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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

das Haus verlassen hat und die neue Direktion 
Halm-Graul unter dem rauschenden Beifall des 
Premieren - Publikums die alte Kalisch - Posse 
„HunderttausendThaler“zu frischem Leben erweckt 
hat; Kalisch wird bejubelt, aber vor Alt-Heidelberg 
muss selbst dieser angestammte Liebling die Segel 
streichen und sich mit ihm in den Spielplan teilen: 
Eben erst sind „Pelleas und Melisande“ im Begriff, 
der Bühne am Schiffbauerdamm, die ihrem schleier 
haften Geflüster so lieb geworden war, den Rücken 
zu kehren, um Platz zu machen für ein kurzes 
Gastspiel Hansi Niese’s, die ins Neue Theater 
alljährlich mit den Schwalben wiederkehrt. Und 
im Central-Theater, last not least, tobt 
Mme. Sherry noch immer ihre Laune aus, als hätte 
dort seit Jahr und Tag kein andrer Geist gewaltet. 
Was bleibt da übrig? Gottlob, dass wir noch 
Hoftheater haben, an denen sich die Beibehaltung 
Eines Stücks von selbst verbietet. Das Schauspiel 
haus brachte gegen Ende April „Sakuntala“, das 
uralte indische Königsdrama, von welchem Goethe 
ausgerufen hat: „Willst Du den Himmel, die Erde 
mit Einem Namen begreifen, nenn ich, Sakuntala, 
dich und es ist alles gesagt“. Die „Bühnenfassung“, 
in welcher das Werk diesmal seinen Einzug hielt, 
hatte Marx Möller besorgt. Ein Prolog könnte 
als Apologie für die Mängel gelten, welche das 
Stück nach den Regeln einer modernen Drama 
turgie und gegenüber den Anforderungen eines 
modernen Geschmacks aufweist. Einer solchen 
Entschuldigung aber bedarf es gar nicht. Die 
Dichtung bildet einen unerlässlichen Bestandteil 
des klassischen Repertoirs aller Zeiten und aller 
Zungen, dessen Pflege stets die oberste und vor 
nehmste Aufgabe einer Königlichen Bühne bleibt. 
Dazu war die Inszenierung eine so prächtige, die 
Darstellung eine so hingebende, dass die richtige 
Stimmung, in welcher dieses duftige Poem genossen 
werden muss, keinen Augenblick fehlte. Zarte 
Begleitmusik von Hummel erhöhte noch die schöne 
Wirkung, in der sich die Regie nicht verrechnet 
hatte. Frl. W achtrer und Herr Christians liehen 
den beiden Hauptfiguren, Herr Pohl, Frl. von 
Mayburg und Herr Zeisler den anderen Rollen ihr 
Bestes. Es war ein abgerundetes Ganze, in welchem 
Niemand auch nur mit einer Geste, einem Tone 
sich vergriff. 
Auch das Königliche Opernhaus Hess sein 
Publikum nicht leer ausgehen. Eine neue „Volks- 
oper“, genannt „Till Eulenspiegel“, Text und 
Musik von Reznicek, fand aber nur geteilten Beifall. 
Nicht nur der Stoff, den Reznicek behandelte, auch der 
Name des Komponisten und der grosse Erfolg seiner 
komischen Oper „Donna Diana“ machten die Auf 
führung des „Till Eulenspiegel“ trotzdem zu einem 
Pflichtgebot. Den Ruf eines äusserst gewandten 
Musikers* den er sich mit seinem älteren Werke 
begründet hat, hat Reznicek ohne Frage auch im 
Eulenspiegel zu rechtfertigen verstanden. All seine 
Kunst aber scheiterte an der inneren Unmöglichkeit, 
den Till zum Helden eines musikalischen Dramas zu 
machen, selbst dann, wenn man der Historie, wie 
unser Dichterkomponist es, wagte, ziemliche Gewalt 
anthut. Die Aufführung selber, deren musikalischer 
Teil von Dr. Muck mit der grössten Sorgfalt vor 
bereitet worden war, bot Herrn Grüning in der 
Titelrolle Gelegenheit zu einer Leistung ersten 
Ranges. Fräulein Destinn stand ihm als Gertrudis 
mit der ganzen Schönheit ihres Organs zur Seite, 
und die Herren Knüpfer, Nebe und Jörn, sowie 
besonders Fräulein Rothauser als Mutter Tills 
schlugen aus den Episodenrollen das denkbar Beste 
heraus. Entschieden freundlicher war das Geschick, 
welches dem neuen Ballet von Regel, vertont von 
dessen österreichischem Landsmanne R. Goldberger, 
blühte. „Der Zauberknabe“, welcher dem Tanz 
poem den Namen giebt, ist, recht saisongemäss, 
kein anderer als der blühende Lenz, den seine 
treue Begleiterin, die Liebe, aus der Vernichtung 
zu neuem Leben erweckt. Ein Jubelreigen des 
gefiederten Volks in den Zweigen begrüsst seine 
Rettung aus dem Bergsee, in welchen ihn die 
Eulen und Muselmännchen geschleudert haben. 
Der Erfolg, welchen das Ballet „Vergissmeinnicht“ 
derselben Autoren vor vier Jahren errang, blieb 
ihnen auch diesmal treu und man Hess sich’s gern 
gefallen, dass die Musik mit wienerischer Leich 
tigkeit ins Ohr ging. An den Hauptsolisten, den 
Damen delL Era, Kierachner und Urbanska fand 
das Werkelten liebevolle Interpretinnen, die das 
Auditorium wiederholt vor die Gardine rief. 
Josef Kainz und Helene Odilon haben die 
Campagne der Gastspiele eingeleitet, ohne welche 
keine Berliner Theatersaison zu Ende gehen kann. 
Kainz erschien in den alten Rollen und in einer 
neuen, als Vorleser nämlich. Er wurde in dieser 
Wie in jenen von seiner Gemeinde, die Legion ist, 
grenzenlos bejubelt und kann von Glück sagen, 
dass er den Ovationen seiner Bewunderinnen mit 
heilem Haar entkommen ist. Frau Odilon, die 
von Wien auf dem modernsten aller Beförderungs 
mittel, einem Automobil, hierhergekommen ist, 
hat diesmal ein Stück mitgebracht, das ihrer sonst 
so durch und durch modernen Kunst entgegensteht. 
Sie hat das Werk „Madame Dubarry“ auf ihrer 
letzten Amerikafahrt entdeckt und konnte der 
Verlockung, die mächtige Bühnenwirkung, die es 
auf das anglo-amerikanische Publikum ausübte, 
auch in deutschen Landen zu erproben, nicht 
widerstehen, zumal es für. sie selber, wie man im 
Buhnenjargon zu sagen pflegt, eine Bombenrolle 
darbot. Die deutsche Übersetzung, in der sie das 
Stück am Theater des Westens aufführt, ist 
ihr eigenes Werk, was an und für sich schon 
Zeugnis ablegt für das unermüdliche Streben und 
den Ehrgeiz dieser Künstlerin. Das Publikum, 
bei dem doch schliesslich das Fleisch immer 
schwächer ist als der Wille, hat sich durch die 
kritische Haltung der geistigen Koryphäen, die das 
Stück zerfaserten, nicht abhalten lassen, Frau Odilon 
zu bewundern, wie sie als Kurtisane emporkommt 
und tragisch endet. Mag der Historiker ob der Ge 
schichtsklitterung des Verfassers trauern, der Effekt 
des Stückes auf den Zuschauer ist unleugbar gross. 
Einen glücklichen Griff in die alte Berliner Posse 
hat noch kurz vor dem Schlüsse dieses Berichts 
das Thalia-Theater mit einer Neuinszenierung 
unter dem Titel „Auf eigenen Füssen“ ge 
macht, einem Werk, das eine vergangene Generation 
unter anderem Namen lange Zeit hindurch von 
Herzen lachen und weinen machte. Die Direk 
toren Kren und Schönfeld haben das Neuarran 
gement mit Geschick besorgt und Einödshofer 
hät frische Nummern dazu komponiert. Guido 
Thielscher und die von ihrem Unfall wiederher 
gestellte Else Wannovius trugen das Stück auf 
ihren Schultern mit Ubersprudelndem Humor zum 
Siege; die übrige Garde, voran Frl. Dora in einer 
glänzend durchgeführten Episode, assistierte red 
lich. Der Stil der alten Posse, den uns Leo 
Leipziger, mit seinem Camelienonkel rechtzeitig 
wiedergeben hat, macht offenbar Sch ule. Auch Benno 
Jacobson hat damit in der „Liebesinsel“ (Musik von 
Stix und Lincke), dem neuesten Succes des Apollo- 
Theaters, Recht bekommen. Dass übrigens unsere 
Varie'te'bühnen, je weiter dieSaison fortschreitet, den 
eigentlichen Theatern immer grössere Konkurrenz 
machen, braucht kaum erst gesagt zu werden. Im 
Wintergarten entzücken in steigendem Masse Mlle, 
Lorraine’s lebende Bilder und Miss Diana’s Spiegel 
tänze das Publikum, und im Passage-Theater zer 
brechen sich jetzt die Fremden, nachdem Berlin das 
Raten verzweifelt aufgegeben hat, den Kopf darüber, 
was des Schwebewunders „Aga“ Lösung ist, wenn 
sie es nicht vorziehen, sich am Riesen Machnow 
sattzuschauen. M. Handl.
        
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