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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Strasse bis zur Chausseestrasse hinunterstürzt und 
dann rechts herauf nach der Invalidenstrasse zu 
einbiegt. 
„Ich hab’ den Künstlerehrgeiz in ihm geweckt,“ 
denkt der Kleine schmunzelnd. „Wer weiss, was 
noch aus ihm wird; dann ist es mein Verdienst.“ 
Im übrigen lässt er sich Zeit. Im Varietö wird 
er Peter schon wieder finden. 
Der Geiger hat seine fünfundzwanzig Pfennige 
Entree nachlässig wie ein Grand Seigneur auf den 
Kassentisch geworfen. Den Türsteher, der ihm seines 
verlumpten Aussehens halber den Eintritt wehren 
will, hat er einfach bei Seite gestossen. 
In dem schlecht beleuchteten, von Tabakwolken 
durchzogenen Raum sieht er nichts als auf der 
kleinen, dürftig ausgestatteten Bühne, ein strahlend 
schönes, blondes Geschöpf, das er als junger Bursch 
im Arm gehalten, hört er nichts als eine süsse, 
leicht umflorte Stimme den Refrain eines Liedes 
singen, das er ungezählte Male auf der Geige be 
gleitet hat. 
„Wenn die Linden blühen süss im Mondenschein, 
Will ich Trautgeselle wieder bei Dir sein.“ 
ln langen Sätzen ist er durch den schmalen 
Seitengang bis an das Podium gestürzt. Unterhalb 
desselben im Halbdunkel hockt der Begleiter der 
schönen Jenny, ein dürftiger, blonder Geselle, der 
halb im Schlaf, ohne jeden Ausdruck und ohne jede 
Nüance die Begleitung herunterleiert. 
Gerade setzt die Sängerin oben zur zweiten 
Strophe an, als Peter neben dem müden Gesellen 
angelangt ist. Ohne weitere Zeremonie nimmt er 
ihm die Geige aus der Hand, legt sie auf den Boden, 
und ohne abzuwarten ob er ihm Platz machen will 
oder nicht, drückt er sein Instrument an die Brust 
und fährt mit dem Bogen über die Saiten, ihnen 
süsse, traurige Töne entlockend, wie sie zu dem 
traurigen Liede taugen. 
Das spärlich versammelte Publikum stutzt einen 
Augenblick, aber es macht sich keine besonderen 
Gedanken darüber, dass die Geige unterhalb der 
Bühne plötzlich beinahe eine ebenso reizvolle Stimme 
bekommen hat, als der Liebling des Varitös, die 
schöne Jenny oben auf dem Podium. 
Die aber wird blass, stockt und sucht mit ver 
störten Blicken in dem Halbdunkel unter ihr nach 
einem Gesicht, nach dem sie ebenso heiss sich 
sehnt als sie sich vor ihm fürchtet. 
Noch ehe sie es deutlich erkennt, ruft eine Stimme, 
die sie unter tausenden erkannt hätte, leise und fest 
herauf: 
„Sing’ weiter,“ eine Stimme, der sie nie zu trotzen 
gewagt, so lange sie in ihrem Bann gewesen. 
Auch jetzt folgt sie dem Ruf, bedingungslos, ohne 
Zaudern. 
Die da unten haben die schöne Jenny noch nie 
mals so wundervoll singen gehört. 
Oder ist sie es garnicht? Ist es die Geige, die 
so süsse Töne singt, lockend und verheissend, 
hingebend weich und dann wieder trotzig fordernd? 
Jetzt ist der letzte Vers zu Ende. Noch einmal 
erklingt der Refrain: 
„Wenn die Linden blühen süss im Mondenschein, 
Will ich Trautgeselle wieder bei Dir sein.“ 
Aber es ist kein Singen mehr, es ist nur noch 
ein Schluchzen, das die Geige unten triumphierend 
übertönt. 
Dann fällt der Vorhang. Die Leute klatschen, 
lange, unermüdlich. Am Ende lassen sie nach, als 
die schöne Jenny nicht kommen will, und trösten 
sich damit, dass sie sie heut noch einmal hören 
werden. 
Nachdem der Saal wieder hell geworden, blicken 
sie nach dem geheimnisvollen Geiger aus. Er ist 
verschwunden, unsichtbar wie er gekommen ist. 
Mit dumm verschlafenem Gesicht hockt der andere 
auf seinem Sessel. Neben ihm am Boden liegt seine 
hölzerne, klanglose Geige. Er weiss nicht, wer ihn 
so plötzlich abgelöst. Es muss so etwas wie der 
Gottseibeiuns in eigner Person gewesen sein, etwas 
schwarzes, zorniges, teuflisches. 
Im Fluge hat Peter den Zugang zur Bühne er 
fragt. In langen Sätzen ist er durch den dunklen 
Torweg auf einen engen Hof gestürzt und über eine 
schmale steinerne Treppe. Auf dem Absatz zum 
zweiten Stock, auf den die Türen zu den Garderoben 
münden, steht ein altes Weib mit einem Strickstrumpf, 
das Wollknäuel unter den linken Arm geklemmt. 
Er wirft ihr nachlässig seine letzten zwanzig Pfennige 
hin. 
„Rasch! Rufen Sie mir die schöne Jenny heraus.“ 
Spott, Hohn, Verzweiflung fliegen über sein ab 
gezehrtes Gesicht. 
Die Alte steht unschlüssig da und gafft ihn an. 
Was hat der Lump mit der Jenny zu tun? Die 
ist, so viel sie weiss, ein ordentliches Mädchen, das 
sich und die Mutter von der anständigen Gage an 
ständig ernährt. 
„Wirds bald, alte Vettel 1 “ ranzt er sie an. 
Da macht sie, dass sie weiter kommt. Mit dem 
scheint’s nicht gut Kirschen essen. 
Zwei Minuten später steht die schöne Jenny vor 
ihm, weiss bis in die Lippen, zitternd vor Angst, 
und doch mit einer unbezwinglichen Sehnsucht in 
den Augen. Sie trägt noch das weisse schlichte 
Gewand, in dem sie das Lied von den blühenden 
Linden gesungen hat. 
Sie will etwas sagen, aber sie verstummt vor dem 
langen, grausamen, richtenden Blick, mit dem er an 
ihr heruntersieht. 
Endlich öffnet er die trockenen, spröden Lippen. 
„Nimm etwas um. Komm.“ 
Sie nickt kaum merklich mit dem Kopf. In 
wenigen Augenblicken ist sie wieder beim ihm, 
einen einfachen Hut auf dem blonden Haar einen 
unscheinbaren Mantel um die Schultern. 
Schweigend gehen sie die steile steinerne Treppe 
hinunter, durch den lichtlosen Torweg auf die Strasse 
hinaus. 
Es ist inzwischen ganz dunkel geworden. Noch 
immer liegt die Hitze schwül und lastend auf der 
Stadt. 
Peter überschreitet die Chausseestrasse und ver 
folgt die Invalidenstrasse immer weiter nach Westen 
zu. Jenny hält sich stumm an seiner Seite, zitternd, 
mit zusammenschlagenden Zähnen, als ob sie in 
Dezemberkälte ginge. Ab und zu wirft sie einen 
verstohlenen Blick auf ihn, wenn sie gerade an einer 
Gaslaterne vorübergehen. Undurchdringlich finster 
sind seine Züge. Nichts regt sich in ihnen, das 
Vergeben verheisst. 
Jetzt haben sie den Invalidenpark erreicht. Er 
ist um diese späte Stunde geschlossen, aber das 
breite Geäst der uralten Bäume hängt weit über 
das Gitter herüber und scheint Kühle und Schutz 
spenden zu wollen. 
Erschöpft lehnt Jenny gegen die Eisenstäbe. 
Peter bleibt vor ihr stehen. 
Es ist still und dunkel und einsam hier. Schwer 
weht der Duft blühender Linden über sie hin. 
Er schluckt ein paar Mal heftig, ehe er sprechen 
kann. 
„Warum hieltst Du nicht, was Du versprochen? 
Warum kamst Du nicht? Drei Jahre hab’ ich Dich 
gesucht. Warum hast Du das aus mir gemacht?“ 
Er sagt es ganz einfach ohne jedes Pathos, aber 
ein Blick wilder Verzweiflung lodert über sie hin. 
„Ich? Ach mein Gott, Peter!“ Sie bricht in 
Schluchzen aus. 
„Weine nicht und lüge nicht. Sprich.“ 
Sie sieht ihn hilflos aus ihren schönen grauen 
Augen an und hält sich, an allen Gliedern bebend, 
am Gitter fest. 
Leute kommen vorüber und sehen neugierig auf 
das seltsame Paar. 
Peter wird ungeduldig. 
„Komm“, sagt er und nimmt sie bei der Hand, 
zum ersten Mal nach drei langen Jahren. Ein 
Schauer läuft über ihn hin. Als ob er Feuer an 
gefasst, so rasch lässt er die Hand wieder fallen. 
„Komm“, sagt er noch einmal. 
Sie gehen bis an den kleinen Kanal, der in den 
Nordhafen fliesst und dessen Böschung von den 
Bäumen des Invalidenparks grün Überhängen 
ist. Dem Park gegenüber am andern Ufer 
führt ein schmaler Weg an dem Wasserlauf entlang 
bis an den Nordhafen. Den gehen die beiden. 
Irgendwo in der Nähe weiss Peter eine Bank. 
Vielleicht ist sie leer. Da können sie abrechnen 
und dann — weiter denkt er nicht. 
Wirklich fand er was er suchte, obwohl er seit 
Jahren nicht hier gewesen ist. 
Er drückt das Mädchen neben sich nieder. 
„Also sprich. Willst Du nicht, so kann ich reden, 
denn so ungefähr weiss ich ja doch, warum Du 
nicht gekommen bist.“ 
Sie haschte nach seiner Hand, die er ihr rasch entzog. 
„Als ich nach Graudenz ging —“ 
„Versprachst Du zu mir zurück zu kommen, 
wenn die Linden blühten.“ 
Zum ersten Mal lag etwas weiches, leise zärtliches 
in seiner rauhen Stimme. 
„Und dann —“ fuhr sie zaghaft fort. 
„Kam der andere Dir nach, der Geck, der 
Mädchenjäger —“ 
Heiser und unterdrückt stiess er’s hervor. 
Das schöne Mädchen wurde noch um einen 
Schatten bleicher und erschauerte leicht. 
„Und Du tatst gefällig, was er und Deine ehren 
werte Mutter von Dir verlangten, und dann liess er 
Dich sitzen und die Reue kam Dir und darum kamst 
Du nicht zurück.“
        
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