Path:

Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Sin Opfer seines ßerufes. 
Von Gurt von Schaffer. 
(Nachdruck verboten.) 
« ’ie Majestät der Nacht in dem wie Demantschein 
flimmernden Sternenglanz breitet schützend 
ihre Schwingen aus über die in süssen Träumen 
tief schlummernde Natur; ein zartes Lispeln, als 
zögen Waldgeister über das Moosgrün des nadel 
bedeckten Bodens, erzittert in dem herabhängenden 
Geäst der durch die volle Mondscheibe in feenhaft 
blauweisser Beleuchtung überfluteten, würzigen Harz 
duft ausströmenden Waldesriesen. 
Am Waldesrand steht das Forsthaus, durch die 
Silberfäden des Nachtgestirns umsponnen; in die 
bläuliche Lichtfülle mischt sich der Lampe trüber 
Schein, der durch die weinumrankten Fenster gleich 
Augen in die schweigende Einsamkeit dringt; im 
Hintergrund heben sich in märchenhaftem Zauber 
die bewaldeten Bergkuppen des Hochgebirges in 
dunkelblauen Wellenlinien, wie die erstarrten Riesen 
wellen eines ungeheueren, zauberhaften Meeres vom 
Horizont ab. 
Im matterleuchteten Dienstzimmer des Forst 
hauses, dessen weissgetünchte Wände mit Jagd- 
trophäen der verschiedensten Art geschmückt sind, 
geht der Wächter des heiligen Walddomes, ein alter 
im Dienst ergrauter Forstmann, unruhig auf und ab, 
die Hände auf dem Rücken verschränkt, von Zeit zu 
Zeit nach der monoton tickenden Schwarzwälderuhr 
aufschauend, als ob er jemand sehnsüchtig erwarte. 
— Stark, — mutig, — unverzagt, — wie ein stolzer 
Eichbaum, den wohl der Blitz mit einem Schlag zer 
schmettert, dessen kräftiger Stamm aber noch kühn 
sein Haupt gen Himmel reckt, so hat der alte Förster 
in allen Stürmen des Lebens standgehalten und 
manchen herben Schicksalsschlag mit bewunderungs 
würdiger Gleichgiltigkeit ertragen. — Als aber vor 
Jahresfrist seine getreue Gattin, Helferin und Trösterin 
in Leid und Schmerz, aus dem Leben schied, da 
war es mit seinem Lebensmut vorbei, und der un 
ersetzliche Verlust, sowie die schwere Bürde des 
Kummers und der Sorgen brachten den Schwer 
geprüften dem Grabesrand näher. Das furchenreiche 
Gesicht, die trüben, lebensmüd blickenden Augen, 
der herbe Zug um die Mundwinkel, die spärlichen, 
schneeweissen Haarüberreste der früher üppig blonden 
Locken, durch die sich jetzt der breite, kahle Schädel 
durchzieht, wie eine vogtländische Landstrasse 
zwischen winterdürren Ebereschen, der nach vorn 
gebeugte, widerstandslose Körper und endlich der 
schwerfällig schleppende Schritt sind untrügliche 
Merkmale, dass Gevatter „Sensenmann“ mit unerbitt 
lichem Griffel den Pass für „Heimthal“ visiert hat. 
Nur eine Freude lässt ihm das irdische Dasein er 
träglich erscheinen und verhütet das Erlöschen des 
nur schwach glimmenden Lebensfunken. Die Freude 
an seinem braven Sohn. Dieser, ein hübscher, kräf 
tiger Mensch von grosser Figur, im besten Mannes 
alter, der in echt kindlicher Liebe und Verehrung 
seinen greisen Vater in der Ausübung seines schweren 
Berufes thatkräftig unterstützt, ist in der Wald 
einsamkeit fern vom Getriebe der Grossstadt auf 
gewachsen und als Nachfolger zu einem tüchtigen 
Forstmann erzogen worden. 
„Wo nur der Junge bleiben mag, schon iollhr und 
vom Reviergang noch nicht zurück! — Unbegreiflich!“ 
So murmelte der alte Grünrock vor sich hin, 
indem er nach dem Pfeifenständer geht und dem 
selben eine lange Pfeife mit braungebranntem Meer 
schaumkopf entnimmt, um durch Rauchen der Müdig 
keit einigermassen Herr zu werden und die be 
ängstigenden Gefühle über das lange Ausbleiben zu 
besänftigen. 
Um i Uhr mittags ist der junge Forstbeamte 
ins Revier gegangen, um den Aushieb von Ginster 
und Besenpfrieme aus den Schonungen anzuordnen 
und die Kultur-Einfriedigungen gegen das brunftende 
Rotwild in guten Zustand versetzen zu lassen; auch 
wollte er in den Vorverjüngungs-Schlägen mit dem 
Auszeichnen der zu fällenden Bäume zu Ende 
kommen. Der Tag war heiss; viel arbeitsame 
Hände regten sich, um das gesteckte Ziel noch vor 
Sonnenuntergang zu erreichen. Wie froh ist jeder, 
dass Feierabend gekommen ist; wie glücklich fühlt 
sich jeder nach vollbrachtem, segensreichem Tage 
werk seine Schritte heimwärts zu seinen Lieben 
lenken zu können. Wer aber ist glücklicher als 
unser junger Forstmann, dem die helle Freude auf 
der Stirn geschrieben steht, weiss er doch zu genau, 
dass er sehnsüchtigen Herzens von seiner ihm treu 
ergebenen Liebe erwartet wird. Die Flinte über den 
Rücken gehängt, den unentbehrlichen schweren 
Eichenstock in der Hand, wandert er frohen Mutes 
seinem Ziele zu und trällert ein Liedchen, das die 
zartesten Seiten seines Fühlens verrät. Es ist das 
schöne Lied: „Ich kenn’ ein Herz für das ich bete.“ 
Also verliebt, — vielleicht schon verlobt? Wer in 
diesem Moment in das mit purpurnen Farben über 
gossene Angesicht, in die feurigen, liebesglühenden, 
rehbraunen Augen hätte schauen können, der wüsste 
Bescheid. — Des Müllers Töchterlein hat’s ihm an- 
gethan. 
Tief im einsamen Waldthal, zwischen hohen 
Felsgebilden, durch die sich die wildschäumenden 
Wassermassen zwängen und wie flüssiges Silber über 
die mächtigen Steinblöcke gleiten, steht die Mühle. 
Verstummt ist das Klappern der Räder; aller Hände 
Arbeit ruht und goldner Abendfriede senkt sich herab 
auf Haus und Hof. Da ertönt ein eigentümlicher, 
dem Schrei der Eule ähnlicher Laut. In fieberhafter 
Hast stürzt aus der Hinterthür eine jugendliche, be 
zaubernd schöne Mädchengestalt ins Freie, dem 
längst bekannten Laut entgegen, und mit offenen 
Armen wird sie von ihrem Herzallerliebsten, dem 
schmucken Forstmann empfangen. Da giebt es ein 
Flüstern, ein Erzählen, ein Scherzen und Kosen; 
rasch verstreicht die Zeit, Stunden gleichen Minuten. 
„Geschieden muss sein. Leb’ wohl kleiner 
Herzensdieb,“ spricht derF'orstmann, nachdem manch’ 
süsses Wort gewechselt war und drückt sein „Lieb“ 
stürmisch an seine Brust. Das junge, hübsche 
Mädchen aber hält ihn krampfhaft umschlungen. 
Dicke Thränen rollen über ihr jugendfrisches Ge 
sicht, und mit vor Schluchzen erstickender Stimme 
spricht sie: 
„Guter Karl! gehe nur jetzt noch nicht: eine 
bange Ahnung beschleicht mich, als wenn Dir unter 
wegs etwas böses zustossen könne. Hast Du doch 
neulich selbst gesagt, dass das Wilderergesindel 
masslos frech geworden ist und allen Sicherheits- 
massregöln Hohn sprechend, sogar im Schwand, 
also in unmittelbarer Nähe des Forsthauses, sein 
lichtscheues Handwerk ausübt. HastDu nichterstvor- 
gestern eine frische Schweissfährte gefunden, über 
deren Entstehen niemand Aufklärung verschaffen 
konnte? Weisst Du nicht mehr, dass der „schwarze 
Hannes“, den Du wegen Wilddiebstahl ins Zucht 
haus. brachtest, Dir Blutrache geschworen hat? Seit 
vierzehn Tagen läuft er wieder frei umher! Wenn 
Du mich nur ein klein’ Bissei lieb hast, so gehe 
nicht; ich flehe Dich an; bleibe!“ 
„Herziger Schatz! mache mir doch mit Deinem 
Bitten und Flehen das Scheiden nicht so schwer, 
denke und fühle ich doch mit jeder Faser meines 
Ichs für Dich, erfülle jeden Deiner Wünsche, aber 
die Pflicht ruft, ich muss heim. Wartet doch auch 
der greise Vater meiner, der sich gewiss über mein 
langes Ausbleiben unnützer Weise ängstigen wird. 
Sei unbesorgt um mich, Gott ist mein Beschützer.“ 
Gewaltsam befreite er sich aus der herzinnigen 
Umarmung und ist im nächsten Augenblick den 
thriinenfeuchten Blicken seiner Angebeteten ent 
schwunden. 
Die wachgerufene Flrinnerung an den „schwarzen 
Hannes“ hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Schwer 
athmet seine Brust; der Gedanke an eine lauernd 
unbekannte Gefahr lässt ihn erschauern; ein leises 
Frösteln zieht durch die Glieder. Vorsichtig, nach 
allen Richtungen scharf ausspähend, die schussbereite 
Büchse fest umspannt, schleicht er den moosbedeckten 
Waldpfad zwischen hohen Fichten mit Unterwuchs 
entlang. — Nichts regt sich; feierliche Stille überall: 
ein geisterhaftes Gepräge trägt das magisch be 
leuchtete Gehäuse des nächtlichen Waldes. 
„Nur noch eine Viertelstunde Wegs und das 
Forsthaus ist erreicht. Wie wird sich der alte Vater 
ängstigen während meiner langen Abwesenheit. - 
Beinahe zehn Uhr —“ murmelte der Forstmann 
leise vor sich hin. 
Da plötzlich, wie Donnerrollen, durchhallt den 
stillschweigenden Wald ein Flintenschuss, tausend 
faches Echo wachrufend, das an den höhen Berg-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.