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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

vergessen. Wenn ich auiwachte, fiel mein erster, 
wenn ich einschlief, mein letzter Blick auf die holden 
Züge. Regina flüsterte ich oft im Halbschlaf oder 
wenn mein Geist sich im Fieber wieder verwirrte 
— und bald war es nicht das Bild, nicht die Heilige, 
die ich anbetete, sondern ein lebendiges Wesen, 
ein Weib aus Fleisch und Blut, eine herrliche, edle 
Gestalt aus dem wirklichen Leben. Ich fragte die 
Missionäre aus, von wo sie das Bild hätten. Sie 
gaben vor, es nicht zu wissen. Zu Dutzenden be 
kamen sie die Photographien, auf deren dünnem 
Karton nicht einmal der Name des Photographen 
stand. Es war Exportware, die zugleich mit Glas 
perlen, billigen bunten Stoffen an der afrikanischen 
Küste für einheimische Produkte eingetauscht wurde. 
Nur im Notfall bedienten sich die Missionäre dieser 
Photographien, wenn ihnen eben ihre bunten Heiligen 
bildchen ausgegangen waren. Das Bild der St. Regina 
war ein besonders glücklicher Fund und sollte von 
nun an auch den gemalten Bildern für diese Heilige 
als Vorlage dienen. Sicher gehörten diese Züge 
einer keuschen, reinen Jungfrau an. . . . 
Und da mich die Missionäre einmal wie in An 
betung versunken vor dem Bildchen fanden,schenkten 
sie es mir. Ich beschnitt es von allen Seiten und 
gab es in die Kapsel meines Armbandes, das mir 
die Schwarzen als Zeichen meiner Königswürde über 
reicht hatten. Als ich halbwegs genas, malte ich 
selbst ein grosses Pastellbild nach der kleinen Photo 
graphie, umgab es mit einem Rahmen aus Elefanten 
zähnen, wie ein indisches Götzenbild, und schenkte 
es der kleinen Missionskirche. Am darauffolgenden 
Tage kniete ich öffentlich an der Spitze meiner 
schwarzen Untertanen vor der Heiligen in andäch 
tiger, stiller Anbetung. Und da war es, wo ich mir 
gelobte, das Weib zu finden, dem diese schönen, 
edlen Züge gehörten. 
Bei diesen letzten Worten schob er das eiserne 
Plättchen zurück, das die Kapsel schloss und hielt 
sie der schönen Sängerin vor die Augen. 
„Aber — das bin ja — ich!“ stammelte Dolly 
Francetti. 
„Ja, das sind Sie! Ich erfuhr es heute in der 
ersten Kunsthandlung, in der ich Ihr Bild sah. Und 
da erfuhr ich auch, wer und was Sie sind!“ 
Dolly Francetti zuckte unter dem verächtlichen Ton 
unwillkürlich zusammen. Er aber fuhr fort: 
„Die Heilige, zu der ich anbetend emporgesehen, 
die Hunderte von gläubigen, einfachen Menschen 
kindern anbeten, knieend verehren, ist eine herzlose 
Komödiantin, die mit dem Leben und der Ehre aller 
jener spielt, die das Unglück haben, ihr näher zu 
treten. Man hat mich gewarnt vor Ihnen . . aber 
ich wusste es, ich — konnte Ihrem verderblichen 
Zauber nicht unterliegen — ich nicht. Denn ich 
besitze einen Talisman, und das sind Sie selbst, nein 
nicht Sie . . . jene Regina, die dort im fernen Afrika 
eine Vermittlerin ist zwischen der Erde und dem 
Himmel.“ 
Für einen Augenblick fand Dolly Francetti ihr 
leichtsinniges kaltes Lachen wieder. 
„Dort bin ich nur Vermittlerin zwischen Himmel 
und Erde . . . hier gebe ich den Himmel. Was ich 
dort verspreche ist problematisch, was ich hier gebe — 
ist positiv. Dort habe ich auf die flehentlichsten 
Bitten nicht einmal ein Lächeln zur Antwort, hier,“ 
— ihre Stimme wurde leise, ganz leise — „gebe ich 
mit vollen Händen, selbst ohne dass man mich 
bittet. Dort werde ich angebetet, hier könnte ich — 
anbeten.“ 
Sie war ganz blass geworden vor innerer Er 
regung und sah ihn beinahe wie um Schonung 
flehend an. Er lächelte. 
„Ich zweifle nicht daran. Möglich sogar, dass 
Sie mich nie vergessen werden . . . und sollte die 
Sehnsucht nach mir sich je mächtig in Ihnen regen 
. . . dann kommen Sie nach Afrika. Ich werde diese 
Reise als Zeichen Ihrer . . . Besserung betrachten.“ 
Das klang so spöttisch, dass Dolly Francetti sich 
verletzt abwandte und zur übrigen Gesellschaft trat. 
Walter von . . . entfernte sich unbemerkt. 
Jahre sind vergangen. Dolly Francetti hat sich 
nicht gebessert. Sie schüttelt sich noch immer 
lachend unter dem Diamantregen, und niemand 
kann sich rühmen, eine wärmere, dauernde Em 
pfindung in ihr erweckt zu haben. 
Manchmal, zwischen zwei hyperpikanten Tingel 
tangelliedern, wird sie sentimental und denkt an 
eine Auswanderung nach Afrika. Aber Afrika ist 
so weit! . . . Und am Schlüsse eines animierten 
Soupers, wenn ihr der Heidsiek zu Kopfe gestiegen, 
dann ruft sie manchmal denen, die ihre Vorgeschichte 
kennen, zu: 
„Dass ich eine Heilige bin, könnt Ihr mir aber 
doch nicht nehmen! Und wenn ich die Dummheit 
hätte, einen Herzog zu heiraten — für mich als 
Heilige wäre es eine Mesalliance!“ 
Vom nutzen der Wissenschaft 
Ein chinesisches Märchen von Doroschewitsch. 
Aus dem Russischen von S/efania Goldenring. 
ön China lebte einst der König Tsan-Li-O, 
dessen Name so lange in Erinnerung der 
Menschen fortleben wird, als das chinesische 
Vaterland bestehen wird. Er interessierte sich sehr 
ür die Wissenschaften, obgleich er selbst kaum 
lesen und schreiben konnte und seinen Namen stets 
von anderen unterschreiben liess. Aus diesem 
letzteren Umstande zogen besonders die Mandarinen 
ihren Vorteil. 
Da Tsan-Li-0 sich aber für die Wissenschaften 
interessierte, so stellte er sich eines Tages die Frage: 
„Wer, zum Teufel, hat denn einen Nutzen von 
der Wissenschaft?“ 
Und er liess an einem bestimmten Tage alle 
Gelehrten Zusammenkommen, um diese Weltfrage 
zu erörtern. 
Der Wunsch des Hinimelssohnes ist für die 
Erde Gesetz. 
Vor den Toren der Universitäten schlug man die 
Riesentrommel, und die Herolde riefen: 
„Hört! Ihr Gelehrten! Werft die Bücher fort 
und geht nach Peking, unserem gnädigen Kaiser — 
des Weltalls Freude — zu verkünden, welchen 
Nutzen Eure Wissenschaften bringen.“ 
An dem festgesetzten Tage versammelten sich 
alle Gelehrten Chinas auf dem Platz vor des Kaisers 
Schloss. Es waren ganz alte Greise darunter, die 
auf Bahren getragen wurden, aber auch junge 
Gelehrte, die noch älter erschienen, als die ältesten 
Greise. Es waren Gelehrte, die den Kopf so hoch 
trugen, dass ihr Rückgrat steif geworden war, und 
die sich nicht einmal bei einer Begegnung mit dem 
lieben Herrgott hätten verneigen können. 
Auch solche Gelehrte waren darunter, deren 
Rückgrat infolge des fortwährenden Hockens über 
den Büchern ganz rund gebogen war. Man sah 
Leute, die für ihre Gelehrsamkeit hohe Belohnung 
geerntet hatten. Es gab Gelehrte mit drei, vier, 
auch fünf Medaillen an der Mütze. Viele trugen eine 
dreiäugige Pfaufeder. Einige waren mit grünen 
Joppen und mehrere sogar mit gelben Jacken be 
kleidet! 
Alle trugen natürlich Brillen, denn diese ist be 
kanntlich ein Zeichen der Gelehrsamkeit. Die 
Gelehrten sind stets kurzsichtig. 
Als die Sonne hinter den Wolken hervorgetreten 
war und in den Brillengläsern zu glitzern begann, 
kniff sogar der Kaiser die Augen zusammen. 
„Wie ihre Augen funkeln!“ dachte er. „Es ist 
gleichsam, als ob sie auf Erhöhung des Gehalts 
rechneten.“ Der Kaiser betrachtete die zahlreich 
versammelte Schar und als er sah, dass alles in 
Ordnung war, sagte er: 
„In rastloser Fürsorge um das Wohl unserer 
Kinder, der Chinesen, haben wir beschlossen, die 
Frage aufzuklären: Wozu die Wissenschaft auf der 
Welt sei? Lange schon herrscht sie auf Erden, und 
so möchten wir nun den Zweck ihres Daseins er 
fahren. Deshalb antwortet uns offen und treuherzig, 
ohne etwas zu verbergen, und ohne List auf die 
Frage: „Wozu dient die Wissenschaft, welchen 
Zweck hat sie?“ — „Mach’Du den Anfang!“ sagte 
derKaiser und zeigte auf den berühmtesten Astronom. 
„Selber ein Sohn des Himmels, will ich mit dem 
Himmel beginnen. Deine Wissenschaft ist die aller 
höchste, und Du sollst der erste sein, der spricht!“ 
Der berühmte Astronom trat hervor, machte so 
viele Verbeugungen, als die Etikette erforderte und 
sagte höflich: 
„Wenn ein Ungebildeter des Abends auf die Strasse 
hinaustritt, blickt er, gerad’ wie ein Schwein, nur 
auf seine Füsse, und wenn er seinen Blick zufällig 
zum Himmel erhebt, so sieht er nur, dass der Himmel 
gleichsam wie mit Pocken, mit Sternen besät ist. 
Anders ein gelehrter Astronom 1 Ihm sind die Sternen- 
muster Worte, er liest vom Himmel wie aus einem 
Buche: ob Ueberschwemmungen zu erwarten sind, 
ob der Zufluss oder Abfluss des Wassers bedeutend 
sein, ob die Sonne stark oder schwach leuchten wird. 
Die Zukunft erfahren wir aus den Sternen!“ 
„Die Zukunft! Das ist interessant!“ sagte der 
Kaiser, „Nun, so sage mir, was jetzt, in diesem 
Augenblick, in Nanking vorgeht.“ 
„Wie kann ich das denn wissen, Sonnenlicht de* 
Weltalls!“ erwiderte der Astronom mit einer tiefe» 
Verneigung.
        
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