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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Aufruhr. Gefühle, die er totgeglaubt, waren erwacht 
und durchwühlten nun sein Inneres, sodass er zu 
keinem klaren Denken kam. Das ist ja Unsinn! 
sagte er sich, Du gehst einfach nicht wieder hin, 
dann wird alles vergessen sein. 
Als aber drei Tage herum waren, dachte er anders 
und ging doch wieder hin, ja, er fand allerlei Gründe, 
um sich vor sich selber zu entschuldigen, und als 
er endlich vor ihrer Tür stand, kam es wie eine 
heimliche Fröhlichkeit über ihn und sogar der herbe 
Zug verschwand aus dem Gesicht. 
Vier Wochen ging das so fort. Zwei- auch drei 
mal in der Woche war er bei ihr. Sie machte 
glänzende Fortschritte, denn sie war wirklich be 
gabt und er erwies sich als vortrefflicher Ratgeber. 
Sie waren gute, offenherzige Freunde geworden. 
Er hatte an ihrer Hand den Weg zum Leben, zum 
Frohsinn wiedergefunden, und er hatte auch wieder 
Anregung zur Arbeit bekommen, kurzum: er lebte 
auf und wurde ein anderer. Die Vergangenheit war 
tot und ein neues sonnenhelles Leben lag vor ihm. 
Und sie gefiel sich noch immer in der Rolle. 
Sie war ihm wirklich eine liebevolle Freundin, die 
ihn dem Leben zurückgewinnen wollte. 
Kein Wort von Liebe war gesprochen worden. 
Mit echt weiblichem Instinkt wich sie jedem solchen 
Worte aus und sobald er nur einen leisen Versuch 
dazu machte, gleich ging sie mit Lachen und 
Scherzen zu einem anderen Thema über. 
Oft starrte er sie dann sprachlos an und dachte: 
sie ist doch nur eine kalte Schönheit, sie hat kein 
Herz im Leibe. Trotzdem aber wagte er es nicht, 
abzubrechen und nicht wiederzukommen. 
* * 
* 
Sie hatte das Käthchen gespielt und einen 
stürmischen Erfolg gehabt. Von allen Seiten wurde 
ihr nun die glänzendste Zukunft prophezeit. 
Lächelnd sass er in seiner Loge und sah dem 
Jubel zu. Er wusste ja, dass es so kommen musste, 
mit Stolz hatte er es ja vorausgesehen. Nun sass 
er da voll stiller, heimlicher Freude über das 
glänzende Gelingen. Er hörte nichts von all dem 
Beifall ringsum, nur immer sie sah er allein, sie im 
Strahlenkränze ihrer Schönheit, sie, nur sie allein. 
Nach dem letzten Akt ging er in ihre Garderobe. 
Wohl fünf, sechs Herren der Gesellschaft harrten 
bereits auf dem kleinen Vorflur, keinem war der 
Eintritt gestattet worden. Er nur allein wurde ein 
gelassen. 
„Ich danke Ihnen, lieber Freund!“ rief sie, ihm 
entgegen eilend. „Sie allein haben mich ja dazu 
gemacht!“ Firgriffen drückte sie seine Hände. 
Uud er starrte sie an mit grossen glänzenden 
Augen und presste ihre Händchen in den seinen 
und ohne ein Wort riss er sie plötzlich an sich und 
presste sie an sich und küsste sie voll wilder 
lodernder Liebe. 
Atemlos, zitternd vor Angst und Erregung liess 
sie es geschehen. Sie wollte zurück, wollte ihm 
ein gebietendes Wort Zurufen, denn sie sträubte 
sich dagegen, so überrumpelt zu werden, — aber 
umsonst, nichts konnte sie tun, ihm Einhalt zu ge 
bieten, — sie fühlte plötzlich, dass es etwas gab, 
dem sie sich beugen musste, eine Kraft, die sie 
unterjocht hatte, — sie fühlte, dass es kein Zurück 
mehr gab, — sie hatte den Mann gefunden, der sie 
in seinen Bann zwang. — Er wollte und sie musste 
gehorchen. 
Willenlos lag sie in seinen Armen und liess sich 
herzen und küssen und freute sich, dass er es ver 
standen, den göttlichen Funken, das Weib in ihr, 
zu wecken. 
So wurde sie seine Frau. 
Penncilerliebe, 
Humoreske von Hans von Wentzel. 
ül 
^ch trug eine Sekundaner-Mütze. Dass 
ich mir höllisch forsch vorkam, ist iiber- 
flüssig zu sagen. 
In dieser Zeit, mitunter auch schon als Tertianer, 
beginnen die wonnigen Flegeljahre. In dieser Zeit 
beginnt aber auch die erste Liebe in unserem 
Herzen zu spriessen. Da längt es an zu bluten, an 
der frischen Wunde, die Eros schlägt. Wie das 
kommt, wissen wir leider selbst nicht, wir lieben, 
aber wir analysieren unser Empfinden nicht. 
Die Pennälerliebe ist die Liebe aus erster Hand; 
sie ist edel, strebt nach dem Guten, Wahren, 
Schönen, sie bewegt sich in Banden der Freund 
schaft. Hierdurch ist sie der Liebe des Alters ver 
wandt, metaphysischer Liebe, die der himmlischen 
am nächsten kommt. 
O wie wunderschön ist die Frühlingszeit, wo der 
Schnee der Sonne weicht. Da fangen, wie auf der 
Erde, so auch im Herzen der Menschen, die Blumen 
an zu spriessen. Das ist die Zeit der Schnee 
glöckchen und Veilchen, der primula veris des 
Lebens, das ist die Zeit der Pennälerliebe. Eine 
schöne, einzige Zeit, und eine schöne, einzige Liebe; 
eine Liebe, die man lieben muss, weil sie innig und 
minnig, mit der ganzen Kraft unberührter Herzen 
geliebt wird. 
Der Gegenstand der meinen ist die kleine Com- 
tesse. Sie besucht die höhere Töchterschule, die 
neben dem Königlichen Gymnasium liegt. Ist es 
ein Wunder, dass meine Gedanken während des 
Unterrichts beständig hinüberschweifen zu dem 
grossen, gelben Gebäude? Dass ich die Stunden, 
die Minuten zähle, bis auch „sie“, mit der Mappe 
am Arm, das braungestrichene Tor da drüben 
verlässt? 
Nein, das ist gewiss kein Wunder. Zwischen 
Gymnasium und höherer Töchterschule bestehen 
seit Menschengedenken unsichtbare, aber um so 
unzerreissbarere, geheime Liebesfäden. Dürfte ich 
ihr doch die Schulmappe tragen! Das ist das 
höchste Ziel meiner Sehnsucht, aber so weit kommt 
es natürlich nicht. 
Wie jede Pennälerliebe, ist auch meine jahrelang 
eine Liebe aus der Ferne; gesprochen haben wir 
uns nie. Dass wir aber beide um unsere Liebe 
wissen, bekundet das jähe, wechselseitige Erröten 
bei den häufigen Begegnungen, die „zufällig“ zu ver 
anstalten uns unser Empfinden treibt. Geht „sie“ zur 
Schule oder spazieren, oder kommt „sie“ aus der 
Schule, so folge ich ihr als ihr getreuer Toggen- 
burg von Ferne. Dann macht sie mit ihrer Freundin 
wohl häufig einen längeren Umweg, wobei sich beide 
an den Strassenecken verstohlen umgucken, um die 
Gewissheit zu haben, dass ich auch noch am Seile 
bin. Das ist aber wirklich garnicht nötig. Ich 
würde ihr bis ans Ende der Welt folgen, wenn sie 
es auch nicht von mir verlangte. 
Komme ich nach solchen Exkursionen viel zu 
spät nach Hause, so lüge ich meinem Vater auf 
sein Befragen, mit frecher Stirn, irgend eine Not 
lüge vor, bei der ich die schönsten Prügel riskiere. 
Am nächsten Tage mache ich es aber keinen Deut 
anders. 
Wenn ihr doch auf ihren Spaziergängen nur ein 
mal eine Gefahr drohen wollte, und ich dann zu 
fällig dabei wäre, oder wenn gar ein Räuber käme! 
Ha, den wollte ich! 
Es kommt aber leider kein Räuber. — 
Ich schleiche ihr überall nach und empfinde da 
bei die höchste, seelische Genugtuung. Vor die 
Tür ihres Hauses streue ich heimlich Blumen und 
widme ihr miserable Verse, die niemals das Licht 
erblicken werden, z. B.: 
Dein Name ist in meine Brust 
Mit Flammenschrift geschrieben. 
Im tiefsten Schmerz, in höchster Lust, 
Erst willenlos, doch bald bewusst 
Und unter heissen Tränen, 
Erkenn’ ich jenes Sehnen, 
Geliebte, Dich zu lieben. 
Dies ist übrigens einer von den guten. — Sie und 
ich wir hüten beide unser Geheimnis. Ausser ihrer 
Freundin ahnt niemand das geringste. Wir suchen 
uns mit den Augen und finden uns auch so, — nur 
durch Blicke. — Es ist eine herrliche Ueberein- 
stimmung der Herzen, die der Worte nicht bedarf. 
Worte sind etwas Profanes. Die intimsten Dinge, 
die süssesten Regungen der Seele, die Instinkte der 
Liebe fühlt man, gibt ihnen nach, aber man be 
spricht sie nicht. 
So haben wir auch ohne Worte das Erwachen 
unserer Herzen entdeckt! — Und doch soll endlich 
der Tag kommen, wo wir uns auch sprechen werden. 
Dazu verhilft uns — die Tanzstunde. 
Mein Spürsinn hat ausbaldovert, dass sie seit 
einiger Zeit Tanzstunde bekommt. Seitdem hat 
meine Mutter keine ruhige Minute mehr. Sie muss 
es bei meinem Vater durchsetzen, dass ich auch 
noch in die Tanzstunde aufgenommen werde, und 
sie setzt es auch bei ihm durch. Vater hat im 
Grunde nichts dagegen, nur findet er es reichlich 
früh. Na, das ist seine Sache. Wir sehen uns in 
der Tanzstunde, von Angesicht zu Angesicht; ent 
schieden der grösste Moment meines Lebens. Nun 
muss ich sie anreden, und dabei kommt es natürlich 
zu Gewissensfragen:
        
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