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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Von dem zudringlichen Buch, 
Von Jylaxim §orJ(i. 
Deutsch von ^te/ania <^oldenring. 
a ch bin kein dummer Junge — ich bin vierzig 
Jahre alt und kenne das Leben, wie die 
Runzeln auf meinen eigenen Händen und 
Wangen . . . kann nichts mehr vom Leben lernen. 
Ich habe Familie . . . zwanzig Jahre hindurch habe 
ich den Rücken gekrümmt, um ihr einen Wohlstand 
zu sichern. Jawohl! es ist keine leichte und nicht 
gerade eine angenehme Beschäftigung, den Rücken 
zu krümmen. Aber das ist vorbei . . . und jetzt 
will ich nach den Mühen des Tages ausruhen . . . 
das wollen Sie gefälligst begreifen, mein Herrl . . . 
Beim Ausruhen lese ich gern ein wenig. Die Lek 
türe gewährt einem gebildeten Menschen ein er 
habenes Vergnügen; ich verstehe, ein Buch zu 
achten — es ist mir eine kostbare Gewohnheit. 
Doch gehöre ich nicht zu jenen Sonderlingen, die 
sich auf jedes Buch wie Hungrige auf Brot stürzen 
und daraus Lehren fürs Leben zu schöpfen suchen. 
Ich weiss selber, wie man leben mussl Ich lese mit 
Auswahl — nur gute, gemütvoll geschriebene 
Bücher. Ich liebe es, wenn der Autor die lichten 
Seiten des Lebens zu schildern versteht, wenn er 
selbst das Hässliche in schönen Farben schildert, 
so dass wir den Geschmack des Bratens vergessen 
und nur die vortreffliche Sauce schmecken. Das 
Buch muss uns, die wir im Leben genug gearbeitet 
haben, Trost und Frieden verschaffen ... es muss 
uns sanft einwiegen. Die Ruhe ist mein heiliges 
Recht! Wer wagt es, mir darin zu widersprechen? 
Eines Tages kaufte ich mir ein Buch eines jener 
neuen, vielgenannten Autoren. Nachdem ich sorg 
fältig die Seiten aufgeschnitten, begann ich des 
Abends darin zu lesen. Nicht ohne Vorurteil ging 
ich an die Lektüre. Ich glaube nicht an diese 
jungen, neuen Talente. Ich liebe Turgenjew: ein 
stiller, sanfter Schriftsteller — man liest ihn gerade 
so, als ob man Milch tränke, und man hat dabei 
stets die Empfindung: das ist alles schon so lange 
her, so längst vergangenl Auch Gontscharow liebe 
ich — er schreibt so ruhig und so überzeugend... . 
Ein ganz teuflisches Ding! Welche Parteilosigkeit, 
welche Freiheitsliebe! Dazu ein guter, klarer Stil! 
Ich las also die erste Erzählung und sann nach. 
Sie hatte mich ein wenig traurig gestimmt, aber 
nicht aufgeregt. Da war nicht jenes Zähneknirschen 
und Kreischen, nicht jene zweideutigen Anspielungen 
auf unabhängige, in gesicherten Verhältnissen 
lebende Menschen. 
Auch trat nicht jenes Streben so deutlich hervor, 
die jüngere Nachkommenschaft als Muster aller 
Tugenden und Vorzüge hinzustellen; es enthielt 
nichts Vermessenes — alles war einfach und lieblich. 
Ich lese noch eine kleine Erzählung — wieder 
sehr schön! Auch die nächste gefällt mir. Mir 
fällt jene Geschichte mit dem Chinesen ein, der 
einen Freund vergiften will, weil er ihn aus irgend 
einem Grunde überdrüssig geworden ist — und er 
setzt ihm Ingwerkonfituren hin. Bis zu einem ge 
wissen Augenblick verzehrt der Freund die Konfi 
türen mit unbeschreiblichem Genuss. Naht aber 
jener „Augenblick,“ so fällt der Freund plötzlich zu 
Boden und aus ist’s mit ihml Er wird nie mehr 
etwas essen, weil er nun selber den Erdenwürmern 
als Nahrung dient. 
Aehnlich war’s mit diesem Buch. Ich las es, 
ohne es aus den Händen zu legen. Die letzten 
Blätter beendigte ich im Bett, löschte sodann das 
Licht aus und wollte einen tüchtigen Schlaf tun. 
Lang ausgestreckt lag ich da — ringsumher war 
alles still und dunkel. 
Plötzlich schien es mir, als ob ein Schwarm leise 
summender Herbstfliegen über meinem Kopfe 
kreisten. . . . Kennen Sie jene langweiligen Fliegen, 
die sich gleichzeitig auf der Nase, auf beiden Ohren 
und auf dem Kinn niederlassen? 
Ihre Füsschen kitzeln die Haut in seltsamer 
Weise. . . . Ich öffnete die Augen -— es war nichts 
zu sehen. Aber eine düstere, trübe Stimmung 
herrschte in meiner Seele! Vor meinen Augen er 
stehen all die düsteren Heldengestalten — lauter 
elende, stille, blutleere Menschen; — ihr Leben ist 
so dumm und langweilig Ich kann nicht 
schlafen. 
So beginne ich zu grübeln. Ich bin vierzig Jahre 
alt geworden . . . mein Magen verdaut schlecht. . . 
Meine Frau meint, ich liebe sie nicht mehr so heiss, 
wie vor fünf Jahren . . . Mein Sohn ist ein Tauge 
nichts ... er ist faul, bringt schlechte Zeugnisse 
aus der Schule, verbringt die meiste Zeit auf der 
Eisbahn, liest ganz dumme Bücher. . . . Ich muss 
einmal sehen, was für Bücher das sind. . . . Die 
Schule ist eine Folterbank — sie verdirbt die Kinder. 
Meine Frau hat Falten unter den Augen. . . . Wenn 
ich so mein ganzes Leben Überschläge . . . was 
bleibt davon? Ist nicht alles Unsinn? . . . Nun 
hielt ich die Zügel meiner Phantasie an und öffnete 
wieder die Augen. Was war das zum Teufel? Am 
Fussende meines Bettes stand das Buch — ein 
trockenes, dünnes Buch auf dünnen Füsschen; es 
schüttelte sein kleines Köpfchen und sprach zu mir, 
leise mit den Blättern flüsternd: 
„Ueberblicke dein Leben genau!“ 
Sein langes Gesicht trägt einen grausamen, gleich 
zeitig sehnsüchtigen Ausdruck, seine Augen 
leuchten so hell und schmerzvoll und durchbohren 
meine Seele bis auf den Grund. Und ich höre 
wieder: „Was hast du in den vierzig Jahren deines 
Lebens erlebt? Was hast du dem Leben geschenkt? 
Kein neuer Gedanke ist deinem Hirn entsprungen, 
kein einziges originelles Wort von deinen Lippen 
gekommen ... Niemals wohnte ein gesundes, starkes 
Gefühl in deiner Brustl Ja, selbst als du dich ver 
liebtest, überlegtest du, ob die Heirat mit der Frau, 
die du liebtest, dir auch bequem sein würde. Die 
Hälfte deines Lebens hast du mit Lernen zugebracht, 
um in der zweiten Hälfte das Gelernte zu vergessen. 
Und immer warst du nur darum besorgt, satt zu 
werden und dir ein behagliches Leben einzurichten. 
. . . Bist ein elender, unbedeutender Mensch, zu 
nichts zu gebrauchen. . . . Wirst sterben, und man 
wird kaum wissen, dass du jemals gelebt hast. . . . 
Das verdammte Buch kriecht auf mich herauf 
und legt sich mir wie ein Alp auf die Brust. Seine 
Blätter umfassen mich und flüstern mir zu: 
„Ihr sitzt euer ganzes Leben lang in euren 
warmen Löchern, wie die Würmer, und deshalb ist 
euer Leben so langweilig und grau.“ 
Ich vernehme diese Reden und habe das Gefühl, 
als ob kalte, dünne Finger sich in mein Herz bohrten 
und darin herumwühlten. Ich fühle ein schmerz 
liches Unbehagen. Wie habe ich das Leben in 
schillernden Farben geschaut, — stets betrachtete 
ich es als eine Pflicht, die mir schliesslich zur Ge 
wohnheit geworden war. Oder ich betrachtete es 
im Grunde genommen überhaupt nicht. . . . Ich 
lebte ruhig für mich hin. Und jetzt streicht mir 
dieses alberne Buch das Leben mit einer grässlichen, 
fürchterlich langweiligen Farbe an. 
„Die Menschen da draussen leiden, begehren 
und streben nach irgend etwas ... du aber stehst 
immer nur im Dienste einer Sache . . . Weshalb? 
Was für ein Sinn liegt in deiner Beschäftigung? 
Du selber findest keine Befriedigung und verschaffst 
auch Anderen keine . . . Wozu lebst du?“ 
Diese Fragen bedrängten und quälten mich, und 
raubten mir den Schlaf. Immer wieder schauten 
aus den Blättern des Buches die Gesichter seiner 
Helden hervor und fragten mich: 
„Wozu lebst du?“ 
„Was kümmert es dich?“ wollte ich entgegnen, 
aber ich konnte nicht. Ein Flüstern, Rauschen und 
Sausen klang mir in den Ohren. Es schien mir, als 
hätten die Wogen des Lebensmeeres mein Bett er 
griffen und als trügen sie es sammt mir schaukelnd 
in eine unabsehbare Ferne dahin. Die Erinnerung 
an die durchlebten Jahre riefen in mir eine Art 
Seekrankheit hervor. Noch nie habe ich eine so 
unruhige Nacht verbracht, ich schwöre es Ihnen . .. 
bei meinem Ehrenwort!“ 
Und jetzt frage ich Sie, welchen Nutzen hat der 
Mensch von einem Buch, das ihn nicht schlafen 
lässt und ihn so erregt? 
Ein Buch soll meine Energie anregen. Was fange 
ich aber damit an, wenn es Nadeln über mein Lager 
streut? Können Sie mir das erklären? Solche 
Bücher müsste man vom Verkauf ausschliessen, ver 
bieten, — jawohl, mein Herr! Der Mensch sehnt 
sich nach etwas Angenehmen! Die Unannehmlich 
keiten kommen schon von selbst. 
„Ach Sie wollen wissen, wie die Sache endigte? 
Sehr einfach! Am nächsten Morgen stand ich ganz 
früh auf; wütend, wie ein Teufel ergriff ich das 
Buch und trug es zum Buchbinder. Dieser band 
es ein — in einen festen, schweren Einband. Jetzt 
steht es auf dem niedrigsten Brett meines Bücher 
schrankes, und wenn ich gut aufgelegt bin, stosse 
ich es behutsam mit der Spitze meines Stiefels an 
und frage: 
„Na, hast du den Sieg davongetragen?“
        
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