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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Unsere Bilden 
SD 
uweilen hatte ich in der letzten Zeit die 
Empfindung, als sei Berlin auf dem Wege, 
sich zur Weltstadt zu entwickeln. In solchen 
Augenblicken ging ich, gehoben von dem stolzen 
Bewusstsein, Zeitgenosse zu sein, elastischen Schrittes 
in mein Bureau und kein Redaktionsärger vermochte 
mir die Stimmung zu verderben. Aber die Freude 
dauerte jedesmal nicht lange; der kleinliche Geist, 
der unser öffentliches Leben beherrscht, zerstörte 
bald genug den Traum. Dann schlich ich gesenkten 
Hauptes zu meinen heimischen Penaten, steckte 
mir eine Zigarre an und sah den Stadtbahnzügen 
zu, die herauf und herab mit der Geschwindigkeit 
von einem Kilometer in der Stunde pustend und 
donnernd an meinem Fenster vorüberrasten, dass 
das Haus wackelte und die Scheiben klirrten. 
Meine Hoffnung, wenigstens als Zeitgenosse, 
wenn auch ungekannt und ungenannt, einer grossen 
Epoche angehört zu haben, sank bei diesem Anblick 
auf den Gefrierpunkt und der natürliche Umschlag 
der Stimmung liess meinem gedrückten Geiste un 
sere liebe Reichshauptstadt als das Riesenkrähwinkel 
erscheinen, das ein übermütiger Wirbelsturm über 
Nacht einmal aus einem paar Dutzend Krähwinkeln 
zusammengefegt hat. Die guten Einwohner haben 
sich am andern Morgen die Augen gerieben und das 
Wunder angestaunt, dann sind sie ruhig an ihre Ge 
schäfte gegangen und haben weiter gewirtschaftet, als 
wenn nichts geschehen wäre. Ab und zu ist ihnen 
wohl mal ganz von fern der Gedanke aufgedämmert, 
dass einem mit fast unheimlicher Geschwindigkeit 
gewachsenen Gemeinwesen andere Aufgaben ent 
stehen als jenen, die auf eine jahrhundertlange Ent 
wickelung zurückblicken können, und man nahm 
einen Anlauf. Aber eine schier unendliche 
Perspektive tat sich auf und alles schien ins 
Bodenlose stürzen zu wollen. Entsetzt hielt man 
inne und wandte sich schaudernd ab von der ein 
geschlagenen Bahn. Aber der unangenehmen Zeit 
genossen, die da mit Gewalt in einer Weltstadt leben 
wollten, waren inzwischen zu viele geworden, als 
dass man sie ohne weiteres ignorieren konnte, und 
man sandte die Blicke suchend umher nach einer 
Hilfe. Und die Blicke fielen jenseits des Kanals in 
eine Stadt, von der uns schon so oft Hilfe in der 
Not gekommen ist, und plötzlich entstand ein Freuden 
geschrei und männiglich rief: „Wir haben es, was Ber 
lin zur Weltstadt macht! Es ist da! Der Hansom ist 
da!“ Und nun gehe ich wieder erhobenen Hauptes, 
von der freudigen Empfindung getragen, Zeitgenosse 
zu sein, u. s. w. 
Als vor einem Jahre die Hoch- und Untergrund 
bahn eröffnet wurde und mit einer bisher ungeahnten 
Schnelligkeit Berlin durcheilte, begannen allerhand 
unklare Ideen vom Aufhören der Entfernungen etc. 
in den Köpfen zu spuken, man träumte von idyllischem 
Wohnen in abgelegenen, vom Qualm und Lärm der 
Hauptstadt noch unerreichten, wald- und seeum 
gebenen Vororten, vom Rauschen kühler Abendlüfte 
in den Zweigen alter Bäume und vom lauschigen 
Flüstern im wehenden Schilf — die Hochbahn ist 
inzwischen ins Marineministerium geraten und elend 
darin stecken geblieben, aber die Idee der elek 
trischen Schnellbahn hat sich am Leben erhalten 
und neuerdings Gestalt gewonnen in der elektrischen 
Vollbahn Berlin-Potsdamer Bahnhof-Lichterfelde Ost. 
Seitdem ich den eleganten Zug, den wir unsern ver 
ehrten Lesern bei seinem ersten Einfahren in den 
Bahnhof vorführen, gesehen habe, kann ich nicht 
ohne ein höhnisches Lächeln in die Stadtbahn ein 
steigen. In diesem Lächeln drückt sich zweierlei 
aus: erstens die unumstössliche Gewissheit, im Laufe 
der Zeit auch auf der Stadtbahn noch elektrisch zu 
fahren, und zweitens die damit notwendig verbun- 
bundene Ueberzeugung, dass ich mindestens das 
Alter des soeben heimgegangenen Papstes erreichen 
muss, um jenen Tag noch zu erleben — also im 
ganzen eine tröstliche Aussicht, in anbetracht, dass 
doch die süsse Gewohnheit des Daseins selbst für 
einen mittelmässigen Sohn dieser Erde eine 
ganz annehmbare Sache ist — allerdings muss 
ich gestehen, dass im Sommer das Dasein 
in Berlin nicht gerade zu den ausgesuchtesten 
Genüssen gehört. Man muss aber schon ein ausge 
machter Pechvogel sein, wenn man nicht wenigstens 
für ein paar Tage dem steinernen Riesenbackofen 
entfliehen kann; und als solcher hat man kein Recht, 
missgünstig zu sein; ganz abgesehen davon, dass 
man durch Missgunst nur sich selbst die Stimmung 
verdirbt, den andern aber den Genuss an dem, was 
einem selbst versagt ist, erhöht. Ich habe deshalb 
ohne mit der Wimper zu zucken, die Tausende von 
Sommerfrischlern und Ferienkolonisten die Eisen 
bahnzüge erstürmen und freudigen Herzens ihren 
verschiedenen Bestimmungsorten zueilen sehen und 
habe aufrichtiges Mitleid empfunden mit den andern 
Tausenden, denen das Schicksal eine solche Er 
holung versagt hat. Besonders die Schulkinder 
unserer Volksschulen sind zu bedauern, für die die 
Plätze in den Ferienkolonien nicht ausreichen und 
die in der steinernen Wüste der Arbeiterviertel mit 
ihren spärlichen Spielplätzen und zahlreichen rigo 
rosen Schutzleuten Zurückbleiben mussten. Da ist 
alles, auch das Geringste mit Freuden zu begrüssen, 
was geschieht, um den Kindern Zerstreuung und 
Erholung zu schaffen. Die Schule ist naturgemäss 
am ersten dazu bestimmt, hier einzugreifen und 
neuerdings sind denn auch auf Schufhöfen, Bauplätzen 
und überall, wo immer geeigneter Raum dazu sich 
findet, Spielkurse für Mädchen und Knaben ein 
gerichtet worden, die unter Leitung eines Lehrers 
täglich zu bestimmten Stunden stattfinden. Unser 
Photograph hat einen solchen Spielplatz in lebens 
voller Momentaufnahme festgehalten. Auch der 
Magistrat tut durch unentgeltliche Verabreichung 
von Badekarten für die Städtischen Volksbäder sein 
möglichstes, um den Kindern die Erfrischung eines 
Bades zu verschaffen. Auf unserem Bilde sehen 
wir eine ganze Herde Schulmädel herumpanschen, 
zum Teil schnatternd, aber alle vergnügt, während 
draussen bereits eine grosse Zahl anderer auf die, 
des grossen Andrangs wegen, leider nur kurz be 
messene Erholung warten. 
Wenn man als unglücklicher Artikelschreiber von 
der Freigebigkeit des Magistrats zur grossen Berliner 
Kunstausstellung einen Uebergang bewerkstelligen 
soll, so ist dies ein Unternehmen, gegen das alle 
bekannten Uebergängederaltenund neuen Geschichte 
Waisenknaben sind. Da aber der zur Maskierung 
von aller Art Unkenntnis auf das ausgiebigste ge- 
missbrauchte Mangel an Raum mir strategische 
Manöver nicht gestattet, komme ich lieber unver 
mittelt zur Sache. Boshafte Menschen behaupten, 
die Porträtmalerei habe ihre Erfindung und Nahrung 
in der Eitelkeit ihrer Mitmenschen. Aber boshafte 
Menschen lügen stets und ich habe mich deshalb 
bemüht, nur solche Subjekte und Objekte des er 
wähnten Kunstzweiges auszuwählen, bei denen der 
erhobene Vorwurf von vornherein ausgeschlossen 
ist. Im grossen und ganzen vertreten die fünf Maler, 
die wir unsern Lesern in ihren Bildern vorführen, die 
moderne Porträtauffassung resp. den Uebergang zu 
dieser, die darauf ausgeht, die zu malenden Personen 
nicht zu „arrangieren“, sondern sie in charakte 
ristischer Weise wiederzugeben. Am schärf 
sten kommt dies bei Vogel zum Ausdruck, der seine 
Leute ohne irgend welche Umgebung und ohne 
dekorativen Hintergrund hinstellt, damit sie einzig 
aus sich heraus wirkep; während wir bei Alma 
Tadema und in noch höherem Masse bei Petersen 
noch das Arrangement der Bilder bemerken. Diese 
moderne Malweise, wie sie hauptsächlich Vogel und 
Burger vertreten, hat ihren Ursprung in Frankreich 
und ist hervorgegangen aus dem Naturalismus, in 
dessen künsterischer Ueberwindung sie beruht. Ihr 
Ziel ist, die Natur rein künsterisch ohne jede äussere 
Beihilfe zum Ausdruck zu bringen. 
Nun wir uns mühsam den Wetr zur Kunst gebahnt 
haben, ist es von der Malerei zur Musik kein allzu 
weiter Sprung. Seit beinahe zehn Jahren ist in der 
sommerlichen Theaterwelt Berlins die „Morwitzoper“ 
eine regelmässige Erscheinung. Nachdem 1894 die 
Engel-Krollsche Opernbühne eingegangen war, er 
schien Direktor Morwitz mit seinem Ensemble zum 
erstenmal auf dem Plan, um die entstandene Lücke 
auszufüllen. Anfangs spielte er im Belle Alliance- 
Theater, das sich aber für seine Zwecke als un 
geeignet erwies. 1897 siedelte die Sommeroper in 
das damals verkrachte Theater des Westens über 
und gastierte hier in diesem und im folgenden 
Jahre mit entschiedenem künstlerischem Erfolge. Die 
nächsten drei Jahre beherbergte das Schillertheater 
das inzwischen populär gewordene Unternehmen, 
das der Volksmund kurzweg „Morwitzoper“ getauft 
hatte. In diesem Sommer schlug Direktor Morwitz 
sein Domizil im Berliner Theater auf. Seine be 
deutendsten Erfolge erzielte er mit A Basso Porto 
und durch die Gastspiele von Signora Prevosti, 
Heinrich Bötel, Sedlmayer, Kronberger; in den 
letzten Tagen brachte ihm die Aufführung von 
Giordanos Oper Fedora mit Prevosti und Gröbke in 
den Hauptpartien einen vollen künstlerischen Erfolg. 
Berlin ist eine der an historischen Gebäuden 
mit wertvoller Architektur ärmsten Städte und man 
wird an das Vorhandensein solcher Zeugen einer 
stilvolleren Vergangenheit inmitten eines Meeres 
geschmackloser und protziger Häuserungetüme erst
        
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