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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Unsere Bilder, 
Theodor Mommsen + 
Wnßl un ist auch er hingegangen; einer der letzten, 
i'slsM die unserer Reichshauptstadt etwas verliehen, 
was wie eine Physiognomie aussah. Es war 
eine der populärsten Persönlichkeiten Berlins und 
jedes Kind kannte den alten Herrn mit dem grossen 
Schlapphut auf den langen, weissen Locken, der mit 
seinen 85 Jahren noch rüstig und unbekümmert um 
das Gedränge des Verkehrs durch die Strassen 
schritt, stets ein Paket Bücher unter dem Arm 
tragend. Und diese Popularität galt neben dem 
grossen Gelehrten und Forscher, dessen Dichtergeist 
die Schranken, die der Erforschung der Vergangenheit 
gezogen sind, übersprang und Dinge und Charaktere 
in ihren letzten Ursachen erfasste, in vielleicht noch 
höherem Masse dem Vertreter freiheitlicher Gesinnung, 
die er sein Leben lang hochhielt und als deren letzten 
Ritter man ihn beinahe bezeichnen könnte.— 
Mit dem Tode von Marie Geistinger hat eine 
vielleicht einzig dastehende Künstlerlaufbahn ihr 
Ende gefunden. Schon als Kind betrat Marie 
Geistinger die Bühne und wirkte seit 1852 als 
Soubrette. Zur Berühmtheit gelangte sie aber erst 
in einem Alter, in dem sonst der Stern der Soubrette 
bereits zu bleichen beginnt. Die beiden Autoren, 
die sie auf die Höhe des Ruhmes führten, waren 
Offenbach, bei dem ihre Art so zur Geltung ge 
langen konnte, dass sie in diesen Rollen einzig ge 
blieben ist und zu einer Weltberühmtheit wurde — 
und Anzengruber, in dessen Bauernstücken sie den 
Uebergang von der Darstellung kräftigen Humors 
zur Wiedergabe erschütternder Tragik fand. Die 
Laufbahn zur Heroine eröffnete ihr Heinrich Laube, 
der so viele Talente auf den rechten Weg führte. 
Wenn sie auf dem Gebiet des hohen Kothurns nicht 
die gleichen Erfolge erntete, so lag dies nicht in 
der mangelnden Begabung, es batte vielmehr in 
dem Vorurteil des Publikums seinen Grund, das 
sie nun einmal als Soubrette registriert batte und 
deshalb auch in der Darstellerin der „Medea“ oder 
„Iphigenie“ nur die Soubrette sehen wollte. — 
Im Alter von 78 Jahren starb der liebenswürdige 
und erfindungsreiche Lustspieldichter Gustav von 
Moser in demselben Görlitz, in dem sein erstes 
- (1856) infolge einer Wette entstandenes — Stück in 
ihm den Beruf zum Bühnenschriftsteller weckte. 
Moser ist am 11. Mai 1825 in Spandau geboren, 
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wurde als Sohn eines Majors für die militärische 
Laufbahn bestimmt und im Berliner Kadettenkorps 
erzogen. Nach dem Erfolge seines ersten Stückes 
nahm er den Abschied, um auf seinem Gut Holz 
kirchen bei Lauban in Schlesien sich der Land 
wirtschaft und seiner Muse zu widmen. Später 
siedelte er nach Görlitz über. Seine Haupterfolge 
fallen in die 70er und 80er Jahre. Später, als die 
Literaturbewegung andere Bahnen einzuschlagen be 
gann, trat er mehr und mehr zurück. Von seinen 
zahlreichen Stücken, er hat deren über 100 teils 
allein, teils unter Mitwirkung anderer Autoren ver 
fasst, gehören einzelne auch heute noch zu dem 
ständigen Repertoir der Theater; „Ultimo“, „Der 
Veilchenfresser“,„KriegimFrieden“, „ Reif-Reiflingen“, 
„Der Registrator auf Reisen“ und andere. Der neue 
Faden, den er in die Lustspielliteratur hineinbrachte, 
war der moderne Militär- und Offiziershumor, den 
er während seiner Dienstzeit in sich aufgenommen 
hatte und den er dann später in harmlos-liebens 
würdiger Weise zur Geltung brachte. — 
Durch seine tief und feinsinnig empfundenen 
Lieder hat sich Victor von Woikowsky-Biedau in 
derniusikalischen Welt bereits einen Namen von gutem 
Klang erworben. In jüngster Zeit hat Woikowsky ein 
abendfüllendes Tondrama „Helga“ geschaffen, dessen 
Dichtung ebenfalls aus seiner Feder stammt. Das 
Werk wird in Wiesbaden seine Erstaufführung er 
leben. — 
Der bekannte Musiker und Komponist Moritz 
Moszkowski lebt seit längeren Jahren in Paris. Bei 
Gelegenheit der Enthüllung des Wagnerdenkmals 
wirkte er als Dirigent bei den mit der Festlichkeit 
verbundenen Konzerten mit. Gleichfalls der Wagner 
feier verdanken wir die Bekanntschaft des hervor 
ragenden Baritonisten F. Delmas von der Pariser 
Grossen Oper. Er nahm unter grossem Beifall als 
Solist an dem Empfangskonzert im Reichstags- 
gebäude teil. — 
Julius Spielmann, der durch seine Gastspiele den 
Berlinern wohlbekannte Wiener Operetten-Tenor, 
singt am 16. November im Theater des Westens die 
Titelrolle in Planquettes Rip-Rip. 
Olga Wohl brück, die Verfasserin unserer No veile tte 
„Die Heilige“ erfreut sich als Schriftstellerin eines 
klangvollen Namens. Besonders bekannt wurde sie 
durch ihre Rezitationen im Genre der Yvette Guilbert, 
mit denen sie seinerzeit im Ensemble Wohlzogens 
debütierte. — 
Eine äusserst interessante Jagd ist die Jagd auf 
wilde Kaninchen mit dem Frettchen. Man kommt 
den ausserordentlich scheuen und flinken Tieren, 
die sich niemals weit von ihren Bauen entfernen 
und beim geringsten Geräusch mit fabelhafter Ge 
schwindigkeit in diese zurückfahren, mit dem Frettchen 
am besten bei. Die vier bis fünf Zugänge oder 
Röhren des Baues werden zu einer Zeit, in der das 
Kaninchen sich darin aufhält, mit Netzen geschlossen, 
die an den Boden angepflöckt werden. Dann wird 
das Frettchen seinem Kasten entnommen und in 
den Bau gelassen. Der geängstigte Karnickel, der 
sich plötzlich seinem Todfeind gegenüber sieht, 
fährt wie aus der Kanone geschossen aus dem Bau 
und sitzt im nächsten Augenblick in dem Netz 
gefangen. Das Frettchen kommt ganz gemächlich 
wieder heraus und beim nächsten Bau wird dasselbe 
Manöver wiederholt. Weit interessanter aber ist es, 
wenn die Jäger, anstatt die Röhren mit Netzen zu 
schliessen, sich auf der Mitte des Baues und möglichst 
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mit dem Rücken gegeneinander aufstellen und den 
herausfahrenden Karnickel abschiessen. Es gehört 
allerdings dazu eine ausserordentliche Geschick 
lichkeit und Fixigkeit im Schiessen. Eine besondere 
Eigenschaft des Kaninchens erleichtert indessen 
dem Jäger die Sache ganz bedeutend. Ehe es 
nämlich aus dem Bau fährt, verursacht es ein deutlich 
wahrnehmbares Geräusch, welches wie ein kurzes, 
scharfes Trommeln klingt. Das ist also für den 
Jäger das Signal zum Aufpassen. Ganz so einfach 
und programmmässig verläuft nun allerdings die 
Jagd nicht immer. Manchmal hat das Frettchen 
auch seine Laune. Und anstatt den Karnickel aus 
dem Bau zu treiben, erwürgt es ihn einfach, saugt 
ihm das Blut aus und legt sich müde und satt neben 
sein Opfer zum Schlafen hin. Den verzweifelten 
Jägern bleibt dann nichts übrig als zu warten, bis 
es ausgeschlafen hat, was Stunden dauern kann, 
oder es auszugraben, was natürlich auch nicht 
immer leicht ist. Manchmal gelingt es auch, den 
Missetäter aufzuwecken, wenn man die Schrotfüllung 
der Patrone abschneidet, den Flintenlauf in die 
Röhre steckt und abdrückt. Durch den Knall und 
besonders durch den unangenehmen Pulverdunst, 
der sich in dem Bau verbreitet, wird das Frettchen 
dann zuweilen bewogen, etwas geschwinder heraus 
zukommen. Aber es ist dann faul und für den Tag 
nicht mehr zu gebrauchen. Um das Frettchen am 
Erwürgen der Kaninchen zu verhindern, legt man 
ihm auch einen mit Glöckchen versehenen Maulkorb 
um, wie unser Bild zeigt. — 
Der Berliner Automobilklub veranstaltete sein 
erstes Rennen unter sehr ungünstigen Auspizien. 
Schon Tage vorher hatte es geregnet und der 
lehmige Boden der Rennbahn in Westend war in 
einen grossen Brei verwandelt; Fahrer und Wagen 
sahen zum Schluss aus wie Tonfiguren, man hätte 
sie nur in den Brennofen zu stecken brauchen, um 
die schönsten Terracotten zu erhalten. Dass unter 
diesen Umständen der Sport nicht bedeutend war, 
ist begreiflich; immerhin war es ein Anfang. 
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* 
Professor Dr. Max Breitung in Coburg, weit über 
die Grenzen Europas hinaus als Spezialist für Hais 
und Ohren-Krankheiten bekannt, hat soeben auf der 
Versammlung deutscher Naturforscher und 
Aerzte in Cassel im „Deutschen Verein für 
Volkshygiene“ einen mit ganz ungewöhnlichem 
Beifall aufgenommenen Vortrag: „Ueber die 
sozialpolitische Bedeutung der Volks 
hygiene“ gehalten. An die von ihm aufgestellte 
Forderung der Loslösung des Medizinalwesens vom 
Kultusministerium und die Begründung eines, die 
gesamten humanitären Bestrebungen einheitlich 
leitenden „Ministeriums für Volkswohlfahrt“ 
hat sich eine tiefgreifende nachhaltige Bewegung 
angeschlossen. Männer, denen man nachsagt, dass 
sie es verstehen, der Zeit den Puls zu fühlen, wollen 
wissen, dass die Schaffung des neuen Ministeriums 
schon in absehbarer Zeit bevorsteht, da das Interesse 
der Nation ein solches gebieterisch verlangt. Ob 
an die Spitze des Ministeriums, wie Prof. Dr. Max 
Breitung verlangt, ein Arzt mit voller hygienischer 
und sozialpolitischer Durchbildung tritt, ist noch 
unentschieden, aber zum Mindesten sehr wahr 
scheinlich. Professor Dr. Max Breitung, der seine 
Autorität in zahlreichen grundlegenden Schriften 
dokumentiert bat, hat soeben sein fünfzigstes Lebens 
jahr erreicht. Wt.
        
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