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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

3ena oder Sedan? 
£in Briefwechsel zwischen Kuno 6raf Kracht auf 
Klein »hinde und Feodor Freiherr Don Finck in Berlin. 
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1. Brief Kunos an Feodor vom 29. 5. 03. 
Du entschuldigst doch, edler Detter und Standesgenosse (mein Hnherr Wolf Dietrich 
sieht strafend aus hochgeklapptem Raubrifter-Visir auf mich herab), dass leider erst heut, 
nach schon achfidöchigem Ehestand, zum eingerosteten Stahlfederkiel greife, um endlich sub- 
missesfen Dank für freiherrliche ßochzeits-Glückwünsche zu stammeln. Ewig schade, dass 
Du, trotz Antipathie gegen Kirche und Standesamt, stilvollem Ereignis nicht beiwohnen 
konntest. Aber Pflicht bleibt Pflicht, und Dir ist verziehen, fllir hoffentlich dito, weil par 
tout mit Ringwechsel nicht warten wollte, bis Ew. hiebden von dero diplomatischer ITlission 
aus China heimgekehrt waren, man darf Geduld einer angebetenen Braut, die gern Frau 
werden möchte, nicht koramieren. fla: Du verträumst Deinen sommerlichen Urlaub natürlich 
bei uns, wo Du Familiensinn heucheln und Dich für künftiges Eheglück in Form bringen 
kannst. Solltest mal wenigstens kleine Probeliebschaft mit ernstem ßintergrund anbandeln; 
märkischer Umkreis wimmeit hier förmlich von unverlobten handladies, chik oder tugendsarn, 
[e nach persönlichem Gusto des Reflektanten, hotte, meine reizende Flitterwöchnerin (bitte 
keine Anzüglichkeit in diesem epitheton ornans zu wittern I), sendet dem alten Freund Gruss 
und Kusshand. — Apropos: Babe dringliche Bitte an Dich. Denke Dir, meinen Schreck : 
Unser Sekt geht zur neige! Baben wohl bischen zuviel daran gepichelt, abends auf 
Parkveranda, im zärtlichsten fete ä fete. Sch schwöre Dir, (Bensch, im [Rai so ’ne 
IKondnacht ä deux, mit Sekt: unbezahlbar. (»Pyramidal«, würde der dicke Schmeft- 
wi(j von den Ziethenhusaren sagen, der neulich, laut Subei-Depesche an uns, sein 
Rittmeister-Patent erhielt.) Stern besorge zifissime neuen Stoff. Du als Diveur und 
Sntimus sämtlicher bessern Weinonkel Spree-Babels hast ja ganz andere piekfeine Be 
zugsquellen wie ich. niarke in Deinem Belieben; einzige Klausel: ITluf; legitimes 
Kind der Champagne sein, die ja an berühmten Traubengeschlechtern so reich. Vor 
läufig praeter propter zehn Dutzendkisten; die langen bis Suli. Oder meinst Du: 
nee ! Dann selbstredend entsprechendes Plus, ganz nach Wahl. IKach’s gut! meinen 
Segen und meine unbegrenzte Vollmacht hast Du. 
2. Brief Feodors an Kuno vom 1. 6. 03. ^ 
Zunächst, o Du mein holder Ehemann, acceptiere verbindlichst Einladung zur 
Sommerfrische. Beiratsvermittlung dagegen strengstens verbeten I Ein freier ßerr, 
daher der name »Freiherr« — will ich sein und bleiben. (»Au»-Rufe gleichfalls ver 
beten.) 3n punkto Sekt: Ew. Gnaden gräfliche Wünsche sind mir Befehl. (Ver 
mute beiläufig, dass Dein ganzer feudaler Schreibebrief nur dieser Pointe wegen ver 
fasst ist; übriger 3nhalf nichts als Atrappe.) notabene: muss es denn immer die 
olle ehrliche Champagne sein ! 3m Prinzip gegen diese uralte Beimat diverser Sekt- 
Dynastien nichts einzuwenden; aber Du als schwarz-weisser Patriot und Franzosen 
fresser (oder bist Du neuerdings zur »roten 3nfernationale« übergetreten?) solltest 
doch endlich 'mal unserm deutschen Schaumwein die Ehre geben, die ihm gebührt. 
Bält unser rheinisches Rebengewächs dem Produkt der Champagne nicht zehnmal die 
Stange? Babe mir jefjt höchst reputierlichen Cropfen angewöhnt; »Rheingold» aus 
Schierstein, von Söhnlein. Cadelios, mein Lrieber! Hätte das unsrer Riesiing-Craube, 
paroie d’honneur, nie zugefraut. Ein Bouquet, eine Würze, das lässt sich nur schmecken, 
nicht schildern. Und nimmt mit dem Alter an Güte wunderbar zu ; kurz : ein Sektchen, 
das in der zivilisierten Welt seines Gleichen sucht. (Verstehe midi drauf; habe mir 
nicht umsonst im göttlichen Wintergarten, bei Dressei und Uhl, Borchardt nicht zu ver 
gessen, geehrten Schädel bis auf drittehalb Baar ratzekahl amüsiert.) hosung dem 
nach: Söhnlein for ever. Erbitte eventuell telegraphische Ordre. 
3. Depesche Kunos an Feodor vom 3. 6. 03. 
Um Gotteswillen; Kein Söhnlein! Brief folgt. 
4. Brief Kunos an Feodor vom 3. 6. 03. 
Vetter und Vaferlandsretter: Seid Ihr des Ceufels! »Deutscher Sekt!« 
Für mich direkt condradictio in adjecto. Unglaubliche Geschmacksirrung eines modernen 
G) 
Kultur*Europäers! Dein »Rheingold«-Wahnsinn kommt mir — pardon — diinesisdi vor. 
Sdion Goethe dichtet (habe nachgeschlagen): »Ein echter deutsdier Ulann mag keinen Fran* 
zen leiden, doch ihre Weine trinkt er gern.« hassen wir’s also beim Alten, Bewährten: 
beim königlichen Rebengeblüt der Champagne. So einem Rhein-Sekt (idi kenne ihn nidit, 
dodi ich missbillige ihn) fehlt unbedingt der grosse hygienische Zug (mittel gegen Gollaps!), 
das Berzanregende, Prickelnde, moussierende; wie soll ich gleich sagen; Es fehlt der Esprit. 
Sekt ohne Esprit: Pfui Spinne! Das wäre wie koffetnfreier Ulokka, wie eine Upmann oder 
Benry Glay ohne llikotin. Ad vocem »Patriotismus«, der mit Sektfrage garnichts zu tun hat: 
Bast Du den grässlidien neuen Roman schon gelesen: »3ena oder Sedan?« Alle Blätter 
sind voll davon. Franz Andam Beyeriein nennt sidi Verfasser. (Ausgerechnet »Adam«, 
neckisch, wie !) Soldi ein verkappter Sozialdemokrat wagt es, herrliches deutsches Kriegs 
heer anzunörgeln! Rüttelt frech an Grundpfeilern geheiligter Cradition! - hotte stimmt 
selbstredend auch gegen Söhnlein. . . 
5. Postkarte Feodors an Kuno vom 8. 6 03. 
Soeben die gewünschte Ghampagnersendung (marke wird Euren Beifall haben) mit 
aller gebotenen Vorsidit an Dich abgeschickt. Konnte inir’s nicht versagen, auf eigne Ver 
antwortung hin Probe-Dutzend »Rheingold« beizufügen. Probiere, dann kritisiere! Sela. 
6. Brief Kunos an Feodor vom 17. 6. 03. 
Reingeschliddert, Sankt Feodor, aber eklig. Dein i-Rheingold«-Sekt fällt gegen 
den französischen Ehampagner schauderhaft ab. Für 3ungen, die ungeübt sind, mag 
er ja seine Vorzüge haben; für Kenner dagegen, wie hotte und mich, ist Unterschied 
klaffend, riesengross, abgrundtief. Woran es liegt, wer kann's definieren ! Warum 
liebt man die eine Frau und die andre nicht? — »Rheingold« ist leider, mit 
deutscher Wehmut bekenn’ ich’s, die »andre«. Achtbar, na ja; aber hiebe! 
3s nich. Werde die restlichen elf Pullen (an einer hatten wir gerade genug) 
ausschliesslich für Dich reservieren. Armer Kerl. Was für ein schändliches 
fc) Gesöff muss in China zu Bause sein, dass Dein empfindlicher Gaumen so 
stark ramponiert scheint. - 3a, ja, die Champagne. Dass Bismarck die dünne- 
rnals nidit gleidi mifannektiert hat, war eigentlich dumm. — 
7. Brief Feodors an Kuno vom 22. 0. 03. 
tapferes Borussenherz — panzre Didi mannhaft mit Erz! nicht idi, sondern 
Ew. Bochwohlgeboren sind »reingeschliddert«. Der französisdie Champagner, den 
ich Dir sdiidite, war gar kein französisdier Champagner, Söhnlein kein Söhnlein. 
Umgekehrt wird ’n hadistiefel draus: Dur die Pullen sind echt, die Weine dagegen 
vertauscht. Wie ich dies Kunststück mit Hilfe diensteifriger Beinzeimänndien ge- 
deidiselt habe, erfordert besonderes Roman-Kapitel (mündlidi); leicht war die Chose 
nidit! Freue midi nun diebisch, dass dreimal Gesiebter, wie Du, durch so plumpen 
Zauber, so beliebten Kniff, ad absurdum geführt ist; denn dass Didi der blosse 
Flaschenwedisel nidit getäuscht hätte, wenn nicht fatsädiiich die Güte des Weins eine 
höhere wäre, das traue meinem trinkfesten, mit allem Komfort neuzeitlicher Geschmacks- 
nerven zur Sektprobe gerüsteten Kuno Graf Kradif auf Kiein-Liinde schon zu. Haupt- 
sadie: deutsche Bouteille (»Rheingold«) hat die Bataille glänzend gewonnen. Was 
soll ich nu sagen? muss unwillkürlich an »3ena oder Sedan« denken. (Garnidit so 
übles Buch, wie Du schreibst; viel bittre, aber ehrliche Wahrheiten hat’s »in sich«.) 
Soll ich frei nach Franz Adam sagen: Du hast Dein 3ena, oder: der französische 
Champagner hat sein Sedan erlebt! Stimmt eins wie das andre; 3acke wie Bose, 
unter Kameraden ganz egal. Ein Schinollis dem braven nothelfer Beyeriein aus 
(Heissen. - Hm Freitag beginnt, mit Vergunst, mein Urlaub. Wenn Ihr nadi diesem 
verniditenden Streich mich nodi mögt, reise Sonnabend ab und bin Sonntag dort fällig. 
8. Depesche Kunos an Feodor vom 23. 6. 03. 
Erwarten Dich prompt am Verfalltag; Empfangsguirlande mit Widmung bereits 
i in Arbeit. (»Willkommen alter Fuchs« etcetera.) Bei Söhnlein sofort zehn weitere 
Dutzendkisfen bestellt.
        
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