Path:

Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

komm'nsi&ein in die gu - te Stu be 
öffnete. Auch dies fand ich noch ganz nett, aber 
etwas Uebertriebenes glaubte ich darin zu erblicken, 
dass auf einmal, als ich mich harmlos auf einem 
Stuhl niederliess, aus dessem Sitz die Melodie 
Einsam bin ich .nicht altei - ne 
herausklang und nicht eher aufhörte, als bis ich 
mich erhob. Gelangweilt trat ich zu einer Wanduhr, 
unglücklicher Weise ziehe ich an einer der Ketten 
und sofort klingt’s aus dem Gehäuse 
m—n 
nur 
In diesem Augenblick öffnete sich eine Tapetenthür, 
die Musik aus der Uhr verstummte sofort, dafür 
schmettert durch die Tapetenthür ein Posaunenchor: 
I)u stolzes England freue dich 
und mein freund trat ein. Er begrüsste mich aufs 
Herzlichste und nötigte mich dann auf ein Sopha, 
sich an meiner Seite niederlassend. I)ie Melodie 
Wir sitzen so fröhlich beisammen 
die aus dem Sopha klang, begleitete diese freund 
schaftliche Niederlassung. 
Nun setzte ich meinem Freund mein Wüsten 
sprengwagenprojekt auseinander, aber er hörte nur 
unaufmerksam zu, und aus der Fussbank, auf die 
er zuweilen seinen Fuss setzte, war mir’s dann, als 
hörte ich leise die Klänge aus Fatinitza „Vorwärts 
mit frischem Mut“, was in anderer Lesart bekanntlich 
lautet 
1 
"Pu bist verrückt mein Kind 
Als ich mit meinen Auseinandersetzungen zu 
Ende, stand mein Freund auf und sagte kühl: „Ich 
beschäftige mich nur noch mit Erfindungen, die das 
musikalische Gebiet berühren, z. Z. habe ich den 
Vorsatz, einen musikalischen Absatz zu erfinden, der 
bei jedem Schritt den Takt eines Marsches spielt; 
ich denke dadurch die Musik beim Militär zu ersetzen!“ 
Ich hielt das selbstverständlich für einen Scherz, 
auf den ich eingeh’n zu müssen glaubte und rief 
daher: „Famos, famos, und wenn dann die Armee 
ausreissen muss, spielen die Absätze: „Nun weicht, 
nun flieht, nun weicht, nun flieht mit Heulen und 
Zähnegefletsch.“ 
Aber das nahm mein Freund sehr übel und 
ling nun seinerseits an, meinen Wüstensprengwagen 
zum Affen zu machen, was mich so verdross, dass 
ich seinen musikalischen Absatz einen blödsinnigen 
V orsatz nannte. Nun war kein Halten mehr, und 
ein Wort gab das andere, noch keine Viertelstunde 
war vergangen, da hatten wir uns gegenseitig den 
gesamten Rindviehbestand eines massigen Ritter 
gutes an den Kopf geworfen, und ich war, ins 
Zoologische greifend, eben im Begriff, ein riesiges 
Rhinozeros auf meinen Freund zu schleudern, als 
derselbe plötzlich an einer Schnur zog, und gleich 
darauf die Klänge: 
M 
'LuHilfe. zu Hilfe, sonst bin ich verlo ren 
aus der Zauberflöte erklingen und gleich darauf wie 
durch Zauberei zwei ausgewachsene Hausknechte vor 
meinen leiblichen Augen stehen. Stumm, starr und 
majestätisch begleiteten sie mich durch denselben 
langen Korridor, aber diesmal nicht unter den Klängen 
des Pilgerchors aus Tannhäuser, sondern unter den 
rauhen Tönen des Liedes 
utfh— 
Da 
eines Me 
'Rot us de 
sah ich 
nschen v 
raus da aus den 
denn, wie sehr 
erhärten können 
ijfaus da 
Noten das 1 Ierz 
und folgte ihnen 
bekümmerten Sinnes, in meinem Herzen aber strich 
ich den musikalischen Narren aus der Zahl meiner 
Freunde. Ich habe ihn seit der Zeit auch nicht 
mehr wiedergesehen oder etwas von ihm vernommen, 
und das Letzte, was ich von ihm hörte, war die 
Melodie des Körnerschen Liedes: 
fjy T —g = t , r ~ 
minaus hinaus in raschem flog 
unter dessen Tönen ich die Treppe hinunter flog. 
ße 
nommee. 
}'r war noch in der Handels-Akademie, als die 
Gerüchte schon in Umlauf gerieten. Er 
schrieb fortwährend, viele Seiten, viele Bogen; er 
erhielt grosse und kleine Briefe in unendlicher Anzahl. 
Er hatte auch eine sehr hübsche Manier, so bei Ge 
legenheit, wenn von einem berühmten Mann die 
Rede war, ganz leicht und gefällig und beinahe 
harmlos hinwerfen zu können: „Der! Der? (), das 
ist ein entzückender Mensch! Und was für Briefe 
er schreibt! Und wie viel! Woher er nur die Zeit 
nimmt! Wenn er sogar für mich Zeit übrig hat; 
es wird doch Menschen geben, die ihm noch wich 
tiger sind! Aber er kann Einen fördern! Ich ver 
danke ihm alles ! Was ich jemals werde, sein Verdienst 
wird es sein!“ 
Aber der junge Mann war keine ordinäre Pflanz 
natur, er war diskret und zeigte niemals einen dieser 
Briefe. Er nahm es als selbstverständlich an, dass 
man seinen Worten blinden Glauben schenkte. Ein 
klein wenig bedenklich war nur der Umstand, dass 
es so viele grosse Männer waren, denen er immer 
alles dankte. Aber man war nicht so streng in der 
Handels-Akademie, man sah in ihm einen kommenden 
Mann und hielt ihn für einen Dichter. Man be 
stürmte ihn oft und oft, einem kleinen auserwählten 
Kreise Gelegenheit zu geben, die Schätze seiner Seele 
kennen zu lernen, aber schlicht und vornehm, wie’s 
seine Art, wies er dieses Ansuchen als unzart und 
verfrüht zurück. Fragmente gäben immer falsche 
Vorstellungen und man müsse beinahe selbst einer 
vom Fache sein, um auch im Torso das Werk ge 
messen zu können. Aber er munterte die Ent 
täuschten auf — sobald die Sachen nur gereift sein 
würden — würde er seine treuen Freunde und An 
hänger nicht vor den Kopf stossen. Seine Studien- 
Kollegen würden unbedingt die Ersten aus dem 
Publikum sein nach seinen grossen Protektoren. 
Dass die vorausgehen müssten, sei doch selbstver 
ständlich, das begriffen auch Alle und ergaben sich 
in Geduld. Nichts destoweniger gab es Einige, die 
mit geheimnisvollen Mienen umhergingen und dunkle 
Worte andeutend sprachen, mit verzückten Mienen 
und erklärten, wenn sie nur reden dürften und nicht 
gebunden wären durch tausend heilige Eide, dann 
könnten sie Dinge erzählen, Dinge . . . und sie 
verdrehten die Augen, wiegten die jungen Häupter 
wie Mohnköpfe im Winde und schnalzten selig mit 
den Zungen. 
Und über das lauschende Auditorium lief es wie 
ein banger, süsser Schauer — das sind die „Aus 
erwählten des Herrn“, die haben schon geschaut 
und genossen, aber auch unsere Zeit wird kommen. 
Auch für uns wird sich das Wunder enthüllen. 
Und die Auserwählten und das dumme Volk gingen 
einträchtig hin, und Alle erzählten, es lebt da Einer, 
der sprechen kann, wenn er erst so weit ist und 
sprechen will — da wird die Welt was erleben. 
Einstweilen aber war der junge Mann noch im 
letzten Jahre der Handels-Akademie. Es war auch 
unter den Professoren bekannt geworden, welch eine 
geniale Natur sich unter der schlichten Hülle dieses 
jungen Mannes verberge, und infolgedessen brachte 
man ihm auch aus dem Kreise seiner Lehrer viel 
Sympathie und Interesse entgegen. Man fand es 
ausserordentlich anerkennenswert, dass der junge 
Mann, trotzdem er als ein so vielversprechendes 
Talent anzusehen war, seine Studien nicht vernach 
lässigte, beinahe immer vorbereitet war und nur 
ganz selten mit einem feinen Lächeln die Ausrede 
anderer zwingender Arbeiten hatte. Man rechnete 
es ihm ausserordentlich hoch an, dass er so be 
scheiden blieb, so ernst und still arbeitete, so gar 
nicht vor der Zeit hervortrat, sich nicht als das früh 
reife und fertige Talent gab, sich Keinem aufdrängte 
mit seinen Arbeiten, sondern ganz im Gegenteil 
edelste, schamhafte Zurückhaltung übte. Auch dem 
Direktor kam es zu Ohren, was für eine Perle sich 
unter seinen Schülern verberge. Der Direktor war 
ein humaner Mann, ein lieberaler Mann; er liess sich 
den Jüngling eines Tages kommen. „Junger Freund“,, 
begann der Direktor, „man hat mir viel Gutes von
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.