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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Wenn die kinden blühen. 
Von J)ora Tuneser. 
)in schwüler Abend um den Anfang Juli. 
^ Grosstadthitze brütet über der engen 
Strasse im Norden Berlins, dumpfe Gross- 
stadthitze, die zugleich aus den durchglühten 
Mauern der Riesenhäuser, aus dem Strassenpflaster, 
aus den hin und her drängenden Menschenhaufen, 
aus jedem Winkel der Strasse zu dringen scheint. 
Still, grau, dumpf und träge steht die Luft. 
Plötzlich von irgendwo her regt sich’s, etwas 
wie ein erlösender Windhauch fegt über die Strasse 
hin und trägt von den nahen Kirchhöfen her einen 
Duft von blühenden Linden in den schwülen Brodem 
hinein. 
Die Arbeiter, die von den Fabriken durch die 
enge Strasse nach Hause eilen, bleiben einen Augen 
blick stehen. Die halbnackte Brust hebt sich, die 
Nasenflügel blähen sich, aber die finsteren geröteten 
Augen hellen sich nicht auf. Die Linden blühen, 
ja, aber was bedeutet ihnen das? Nichts als durch 
die Hundstagshitze erschwerte Arbeitslast. 
Sie gehen weiter, rasch, trotz der dumpfen Glut. 
Die einen erwartet die Frau mit dem Abendbrot im 
verhältnismässig kühlen Zimmer, die anderen das 
Kellerlokal oder ein billiger Gartenschank mit seiner 
kühlenden Weisse. 
Unbekümmert um die vornübergebeugt vorwärts 
Trottenden, spielen scharenweis Kinder auf dem 
Strassenpflaster Murmel und Himmel und Hölle. 
Von den Frauen und Mädchen, zumeist Arbeiter 
innen und Ladenbedienstete bleiben einige für einen 
Augenblick bei den spielenden Kindern stehen, die 
meisten gehen gleichgiltig vorüber. Die es eilig 
haben ärgern sich, dass sie durch die Kinder auf 
gehalten werden. Ab und zu tritt eine Frau aus 
einem dunklen Torwege und ruft eines der Kinder 
ab. Sie händigt ihm ein paar Pfennige ein und gibt 
Auftrag, rasch dies oder das vom Kolonialwaren 
händler an der nächsten Strassenecke herbei 
zuholen. 
Das Kleine zieht einen Mund, aber es weiss, 
Mutter duldet keinen Widerspruch. 
Plötzlich dringt aus einem der Höfe Geigenspiel. 
Die Kinder brechen ihre Spiele ab und stürzen zu 
Haufen dem Klange nach. Auch die Erwachsenen, 
Frauen und Mädchen und ein paar junge Burschen, 
gehen auf eines der ältesten Häuser der engen 
Strasse, eine baufällige Baracke mit einem weiten, 
von Werkstätten, Stallungen und Remisen umgürteten 
Hofraum zu. 
ln der Mitte des Hofes steht der Geiger, von 
Frauen und Kindern dicht umdrängt, ein hagerer 
schwarzer Mensch mit sonnverbranntem Gesicht, 
dem man seine Jahre schwer ansehen kann. 
Niemand weiss so recht eigentlich zu sagen, 
woher er kommt und wohin er geht. Oft kehrt er 
zur Sommerszeit jeden Abend in der engen Strasse 
ein, dann wieder verschwindet er auf Wochen und 
Monate. Im Winter lässt er sich beinahe niemals 
sehen. Auch heute kommt er seit Ausgang Mai zum 
ersten Male wieder. Die Kinder jubeln, dass der 
„schwarze Peter“ wieder da ist. 
Während er ein schwermütiges Volkslied und 
dann einen lustigen Walzer spielt, unterhalten sich 
die Aelteren unter seinen Stammgästen darüber, 
wo der Peter während der langen Zeit wieder ge 
steckt haben mag! Er sieht, wenn möglich, noch 
verwahrloster und heruntergekommener als im Früh 
jahr aus. Die einen behaupten, dass er trinkt, die 
andern, dass er hungert, vielleicht auch alles beides. 
Dritte meinen, dass er eine Liebschaft habe, die 
ihn ruiniert, andere wieder, dass Eltern und Ge 
schwister ihm am zerrissenen Rockschoss hängen. 
„Hier ganz in der Nähe soll er hausen. Er ist 
ein gut Berliner Kind.“ 
Andere widersprechen und behaupten, dass er 
ein Zigeuner, mindestens ein Italiener oder Spanier 
sei. Gott weiss, vielleicht ein entlaufener Sträfling. 
Manchmal hat er einen so wilden drohenden Blick, 
als suche er nur danach, etwas zu vernichten, zu 
zerstören, eine Tat des Verbrechens oder des Wahn 
sinns zu begehen. 
Ein junges Mädchen, eine der Wäscherinnen 
drüben aus der grossen Waschanstalt widerspricht 
ihnen eifrig. 
„Nein, er sieht nur traurig aus, nicht schlecht; 
fürchterlich traurig, so, als ob er ein schreckliches 
Schicksal hätte.“ 
„Sie haben wohl den neusten Schauerroman 
,Carlos, der verlassene Liebhaber' gelesen, 
Fräulein?“ höhnt ein junger Arbeiter, der das 
hübsche frische Mädchen im Geheimen verehrt. 
Aber sie macht sich nichts aus seinen Sticheleien 
und verteidigt Peter und sein Geschick. 
Ein junger Mensch mit einem roten Schlips, 
einem Dreimark-Panama, den er für echt ausgibt, 
und karrierten Beinkleidern mischt sich ins Gespräch. 
Er ist Kommis in einem Warenhaus in der Chaussee 
strasse und kennt die Welt. Was er sagt wird be 
dingungslos anerkannt. Er ist so zu sagen Knigge 
und Konversationslexikon zugleich für die enge 
Strasse. 
„Ich will Ihnen etwas sagen, meine Herrschaften“, 
hebt er selbstgefällig an, „dieser Peter ist ein ganz 
dummer Kerl. Was hat er auf den Höfen herum 
zuspielen. Er hat mehr Genie im kleinen Finger — 
ich kann es beurteilen, denn ich habe in Wien ge 
lebt und Strauss gehört — als manch einer, der 
sich in Konzertsälen hören lässt.“ 
Das kleine Waschmädchen wird ganz rot vor 
Freude. 
„Da ist zum Beispiel jetzt ein neues Varietd an 
der Ecke der Invalidenstrasse. Der Kerl, der die 
Sängerin auf der Geige begleitet, ist ein Stümper 
gegen Peter.“ 
Mittlerweile hat Peter seinen Walzer zu Ende 
gespielt; müde und verträumt hält er die Geige 
lässig in der Hand. Sie haben ihm ein Glas Bier 
gebracht, aber er leert es nicht wie sonst auf einen 
Zug mitten unter seinen Getreuen. 
Die Hitze oder irgend etwas, von dem niemand 
weiss, scheint ihm arg zugesetzt zu haben. 
Er schleicht sich, in der einen Hand das Glas, 
in der anderen die Geige, in einen Winkel hinten 
an der Remise und setzt sich auf einen umgestülpten 
Schiebkarren. 
Der Kommis mit dem roten Schlips und das 
kleine Waschmädel gehen ihm nach. Nach und nach 
folgen auch noch andere. „Ich hab’s eben dem 
Fräulein gesagt, Peter, Sie sollten das Spielen auf 
den Höfen aufgeben; Sie könnten ein schönes Stück 
Geld verdienen, wenn Sie zum Beispiel in Wien im 
Prater spielten, oder wenn Sie nicht fort wollen, 
hier in Varitös.“ 
Als der Kleine von Wien spricht, schüttelt Peter 
heftig abwehrend den Kopf, dann lächelt er melan 
cholisch und sieht an seiner verlumpten Gestalt herab. 
Der Rotgeschlipste macht eine verlegene Be 
merkung. 
Die Kleine aber sagt beherzt: 
„Dem Hesse sich doch abhelfen, Herr Peter. Und 
wenn, wie der Herr hier sagt —“ das kleine Wasch 
mädel sieht fragend und aufmunternd zu dem Kommis 
hin — „der Violinspieler an der Invalidenstrasse viel 
weniger kann als Sie —.“ 
„Daran ist nicht zu tippen, ich versteh’ mich auf 
Musik. Habe in Wien Strauss an die paar Dutzend 
Male gehört.“ 
Ueber Peters schmales abgehärmtes Gesicht fliegt 
ein Leuchten. 
„Sie wären der Richtige, mit der „Schönen Jenny“ 
aufzutreten.“ 
Peter setzt das Glas, das er eben an die Lippen 
gezogen, rasch wieder ab. Eine Glutwelle geht über 
sein Gesicht und verschwindet wieder. 
Dann fragt er stockend: 
„Die schöne Jenny? Wer ist das?“ 
„Eine Chantant-Sängerin, aber prima. Ein schönes 
Geschöpf,“ — der Kommis schnalzt, — „nicht viel 
Rasse, aber sonst wie gesagt prima.“ 
Peters Augen hängen gierig und drohend zugleich 
an den Lippen des kleinen Kommis. 
„Wie — wie sieht sie aus?“ fragt er kaum hörbar 
mit trockenen zersprungenen Lippen. 
„Schlank, blond, mit grossen grauen Augen.“ 
Peter stösst einen kurzen gurgelnden, unarti 
kulierten Laut aus, dann schüttelt er lebhaft ver 
neinend den Kopf. Der Kommis hat in seiner wichtig 
tuerischen Art fortgefahren zu erzählen. 
„Sie gilt hier für eine Schwedin. Auf dem Zettel 
steht Fräulein Jenny Malström aus Stockholm, aber 
sie ist keine Schwedin, sondern eine eben so gute 
Berlinerin als Sie und ich gute Berliner sind.“ 
Peter wird blass. Etwas krampft sich in ihm 
zusammen, das ihm die Kehle trocken und heiser 
macht. Drei Mal setzt er vergebens zum Sprechen an. 
„Woher wissen Sie das?“ fragt er endlich stam 
melnd. 
„Man hat so seine Konnaissancen in der Gegend. 
Die schöne Jenny ist nicht weit von hier, in der 
Liesenstrasse geboren. Ihr wirklicher Name ist 
Jenny Hilse; die alte Hilse —* 
Der Kommis kann nicht zu Ende sprechen. Wie 
ein Pfeil ist Peter von dem Schiebkarren aufgeschnellt 
und die Geige an die Brust gepresst quer über den 
Hof gelaufen. 
Der Kleine eilt ihm nach. Vom Einholen ist 
keine Rede. Der Kommis sieht nur, dass Peter die
        
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