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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Unsere Bilder 
H n den diesjährigen Herbstmanövern nehmen 
auf Einladung des Kaisers die beiden Vettern 
des Königs von Italien, der Herzog von 
Aosta und der Graf von Turin sowie der Herzog 
von Teck teil. Prinz Emanuel Philibert Victor 
Eugen Genova Joseph Maria, Herzog von Aosta, 
1860 geboren, ist Kgl. ital. General-Leutnant und 
Chef des Kgl. preuss. Kürassier-Regiments von 
Driesen (Westfäl.) No. 4. Prinz Victor Emanuel 
Torino Johann Maria, Graf von Turin, 1870 geboren, 
ist Kgl. ital. Oberst, Kommandeur des 5. Kavallerie- 
Regiments Novarra und ä la suite des Kgl. preuss. 
Garde-Kürassier-Regiments. Der Herzog von Teck 
ist Kgl. grossbrittannischer Kapitän im 1. Life-Guards- 
Regiment. — Max Franz Guido Frhr. v. Thielmann ist am 
4. April 1846 in Berlin geboren; er studierte in Heidel 
berg und Berlin die Rechte und trat dann in den preussi- 
schen Justizdienst. 1871 wurde er Attache bei der 
deutschen Botschaft in Petersburg. Nachdem er eine 
Reihe von Gesandschaftsposten bekleidet, wurde er 
1895 Botschafter in Washington und übernahm im 
Herbst 1897 als Nachfolger des Grafen Posadowsky 
das Reichsschatzamt. Sein Nachfolger ist der Kgl* 
bayerische Staatsrat Freiherr von Stengel, der seit 
zwei Jahren als Bevollmächtigter zum Bundesrat 
bereits wiederholt im Reichstag aufgetreten ist. 
Graf Robert von Zedlitz-Trützschler ist durch sein 
Volksschulgesetz bekannt geworden, mit dessen 
Zurückziehung im März 1892 er zugleich als 
preussischer Kultusminister fiel. 1898 wurde er zum 
Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau ernannt 
und nunmehr zum Oberpräsidenten von Schlesien, 
wo er im Kreise Freistadt das Gut Nieder-Grossen- 
bohrau besitzt. Graf Zedlitz-Trützschler ist am 
8. Dezember 1837 geboren und widmete sich zu 
nächst der militärischen Laufbahn. 1862 schied er 
aus dem Heeresdienst, um die Bewirtschaftung seines 
Gutes zu übernehmen. Seit 1873 in verschiedenen 
Ehrenämtern tätig, wurde er 1881 Regierungs 
präsident von Oppeln, 1884 Mitglied des Staatsrates 
und 1886 Oberpräsident der Provinz Posen. 
Anlässlich der Jubelfeier der Universität Heidel 
berg sind von ihr vier in Berlin bekannte und hoch- 
geschätzte Männer zu Ehrendoktoren promoviert 
worden. Der Hofkapellmeister Richard Strauss, der, 
wie es in dem Diplom heisst: „die der Poesie eng 
verschwesterte Kunst der Musik durch bedeutsame 
Neuerungen und ausserordentliche Kunstfertigkeit 
derart vermehrt und gefördert hat, dass sein Name 
in unserer Zeit unter den deutschen Musikern 
den ersten Platz einnimmt.“ Wilhelm Hagenau, 
Pfarrer an der Kaiser Friedrich-Gedächtnis-Kirche, 
„der ausgezeichnete Kanzelredner und um die 
Gründung und Einrichtung der christlichen 
Gemeinden hochverdiente Diener des Evan 
geliums, der mehr als vier Lustren das Pfarr 
amt würdig bekleidete, der energisch Teil nahm an 
den Werken der äusseren und inneren Mission und 
in seinen Veröffentlichungen Schärfe und Feinheit 
des theologischen und kirchlichen Urteils bewies.“ 
I'riedrieh Naumann, auf dessen Buch „Gotteshilfe“ 
besonders hingewiesen wird, und Gustav Schmoller 
„aus Heilbronn, Dr. der Rechte und der Staats 
wissenschaften, ord. Professor der Nationalökonomie 
in Berlin, Staatsrat, ord. Mitglied der Akademie der 
Wissenschaften u. s. w.“ Zum Rektor der Universität 
ist der Geograph Prof. Dr. Ferd. Frhr. von Richt 
hofen fast einstimmig gewählt worden. Der neue 
Rektor ist der gründlichste Erforscher und beste 
Kenner Chinas und unter seinen literarischen 
Leistungen steht sein grosses Werk über dieses 
Land obenan. Bereits seit 17 Jahren ist er an der 
Berliner Universität als Vertreter der physischen 
Geographie tätig. Die technische Hochschule 
wählte den Professor Dr. Georg Hettner zum Rektor 
magnifikus, der seit dem Jahre 1894 dort die höhere 
Mathematik lehrt. — In Professor Friedrich Dieterici 
hat die hiesige Universität ihren ältesten Dozenten 
verloren. 83jährig ist er zu Charlottenburg gestorben. 
Geheimer Regierungsrat Dieterici war einer der frucht 
barsten Orientalisten. 1846 habilitierte er sich als 
Privatdozent, bereiste dann den Orient, um dort 
seine Studien fortzusetzen. Bereits 1850 wurde er 
zum ausserordentlichen Professor ernannt. Seit 
jener Zeit wirkte er ununterbrochen an der Berliner 
Universität. Der Altmeister der Landschaftsmalerei, 
Professor Gude ist an den Folgen eines Schlag 
anfalles in Berlin gestorben. Er hat ein Alter von 
78 Jahren erreicht. Seine Leiche wurde im Ham 
burger Krematorium eingeäschert und seine sterb 
lichen Ueberreste in einer Urne nach Christiania, 
der Vaterstadt des Verstorbenen, gebracht. 
* * 
* 
Theater, 
V orige Woche besuchte mich meine Tante. Aus 
Msterhausen. Jedermann kennt Mster- 
hausen; eine kleine Stadt mit einigen 
Tausend Einwohnern, von denen jeder in jeder 
Minute weiss, was der andere tut, sagt, 
denkt, was er zu Mittag isst, wieviel Geld er 
hat u. s. w. Msterhausen ist sehr fromm und 
alle Tugenden des deutschen Bürgertums, Un 
duldsamkeit, kleinliche Verfolgungssucht, hämische 
Klatschwut, Neid und Bosheit haben dort eine vor 
treffliche Pflanzstätte. Auf Berlin ist man in Mster 
hausen nicht gut zu sprechen. Berlin ist der In 
begriff aller Laster; der Sündenpfuhl, von dem aus 
die Seuche liberaler Anschauung, freieren Menschen 
tums, fortschreitender Bildung und Aufklärung das 
Land infiziert. Gott sei Dank! In Msterhausen hat 
es noch lange keine Gefahr. Man weiss sich dort zu 
schützen; man ignoriert Berlin einfach und höchstens 
einmal auf der Durchreise zu einer Kindtaufe oder 
einem Begräbnis bei entfernten Verwandten wagt 
man einen heimlichen Abstecher. Ich war gerührt, 
als ich den Brief empfing, in dem sie mir ihren 
Besuch anzeigte und ihre Freude aussprach, mich 
wiederzusehen. Sie freute sich also, die gute Tante. 
Sonst sprach man von mir in Msterhausen wie von 
einem Verlorenen, mit gedämpftem Ton und bedeut 
samem Kopfnicken und mit jener bezeichnenden 
Handbewegung, die besagen soll: „Mit dem nimmt 
es noch 'mal ein schlimmes Ende, darauf können 
Sie Gift nehmen!“ Mau verzieh es mir nämlich 
nicht, dass ich die geheiligten Traditionen der 
Familie durchbrochen und, anstatt Zeit meines 
Lebens „einer der ersten Familien von Msterhausen 
anzugehören“, davongegangen und ein „Proletarier“ 
geworden war. „Denken Sie sich, liebe Frau Stadt 
rat, er schreibt für Geld, was sagen Sie dazu?“ 
„„Ja, liebe Frau Direktor, es ist wirklich eine be 
dauerliche Verirrung.““ Und mein Vetter, der dabei 
sitzt und meiner Cousine den Hof macht, von der 
man weiss, dass er sich mit ihr auf dem nächsten 
Kasinoball verloben wird, zuckt verächtlich die 
Achseln und sagt: „Einfach pervers.“ Er ist nach 
der neuesten Mode gekleidet und besteht haupt 
sächlich aus einer beginnenden Glatze und einem 
hohen Stehkragen. „Pfui, Ottomar, schäme Dich“, 
sagt seine Mutter, „wie kannst Du so etwas sagen!“ 
Dann wendet sie sich stolz zur lieben Frau Direktor 
und fügt leise hinzu: „Er ist so geistreich!“ „„Ja, 
liebe Frau Stadtrat, genau wie sein Papa!““ Plötzlich 
ertönt die Stimme Luischens, der zukünftigen Braut, 
„Was bedeutet denn pervers, Tante?“ Eine peinliche 
Stille entsteht, dann sagt Tante mit würdevollem 
Tone: „Kind, das kann Dir Ottomar erklären, wenn 
Ihr verheirat seid“ — „Aber Tante —1“ Luischen 
erhebt sich glutübergossen und entflieht in holder 
Verwirrung, gefolgt von der beginnenden Glatze 
und dem hohen Stehkragen. Also wie gesagt, 
ich war gerührt, und suchte schleunigst meine Angst 
röhre hervor, um den Besuch würdig zu empfangen. 
Meine Tante ist in Msterhausen Mitglied des 
„Jungedamenkränzchens.“ Es gibt ausserdem da 
selbst noch ein „Jungemädchenkränzchen“. Diesem 
gehören „junge Mädchen“ bis zu 33 Jahren an. Wenn 
sie sich bis dahin nicht verheiratet haben, gehen sie zu 
den „jungen Damen“ über. Ich entsinne mich, dass 
meine Tante schon seit zehn Jahren zu letzteren 
gehört. Man kann sich ihr Alter also ungefähr 
ausrechnen, ohne dass man mich der Indis 
kretion zeihen dürfte. — „Willst Du mich heute 
Abend ins Theater führen?“ fragte sie mich nach 
der ersten Begrüssung. „„Aber mit dem grössten 
Vergnügen. Vielleicht ins Deutsche, Monna Vanna—““ 
Meine Tante blickte errötend zu Boden. „Wie kannst 
Du nur — da kommt doch eine Frau vor, die nur 
einen — Mantel anhat.“ — „„Ach so, pardon““, 
stammelte ich, „„aber was möchtest Du denn —?““ 
„Der blinde Passagier,“ flötet sie mit süsser Stimme. 
Ich erschrak und suchte nach einem Ausweg, um 
dem Verhängnis zu entgehen. „„Den muss Du doch in 
Msterhausen schon gesehen haben.“ Sie schüttelte 
den Kopf. „Du weisst doch, die guten Familien 
gehen in Msterhausen nicht ins Theater.“ Das hatte 
ich allerdings vergessen. Ich musste an den alten 
Theaterdirektor denken, d^r mit seiner wackeren, 
wohl disziplinierten Künstlerschar sicher eine muster- 
giltige Vorstellung herausgebracht hatte. Aber es 
gehörte in Msterhausen nicht zum guten Ton, ins 
Theater zu gehen. Seufzend fügte ich mich also in 
das Unabänderliche. — „Wie himmlisch! “flötete meine 
Tante einmal über das andere mal, als der Vorhang 
hochgegangen war, zu meinem Entsetzen und zum 
Ergötzen der umsitzenden Zuschauer, „ach, wie 
himmlisch!“ und sie merkte in ihrem Enthusiasmus 
nicht, dass die Damen und Herren da oben auf der 
Bühne ihre Rollen herunterspielten, ohne auch nur 
eine entfernte Ahnung von dem zu haben, was sie 
sagten und taten, dass sie Auftritte verpassten und 
Szenen ausliessen, wie es ihnen beliebte, und mehr 
Komödie hinter als vor den Kulissen spielten. Und 
„Ach, wie himmlisch!“ sagte sie noch, als ich mich 
am Bahnhof von ihr verabschiedete. Arme Tantel 
Ich wünschte ihr, der kleine Schelm möchte sich 
auf der Heimreise ins Coupe einschleichen, damit 
sie wenigstens einmal in ihrem Leben mit Recht 
sagen konnte: „Ach, wie himmlisch!“ G. R.
        
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