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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Schattenspiel. 
Von Max Stempel. 
D er Graf und die Gräiin Berkow kehrten von 
einem Jagdausfluge heim. 
Sie hatten bereits, der vorgerückten Jahreszeit 
wegen, ihr stattliches Winterpalais in der Residenz 
bezogen, unternahmen aber von dort aus bisweilen 
mehrtägige Abstecher auf das idyllisch inmitten be 
waldeter Berge gelegene gräfliche Stammschloss. 
Die Verbindung war äusserst bequem: der Schnell 
zug führte sie in kaum einer Stunde von einem 
Ziel ihrer Reise zum andern. 
Es dämmerte schon stark, als sie die kleine 
Eisenbahnstation, die mit dem Gute durch einen 
wohlgepflegten Feldweg verbunden war, in behag 
lichem Schlendermarsch erreichten. Sie hatten den 
Gang zu Fuss vorgezogen, weil nach dem reichlichen 
Jagdmahl etwas Bewegung ihnen zweckmässig schien 
und das Wetter nichts zu wünschen liess. Ein 
prächtiger Spätherbstabend senkte sich auf die mäh 
lich verblassende Landschaft herab, die vom letzten 
rötlichen Schein der schwindenden Sonne zauberisch 
überglänzt wurde. 
Als sie zu dritt den Bahnsteig betraten — denn 
ein Freund aus der Residenz, der Baron von Hohen- 
thal, war ihr Reisegenoss und .lagdkamerad gewesen 
— wandten sie unwillkürlich, wie in stillschweigen 
der Verabredung, die Blicke zurück und nahmen 
das melancholische Naturbild in sich auf. Nebelhaft 
grau hob sich in der Ferne das gräfliche Schloss 
von dem hohen schwarzen Wall düstrer Taxushecken 
ab, in weiterem Kreise umkränzt durch den dunkel 
ragenden Hochwald. Von der Schlosszinne wehte 
gespenstisch ein weisses Fähnlein herüber, das im 
aufspringenden Nachtwind unruhig flatterte. 
Der Graf, ein jugendlich schlanker Mann mit 
frischem Gesicht und braunen Rehaugen, den die 
Jägertracht trefflich kleidete, begrüsste mit kräftigem 
Handschlag den dicken Bahnhofsvorsteher, der eben 
Befehl gab, die Lichter anzuzünden, und der sich 
auf die Ehre, von einem solchen Herrn ins Gespräch 
gezogen zu werden, nicht wenig zugute tat. Er ver 
galt diese Auszeichnung, indem er eifrig und teil 
nehmend nach dem diesmaligen Jagdresultat fragte 
und durch waidmännische Brocken, die er im Kneip- 
verkehr mit dem Förster aufgeschnappt hatte, seine 
Begeisterung für den Sport Sankt Huberti zu be 
kunden strebte. 
Der Baron unterhielt sich inzwischen scheinbar 
höflich und harmlos mit der Gräfin, einer stolzen 
Blondine von mehr als gewöhnlicher Schönheit, 
deren massvoll üppige Formen durch das eng an 
liegende Jagdkleid, das sie trug, doppelt reizvoll zur 
Geltung kamen. Er selber war ein hochgewachsener, 
breitschultriger Mann, der freilich die erste Jugend 
schon hinter sich hatte; aber das scharfe graue Auge, 
die kühn geschwungene Adlernase, das leicht ironische 
Zucken um die Mundwinkel, machten ihn für die 
Frauen, wie man behauptete, zu einer interessanten 
Erscheinung, und sein stark hervortretendes Kinn 
mit dem kecken Spitzhart gab ihm einen Ausdruck 
rücksichtsloser Energie. 
Der Schnellzug brauste heran und hielt keuchend 
still. Galant öffnete der Baron ein Kupee erster 
Klasse und half der Gräfin beim Einsteigen. Dann 
schwang er sich ihr nach und rief dem Grafen, der 
noch lässig im Gespräch auf dem Bahnsteige stand, 
ein kurzes, mahnendes „Arthur!“ zu. 
Der Graf flog herbei, als der Zug sich grade 
wieder in Bewegung setzte. Aber bei dem unge 
wissen Licht der spärlichen Bahnhofsbeleuchtung 
verfehlte er im letzten Augenblicke das richtige 
Kupee, dessen Thür der Baron hinter sich zugezogen 
hatte, und öffnete einen benachbarten Abteil. Als 
er seinen Irrtum bemerkte und sich plötzlich allein 
fand, war es zum Umsteigen leider zu spät: der 
Zug dampfte schon fast mit voller Geschwindigkeit 
vorwärts. 
„Verdammt!“ rief der Graf ärgerlich. Er schleu 
derte den Jägerhut in die nächste Ecke, das Jagd 
gewehr auf das rote Plüschpolster des Rücksitzes. 
Dann mass er, wie ein hungriger Löwe im Käfig, 
mit grossen Schritten den schmalen Raum. 
Bis zur Residenz, dass wusste er, würde der 
Zug nicht mehr halten. Er blieb also, wenn er 
nicht riskieren wollte, die Trittbretter entlang zu 
klettern und beim Herabfallen den Hals zu brechen, 
volle zweiundfünfzig Minuten von seiner Lüssy getrennt! 
Da aber gegen das widrige Schicksal in Gestalt 
eines Schnellzugs nicht anzukämpfen war, so be 
ruhigte sich Graf Arthur nach einem Weilchen er 
folglosen Fluchens. Er trat ans Fenster, liess die 
Scheibe herunter und spann, während sein Blick 
mechanisch an pfeilschnell vorübergleitenden Bäumen, 
Wärterbuden und Telegraphenstangen hing, allerlei 
süsse, berückende Träume. 
Jeder dieser Träume war in irgend einer Be 
ziehung mit Lüssy verknüpft. Der kleine Roman 
seiner Liebe, vom Tage an, da er die einzig Geliebte 
zuerst gesehen hatte, bis heut, wo er sie unwider 
ruflich, für immer, sein eigen nannte, wurde aufs 
neue in seiner Erinnerung lebendig. 
Aus den Nachtschatten, die draussen dichter 
und schwärzer Helen, tauchte in sonniger Klarheit 
eine schlichte Sennhütte empor, daneben auf einer 
rohgezimmerten Holzbank Lüssy, die ihm damals, 
trotz ihres einfachen Touristenge wand es, wie das 
Mädchen aus der Fremde vorgekommen war. Mit 
der heitern Unbefangenheit, wie sie modernen Kul 
turmenschen nur im Gebirge eigen zu sein pflegt, 
hatte man Bekanntschaft geschlossen, ohne einander 
nach Stand und Namen zu fragen, und war mit dem 
alten Herrn, der sich später als Lüssys Vater ent 
puppte, weitergewandert, zum steilen Schneegipfel 
des Berges hinauf. Oben, an der Gasttafel des Hotels, 
durfte man allerdings die Vorstellungszeremonien 
nicht länger versäumen; aber die Herzen hatten 
schon vorher Feuer gefangen, so dass es dem Grafen 
ein lieber Gedanke blieb, aus keuscher Neigung und 
ohne Rücksicht auf Ebenbürtigkeit die Wahl fürs 
Leben getroffen zu haben. Dass Lüssy, wie er, eine 
Grafenkrone im Wappen trug, hatte freilich die gegen 
seitige Glut um so rascher zur lodernden Flamme 
entfacht und Arthurs Geständnis wesentlich erleich 
tert. So konnte, als man unten im Thale wieder 
angelangt war, die Verlobung überraschend schnell 
und ohne elterliche Bedenken gefeiert werden. 
O der köstlichen Tage, die nun folgten! Früh 
promenaden auf blumigen Wiesen, noch feucht vom 
schimmernden Thau des Morgens; trauliche Picknicks 
im Walde, wo das Licht sich nur scheu durch ver 
schlungene Zweige stahl und schüchtern über den 
weichen Moosteppich hüpfte; Kahnfahrten auf kühlen 
Gewässern, unter hängendem Weidengebüsch, wenn 
die Mittagshitze sengend auf dürstenden Äckern lag; 
stärkende Ausflüge zu Rad und zu Ross in den 
klaren Abend hinein; nächtliche Stelldicheins in ver 
schwiegenen Lauben, über welchen der Vollmond 
wie eine silberne Ampel hing. Und dann, als das 
welke Laub im Haine zu rascheln begann, als der 
Herbststurm über die Stoppelfelder bliess und die 
weissen Schneeflocken in den Strassen der Residenz 
ihren Wirbeltanz anhuben: welche Fülle geselliger 
Lustbarkeiten, miteinander verlebt in glänzenden 
Räumen, in Theatern uad Ballsälen, umwogt von 
einer geputzten, neugierigen Menge, angestaunt und 
beglückwünscht, vielleicht auch beneidet; selten al 
lein, und doch immer sich suchend und findend, im 
Gewühl zärtliche Blicke wechselnd, und ab und zu 
in verlassenen Nebengemächern, versteckt hinter 
seidnen Portieren, heisse, verlangende Küsse aus 
tauschend .... 
So war der Sommer, der Herbst und Winter, 
im Fluge ihnen dahin geschwunden; im Frühjahr 
fand unter standesgemässen Pomp die ersehnte 
Hochzeit statt. Als die Maiglöckchen blühten, sie 
delte das junge gräfliche Paar, dem fürsorgliche 
Eltern die übliche Italienreise nicht erspart hatten, 
nach Schloss Berkow über. Hier, in herrlicher, 
fruchtbarer Gegend, genossen die Neuverwählten alle 
überschwängliche Wonne eines reinen, durch keine 
Sorge getrübten Liebesglücks. Die Honigwochen 
dehnten sich zu Monaten; weltfern und weltvergessen 
führten die zwei ein stilles, verborgenes Dasein, wie 
vor dem Sündenfall das erste Menschenpaar im Pa 
radiese. Der Baron von Hohenthal war der Einzige, 
der dann und wann einigen Aufruhr in das traute 
Einerlei ihres ländlichen Haushalts brachte. Wenn 
er plötzlich und unangemeldet, wie das in seiner 
Art lag, zu kurzem Besuche kam, hallten die Zimmer 
des alten Schlosses, der Park und der Garten von 
frohem Gelächter wieder; die Blumenkelche, die
        
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