worten; wenn auch nicht unter 
dem verblichenen Glorienschein verfolgter Geheim 
bündelei, so doch immerhin unter dem gleichen 
Risiko im reservierten Zimmer der verräucherten 
Stammkneipe — beim „gemütlichen“ Bierskat. Und 
auch derNachwuchs dieses verächtlichen Maulhelden 
tums ist mir begegnet, der infamigte Korpsbengel 
und der Arbeitsmensch ohne Ideale; aber neben diesen 
glücklicherweise auch noch andere, auf die man Zu 
kunftshoffnungen bauen durfte. Das Fehlen dieser in 
dem Kreis der mit soviel scharfer Beobachtung und 
wehmütigem Humor gezeichneten Gestalten ist der 
Grundfehler des Stückes. Er beraubt den Autor 
der Aussicht, dass sein Werk im Laufe der Zeit, 
wenn dem grossen Haufen mit sachten ein Talg 
lichtlein aufgegangen ist, nachträglich noch den 
Erfolg erringen konnte, der ihm diesmal versagt 
blieb. Und noch eine andere bittere Erfahrung wird 
Herr Sudermann aus der Aufnahme seines Stückes 
gezogen haben. Sein zweckloser Windmühlenkampf 
gegen die Kritik hat ihm eine Reihe von sicheren 
Wirkungen unterbunden. Sonst hätte z. B. die Figur 
des Siegfried Markuse nicht so eindruckslos vorüber 
gehen können. Gustav tfeppert.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.