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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Unsere Bilder, 
(A^j^ie Grünauer Ruderregatta bildet nach wie 
vor das hervorragendste wassersportliche 
Ereignis Berlins, das seine besondere Be 
deutung durch den Besuch des Kaisers erhält. Es 
kamen im ganzen 17 Rennen zum Austrag, davon 
fielen 9 auf den Sonntag, die übrigen 8 auf den 
Montag. Von den Rennen des ersten Tages inter 
essierte am meisten das im Kaiservierer. Nicht 
weniger als 8 Bote kämpften um den prachtvollen 
Silberpokal Kaiser Friedrichs, der sich im letzten 
Jahre im Besitz des Berliner Ruder-Klubs befand. 
Auch diesmal gelang es dem genannten Klub, den 
Kaiservierer, allerdings nur ganz knapp vor „Vik 
toria“ und „Hellas“ zu landen. Ihre Majestäten ver 
folgten an Bord der Alexandria mit lebhaftem Inter 
esse den Verlauf des Rennens vom Start bis zum 
Ziel, um den glücklichen Siegern nachher selbst die 
Preise zu überreichen. 
Zum Besten der Kinderheilstätten an den deut 
schen Seeküsten veranstaltete der Frauenhilfsverein 
unter dem Vorsitze der Frau Geheimrat von Leyden 
ein Wohltätigkeitsfest, zu welchem Graf und Gräfin 
Bülow den Kanzler-Garten mit freundlichem Ent 
gegenkommen zur Verfügung gestellt hatten. Wie 
stets bei den Veranstaltungen des Frauenhilfsvereins 
gaben sich auch diesmal die Grössen der Diplomatie, 
der Finanz, der Geistes- und Geburtsaristokratie ein 
Stelldichein in dem historischen Garten des Reichs 
kanzlerpalais. Man hatte auch nicht verfehlt, den 
derzeit in Berlin auf dem grössten Fusse lebenden 
Mann, den Riesen Machnow, heranzuziehen, und 
sein Eintreffen erregte besonders unter der Kinder 
schar allgemeine und nachhaltige Sensation. 
Der Tag, an dem der Deutsche sein vornehmstes 
Bürgerrecht auszuüben berufen ist, stand diesmal 
im Zeichen der — Isolierzelle. In Berlin bestand 
der ominöse Ort, der dem Berliner Witz zu aller 
hand Spötteleien Anlass gegeben hatte, nur aus 
einem grossen, viereckigen, durch einen Vorhang 
geschlossenen Kasten, der halb auf einen Tisch ge 
stülpt war, und der Wahlakt vollzog sich trotz der 
vermehrten Arbeit glatt und ohne Zeitverlust. 
Professor Julius Kosleck, Lehrer der Trompete 
und des Körnet ä Piston an der Königl. Hochschule 
für Musik tritt mit Ablauf des Schuljahres in den 
wohlverdienten Ruhestand. Der bereits hoch in den 
60er Jahren stehende Künstler hat eine ausser- 
gewöhnliche Karriere hinter sich. Ursprünglich 
Militärmusiker, brachte es Kosleck schon anfangs 
der 50er Jahre durch seine rastlose Energie zum 
Königl. Kammermusiker und Solo-Kornetisten der 
Königl. Kapelle. Als anfangs der 70er Jahre die 
Königl. Hochschule für Musik gegründet wurde, er 
hielt der Künstler die Lehrstelle für Blechbläser und 
der Staat zeichnete den ehemaligen Militärmusiker, 
der sich übrigens durch die Veröffentlichung einer 
Schule für sein Instrument verdient gemacht hat, 
durch die Verleihung des Professortitels aus. 
Zum Nachfolger Professor Koslecks als Lehrer 
an der Kgl. Hochschule für Musik wurde Kammer 
musikus C. Höhne ernannt, der bisher in der Königl. 
Kapelle als erster Trompeter wirkte. — 
Professor Aug. Engelien, einer der bewährtesten 
Männer auf dem Gebiet des Volks-Schulwesens, 
Rektor der 30. Gemeindeschule ist, 71 Jahre alt, aus 
dem Leben geschieden. Anlässlich seines 50jährigen 
Lehrer-Jubiläums war er zum Professor ernannt 
worden; der erste Fall, dass ein Rektor der Ge 
meindeschule derartig ausgezeichnet wurde. 
Ein seltenes Jubiläum, das goldene Dienstjubiläum, 
feierte der wirkl. Geh. Rat, Prof. Dr. Adoli Stölzel. 
Geboren 1831 zu Gotha, studierte er in Marburg und 
Heidelberg, wurde Richter und trat 1866 in den 
preussischen Staatsdienst. 1872 wurde er Kammer 
gerichtsrat und ein Jahr darauf Vortragender Rat im 
Ministerium. 1875 wurde er Mitglied der Justiz- 
Prüfungs-Kommission, als deren Präsident Exzellenz 
Stölzel seit nunmehr 17 Jahren seines Amtes waltet. 
Leutnant von Bachmayr, der Sieger im Armee- 
Jagdrennen, hat bereits über 300 Rennen bestritten 
und gegen 90 Siege errungen. Herr von Bachmayr 
hat seine militärische Laufbahn als Fahnenjunker 
im Husaren-Regiment Fürst Blücher von Wahlstatt 
(Pomm.) Nr. 5 begonnen, wurde 1897 Leutnant und 
vor vier Jahren zum Leib-Garde-Husaren-Regiment 
in Potsdam versetzt. 
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Nachdem das neue Fahrzeug Automobil sich 
Bürgerrecht erworben hatte und von einsichtigen 
Männern als das Fahrzeug der Zukunft erkannt 
war, erkannte man auch bald die Gefahren, die 
dem neuen Verkehrsmittel drohen würden. Man 
erkannte ferner, dass der Selbstfahrer, bevor 
er als volkswirtschaftliches Nutzfahrzeug Ver 
wendung werde finden können, zunächst in den 
Dienst des Sports gestellt werden müsse und dass 
ein einheitliches Zusammenwirken aller interessierten 
Kräfte nötig sein würde, um dem modernen Fahr 
zeug Geltung und allgemeine Einführung zu ver 
schaffen. 
So bildeten sich allerorten Automobil-Klubs und 
auch hier in Berlin schlossen sich eine Anzahl 
Männer zusammen und konstituierten am 31. Juli 1899 
unter dem Vorsitz Seiner Durchlaucht des Herzogs 
von Ratibor mit 97 Mitgliedern den Deutschen 
Automobil-Klub. Der ausgesprochene Zweck des 
Klubs war die Förderung des Automobilismus. 
Am 1. Januar 1900 wurde die Geschäftsstelle des 
Klubs in die Parterre-Räumlichkeiten des Hauses 
Sommerstrasse 4a verlegt, während die erste Etage 
zu Zwecken des Klubs umgebaut und durch die 
Munificenz zahlreicher Herren eine prachtvolle Innen 
dekoration erhielt, die die Klubräume mit zu den 
elegantesten und behaglichsten der Residenzstadt 
machen sollten. 
Präsident des Klubs ist Seine Durchlaucht der 
Herzog von Ratibor; Vize-Präsident: Seine Durch 
laucht Fürst Christian Kraft zu Hohenlohe-Oehringen 
und Herr General von Rabe. 
Der Repräsentanten-Ausschuss, dem alle wichtigen 
Fragen zur Entscheidung vorgelegt werden und der 
unter anderem auch über die Neuaufnahmen ballotiert, 
besteht aus den drei Präsidenten und den Herren: 
General Becker, Dr. James von Bleichröder, Kom 
merzienrat Georg W. Biixsenstein, Kommerzienrat 
Fritz Friedländer, Geheimer Kommerzienrat Gold 
berger, C. von Kuhlmann, Assessor Dr. Lewin- 
Stoelping, Justizrat Lobe, Kommerzienrat Loewe, 
Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg, Freiherr 
Molitor von Mühlfeld, Hans Heinrich Prinz von Pless, 
Eugen Reiss, Dr. Max Schoeller, Adalbert Graf von 
Sierstorpff, Felix Simon, Graf von Talleyrand-Pdri- 
gord, Graf von Tiele-Winckler. 
Die technische Kommission besteht aus Herrn 
General Becker als Vorsitzendem und drei Mit 
gliedern, sowie vier Stellvertretern. Zu ihrer Ver 
stärkung dient die aus fünf Mitgliedern bestehende 
technische Hilfs-Kommission. 
Die Touristen-Kommission, die gemeinsame Aus 
flüge und grössere Touren bearbeitet und an deren 
Spitze Herr Eugen Reiss steht, besteht aus sieben 
Mitgliedern. 
DerDeutsche Automobil-Klub hat ferner 11 Damen-, 
350 ordentliche und 17 ausserordentliche Mitglieder. 
Der Deutsche Automobil-Klub hat sich auf dem 
Gebiete des Automobilwesens nicht geringer Erfolge 
zu rühmen. Nicht nur dass die alljährlich statt 
gehabten Automobil - Ausstellungen, von denen 
namentlich die diesjährige beredtes Zeugnis von 
der ausserordentlichen Entwickelung der Automobil- 
Industrie gab, durch den Deutschen Automobil-Klub 
arrangiert und bearbeitet worden sind, es ist ihm 
auch gelungen, wertvolle Erleichterungen beim 
Passieren der ausländischen Grenzen zu erreichen. 
Besonders aber muss als ein automobilistisches 
Ereignis ersten Ranges bezeichnet werden die Wett 
fahrt Berlin—Aachen und die Wett- und Tourenfahrt 
Paris—Berlin. 
Dank den umsichtigen Arrangements ist auf 
diesen Strecken trotz der Beteiligung von vielen 
hundert Automobilen nicht ein Unfall vorgekommen. 
Zum Schluss sei noch erwähnt, dass die meisten 
Automobil-Klubs Deutschlands sich unter dem Prä 
sidium Seiner Durchlaucht des Herzogs von Ratibor, 
Stellvertreter Herr General Becker, zu einem Deut 
schen Automobil-Verbände zusammengeschlossen 
haben. 
Dieser Verband umfasst die folgenden Klubs mit 
zusammen 1779 Mifglieder anfangs 1903, nämlich: 
Automobil - Klub von Eisass - Lothringen, 
Strassburg 83 Mitgl. 
Automobil-Klub Westfalen ...... 33 „ 
Bayerischer Automobil - Klub, Sektion 
München 59 „ 
Bayerischer Automobil - Klub, Sektion 
Nürnberg 67 „ 
Bayerischer Automobil - Klub, Sektion 
Würzburg 7 „ 
Berliner Automobil-Verein, Berlin ... 31 „ 
Braunschweiger Automobil-Klub, Braun 
schweig 31 „ 
Koblenzer Automobil-Klub, Koblenz . . . 16 „ 
Deutscher Automobil-Klub, Berlin . . . 400 „ 
Dresdener Automobil-Klub, Dresden . . 24 „ 
Frankfurter Automobil-Klub, Frankfurt a./M. 74 „ 
Hallescher Automobil-Klub, Halle a./S. 34 „ 
Hannoverscher Automobil-Klub, Hannover 21 „ 
Kölner Automobil-Klub, Köln a. Rh. ... 23 „ 
Leipziger Automobil-Klub, Leipzig ... 46 „ 
Mitteldeutscher Automobil-Klub, Eisenach 64 „ 
Mitteleuropäischer Motorwagen-Verein, 
Berlin 600 „ 
Rheinischer Automobil - Klub, Mannheim 96 „ 
Schlesischer Automobil-Klub, Breslau . . 70 „ 
Westdeutscher Automobil-Klub 
Wünschen wir dem Deutschen Automobil-Klub 
und den mit ihm verbündeten in- und ausländischen 
Automobil-Klubs zum Heil des schönen, modernen 
Fahrzeuges und zum Segen der deutschen Industrie 
und Volkswirtschaft ein weiteres Blühen und Ge 
deihen mit einem kräftigen Autoheil 1 
jYlax von fathenau, 
Oberstleutn. a. D.
        
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