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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Unsere ßilder. 
Sjer Frühsommer, der uns in diesem Jahre, 
allen gegenteiligen Prophezeiungen der 
55? Wettergelehrten zum Trotze, bald nach 
Ostern beschieden war, hat das Leben der Residenz 
mit einem Schlage ins Freie hinaus gelenkt und 
diesem Zuge ist auch die vorliegende Nummer von 
„Berliner Leben“ gefolgt. 
Dem Korso, der sich seit kurzem unter sport 
licher Patronanz im Thiergarten entwickelt hat, 
gebührt der Ehrenplatz. Mit dieser Promenaden 
fahrt und diesem Rendezvous der Reiter, welche 
rasch eine tägliche Einrichtung geworden sind, 
ohne dass sie Miene zeigen, in das Alltägliche aus 
zuarten, hat Berlin eine Lücke seines weltstädtischen 
Treibens ausgefüllt, die nicht nur der Fremde, 
sondern auch der Einheimische lebhaft empfunden 
hat. Endlich also giebt es in Berlin einen Ort 
und eine Institution, wo auch die Gesellschaft, 
nicht bloss die Dinge, in all der Mannigfaltigkeit, 
wie sie das Zentrum eines Weltreichs bedingt, bei 
sammen zu finden sind. Wohl so Mancher, 
welcher jetzt die prächtigen Gespanne in der 
Siegesallee beschaut, hat niemals geahnt, was Berlin 
nach dieser Richtung hin zu bieten vermag, wenn 
es nur will. Der Kaiser, welcher jederzeit bereit 
ist, sein Möglichstes zu thun, wenn es gilt, 
den Glanz und den Ruf seiner Hauptstadt zu 
steigern, hat auch dem Korso alsbald seine Unteiv 
Stützung zu teil werden lassen. Bei seiner An 
wesenheit in Berlin ist er bereits ein regelmässi 
ger Teilnehmer desselben geworden. Während 
er selber mit seinem Gefolge die Reitbahn wählt, 
fügt sich die Karosse der Kaiserin mitten in das 
Getriebe der Wagen ein. Jüngst noch, als die 
beiden ältesten Prinzen nach mehrmonatlicher Ab 
wesenheit von der Heimat in Berlin eintrafen, 
benutzte die Kaiserin die kurze Pause bis zur Ab 
fahrt des Zuges nach dem Potsdamer Schloss dazu, 
um dem Kronprinzen und dem Prinzen Eitel Fritz 
den Korso zu zeigen, der erst nach Antritt ihrer 
Orientreise erfunden und doch schon zu einem 
wohlvertrauten Stück Neuberlin geworden war. 
Carlshorst inaugurierte die Rennsaison auch 
diesmal mit dem prächtigsten Erfolge. Das Leben 
auf der Tribüne war niemals glänzender als am 
Tage des 3300. Rennens, dessen spannendsten 
Augenblick wir im Bilde festgehalten haben. Einige 
der markantesten Figuren aus der Gesellschaft, 
welche den Sattelraum frequentierten, findet der Leser 
auf einer anderen Seite der Nummer. Da steht 
obenan der kunstsinnige Prinz Joachim Albrecht 
von Preussen, dessen neuestes Opus, das Tanz 
gedicht „Liebeszauber“, in diesen Tagen zur Erst 
aufführung gelangt. 
Eine Reihe der bekanntesten Figuren aus der 
Berliner Sportwelt und zwar dem Teile derselben, 
welcher dem Kraftwagen huldigt, um uns streng 
im Verordnungsstil auszudrücken, führt uns das 
Bild aus dem Grunewald vor, wo auf der 
Lichtung in Hundekehle alles versammelt ist, was 
in Automobilkreisen Namen hat. Auch der Wasser 
sport ist in diesem Frühling ohne Verzug zu seinem 
Recht gekommen. In der Bildergruppe, die wir zum 
Abdruck bringen, sind die bekanntesten Berliner 
Ruderclubs vertreten. An das furchtbare Unwetter 
vom 19. April mahnt die Ruhe nach dem Sturm, 
die ein müdes Kleeblatt auf dem Stamm eines vom 
Orkan gefällten Riesen am Wasserrande findet. 
Mit Wohlgefallen ruht das Auge auf der an 
mutigen Gestalt der zu Pferde sitzenden Gomtesse 
Alice Wedel, welcher ihre beiden Brüderchen 
wacker assistieren. Ihr Vater, Graf Wedel, der 
Oberstallmeister des Kaisers, hat allen Grund, auf 
dieses kühne Trifolium stolz zu sein. 
Die Grosse Berliner Ausstellung, der 
künsterische Schlager der Frühlingssaison, ragt dies 
mal weniger durch imposante Bilder als durch 
ihre architektonische Umgestaltung hervor: den 
schönsten Teil derselben, den neuen blauen Saal 
(blau überwiegt an den Wänden und auf dem 
Boden) zeigt unser Bild in seiner ganzen Pracht. 
Mit dieser Umgestaltung hat der Architekt Herr 
Balcke, der ein homo novus ist, zum Mindesten 
Geschmack bewiesen. Fast wäre man sogar ge 
neigt, in dieser Zier etwas wie Sezession zu 
wittern. Was läge auch daran? Ist diesmal doch 
im „Rat der Alten“ sogar Puvis de Chavannes 
vertreten, und auch die amerikanische Abteilung, 
auf die unser Bild einen Blick gewährt, ist zum 
Teile frei von den Fesseln der Tradition. 
Von der bildenden zur darstellenden Kunst 
führt uns die Aufnahme von der lebendigsten 
Szene aus der Oper „Till Eulenspiegel“ hin 
über, die wir an anderer Stelle besprechen. Auch 
der Rolle der Dubarry, in welcher Helene Odilon 
nach einem prächtigen Dekorationsporträt des 
jungen Wiener Malers Adams verkörpert ist, sind 
wir schon oben gerecht geworden. Aurelie Revy, 
die Sängerin, welche mit gleicher Fertigkeit wie 
ihre Stimme auch die Geige beherrscht, war eine 
der interessantesten Erscheinungen unserer musika 
lischen Nachsaison. Ihr Konzert in der Phil 
harmonie und ihr Auftreten auf der Bühne trugen 
ihr reichen Beifall ein. Geheimrat Winter — 
unser jüngster Geheimrat — hat unter dem neuen 
Regime Hülsen die Bestätigung in seinen schwie 
rigen Verwaltungsfunktionen bei der General 
intendantur erhalten, denen er mit so grossem 
Geschick obliegt. M. Handl. 
$)ie Theafer. 
S ie eigentlichen „Schlager“ der Saison haben 
auch den Anbruch des Frühlings über 
dauert. Noch immer ergötzen sich gedrängt volle 
Häuser an der Satire und der Pracht der Revue 
„Neuestes, Allerneuestes!“ im Metropoltheater, 
wo man durch beständige Zusätze dafür gesorgt 
hat, dass dem Stück Uber seinen hundert Auf 
führungen nicht etwa die Aktualität verloren gehe, 
denn diese bildet sein Lebensmark. Noch immer 
schleichen die düsteren Gesellen, welche Maxim 
Gorki in so schauerlich wirkungsvoller Weise zur 
dramatischen Bilderserie „Nachtasyl“ vereinigt hat, 
Uber die Bretter des „Kleinen Theaters“ 
Unter den Linden, das unter seiner gegenwärtigen 
Leitung einen literarisch-künstlerischen Ruf weit 
über die schwarz-weissen Pfähle erlangt hat und 
sich selber vervielfältigen musste, um den Gast 
spieleinladungen entsprechen zu können, die von 
allen Seiten her an dasselbe ergangen sind. Noch 
füllt sich die Kasse der intimen Bühne am Stadt 
bahnhof Friedrichstrasse mit den Einnahmen der 
„Notbrücke“, durch deren Aufführung der Pächter 
des „Trian on-Theaters“ von Neuem bewiesen 
hat, dass er einer der treffsichersten und geschäfts 
kundigsten Kenner des deutschen Geschmackes 
ist. Noch immer erscheint in dem Zelt, das 
Maeterlinck auf der Bühne des Deutschen 
Theaters aufgeschlagen hat, MonnaVanna, um durch 
ihr Wort und ihre Seele die Lästerzungen im Bann 
zu halten, welche ihr spärliches Kostüm zu Scherzen 
anreizt. Im Residenz-Theater treibt zu der 
Stunde, da diese Zeilen in Druck gehen, noch 
immer Lutti ihr tolles Spiel, und wenn sie dem 
nächst von den „Lustigen Ehemännern“ abgelüst 
wird, hat sie bereits ein Alter erreicht, dass ihr 
einen Platz neben dem Erfolge des „Hotels zum 
Freihafen“ sichert. Amor, der „blinde Passagier“, 
reist noch immer auf dem vergnügten Dampfer 
mit, in den sich allabendlich die Bühne des 
Lessing-Theaters verwandelt, und „Alt-Heidel 
berg“ kann sich vom Berliner Theater nicht 
trennen, obwohl inzwischen Paul Lindau selber
        
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