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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

ich wusste überhaupt garnichts. Du mein Gott, 
mit welchen jungen Damen hat man nicht schon 
geflirtet in seinem langen Leben? — Da sass ich 
wieder fest und musste mich hüten, mir weitere 
Blossen zu geben. 
Ich hielt mich an die Kinderchen. Das älteste 
Mädel war dreizehn Jahre und sass neben dem 
Papa. Ein schönes ausdrucksvolles Köpfchen, das 
sich dunkelrot ansteckte, sobald ich das Wort an 
sie richtete. Ich kam aber auch dort schlecht an, 
denn der besorgte Vater meinte halb ernsthaft, dass 
ich durchaus nicht verpflichtet sei, seinem Töchter- 
chen Angenehmes zu sagen. Also musste ich mich 
schon mit den kleineren befreunden, und als mir 
dies bestens gelingen wollte, unterdrückte die strenge 
Mama unsere lebhafte Lustigkeit, weil es gegen den 
guten Ton geht, wenn die Kinder bei Tische Haupt 
personen sind. Gleich nach der süssen Speise 
mussten sie aufstehen und gute Nacht wünschen. 
Nacheinander gaben sie die Händchen, und jedes 
musste mir noch seinen Namen sagen, — alles nur 
Vornamen; und als ich dann mit kalter Berechnung 
die jüngste sechsjährige zwischen meine Kniee zog 
und ausforschte, ob sie den auch schon ihren ganzen 
Namen wisse, wurde eins, zwei, drei gezählt und 
gehorsam verschwanden die kleinen Herrschaften. 
Das war mein letzter Trick gewesen. Man hatte 
kein Mitleid mit mir. Ich machte mich bereits mit 
dem Gedanken vertraut, meine Qual mit einem 
Schlage zu beenden, indem ich auf drollige Weise 
meine missliche Lage offen blosslegte. Aber würde 
man auch den Sinn für das rein komische haben? 
Würde ich nicht viel wahrscheinlicher meine liebens 
würdigen Wirte beleidigen? Doch warum hatte 
man mich auch nicht ruhig meines Weges ziehen 
lassen? Das Butterbrod im Wirtshaus würde mir 
besser geschmeckt haben, als diese Reihe ausge 
suchter Schüsseln. Und nun war ich aus Anstands- 
riicksichten auch noch gezwungen, an Ort und 
Stelle zu verdauen. 
Die kleine Frau fragte beinahe schüchtern, ob 
ich Skat spiele. Natürlich, man wusste nichts mit 
mir anzufangen. Aber ich bejahte doch fast allzu 
freudig. Der Diener trug den Spieltisch auf die 
Veranda, und die Partie war sogleich im Gange. 
So zerstreut ich spielte, gewann ich die schwächsten 
Grands und konnte bald auf dem Block, den ich 
mir herüberreichen Hess, ein erhebliches Plus für 
meinen Teil konstatieren. Eigentlich hatte ich nur 
nachsehen wollen, wie sich Eduard darauf ver 
zeichnet hatte. Da stand ein E, das konnte neben 
bei gerade so gut Ego heissen. Das Glück blieb 
mir treu, trotz meinem Widerstreben, und als nach 
einer Stunde abgerechnet wurde, weil endlich 
meine Zeit gekommen war, musste ich wohl oder 
übel meinen Gewinn einstreichen. Es war zwar 
nicht mehr, als ein Taler, aber wie durfte ich auch 
das noch von Leuten annehmen, von denen ich 
nicht einmal wusste, wie sie heissen. Ich gelobte 
mir, dies Sündengeld beim Fortgehen dem Diener 
in die Hand zu drücken, dann brauchte ich mir 
wenigstens nichts nachsagen zu lassen. 
Noch eine Henry Clay auf den Nachhauseweg 
und ich küsste der gütigen Hausfrau dankbar die 
Hand. Ich musste versprechen, recht bald wieder 
herauszukommen, doch möchte ich vorher eine 
Karte schreiben, da Eduard häufig zur Stadt fahre. 
Ich und schreiben! — Ich sah mich nach dem Diener 
um, damit ich ihm meine Zuwendung machen konnte, 
doch wollte es sich der Hausherr nicht nehmen 
lassen, mich zu begleiten und auf den rechten Weg 
zu bringen. Wie wir uns verabschiedeten, empfahl 
er mir noch fürsorglich Eile, es sei der letzte Zug. 
Nach einer kleinen Strecke blieb ich stehen. Der 
Taler brannte in meiner Tasche. Ich wartete, bis 
Eduards Schritte in der Dunkelheit verhallten, dann 
schlich ich ihm leise nach, denselben Weg zurück. 
An der Pforte musste doch ein Namenschild sein. 
Dort, ein paar Bäume weiter hinter jener Laterne, 
war es, und richtig, ich sah die kleine Messingtafel 
über dem Klingelknopfe blinken. Aber es war zu 
finster hier zum Lesen, ich musste Licht machen. 
Im Moment, wie das Streichholz aufflammt und ich 
mich überbeuge, springt mit wütendem Gebell ein 
riesiger Neufundländer an dem Gitter empor, — ich 
musste machen, dass ich fortkam. Wenn man mich 
hier sehen würde? Auf dem Schild hatte ich gelesen: 
Adolf Munk. Adolf, nicht Eduard. — Jetzt erst fiel 
mir ein, dass im Laufe des Gesprächs gesagt worden 
war, man wohne den Sommer über nur zu Miete hier. 
Ich lief fast den wohlbekannten Weg, verfolgt 
von dem Gekläff der Hunde aus der ganzen Nachbar 
schaft, als ob ich ein Landstreicher wäre. Und ich 
war doch ein Mitglied der Gesellschaft. 
friedlich fuchs. 
Johannistrieb, 
Von Julius )(nopf. 
Frühlingssonntag. Die artige Erde hatte 
är liebes Feiertagsgewand angelegt, so 
ächt angetan zu festlicher Stimmung. In 
einer solchen war allerdings der junge Doktor Wilda 
ganz und gar nicht. Planlos schlenderte er durch 
den Grunewald. Anderthalb Jahr erst war er ver 
heiratet und schon fühlte er sich angeödet von dem 
simplen Familienleben, in welchem die Tage sich 
glichen, wie die Winkel eines gleichseitigen Dreiecks. 
— In ihm schlummerte noch ein Restchen un 
verbrauchter Jugendkraft und überschäumender 
Burschenfrische, die ihm zeitweise die Ehe als eine 
Zwangsjacke erscheinen Hess. 
Zu dumm, dass er sich schon gebunden hatte. 
Er, mit seinen fünfunddreissig Jahren fühlte sich 
liebesjung, wie ein Zwanzigjähriger. Der fatale, 
glatte Goldreif allein konnte einen doch nicht im 
Nu so total umkrempeln, dass aus einem tollen 
Mädelsjäger mir nichts dir nichts ein stumpfsinniger 
Ehekrüppel wird! — Wenn er so hübsche, frische 
Weibsen sah — abküssen hätte er sie mögen, alle 
samt. — Ach, über die jungen Kerls, die an ihm 
vorüberlatschten mit ihren Mädeln am Arm — seine 
ganze Praxis hätte er in die Ecke feuern mögen, 
um an ihrer Stelle zu sein. Seine Frau war ja nett, 
und gut, häuslich und nicht hausbacken — und 
dennoch dieses blödsinnige Einerlei. — 
Da stolpert er über eine Baumwurzel und pur 
zelte der Länge nach hin. Der Kneifer flog ihm von 
der Nase und der Hut vom Kopf. Hinter ihm lachte 
es vergnügt. Schnell sprang er auf. Zweiunddreissig 
weisse Zähne blitzten ihm entgegen; einer hatte eine 
kokette Goldplombe. — Ein bildhübscher Fratz. 
Figur — Kleidung — das prickelnde Gesicht — 
entschieden Konfektioneuse. — 
Gutmütig hob sie seinen Hut auf, den sie ihm 
mit feierlicher Grandezza überreicht. Bald war die 
Bekanntschaft gemacht. Sie nannte sich Emmi Meier 
— keine Jüdin, wie sie gewichtig betonte. Er zö 
gerte einen Augenblick — Krause; ja wirklich Krause, 
beteuerte er, da sie ihn zweifelnd anblinzelte. — 
Ohne Ziererei nahm sie seinen Arm. Er fühlte 
sich ganz Krause und scherte sich den Teufel darum, 
dass ihn ein Bekannter treffen konnte. — 
Ein feudales Weibl Dass sie hin und wieder 
den Dativ für den Akkusativ nahm — Herrgott, wer 
wird so’n Pedant sein! — 
Sie blieben den ganzen Tag über beisammen, 
dinierten in einem idyllischen Gastwirtshaus und 
räkelten sich im Walde. Verliebt betrachtete er die 
zierlichen Stiefeletten, die feinen Knöchel und das 
Stückchen rotbraunen Seidenstrumpf, das sie kokett 
präsentierte. Und dann küsste er sie. Sie zierte 
sich nicht und küsste ihn wieder. Und sie hatte die 
Hochschule des Küssens absolviert. Alles vergass 
er; Weib und Kind zu Hause und den Ehering, der 
in der Westentasche ein beschauliches Dasein 
führte. — 
Jung war er wieder und frisch, wie der Mulus 
von Dunnemals. Ach, die Weiber, die Weiberl — 
Es wurde kühl, sie drängte zum Aufbruch. In 
überfülltem Coupö fuhren sie zurück, eng aneinander 
gepresst, dass die Körperwärme vom einen zum an 
deren überströmte. Er hielt ihre Hand und lehnte 
den heissen Kopf an ihre Schulter. 
Man war am Ziel; seufzend gab er sein süsses 
Plätzchen auf. Er wollte sie nach Hause bringen. 
Sie lehnte ab. Heute ginge es wirklich nicht, aber 
morgen ganz bestimmt; auf Wort! 
Die Strassenbahn kam. Ein letzter Kuss — sie 
stieg ein — noch ein Gruss — weg war sie. Er 
ging wie im Rausch. — Nur nicht nach Hause! ... 
In einem Biergarten setzte er sich, still die heissen 
Küsse nachfühlend, von dem neuen Glück träumend. 
Zwölf Uhr. Eine hässliche Falte trat auf seine 
Stirn — Wieder rein in den Ehestandskasten. 
Zahlenl — Ein heftiger Schreck — sein Portemonnaie 
spurlos verschwunden. Donnerwetter, verloren also. 
Kurz entschlossen will er dem kalt lächelnden Kellner 
seine Uhr als Pfand geben. Ihn fröstelt. Auch die 
flöten, mitsamt der goldenen Kette. Das Braut 
geschenk seiner Frau. — Grossmütig pumpt ihm der 
fatale Kellner die paar Groschen auf sein ehrliches. 
Gesicht hin. Noch einmal durchwühlt er alle Taschen., 
Da — in der linken Westentasche, neben dem Ehe- 
ringl — ein kleiner, zerknüllter Zettel. Darauf mit 
Bleistift gekritzelt, unleserlich fast: 
Selbstredend nicht vergebens gekisst. Lehbe 
wohl. Die Dummen werden nicht ale. Emi.
        
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