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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

$)ie Theater. 
a mil Thomas, der Erinnerungsreiche, konstatierte 
nach der Aufführung der einaktigen Oper 
„Das war ich 41 von Leo Blech, dass bereits im 
Jahre 1864 eine Operette unter demselben Titel mit 
ganz gleicher Handlung hier über fünfzig Mal zur 
Aufführung gelangte. Doch auch dieses Libretto 
war nicht das Original, denn im Jahre 1849 ging 
ein einaktiges Lustspiel „Das war ich“ oder „Die 
böse Nachbarin“ mit Erfolg in Szene. Jedenfalls 
muss die Musik der Operette besser gewesen sein, 
als die des Herrn Blech, denn fünfzig Aufführungen 
der damaligen Zeit bedeuteten ebensoviel wie zwei 
hundert heute. Dennoch gefiel die wirklich nicht 
mehr ganz neue Idee des Textes trotz der teilweise 
sehr schlechten Aufführung auch der jetzigen Ge 
neration recht gut; weniger die Musik, die viel 
zu wuchtig und anspruchsvoll für den harmlosen 
Scherz ist. Was sich die Leitung der Königlichen 
Oper aber gedacht haben mag, als sie Fräulein 
Kopka die Hauptrolle gab, kann ein mit etwas Kunst 
verständnis ausgerüsteter gewöhnlicher Sterblicher 
nicht erraten. Ebenso war auch die Rolle des 
Pächters falsch besetzt, denn etwas Humor müsste 
dieser Schelm doch haben. Wenn Herr von 
Hülsen nach seiner Rückkehr diese Vorstellung 
sehen wird, so kommt er hoffentlich zu dem Ent 
schluss, künftig die Novitäten selbst zu besetzen, 
damit nicht das Ansehen des ihm anvertrauten 
Theaters so herabgewürdigt wird. — Auch die 
letzte Novität des Königlichen Schauspielhauses, 
„Die Schlossherrin“ von Capus, hätte mit 
mehr Geschick herausgebracht werden können. 
Das im Ohnet’schen Genre geschriebene Stück 
krankt an endlosen Längen, die man unbedingt 
hätte beseitigen müssen. So aber konnte trotz der 
trefflichen Darstellung — besonders Kessler und 
Vollmer waren brillant — kein Erfolg erzielt 
werden. Auch passten die prunkvollen neuen De 
korationen ganz und gar nicht — sie scheinen ohne 
jede Kenntnis von dem Inhalte des Stückes her 
gestellt worden zu sein. 
Um Björnson’s neuestes Werk „Auf Stor- 
höve“ war bekanntlich ein erbitterter Streit zwischen 
Brahm und Lindau geführt worden. Brahm blieb 
Sieger, war aber dennoch der Besiegte, denn es 
gab im Deutschen Theater einen recht anstän 
digen Misserfolg. Die hysterische junge Dame, die 
im Mittelpunkt der Handlung steht, vermag uns 
wenig zu interessieren, da wir keine psychologische 
Entwickelung ihres Charakters sehen und nicht 
wissen, warum sie so geworden. Wir haben nur 
eine Irrsinnige vor Augen, die aus reinem Zerstörungs 
triebe ihre ganze Familie unglücklich zu machen 
sucht, wiederholt Feuer anlegt und ähnliche liebliche 
Dinge entriert. Als ihreSchandthaten entdeckt werden, 
giebt ihr der Onkel den Rat, sich das Leben zu 
nehmen, während die Schwiegermama „das arme 
verirrte Kind“ bedauert und ihr eine Reisebegleiterin 
nach Paris giebt. Hat man denn in Norwegen keine 
Irrenhäuser? Gespielt wurde ganz ausgezeichnet, in 
erster Linie ist Fräulein Triesch zu nennen; sie ver 
mochte die Figur der Maria beinahe glaubhaft zu 
machen. Aber auch die Damen Dumont, von 
Poellnitz und Heims, sowie Bassermann, 
Kayssler, Stieler und Sauer waren sehr gut. 
Warum aber Frau Paula Eberty die Rolle einer 
komischen Alten geben? Das war verfehlt undunnötig. 
Im Berliner Theater ist das Sorma-Gastspiel 
nun vorüber und „Alt-Heidelberg“ füllt nach wie 
vor das Haus. Frau Sorma brachte leider am 
Schluss noch ein neues Stück und zwar „Timandra“ 
von AdolfWilbrandt. Ein Erfolg war es nicht, 
weder für Frau Sorma noch für den Autor. Wilbrandt 
lässt Sokrates, den wir doch als alten weisen Herrn 
kennen, unzählige Bogen schwatzen. Ab und zu 
erscheint Sorma-Timandra und bemüht sich, die Sache 
interessanter zu gestalten. Es gelang ihr aber ab 
solut nicht, trotzdem sie ein reelles Verhältnis mit 
Plato hat. Plato als Verhältnis! Ist das platonisch? 
Poetischer, aber nicht weniger langweilig ist Maeter- 
linck’s „Pelleas und Melis an de“. Das bereits 
früher in einer Matinee hier gegebene Werk ist 
jetzt vom Neuen Theater in das Repertoire auf 
genommen. Prachtvoll sind die neuen Dekorationen, 
die Leo Impekoven, Schauspieler am Bunten 
Theater, meisterhaft gemalt hat. Harmonisch .passend 
ist auch die Musik, die Friedrich Bermann kom 
ponierte. Aber interessanter wird auch dadurch 
„Pelleas und Melisande“ nicht, denn die wenigen 
Szenen voll wahrer Poesie können nicht genügend 
für die zahllosen Oeden entschädigen und die vielen 
Verwandlungen vernichten jede Stimmung. Sehr gut 
war Herr von Winterstein als König Golaud; 
Alexander Fickert hatte hinreissende Momente und 
Luise Höflich, die im Anfang direkt parodistisch 
wirkte, spielte zuletzt mit Innigkeit und Wärme. 
Allerdings hätte ich mir die wunderschöne Melisande 
ganz anders vorgestellt. 
Viel Glück hatten die Possentheater mit ihren 
Novitäten. Im Thalia - Theater gab es den 
„Posaunenengel“ von Krenn und Schönfeld. 
Selbstverständlich ist Thielscher der Posaunen 
engel, den man in seiner urdrolligen Komik 
gesehen haben muss. Thielscher als Isadora 
Duncan, Thielscher als tanzende Spreewälder Amme, 
so viel lachen kann man eigentlich gar nicht! Das 
an lustigen Szenen, famosen Kouplets und guten 
Einfällen überaus reiche Stück gefiel ungemein. Vor 
trefflich war Josefine Dora, ebenso Gerda Walde, 
Leonora Boje und Fritz Helmerding. Aber auch 
alle andere Rollen sind gut besetzt. Flott und 
prickelnd ist die Musik von Einödshöfer und 
Schmidt. 
Das Belle-Alliance-Theater brachte „Pick 
und Pocket“ ein Vaudeville von A. Barre, be 
arbeitet von Hans Brennert und Erich Urban. 
Etwas „Robert und Bertram“ etwas „Tricoche und 
Cacolet“ — kurz, ein Gaunerstück, das aber seinen 
Erfolg den witzigen Kouplets und der reizenden 
Musik von Bogumil Zepler verdankt. Die 
Hauptanziehungskraft übt aber eine Ausziehungs- 
Szene. Zwanzig mehr oder minder hübsche Damen 
ziehen sich vor dem Kasino des Pyrenäenbad 
„Sonnenlust“ bis auf’s Hemdchen aus und 
singen zur Motivierung dabei aus Leibeskräften: 
„Am Mittag ist es heiss!“ Darob unendlicher Jubel. 
Ganz vorzüglich war Ferdinand Worms, der den 
Schah von Persien mit glänzender Komik spielte. 
Sehr fesch und gut ist auch Fräulein F'orescu. 
Herr Direktor Steiner, der jetzt mit seinem 
Ensemble im Ce ntral-Theater gastiert, sollte doch 
einmal in’s Metropol- oder Thalia-Theater gehen. 
Oder wenn ihm dies zu anstrengend ist, wenigstens 
einige Häuser weiter in der Alten Jakobsstrasse zur 
Firma Baruch. Zweifellos würde er es dann nicht 
mehr wagen, eine so jämmerliche Ausstattung zu bieten. 
Die armen sogenannten Balletmädchen — wie sahen 
sie in ihren geschmacklosen, unkleidsamen Kostü 
men, die förmlich nach Spindler schreien, in „Clo- 
Clo“ aus? Warum die Mär von den schönen Wienerinnen 
hier ganz vernichten? Ueber „Clo-Clo“ selbst ist 
nicht viel zu berichten. Herr Pagin hat bereits in 
so vielen Operetten gesungen, dass ihm nur bekannte 
Melodien einfallen konnten und das Libretto der 
HerrenA.Landsberg und Leo Stein ist ebensowenig 
neu und originell. Die Titelrolle sang ein Fräulein 
Marlow, die aber leider weder Stimme noch Grazie 
hat,und auch die übrigenMitwirkendenliessenrechtvicl 
zu wünschen übrig. Wie würde es den Herrschaften 
ergehen, wenn sie nicht von auswärts kämen. Aber 
was von anderwärts herkommt, imponiert den guten 
Berlinern immer — So wird 
z. B. die einzige der ganzen Truppe, die wirklich 
gut ist — Fräulein Zwerenz — jetzt in den Himmel 
gelobt und vor zwei Jahren, als sie hier bei Fritsche 
an der F'riedrich-Wilhelmstadt war, kümmerte sich 
Niemand um sie. Dabei war sie damals mindestens 
ebenso gut wie jetzt. Aber sie war doch nur in 
Berlin engagiert! Hugo Russak.
        
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