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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

lehnen leise verklingt. Wie angewurzelt, ratlos, 
thatlos steht der Forstmann da; die Augen treten 
ihm aus den Höhlen, und stieren Blickes sucht er 
in der Richtung des Schusses den Urheber zu ent 
decken. Sichtbar hebt und senkt sich die breite 
Brust, die ein wilder Sturm der verschiedensten Ge 
fühle durchbebt. Der Gedanke an seine Braut, an 
seinen greisen Vater, das sich regende Pflichtgefühl, 
welches nur Treue, Aufopferung und Selbstverleug 
nung kennt, die unangenehme Erinnerung an den 
Racheschwur des „schwarzen Hannes“, die sich wie 
der kalte Hauch des Todes lähmend auf Geist und 
Körper legt. Noch ist er schwankend in seinem 
Entschluss, — da siegt die Pflichttreue. Wie der 
Gärtner alles Unkraut ausrottet, der Richter alle 
unerlaubten Uebergriffe ahndet, die Schutzorgane 
für Ruhe und Ordnung sorgen und nach Missethätern 
fahnden, so muss vor allen Dingen der Forstmann 
als Hüter und Pfleger seines Waldes und Wildes 
sein Hauptaugenmerk auf dessen Blühen und Ge 
deihen richten, um zur rechten Zeit gegen die Un 
masse Schädlinge, den verschiedensten Kategorien 
angehörend, thatkräftig einzuschreiten. Einer dieser 
pflichttreuesten Beamten, dem nichts heiliger ist als 
gewissenhafteste Pflichterfüllung, ist unser Forstmann. 
Stürmisch, wie in wilder Leidenschaft, rollt 
echtes, feuriges Jägerblut in seinen Adern; es giebt 
kein Bedenken, kein Zögern mehr. Vorwärts, der 
schlummernden Gefahr entgegen; Auge um Auge, 
Zahn um Zahn, ist die Parole. 
„Warte, „schwarzer Hannes“, Dir will ich’s 
Handwerk auf immer legen, sollst mir heute nicht 
entgehen. Im grossen Hau, zu Jagen 71 gehörig, 
muss der Schuss gefallen sein.“ 
Durch Dick und Dünn eilt der Forstmann dem 
eine knappe Viertelstunde entfernt gelegenen, ver 
meintlichen Thatort zu; erst laufend, so gut es die 
Umstände erlauben, dann nach Indianerart auf allen 
Vieren geräuschlos vorwärts kriechend. Endlich ist 
er am Waldessaum angelangt; nur einige dicke 
Büsche verhindern den freien Ausblick. Vor ihm 
liegt der durch die volle Mondscheibe mit Licht 
fülle überflutete Hau, mit hohen Gräsern dicht be 
wachsen, die ein leiser Windhauch hin und her be 
wegt. Der Forstmann richtet sich langsam, ge 
räuschlos in die Höhe, um das Gelände besser über 
schauen zu können. Ein dunkler, einer mensch 
lichen Gestalt ähnlicher Körper, bewegt sich in ge 
bückter Stellung, in einem ausgetrockneten Wasser 
graben längs schleichend, dem gegenüberliegenden 
Hochwald zu. Nur noch ein paar Schritte, und der 
dunkle Forst nimmt ihn schützend auf. Es unter 
liegt keinem Zweifel — das ist ein Wilderer, der 
„schwarze Hannes“, welcher mit einem Stück Wild 
beladen, den Heimweg antreten will, nachdem er es 
ausgewirkt, des besseren Tragens halber, in einen 
mit ledernen Tragbändern versehenen groben Leinen 
sack gesteckt hat. Da gilt nur rasches Handeln, 
wenig Worte werden bei solcher Gelegenheit ge 
sprochen, und meistens entscheidet die Waffe. 
„Steh, Lump! — Gewehr nieder!“ Im selben 
Moment liegt auch schon die schussbereite Büchse 
am Backen, der Finger im Abzugbügel, die Visier 
linie nach der linken, mittleren Rückenseite ge 
richtet. ■— Blendendes Sprühfeuer; — peitschenknall 
ähnlich hallt der Forst vom Kugelschuss wieder. 
Kugelschlag; — dumpfer Fall; ■—stufenweises, immer 
leiser werdendes Verhallen des Schusses in weiter 
Ferne. — Der Wilderer glaubte sich im Graben sicher 
und wollte die Waffe gegen seinen Angreifer richten, 
als die Aufforderung an ihn erging. Da erreicht ihn 
die Kugel des Forstmannes und zerschmettert ihm 
das linke Schulterblatt. 
Gut gezielt — aber schlecht getroffen! Durch 
die rasche Abwärtsbewegung des Wilderers oder 
durch die helle Mondbeleuchtung, die Hochschuss 
veranlasst, ist das Geschoss handhoch übers Ziel 
gegangen. — Im selben Augenblick aber giebt der 
Wilderer Feuer; dicker, träger Rauch zieht sich wie 
Nebelschwaden durch die Gräser. 
Leider zu gut war die Mordwaffe auf des Forst 
manns breite Brust gerichtet. Mit hocherhobenen 
Händen stürzt er schwer rücklings zu Boden, und 
das Herzblut quillt in dicken Strömen aus der linken 
Seite. — Mit durchschossener Brust haucht er, als 
grausam gemordetes Opfer während Ausübung seines 
Berufes, sein junges, blühendes Leben aus. 
Der alte Förster, der den Kopf auf beide Hände 
gestützt, am schweren Eichentisch eingeschlafen ist, 
fährt erschreckt in die Höhe, als der dumpfe Schall 
des Schusses an sein Ohr dringt. Der Schweiss- 
hund und die Niederdachse geben Laut und ver 
suchen die starke Kette zu sprengen, um gewohn- 
heitsgemäss dem Schuss zuzueilen. Alles ist in 
Aufruhr. Da erscheint aber auch schon der Förster 
mit Gewehr bewaffnet, freudig begrüsst von der 
feurigen Hundemeute. Eine bange Ahnung be 
schleicht ihn; seine Gedanken sind bei seinem Sohn; 
nie im Leben ist ihm der Gang ins Revier so schwer 
geworden wie jetzt; wie Blei schwer sind die Glieder. 
Die losgekoppelten Hunde jagen in wilden Sätzen 
dem Wald zu; nur langsam kann der alte Förster 
folgen. — Da kracht es wieder und kurz darauf 
nochmals. Büchsenschuss und Flintenschuss. Der 
Förster stöhnt; nicht allzuweit von ihm sind die 
Schüsse gefallen, deren Bedeutung er nun genau 
kennt. So rasch ihm die Beine tragen können, 
gehts vorwärts. Da giebt der Schweisshund, der 
ständige Begleiter des jungen Herrn, Standlaut, — 
verbellt tot, — die Dackeln stimmen mit ein. — Ein 
klägliches Geheul! — Atemlos kommt der alte Förster 
angekeucht. Zu seinen Füssen, regungslos, mit 
starren, gläsernen Augen, liegt sein einziger, über 
alles geliebter Sohn, sein Stolz, seine Freude, seine 
Hoffnung, — tot! Durch Wilderers Hand erschossen. 
„Mein Sohn, mein Sohn, mein einziges Kind!“ 
stösst der Greis mit herzzerreissenden Lauten hervor; 
unheimlich leuchten seine Augen. Die Hände hoch 
in die Luft schwingend, tanzt er einen grässlichen 
Tanz —. 
Trotz aller gesetzlichen Vorschriften und aller 
energischen Bekämpfung von Seiten desForstpersonals 
ist das Wildschützentum in allen Ländern geradezu 
unausrottbar. Der avitische Trieb zum Wildern lässt 
sich aber leider nicht durch Gesetze und die strengsten 
Strafen ausrotten, und die alte Wald- und Jäger 
romantik bildet noch immer einen grossen Teil der 
Tageschronik. 
Ein erfahrener Fachmann sagt mit Recht: „Die 
Bekämpfung des Wildererunwesens, jenes ernste 
Pflichtgebiet des Jägerberufes mit all’ seinen Mühen, 
Aufregungen und Gefahren, ragt in unser nüchternes 
Zeitalter — einem trotzigen Wartturm vergleichbar 
— als eine Ueberlieferung des finsteren Faustrechts.“ 
„Das grüne, herbduftige Waldrevier belauscht 
heute noch, wie einst in der Vorzeit, manch’ blutigen 
Zusammenstoss der treuen, mannhaften Beschützer 
mit verwegenen Frevlern, und die Opfer derselben 
sind leider auch derzeit nicht minder zahlreich, wie 
jene, verklungener Jahrhunderte!“
        
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