Path:

Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

„Conitesse, — gestatten Sie vielleicht, — ich 
wollte sagen, — mit Ihnen zu tanzen?“ 
„Recht gern, Herr Klippert.“ 
Mich Uberläuft’s wie Wonnegraus: „Recht gern, 
Herr Klippert“, hat sie gesagt. 
„Erlauben Sie, Conitesse, — gestatten Sie viel 
leicht, — wenn Sie die Güte hätten, — Ihre Tanz 
karte?“ 
„Recht gern, Herr Klippert.“ 
Es entsteht eine längere Pause. Wir blicken uns 
stumm in die Augen, dann empfange ich, mit ge 
öltem Bückling, in tiefster Ehrfurcht, aus ihren 
Händen die Tanzkarte. Zunächst bin ich zu be 
nommen, den entsprechenden Gebrauch davon zu 
machen. Ich hole tief Atem. Ich muss „sie“ immer 
ansehen. 
„Recht schönes Wetter heut“, murmele ich er 
rötend, „nicht wahr, Conitesse?“ 
Es hat nämlich den ganzen Tag geregnet. 
„0 ja, — es ist ein sehr schöner Tag.“ — 
Längere Pause. 
„Waren Sie schon im vorigen Jahr — auch hier, 
— in der Tanzstunde?“ 
Natürlich weiss ich ganz genau, dass sie im 
vorigen Jahr noch nicht hier war. 
„0 nein, Mama sagte, ich sei noch zu jung.“ 
„Sie wohnen jetzt — in der Kurfürstenstrasse — 
nicht wahr?“ 
„Ja, Nummer 66.“ 
„Sie laufen gewiss sehr schön Schlittschuh?“ 
„Warum?“ 
„Weil Sie so, — weil Sie so, — nun ich meine 
eben, weil niemand so schön laufen kann, als Sie 
werden. — Das ist ja garnicht möglich.“ 
„Ach nein, sagen Sie das nicht, ich bin sehr un 
geschickt.“ 
Jetzt tritt die Gouvernante dazwischen, der unser 
Gespräch zu lange dauert. Sie ist abnorm hässlich 
und auch noch kurzsichtig dazu, denn sie trägt eine 
Brille, die Schlange. In Ermangelung körperlicher 
Vorzüge will sie ihre „geistigen Fähigkeiten“ zu 
gunsten heranwachsender Epigonen verwerten. Na, 
meinetwegen, wenn sie nur nicht meine Kreise 
stören würde. Ich hasse diese spindeldürre Cäcilie. 
Sie trennt uns mit moquantem Lächeln, aber ich 
ziehe wenigstens mit der Tanzkarte ab, das kann 
sie nicht hindern. 
Als ich sie „ihr“ wieder zustelle, habe ich um 
sämtliche Tänze, einschliesslich des Kotillon, eine 
Klammer gemacht, mit meinem Namen daneben. 
„Emil Klippert“ steht da in Flammenschrift und 
darunter noch, in weiser Voraussicht der Dinge, die 
kommen könnten: „I—10 er Eingeschobener: Emil 
Klippert.“ 
So ist diese Tanzkarte ein deutliches Spiegelbild 
der Liebe geworden, die ein Königlicher Sekundaner 
schamhaft im Herzen trägt. Als die Comtesse die 
verschwiegene Urkunde stiller Seligkeiten empfängt, 
lacht sie ausgelassen, ein silberhelles, perlendes 
Lachen. Da naht aber schon wieder das Malheur 
•n Gestalt der dürren Gouvernante. Sie nimmt die 
Tanzkarte an sich, betrachtet und zerreisst sie mit 
einem vernichtenden Blick auf mich. Dann holt sie 
der Comtesse eine neue, wobei es scheinbar ein 
f 
f 
f 
f 
f 
f 
f 
t 
t 
f 
t 
t 
f 
f 
i 
t 
I 
$ 
I 
f 
f 
t 
t 
t 
t 
t 
t 
f 
f 
t 
scharfes Strafgericht setzt. Ich höre nur noch einige 
empörende Worte, wie „grüner Junge“, „seinem 
Vater sagen“ etc. Aber nun packt mich der Geist 
der Opposition. Ich schreite auf die Comtesse zu 
und bitte sie angesichts dieser Dame Argus um 
einen Tanz. Die Geliebte errötet noch tiefer als 
sonst. Sie stottert keine Antwort. Die Gouvernante 
protestiert energisch, ich aber reisse, kurz ent 
schlossen, die Comtesse in meine Arme und tanze, 
wie ein toll gewordener Brummkreisel, mit ihr im 
Saale herum. In völliger Versunkenheit und Früh 
lingstrunkenheit denke ich keinen Moment ans 
Aufhören, obwohl man mir dies von allen Seiten 
zuruft. Auch der Tanzlehrer versucht vergeblich 
mich am Jackett festzuhalten. 
„Aber Herr Klippert,“ stammelt die Komtesse. 
„Nennen Sie mich „Emil“, Komtesse — ach bitte, 
nennen Sie mich doch „Emil“.“ 
„Aber Herr Klippert, hören Sie doch nur auf.“ 
Ich höre nicht auf, ich will nicht aufhören, nu 
grade nicht; ich tanze immer länger, immer wilder, 
immer rasender. Ich tanze glückselig, taumelnd, 
selbstvergessen und ihr scheint es auch garnicht 
ernst mit ihrem Protest. 
Plötzlich verstummt die Musik, der Tanzlehrer 
hat sie abbrechen lassen. 
Wir halten erschöpft inne und lassen alles nun 
folgende geduldig über uns ergehen. Die Gou 
vernante ist rot wie ein Puter, und ganz aus dem 
Häuschen. Wie eine Furie verlässt sie mit ihrem 
Zögling die Tanzstunde. 
Am nächsten Tage beschwert sich der Graf bei 
meinem Vater über mich. Vater verbietet mir die 
Tanzstunde und auch strengstens jeden Verkehr 
mit der Comtesse. 
Das ist ein schwerer Schlag, den ich kaum ver 
winden werde. Vor allem muss ich „sie“ sprechen, 
muss ihr mein Leid klagen. Aber wie? — Man 
passt uns jetzt scharf auf die Finger. — 
Indessen, Liebe macht erfinderisch. Vermöge 
einer Mark fünfzig — mein ganzes Taschengeld — 
besteche ich das gräfliche Dienstmädchen, der 
Comtesse ein rosa Briefchen zuzustecken, worin ich 
sie um eine Unterredung anflehe: „Ich kann ja 
nicht leben ohne Dich, mein süsses Leben, meine 
Seligkeit, mein alles! Himmlische, lass mich zu 
Deinen Füssen anbetend im Staube knieen; Du, 
mehr als Irdische, lass mich Dir dienen, Dein sein, 
hier und dort, in Ewigkeit, — Amen.“ 
Unterschrieben ist der Brief: 
Ihr stiller Dulder Emil Klippert. 
* * 
* 
Jenseits unseres Gartens, am Zaun, wo die 
blühende Wiese anfängt, stehe ich und warte, ob 
sie wohl kommen mag? — Wahrhaftig, da ist sie! 
Wir besprechen alles Geschehene in gedämpftem, 
trauerndem Ton; wir erheben unsere Seelen zum 
Ideal. Ich sage ihr, dass der Tanz mir den Wert 
ihrer Persönlichkeit erst ganz zum Bewusstsein ge 
bracht hat, dass sie die Krone ihres Geschlechtes 
ist. Aber das weiss sie ja längst. Ich klage ihr, 
dass ich der Beklagenswerteste aller Pennäler bin, 
dass ich schuften, federfuchsen jund mich schinden 
muss, wie ein Lasttier, dass ich so häufig bestraft 
werde, wo ich garnichts dafür kann, und dass ich 
oft so niedergeschlagen bin, weil meine nach 
Freiheit dürstende Seele in diesem Zellengefängnis, 
- Welt genannt, — ihre Schwingen nicht zu ent 
falten vermag; dass ich aber gern alles Ungemach 
ertragen will, — für sie, nur für sie, und dass ihre 
Gouvernante ein Scheusal ist. 
Sie pflichtet mir bei. Sie ist in allem für mich 
und darum fange ich schon an, mein Unglück zu 
lieben. Sie ist von himmlischer Güte, die mich zu 
Tränen rührt, — und da geschieht das Grosse in 
meinem Leben: sie offenbart mir ihr mitfühlendes 
Herz. Sie neigt sich zu mir und küsst mich voll 
Mitleid auf die Stirn. Da schliesse ich sie fassungs 
los in meine Arme. 
Was ich in jenem Moment empfinde, die Sprache 
ist zu arm, ich kann es nicht beschreiben. Nur 
eines weiss ich noch: 
Ich höre plötzlich das Donnerwort: „Emil!“ 
Ein Aufschrei! Fort ist sie, und im nächsten 
Moment fühle ich ein paar klatschende Ohrfeigen 
auf meinen Backen. Sie kommen von meinem 
Vater, der wie ein rächender Gott vor mir steht: 
„Du Windhund, Du Rottich, ich will Dir die Liebes- 
gedanken austreiben! — Mit Deinem Pennäler- 
tum hat es jetzt ein Ende. Zu Neujahr gebe ich 
Dich in’s Kadettencorps, da wird Dir das Minne 
flöten angestrichen werden. “ 
Und so ist es auch geworden. Er gab mich 
wirklich in die Kadettenfabrik, Vater versteht’s 
leider nicht besser, Vater versteht überhaupt moderne 
Menschen nicht, Vater ist eben furchtbar rück 
ständig. 
Ich aber singe mit Meister Scheffel und dem 
jungen Spielmann Werner und der schönen 
Margareta: 
„Erster, süsser Kuss der Liebe, 
Dein gedenkend überschleicht mich 
Freud’ und Wehmut, Freude, dass auch 
Ich ihn einstmals küssen durfte, 
Wehmut, dass er schon geküsst ist.“ 
Jauchzend singe ich es! 
Uiecifer. 
uf dem Theater haben die Vorspiele zur 
Saison begonnen; leichtes Vorposten 
geplänkel, das den Direktionen Zeit ge 
währen soll, ihre Positionen zu entwickeln und den 
„Hauptschlager“ vorzubereiten, der bestimmt ist, 
das Publikum zu überwältigen und dem Sieger 
tributpflichtigzu machen. Allerhand Ueberraschungen 
sollen bevorstehen, hört man von Eingeweihten, 
oder solchen, die es sein wollen. Man wird gut 
tun, wenn man all diesem Gerede, den unter 
schiedlichen „literarischen“ Programmen und den
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.