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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Blätter der Bäume, ja selbst die verblassten Wand 
tapeten schienen unter dem Einfluss dieses Geläch 
ters lebhaftere Farben anzunehmen. Denn es war 
eine geheimnissvolle Macht des Barons, überall, wo 
er hinkam, Freude zu verbreiten; sein starkes, über 
quellendes Temperament, seine meisterliche Erzäh 
lungsgabe, der Nimbus des Abenteuerlichen, der ihn 
umschwebte, übten auf Alle, die mit ihm verkehrten, 
magnetische Kraft aus. Er hatte sämtliche Erdteile 
durchstreift und den jungen Grafen als freiwilliger 
Mentor auf Reisen nach Wien, nach Paris und nach 
London begleitet; seit dieser Zeit verband eine warme, 
schier unzertrennliche Freundschaft ihn mit dem 
weicheren, minder erfahrenen und bewundernd zu 
ihm aufschauenden Genossen. Unwillkürlich fühlte 
Graf Arthur eine heisse Wallung von Dankbarkeit in 
sich aufsteigen, als er der Stunden gedachte, die der 
Baron im Laufe des Sommers seiner lieblichen jungen 
Frau auf Schloss Berkow durch tausend Einfälle 
seines unerschöpflichen Humors verschönt hatte. 
Ein jäher Ruck zerriss die angenehmen Eindrücke, 
in welchen seine bewegliche Phantasie schwelgte: 
Die Lokomotive war in einen Tunnel eingefahren, 
von dessen Wölbung das rasselnde Geräusch der 
Räder auf den Schienen betäubend zurückklang. Da 
dieser Tunnel länger als acht Minuten den Zug unter 
dem Gebirge hinführte, so wollte der Graf sich eben 
bequem in die Kissen werfen, als ein seltsamer 
Anblick seine Aufmerksamkeit fesselte und ihn am 
geöffneten Fenster verharren liess. Dort, an der 
Tunnelwand, kaum einen Meter vom Auge entfernt, 
nahm er deutlich das Lichtbild der erleuchteten 
Kupeefenster wahr, die mit den Umrissen der 
Zwischenrahmen sich klar auf tiefschwarzem Grunde 
abzeichneten; und rechts im Lichtbilde des benach 
barten dreiteiligen Fensters erkannte er den Schatten 
riss eines feinen Gesichtsprofils, gekrönt von einem 
Jägerhütchen mit schräg aufsteigender Feder. Das 
Köpfchen Lüssys, die nur eine tückische Holzwand 
von ihm schied, erfüllte sein Herz mit seligen 
Empfindungen. Jetzt beugte sie sich ein wenig vor; 
er meinte sogar den zarten Mund im Gespräch sich 
bewegen zu sehen. Und jetzt, einen Augenblick 
später, erschien auf der linken Seite des Fensters 
ein zweiter Schattenriss, der sich gleichfalls vor 
beugte: die scharfgeschnittene Nase des Barons, sein 
Kinn mit dem Spitzbart, waren unverkennbar. Heiter 
betrachtete Graf Arthur das schemenhafte Paar und 
pries das wunderliche Spiel des Zufalls, das ihm 
wenigstens die Silhouetten der teuren Zwei, des 
besten Freundes und der geliebten Frau, in seiner 
Einsamkeit zugesellte. Ob sie wohl ahnten, dass er 
sie sah; ob sie wohl an ihn dachten und von ihm 
sprachen? Sie schienen in äusserst anregender Dis 
kussion, denn immer näher rückten die beiden Profile 
— fast zu nahe wie es dem Grafen dünkte .... 
Aber unwillig wies er das hässliche Misstrauen, 
das ihn beschlich, wieder von sich. Pfui, wie konnte 
er eine so thörichte Eifersucht hegen! Es war zum 
Lachen. Und er lachte wirklich, obwohl sein Lachen 
ein wenig gequält aus der Kehle kam. Er lachte 
weiter, schrill und laut, als ob er sich etwas Furcht 
bares, das auf ihn herankroch, von der Seele lachen 
wollte. Aber mitten im tollsten Lachen brach er 
auf einmal ab und stierte starr auf das schwarze 
Doppelbild draussen .... 
Die Schattengesichter berührten einander im 
Kuss ... eine Männerhand huschte verräterisch über 
das Jägerhütchen hin . . . ein Männerarm folgte und 
legte sich eng um die weibliche Schulter . . . die 
Gesichter verschwammen in eins . . . und dann: 
eine breitschultrige Gestalt stand hochaufgerichtet 
im Lichtbild der Mittelscheibe, um gleich darauf mit 
dem Schattenbild rechts zu einem dicken Klumpen 
zu verschmelzen, der in ständiger Bewegung blieb, 
unaufhörlich die Form wechselte, bald das feine 
Profil Lüssys und bald das energische Kinn des 
Barons hervortreten liess . . . Hände und Arme flogen 
hin und her, neckten und haschten sich .... 
Kein Zweifel: der Baron hatte sich neben Lüssy 
gesetzt und liebkoste sie; seine Liebkosungen wurden 
erwidert; er zog sie auPs Knie, sie wühlte mit den 
Händen in seinem Haar, küsste seine Lippen, seine 
Augen, seine Stirn! 
In entsetzlicher Greifbarkeit kamen dem Grafen 
alle diese Vorgänge zum Bewusstsein. Ein Zittern 
befiel ihn, heiss und kalt rieselte es durch seine 
Glieder. Er wollte rufen, schreien, er rüttelte wie 
ein Verzweifelter an der Kupeethür; aber kraftlos 
und schlaff sanken ihm die krampfig geballten Fäuste 
herab — seinen Lippen entrang sich ein einziger 
wilder Laut, den das Rädergerassel erbarmungslos 
verschlang — hart und dumpf brach er, wie eine 
gefällte Kiefer, zu Boden und eine tiefe, schwere 
Ohnmacht umfing ihn .... 
Als er erwachte und stöhnend sich aufzurichten 
begann, umwehte eisige Nachtluft die brennenden 
Schläfen. Der Zug hatte den Tunnel verlassen und 
flog mit Windesschnelle der nahen Residenz zu. 
Was nun? Der Blick des Grafen haftete scheu an 
dem Jagdgewehr, das auf dem roten Plüschpolster 
wie in einer Blutlache lag. Sich rächen? Den Elenden, 
der ihn so schmachvoll getäuscht hatte, nieder 
schiessen wie einen Hund? Wozu? War deshalb sein 
Leben von heut ab minder öde und leer? Und sie, 
die er über alles geliebt hatte, blieb sie deshalb 
nicht ebenso schuldig wie zuvor? Sollte er etwa 
auch sie —? Nein! Er fühlte sich zu einem so 
schauerlichen Strafgericht zu schwach. Er liebte sie 
noch immer, wahnsinnig, hoffnungslos .... 
Dennoch lud er sorgfältig das Gewehr und 
machte sich schussbereit. Als aus der Ferne die 
ersten matten Lichter der Stadt herüberblinkten, 
umspannte er mit festem Finger den Hahn .... 
Langsam fuhr der Zug in die Bahnhofshalle ein. 
Lärmend, scherzend, nach Gepäckträgern winkend, 
von Bekannten und Verwandten geräuschvoll begrüsst, 
verliessen die Reisenden ihre Kupees. 
Auf dem Bahnsteig, höflich lächelnd, tadellos 
reserviert in der Haltung, standen die Gräfin und 
der Baron. „Wo Arthur nur bleibt? Ich sah ihn 
doch einsteigen“, sagte nach einer Minute geduldigen 
Wartens Lüssy. „Vielleicht eingeschlafen!“ meinte 
spöttisch der Baron und zuckte die Achseln. 
Endlich, als noch eine volle Minute vergangen 
war, schritt er zur nächsten Kupeethür und riss sie 
auf. „Arthur!“ rief er lachend, und nickte der 
Gräfin unmerklich zu. 
Lüssy trat näher. 
Aber kaum hatte sie einen Blick in das Innere 
des Wagens geworfen, als sie taumelnd zurückfuhr 
und mit einem so gellen, markerschütternden Schrei 
dem Baron in den Arm fiel, dass die Schaffner be 
stürzt herbeirannten. 
Graf Arthur sass leicht vornübergeneigt auf dem 
vordersten Rücksitz, das Jagdgewehr in der Hand, 
dessen Lauf gegen die hohe, wachsbleiche Stirn ge 
richtet war. Aus einer Wunde, kaum grösser als 
eine Erbse, sickerte helles rotes Blut die linke 
Wange herab . . . 
Er war tot; die Kugel hatte nur zu gut getroffen. 
Die Gräfin Berkow bildet als trauernde Witwe 
das Stadtgespräch. Jeder, der sie kennt, rühmt 
ohne einschränkende Glossen die edle Fassung, die 
sie zur Schau trägt, obwohl ihr Schmerz über das 
frühe Ende des innig geliebten Gatten unaussprechlich 
scheint. Auch Baron von Hohenthal wird allgemein 
gelobt. „Einen Freund, wie den, soll man erst 
suchen!“ pflegt der alte Leibdiener des Grafen, der 
den Toten schon als Kind auf dem Arme getragen 
hat, begeistert zu sagen. Und voll Rührung fügt er 
hinzu: „Er ist in dieser schrecklichen Zeit unsrer 
gnädigen Gräfin nicht von der Seite gewichen. Ja, 
ja, der meint’s ehrlich und treu. Gott gebe uns 
allen in der Stunde der Prüfung einen solchen 
Tröster!“ 
Begegnung* 
Dun wanderten wir geraume Srist, 
Du der Gebende von uns beiden — 
6be wir von einander scheiden, 
Sage mir nicht, wer du bist. 
Treib’ ich wieder in lauter Betrieb, 
flrg gestossen und mitgerissen, 
UJill ich in tiefster Seele wissen: 
Draussen ist einer mir lieb. 
Prag. 
Sriedrid) jRdler.
        
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