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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

$)er Regelt. 
Von Doroschewitsch. Aus dem Russischen von Stefania Goldenring. 
■ er Sohn des Himmels — möge sein Name 
die Welt überdauern! —der Kaiser Li-O-A 
stand am Fenster seines Schlosses. 
Er war jung und daher gut. Inmitten all der 
glänzenden Pracht, die ihn umgab, hörte er nicht 
auf, der Armen und Unglücklichen zu gedenken. 
Es regnete in Strömen. Der Himmel weinte, 
und mit ihm die Bäume und die Blumen, von 
denen dicke Tränen herabrollten. 
Traurig blickte der Kaiser heraus und rief: 
„Schlimm sind diejenigen dran, die bei solchem 
Wetter nicht einmal einen Hut haben!“ 
Dann wandte er sich zu seinem Kammerherrn 
und sagte: „Ich möchte gern wissen, wie viele so 
Unglückliche es in meinem Peking giebt.“ 
„Sonnenlicht!“ erwiderte Tsung-Hi-Tsang 
niederknieend und den Kopf beugend, „gibt es etwas, 
das für den Befehlshaber aller Kaiser unerreichbar 
wäre? Noch vor Sonnenuntergang sollst Du er 
fahren, Vater des Morgenrots, was Du wünschest!“ 
Der Kaiser lächelte freundlich, und Tsung- 
Hi-Tsang lief so schnell, wie er konnte, zu dem 
ersten Minister San-Tschi-San. 
Ganz ausser Atem kam er bei ihm an und 
nahm sich in der Eile keine Zeit, alle Ehren, die 
dem ersten Minister zukommen, zu bezeugen. 
„Unser allgnädiger Kaiser, die Freude des 
Weltalls, ist in fürchterlicher Aufregung,“ sprach 
er keuchend. „Er ist um all diejenigen beunruhigt, 
die im Regen ohne Hut herumgehen, und er 
möchte noch heute wissen, wie gross ihre Zahl ist.“ 
„’s gibt immerhin genug Gauner!“ erwiderte 
San-Tschi-San, „übrigens aber . . .“ 
Und er liess Paj-Chi-Wo, das Stadtoberhaupt, 
rufen. „Schlechte Nachrichten aus dem Schlosse,“ 
sagte er, als Paj-Chi-Wo den Kopf zur Erde neigte, 
„der Befehlshaber unseres Lebens hat die in der 
Stadt herrschende Unordnung bemerkt!“ 
„Wie?“ rief Paj-Chi-Wo erschreckt, „ist da 
nicht der schöne, schattige Garten, der das Schloss 
von Peking trennt?“ 
„Weiss nicht, wie es geschah,“ erwiderte 
San-Tschi-San, „aber Seine Majestät ist um jene 
Spitzbuben besorgt, die im Regen ohne Hut 
herumlaufen. Majestät möchte noch heute wissen, 
wie viele unbedeckte Köpfe es in Peking wohl 
gibt. Sorge dafür!“ 
„Ruft mir sofort den alten Hund Huar-Dsung 
herbei!“ rief Paj-Chi-Wo im nächsten Augenblick 
seinen Untergebenen zu. 
Als das Oberhaupt der Stadtwache, ganz 
bleich vor Schreck, zitternd vor seinen Füssen 
lag, liess der Mandarin einen ganzen Strahl von 
Fluchworten auf sein Haupt niederprasseln. 
„Taugenichts, Gauner, gemeiner Verräter! 
Du willst wohl, dass man uns allen samt Dir 
die Köpfe abhaue!“ 
„Erkläre mir den Grund Deines Zornes“ sagte 
Huar-Dsung, — zu seinen Füssen zitternd und 
bebend, „damit ich die trostreichen Worte begreife, 
die Du mir sagst. Sonst fürchte ich, Deine weise 
Rede nicht zu verstehen!“ 
„Alter Hund, der Du die Schweine hüten 
solltest, nicht aber die allergrösste Stadt der Welt! 
Chinas hoher Befehlshaber selbst hat die Un 
ordnung in der Stadt bemerkt und gesehen, dass 
in den Strassen Spitzbuben herumziehen, die bei 
Regen nicht einmal einen Hut aufzusetzen haben. 
Lass mich bis zum Abend wissen, wie viele ihrer 
in Peking geblieben sind“. . . 
„Es wird aufs genaueste ausgeführtl“ er 
widerte Huar-Dsung, dreimal mit dem Kopfe 
gegen den Boden stossend. Bereits einen Augen 
blick später schrie und wütete er mit den 
Wächtern, die mittelst des betäubenden Trommel 
wirbels herbeigerufen worden waren. 
„Ihr Gauner, hängen werde ich Euch, aber 
nicht alle, — um die übrigen am Rost zu 
braten! So gebt Ihr auf die Stadt acht! Lasset 
die Leute bei Regen ohne Hüte herumlaufen! 
In einer Stunde*) sollen alle abgefasst werden, 
die nicht einmal einen Schilfhut haben!“ 
Die Wächter gingen daran, den Befehl aus 
zuführen, — und eine Stunde lang spielte sich 
auf den Strassen Pekings eine wahre Jagd ab. 
„Halt ihn! Fass ihn!“ riefen die Wächter und 
’) Eine chinesische Stunde zählt 40 Minuten. 
stürzten den Leuten nach, die keine Hüte hatten. 
Sie schleppten sie hinter den Zäunen, Torwegen 
und aus den Häusern hervor, in denen die Flüch 
tigen sich verbargen, wie Ratten, die vom Koch ver 
folgt werden, der ein Ragout aus ihnen machen will. 
Nur eine Minute fehlte noch zur vollen 
Stunde, als alle Bewohner Pekings, die keinen 
Hut hatten, im Gefängnishof versammelt waren. 
„Wieviel sind’s?“ fragte Huar-Dsung. 
„20 871!“ erwiderten die Wächter, sich bis zur 
Erde verneigend. 
„Zu den Scharfrichtern!“ befahl Huar-Dsung. 
Ein halbe Stunde lagen 20871 geköpfte 
Chinesen auf dem Gefängnishofe. 
Und 20871 Köpfe wurden auf Pfosten auf 
gesteckt und zur Erbauung des Volkes in der Stadt 
herumgetragen. 
Huar-Dsung berichtete das Geschehene Paj- 
Hi-Wo, dieser dem San-Tschi-San. San-Tschi- 
San liess es Tsung-Hi-Tsang wissen. 
Es wurde Abend. Der Regen hatte nach 
gelassen. Ein leiser Wind bewegte die Bäume, 
und ein Diamantenregen tropfte von den Zweigen 
auf die duftenden Bäume herab, die in den 
Strahlen der untergehenden Sonne hell erglänzten. 
Glanz und Duft erfüllten den ganzen Garten, 
— und der Sohn des Himmels, Li-O-A, stand am 
Fenster seines Schlosses und erfreute sich an 
diesem wunderbaren Bild. 
Aber, da er jung und gut war, vergass er auch 
in diesem Augenblick die Unglücklichen nicht! 
„Richtig!“ sagte er zu Tsung-Hi-Tsang, „Du 
wolltest doch erfahren, wie viele Leute es in 
Peking gibt, die bei Regen nicht einmal einen 
Hut aufzusetzen haben“. 
„Der Wunsch des gewaltigen Herrschers ist 
von seinen Dienern erfüllt!“ erwiderte Tsung- 
Hi-Tsang mit einer liefen Verneigung. 
„Wie viele sind es also? Aber sage die 
Wahrheit!“ 
„In ganz China gibt es keinen einzigen 
Chinesen, der im Regen ohne Hut gehen müsste. 
Ich schwöre, dass ich die lauterste Wahrheit 
spreche!“, 
Und Tsung-Hi-Tsang erhob die Hände und 
verneigte den Kopf zum Zeichen des heiligen 
Schwurs. 
Das Antlitz des guten Kaisers erstrahlte in 
einem glücklichen, freudigen Lächeln. 
„Glückliche Stadt! Glücklich Land!“ rief er 
„und glücklich bin auch ich, dass unter meiner 
Herrschaft das Volk in solchem Wohlstand lebt“. 
Und alle im Hofe waren glücklich, den Kaiser 
so glücklich zu sehen. 
San-Tschi-San, Paj-Chi-Wo und Huar-Dsung 
erhielten für die väterliche Sorge um das Volk je 
einen Orden des Goldenen Drachens. —
        
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