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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

gern erwerben. Er beauftragte mich, Dir 12,000 M. 
dafür zu bieten. Kanst Du es also Uber’s Herz 
bringen, Dich von ihr zu trennen, so greif zu, 
denn ein höherer Preis ist wohl selten für eine 
Amati gezahlt worden.“ 
Als Minna wieder mit dem Aufräumen von 
meines Mannes Zimmer beschäftigt war, legte ich 
seine Geige in den Kasten und bemerkte: „Sie 
schienen neulich meiner Angabe betreffs des Wertes 
dieser Geige zu misstrauen, Minna?“ 
„Ei, Frau Profassern,“ entgegnete sie zaghaft, 
„was Sie sagten, ist doch keine Manschenmöglich- 
keit. Zehntausend Mark — dafür kauf ich bei uns zu 
Hause ’nen jrossen Bauernhof mit Land und Vieh 
und de janze Wertschaft. Auch was meine Tanf, 
de Kulbalken is, die meinte, gnäge Frau hätten 
sich ’nen Spass mit mir jemacht, denn das Holz 
un die Schreinerarbeit kennten unmäglich mehr 
als zehn Mark kosten. Nei, meine trautste Frau 
Profassern, ich bin ja noch jung un unerfahren, 
aber zum Narr’n halten lass ich mer doch nich. 
Ei, nei, da sei Gott vor!“ 
Aus der trotzigen Bewegung des Kopfes er 
kannte ich die tiefe Empörung ihres Gemüts. Ich 
griff daher zu dem Briefe des Virtuosen. „Können 
Sie lesen, Minna?“ 
„Ei, freilich, Jeschriebenes un Jedrucktes.“ 
„Nun, dann lesen Sie diesen Brief eines 
Freundes, der in England Konzerte giebt. Sie 
sehen auf dem Umschlag die englischen Marken 
und Poststempel. Nun lesen Sie, was: dieser 
Musiker über meines Mannes Geige schreibt.“ 
Zögernd nahm das Mädchen den Brief und 
als es langsam die angedeuteten Zeilen entziffert 
und den Sinn erfasst hatte, flüsterte sie: „Ja ist’s 
denn meeglich — ist’s denn manschenmeeglich!“ 
Heute darf ich dreist behaupten, dass ich mit 
dem lenkbaren Luftschiff zuweilen Ausflüge auf 
den Mond mache und Minna wird es mir glauben. 
In der Geige aber sieht sie etwas wie ein un 
irdisches Wesen und da sie erfahren hat, dass 
mein Mann das Angebot von 12000 Mark ver 
schmähte, so scheint sie anzunehmen, dass zwischen 
ihm und seiner Amati ein ebenso' unbegreifliches 
wie unheimliches Verhältnis besteht. 
jVeuigkeit uon meiner Frau, 
ausgeplaudert von Gotthilf Weisstein. 
jfeuigkeiten von meiner Frau giebt es stets; sie 
ist alle Tage eine Andere 
Weibchen ebenso? 
ist’s bei Euren 
Sie hat zahlreiche Jugendfreundinnen — merk 
würdigerweise ist keine jünger als sie. 
Wenn sie Abends so zierlich dasitzt, den Thee 
bereitet und die Lampe unter dem Schirm her ihren 
warmen, roten Schein versendet — es ist zu ge- 
müthlich, — ich möchte gleich in die Kneipe gehen. 
Meine Frau hat nur zwei Liebhaber. Der andere 
ist ihr Spiegel. 
Sie liest niemals Romane — sie meint, sie erlebe 
sie lieber. 
Wann werd’ ich sie wohl ganz und richtig 
kennen lernen? Sicher einen Tag vor der Scheidung. 
Sie kocht wie eine Künstlerin. Manches Mittag 
essen bleibt daher nur Skizze. 
Sie behauptet, die einzige berechtigte Frauen- 
Bewegung sei die, dem Manne um den Hals zu fallen. 
Wie schön weiss und rund ihr Hals ist! Merk 
würdigerweise geht sie bei mir zu Hause niemals 
dekolletirt, nur in Gesellschaft, für die Anderen. 
Da fauchte neulich so ein merkwürdiger Cousin 
von meiner Frau auf. Der Kerl macht Gedichte, 
wie man sagt, — da heisst’s aufpassen! 
Für die naturalistische Richtung scheint sie nicht 
eingenommen zu sein. Sie lässt alle Tage ganz 
richtig rein machen. 
Keine, Spur von Missgunst bei ihr! Gestern 
zeigte sie einer Freundin ein Pariser Flutmodell. 
Ich glaube allerdings, es war vom vorigen Jahre. . 
Wie sie mich liebt! Ich darf nicht rauchen — 
sie kann’s nicht sehen, dass eine Andere für mich 
glüht. 
Und doch! Warum soll ich eigentlich nicht 
rauchen? Ist das die einzige Art, wie ich sie in 
flagranti überraschen kann? 
Plötzlich interessiert sie sich für’s Skatspielen. 
Sollte sie’s — da ich sie als Witwe geheiratet habe — 
schon des dritten Mannes wegen thun? 
Wir führen wirklich eine sehr glückliche Ehe. 
Meine Freunde wenigstens versichern mir’s alle 
Tage — woher wissen die’s denn? 
Ich steh’ vor dem Spiegel, bürste mir die Haare — 
na ja, sie sind schon ein bischen dünn: da sehe ich, 
wie sie so recht moquant lächelt. Was hast Du 
denn? frage ich. Nimmst Du’s auch nicht übel? 
sagt sie. Na, und? Ach, fährt sie fort und streichelt 
mir so recht sanft den Kopf: „Das sind -— aus 
gefallene Sachen“. 
Wirst Du mich auch ewig lieben? flüsterte ich 
ihr heut Nachmittag in einem Schäferstündchen so 
recht zärtlich ins Ohr. „Das habe ich bisher immer 
gethan“, platzt sie heraus . . . 
Sonst nennt sie mich nur beim Vornamen. 
Heut heisst’s den ganzen Tag „lieber Mann!“ Sollte 
da eine unbezahlte Rechnung im Hintergunde drohen? 
Die Suppe war heute, zum dritten Mal in dieser 
Woche, versalzen. Diese Liebe fängt an, mir fürchter 
lich zu werden — ich werde mich von meinem 
Magen scheiden lassen müssen. 
Sie behauptet, Schach sei von einer Frau er 
funden worden, da die Dame auf dem Brette die 
freieste Bahn hat. 
Gestern in der kleinen Weinstube kokettierte 
sie ganz auffällig mit einem sehr hübschen jungen 
Mann. Als ich es bemerkte und ihr Vorwürfe 
machte, sagte sie ganz dreist: Eigentlich äugelte ich 
theoretisch mit Dir, denn im ersten Jahre unserer 
Ehe — lang ist’s her — sahst Du gerade so forsch 
aus wie der da. 
Wenn sie Sekt trinkt, ist sie geradezu entzückend. 
Sie kann eine ganze Flasche stenographisch aus — 
nippen. 
Sie kommt immer mit dem Wirtschaftsgelde 
aus; bei der Beköstigung halte ich das für geradezu 
unmöglich. Ob sie etwa meine Liebesgedichte aus 
der Brautzeit an die Journale verkauft? 
War Goethe eine Zeit lang Tapezierer? Fürch 
terliche Frage der teuren Hälfte. Sie sprach von 
seinem, westöstlichen Sofa. 
Ihre 'Freundin behauptet, ich sei ein ganz ge 
fährlicher Dichter, den junge Damen nicht lesen 
dürften. So berichtet sie mir heute ganz naiv. Da 
bei hab’ ich die meisten Stoffe meiner „Dichtungen“ 
nur mit ihr erlebt. 
„Was sind denn Deine beiden eleganten Brüder 
eigentlich, die so oft zu uns zu Tisch kommen?“ 
frage ich sie gestern. „O, die helfen in Papa’s Ge 
schäft,“ erwidert sie ganz ernst. „Papa ist nämlich 
Rentier.“ 
Neulich mache ich einer ihrer Freundinnen, 
einer wirklich hübschen Frau, nachdrücklichst den 
Hof — wie ich glaubte, mit anhaltendem Erfolg. 
Als ich damit ein bischen renommierte, lacht mich 
Madame fürchterlich aus. „Ihr Mann ist Nicht 
raucher,“ sagt sie, „und sie riecht Deine Manuel 
Garcias so gerne“ — — dumme Ausrede! 
Meine Frau ist wirklich ein Ideal — ich bin 
nämlich Junggeselle.
        
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