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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Auferstehung, Tolstojsjgrosses Phantasiegemälde 
von der sittlichen Wiedergeburt des Menschen er 
schien, in fünf Akten für die Bühne ausgeschlachtet 
von A. Bataille, durch gütige Vermittelung von Frau 
Annie Neumann-Hofer auf den Brettern des Lessing 
theaters und veranlasste eine bedeutende Hebung 
des Taschentuchkonsums. Von dem geistigen Ge 
halt der Tolstojschen Dichtung verspürt man kaum 
einen Hauch; und die handelnden Personen tragen, 
ausser den Namen, nichts mehr von ihrer ursprüng 
lichen Gestalt an sich. Zudem hat sich der Be 
arbeiter seine Aufgabe dadurch erschwert, dass er 
der, der eigentlichen Handlung um 9 Jahre vorauf 
gehenden, Verführung den ganzen ersten Akt 
widmete und sich so um ein gut Teil Spannung und 
Raum für die weitere Entwickelung brachte. Eine 
weise Oekonomie verlangte hier, dass die Verführungs- 
geschichte im Verlauf der eigentlichen Handlung 
eingeflochten wurde, um so, durch Vorwegnahme 
der Folge und allmähliche Erklärung der Ursache 
die Anteilnahme zu steigern. Die Handlung selbst 
ist einem gebildeten Publiko zu bekannt, als dass 
ich sie hier nicht noch einmal wiederholen müsste. 
Der Fürst mit dem zungenbrecherischen Namen 
Njechljudow verführt in der Osternacht Katjuscha, 
ein junges Mädchen auf dem Gute seiner Tante, 
halb Dienerin, halb Adoptivkind dieser würdigen 
Dame. Die Osterglocken läuten, es ist alles sehr 
stimmungsvoll, d. h. im Roman, nicht im Stück, wo 
überdem in der Liebesszene die Darstellung (Fürst 
Julius Strobel, Katjuscha Maruschka Laue) alles 
schuldig blieb. Am nächsten Morgen reist der Fürst 
ab, in den Krieg gegen die Türken. Das unglück 
liche Mädchen aber wird Mutter, wird von der Tante 
davongejagt, verkommt und endet schliesslich in 
einem öffentlichen Hause. Nach neun Jahren wird 
der Fürst, der inzwischen aus dem Türkenkrieg 
zurückgekehrt ist und seine Tante beerbt hat, Bei 
sitzer des Geschworenengerichts, das eine Person 
wegen Mordes und Diebstahls abzuurteilen hat. Sie 
ist zwar augenscheinlich unschuldig, aber die Herren 
Geschworenen haben es eilig zum Mittagessen und 
verurteilen sie zu zwanzig Jahren Deportation nach 
Sibirien. Diese Person ist Katjuscha; sie heisst 
aber jetzt Maslowa. Der Fürst erkennt sie wieder. 
Sein Gewissen, das russische Gewissen der Tolstoj 
und Gorki, erwacht in ihm, er versucht alles zu 
ihrer Rettung, vergeblich, sie wird verurteilt. Am 
nächsten Tag besucht er sie im Frauengefängnis, 
er spricht zu ihr, sehr schön von Schuld und Reue 
und Sühne, bis er merkt, dass sie ihn garnicht 
versteht, sie ist betrunken. Aber er beschliesst, 
nicht von ihr zu weichen, bis er sie gerettet hat. 
Durch seinen fürstlichen Einfluss wird sie in 
der Krankenabteilung des Gefängnisses beschäftigt 
und hier in der menschlicheren Umgebung und 
Behandlung beginnt die „Auferstehung“. Das ehe 
malige Freudenmädchen weist die Zudringlich 
keiten des Krankenwärters voll Ekel zurück; er 
will Gewalt gebrauchen, man kommt dazu; der 
Mensch schiebt alle Schuld auf die Maslowa, sie hat 
ihn belästigt. Wie ein Kapitel aus einem bösartigen 
Hintertreppenroman wirkt diese Szene in ihrer 
brutalen Absichtlichkeit. Die Maslowa schweigt zu 
der Anschuldigung, schweigend und stolz erträgt 
sie die Verachtung aller, auch die des Fürsten. 
Umgehend wird ihre Deportation verfügt. Auf dem 
Wege in die Verbannung findet der Auferstehungs 
prozess seinen Abschluss; natürlich alles hinter den 
Kulissen. Sie gewinnt die Liebe eines politischen 
Deportierten. Simonson, ein komischer Kauz, der 
Typus des revolutionären Jung-Russland, will sie 
heiraten. Aber die Maslowa liebt den Fürsten, heiss 
und innig, wie einst, da sie noch als unerfahrenes 
Mädchen Katjuscha hiess; er soll die Antwort geben. 
Und wieder läuten die Osterglocken; der Fürst, ge 
treu seinem Gelöbnis, ist in der Etappenstation, in 
welcher der Gefangenentransport Rast macht, ange 
kommen und „Aha, jetzt kriegen sie sich!“ seufzt 
erleichtert meine Nachbarin, die bereits ihr drittes 
Taschentuch mit Tränen seliger Rührung beträufelt 
hat. Aber nein, verehrte Dame, diese Geschmack 
losigkeit hätte sich vielleicht ein deutscher Bearbeiter 
geleistet. Der bessere Geschmack der Franzosen 
vermied die Klippe. Katjuscha und der Fürst 
nehmen Abschied von einander; er hat seine Schuld 
gesühnt, die Gnade des Zaren, die er für sie an 
gerufen, verwandelt die Strafe in zwangsweise An 
siedelung in bewohnteren Gegenden; sie wird Simon 
son heiraten und, nunmehr wieder Katjuscha, eine an 
ständige Frau werden — wie so viele andere ihres 
gleichen, auch ohne den Aufwand an bombastischem 
Auferstehungsgerede es geworden sind. — In 
szenierung und Darstellung waren durchweg 
lobenswert. Nur hätte im Gefängnisakt die Rolle 
der Schwindsüchtigen nicht einem jungen, Kraft 
und Gesundheit strotzenden Mädchen mit vollen, 
runden Kinderwangen übertragen werden dürfen. 
Indessen bemühte sich Fräulein Annie Bartl, der 
dieses Geschick zuteil ward und die sich bereits 
im vorigen Jahre am Neuen Theater als vielver 
sprechende Anfängerin bemerkbar gemacht hatte, 
voll aufopfernder Selbstverleugnung so naturgetreu 
zu husten, dass empfindsame Zuschauer vor Be 
wunderung und Mitleid zerflossen. 
Im Berliner Theater errang ein homo novus mit 
seinem Erstlingswerk, Kater Lampe, Komödie in 
vier Akten, einen bemerkenswerten Erfolg. Der 
Verfasser des Stückes, Emil Rosenow, ist allerdings 
im bürgerlichen Leben kein Neuling mehr, denn er 
gehört als M. d. R. zu den Auserwählten des Volkes. 
Und es ist nach der Talentprobe, die er mit Kater 
Lampe abgelegt hat, nicht ausgeschlossen, dass er 
auch einmal zu den Erwählten auf dem Parnass 
zählen wird — zumal bei der Aermlichkeit der 
Sturmgesellen, die mit ihm nach dem Gipfel streben. 
Denn er c ;besitzt allerhand für einen Dramatiker 
schätzbare Eigenschaften; sichere Beobachtungsgabe 
und starkes Charakterisierungsvermögen, daneben 
einen behaglichen Humor, dem es auch im gegebenen 
Moment nicht an satyrischen Spitzen fehlt, und ins 
besondere die beneidenswerte Eigenschaft, aus einer 
so winzigen Sache, wie es der Streit um den Kater 
ist, vier unterhaltsame Akte zu machen. Denn das 
ganze Stück dreht sich ausschliesslich um den Kater, 
den ein armer Spielwarenschnitzergeselle in einem 
sächsischen Erzgebirgsdorf sein einziges Eigentum 
nennt. Das Tier hat sich verschiedentlich und zu 
letzt bei dem reichen Spielwarenverleger Neubert 
missliebig gemacht. Neubert erhebt Klage beim 
Gemeindevorstand Ermischer, einem mit geringen 
Verstandesfähigkeiten und grosser Abscheu gegen 
Waschwasser und Seife ausgerüsteten „Kartoffel 
bauern“. Der „Fürstand“ berichtet an den Amts 
hauptmann über den Fall und dieser dekretiert die 
Inhaftierung des Missetäters. Neumerkel, der Ge 
sell, erhebt Widerspruch gegen die Verhaftung 
seines Katers und dieser wird bis zur Klarlegung 
der Sache beim Gemeindediener Seifert in Kost und 
Logis gegeben. Aber keiner will das Kostgeld be 
zahlen. Die Amtshauptmannschaft schiebt es auf 
die Gemeinde und diese auf den Gesellen u. s. f. 
Schliesslich hat der bei einem Gehalt von 12 Neu 
groschen täglich hungernde Gemeindediener bereits 
einen Taler 15 Neugroschen zu fordern, da erliegt 
er der Versuchung, die in Gestalt seiner Gattin an 
ihn herantritt, und an einem dienstfreien Sonntag 
steigt er, den Hirschfänger in der Faust, die Leiter 
zum Heuboden hinan und schlachtet den unglück 
lichen Kater, um ihn als Sonntagsbraten zu verzehren. 
Während das Katervieh appetitlich duftend in der 
Pfanne schmort, führt der Teufel just den windigen 
Bezirksgendarm Weigel herzu, dem der seltene Duft 
in die Nase steigt. Die Frau lügt, es sei ein im 
Schnee erfrorener Hase, den sie auf ihrem Acker 
stück gefunden und damit er den „Jagdfrevel“ nicht 
anzeigt, läd sie ihn zum Essen ein. Unter Assistenz 
des sternhagel betrunkenen Briefträgers, der mehrere 
Flaschen Schnaps spendiert und dessen ebenso be 
zechter Ehegattin wird der „Lampe“ verspeist. 
In das wüste Gelage hinein kommt Neumerkel, der 
Geselle, um nach seinem Kater zu forschen und 
wird hinausgeworfen. Im letzten Akt aber erlegt 
er sämtliche Kosten und hat nun das Recht, seinen 
Kater zuriickzuverlangen. Nun muss sich der Ge 
meindediener unter allgemeinem Hohngeschrei der 
im Wirtshaus versammelten Dorfbewohner zu dem 
Geständnis bequemen: Der Herr Bezirksgendarm 
hat den Kater als Lampe verspeist. Mit dieser 
eigentlichen Katergeschichte ist noch eine zweite ver 
quickt, die aus der Insubordination des windigen und 
frechen Gendarmen gegen den „Fürstand“ hervorgeht. 
Der arme, „Katzen - Ermischer“ getaufte „Fürstand“ 
ist von dem Weigel bisher auf die unverschämteste 
Art gehunzt worden, nun aber gewinnt er durch die 
grobe Pflichtverletzung des Gendarmen Oberwasser 
und es bleibt diesem, da er ohnedies schon allerhand 
auf dem Kerbholz hat, nichts übrig, als sich auf 
Gnade und Ungnade zu ergeben. Mit dieser äusserst 
drastischen und komischen Pointe schliesst das 
Stück. — Findige Kritici haben dem Verfasser nach 
gerechnet, er habe sich Flauptmanns Biberpelz zum 
Vorbild genommen. Mich wundert nur, dass sie nicht 
auch herausgefunden haben, das Stück sei — in An 
sehung, dass der Autor sozialdemokratischer Ab 
geordneter ist, lag die Vermutung wirklich sehr nahe— 
nur symbolisch aufzufassen. Merkel, der arme Ge 
sell, repräsentiert das ganze Volk, das nur einen 
Kater hat und dieser Kater bedeutet — aber nein, 
ich will den Vergleich lieber nicht weiter ausführen, 
sonst findet die Zensur noch nachträglich ein Haar 
in der Sache. Gustav tfeppert.
        
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