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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

UJie man jVIänner fängf. 
Eine lustige Geschichte von Paul Bl iss. 
a ls der Sommer ins Land kam und die jungen 
Frauen daran dachten, wie sie es anfangen 
sollten, ihren Männern diesmal die übliche 
Sommerreise abzuschmeicheln, — zu dieser schönen 
Zeit besuchte Frau Lucie Holm ihre beste Freundin 
Ella Berger, um mit ihr über diese augenblicklich 
wichtigste Frage zu beraten. 
Als Lucie die Freundin begrüsste, sah sie zu 
ihrem Erstaunen, dass Ella rotgeweinte Augen hatte. 
„Aber, Ella, was fehlt Dir denn?“ fragte sie 
erstaunt. 
Unter Tränen berichtete die Freundin: „Denk’ 
Dir nur, mein Mann will mir diesmal keine Sommer 
frische bewilligen!“ 
Lucie sah erstaunt auf und fragte dann: „Wes 
halb denn nicht?“ 
„Er sagt, die Zeiten seien so schlecht; man 
müsse sparsam sein.“ 
Lucie zog die feinen Brauen ein wenig hoch, 
sann einen Augenblick nach und sagte darauf: 
„Du hättest Dir vom Arzt die Reise verordnen 
lassen sollen.“ 
„Aber das tat ich ja!“ 
„Und dennoch sagte Dein Tyrann nein?“ 
„Dennoch! Das ist es ja, was mich so empört.“ 
Nach einer kleinen Pause fragte Lucie: „Sag' 
mal, wär’ es nicht besser gewesen, wenn Du nicht 
so ehrlich, sondern mit etwas mehr List und Klug 
heit vorgegangen wärst? Du weisst doch, dass 
alle Männer Egoisten sind, — also muss man sie 
eben bei ihrer schwachen Seite zu packen suchen.“ 
„Daran habe ich keinen Augenblick gedacht,“ 
schluchzte Ella, „ich glaubte eben, er würde mich 
so lieben, dass er mir jeden Wunsch erfüllt hätte!“ 
„Optimistin!“ spottete Lucie, indem sie sich 
verabschiedete. „Na, verzag’ nicht gleich! vielleicht 
kann ich Dir helfen.“ 
Als Lucie allein war und ihrer Wohnung zu 
schritt, bedachte sie sich alles nochmals — und 
lächelnd kam sie zu dem Resultat: nein, ich werde 
bei meinem Mann die Sache anders anfangen, damit 
ich mir keinen Korb hole! 
* * 
* 
Frau Lucie Holm wollte natürlich auch ver 
reisen, und zwar war das idyllische Waldberg das 
Ziel ihrer heimlichen Sehnsucht, aber sie hütete 
sich wohl, dies ihrem gestrengen Hausherrn zu 
verraten, — o, nein, dazu war sie zu klug! — sie 
versuchte es lieber, auf indirekten Wegen zu ihrem 
Ziel zu gelangen. — — — — — 
Als sie mit ihrem Mann beim Mittagessen sass, 
das sie heute gerade mit ganz besonderer Sorgfalt 
hatte zubereiten lassen, sagte sie plötzlich: „Fehlt 
Dir etwas, Fritz?“ 
Der Gatte der beim besten Appetit war, sah 
ganz erstaunt auf, blickte sie an und fragte: „Wieso 
soll mir denn etwas fehlen ?“ 
„Dein Aussehen gefällt mir nicht,“ entgegnete 
sie ganz ruhig. 
Er sah in einen Taschenspiegel, lächelte dann, 
und sagte endlich: „Unsinn! ich sehe genau so 
aus wie sonst; übrigens siehst Du doch am besten 
an meinem Appetit, dass mir nichts fehlen kann.“ 
Lucie wurde ernst, als sie weitersprach: „Der 
Appetit will gar nichts besagen, im Gegenteil, 
gerade Kranke haben oft einen nahezu unnatür 
lichen Appetit.“ 
Lächelnd wandte er ein: „Du willst mich wohl 
schon zu den Schwerkranken rechnen?“ 
Sie aber sprach ruhig und ernst weiter: „Nein, 
lieber Fritz, — Scherz beiseite, — ich habe Dich 
schon seit mehreren Tagen genau beobachtet, — 
ich wollte Dich nur nicht beunruhigen, weil ich 
dachte, es würde sich bessern, — es ist aber bis 
jetzt nicht besser geworden; — in der Tat, Dein 
Aussehen beunruhigt mich wirklich! Deine Gesichts 
farbe ist ja ganz gelblich.“ 
Jetzt wurde er aber doch unruhig. Indessen 
beherrschte er sich schnell wieder, um sich keine 
Blösse zu geben, und erwiderte mit gemachter 
Heiterkeit: „Du siehst Gespenster, Schatz! ich fühle 
mich so wohl, wie selten vorher!“ 
Frau Lucie zuckte mit den Schultern und sagte: 
„Nimm die Sache nicht zu leicht, lieber Fritz! achte 
lieber ein wenig auf Dich! die Sache beunruhigt 
mich ernsthaft.“ 
Wieder versuchte er zu lächeln; aber es blieb 
bei dem Versuch; das beängstigende Wort der 
Frau setzte sich in seiner Einbildung fest und 
wurde zum nagenden Zweifel. 
Gleich nach Tisch ging er in sein Zimmer 
und unterzog sein Aussehen einer durchaus ein 
gehenden Prüfung, — er befühlte seinen Puls und 
sein Herz, kontrollierte die Pulse nach der Uhr, 
und besah sich so lange im Spiegel, bis er auch 
wirklich fand, dass seine Frau entschieden Recht 
hatte, — seine Gesichtsfarbe war gelblich und nicht 
normal. 
Während dessen stand die kleine Frau am 
Schlüsselloch der Tür und belauschte ihren Mann, 
und als sie ihn vor den Spiegel stehen sah, wusste 
sie genug, — sie hatte sich also nicht getäuscht, 
sie hatte wirklich seinen wunden Punkt getroffen! 
* * 
* 
Schon am Abend desselben Tages wollte es 
dem Hausherrn nicht mehr so recht schmecken, 
obgleich Frau Lucie ihm seine Lieblingsspeise zu 
bereitet hatte. 
Als er nicht ass, fragte sie erstaunt: „Schmeckt 
es Dir nicht, Fritz? Du nippst ja kaum!“ 
„Ich habe keinen rechten Appetit, entschuldigte 
er sich. 
„Ja, ist Dir denn nicht wohl?“ fragte sie mit 
zärtlicher Besorgnis. 
„Das kann ich gerade nicht sagen,“ entgegnete 
er leicht verlegen, „aber ich habe getan, was Du 
mir geraten hast, ich habe mich beobachtet, und 
ich glaube, dass ich wirklich keine ganz gesunde 
Farbe habe.“ 
„Siehst Du, wie Recht ich hatte!“ 
Er nickte. „Ich glaube mit meinem Magen ist 
es nicht ganz in Ordnung; ich werde mal unseren 
Doktor deshalb befragen.“ 
Jetzt nickte sie auch. „Das tu’ nur Fritz! — 
aber weisst Du, so schlimm wird es wohl noch 
nicht sein, dass Du deshalb hungern müsstest, — 
bitte, lang’ doch zu!“ 
Doch er blieb standhaft, er ass nur sehr wenig, 
so schwer ihm dieser Verzicht auch wurde, denn 
es war ja sein Leibgericht. 
Und während der nächsten Mahlzeiten wieder 
holte sich dasselbe, — er ass fast nichts mehr. 
„Aber, Mann,“ bat sie, „iss doch mehr! so 
krank bist Du doch gewiss noch nicht, dass Dü Dir 
solche Diät auferlegen müsstest.“ 
Doch auch jetzt blieb er fest. 
„Besser ist besser,“ sagte er, „mit dem Magen 
ist nicht zu spassen.“ 
Da wurde sie energisch. 
„Aber wenn Du Dich wirklich nicht wohl 
fühlst, lieber Fritz, so lassen wir doch den Arzt 
holen !“ 
Und er, der dies heimlich schon längst ge 
plant hatte, sich bisher aber nur noch nicht so 
recht dazu entschliessen konnte, er sagte nun ein 
wenig kleinlaut: „Ja lass ihn nur kommen.“ 
Da atmete die kleine Frau heimlich wie be 
freit auf. 
* * 
* 
Als der Arzt kam, hatte Fritz gerade eine 
geschäftliche Besprechung, und so empfing ihn 
Frau Lucie allein. 
„Nun, was fehlt denn Ihrem Mann eigentlich?“ 
fragte der Arzt, als er der kleinen Frau galant die 
Hand küsste. 
Sie lächelte schelmisch und sagte ein wenig 
zögernd: „Sie kennen ihn ja schon, Doktorchen.“ 
Der Arzt nickte lachend. 
„Also hat er sich wieder etwas eingebildet?“ 
Lucia nickte: „Er fürchtet für seinen Magen.“ 
Wieder lachte der Arzt. 
„Sein Magen ist aber unverwüstlich!“ 
„Das wird er Ihnen doch nicht glauben!“ 
„Nun, so werde ich ihm zur Beruhigung etwas 
Unschädliches verschreiben!“ 
Da lächelte Frau Lucie ihr lieblichstes Lächeln 
und sagte: „Vielleicht wäre es besser, Sie verordnen
        
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