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Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Unsere ßilder. 
B rüher als sonst hat diesmal der Lenz seinen 
Einzug gehalten. Uns Städter, die wir sein 
innerstes Wesen meist nur vom Hörensagen und 
aus Goldschnittbänden kennen, fesselt in seinem 
Gefolge besonders die Kunst, die alljährlich ihr 
Wiedererwachen zugleich mit der Natur begeht. 
Der alte, ewig junge Frühling, die alte, ewig junge 
Kunst erscheinen dem modernen Menschen als un 
zertrennliche Begleiter. Darnach bedarf es keiner 
weiteren Rechtfertigung, dass die vorliegende 
Frühlings-Nummer von „Berliner Leben“ der Kunst 
gewidmet ist. Das neueste Bild von Kossak 
prangt angemessen an der Spitze. Sowohl das 
Thema wie die Ausführung packen den Beschauer 
mit Macht. Das Gemälde hält jene denkwürdige 
Episode aus dem Befreiungskriege fest, als die Leib 
grenadiere in der Schlacht bei Chäteau-Thierry 1814 
den Ansturm der französischen Reiterei erwarteten und 
mit Todesmut bestanden. Der Kampf wickelte sich 
zu jener Zeit in ganz anderen Formen ab als heut 
zutage. Gerade diese Eigentümlichkeit aber verleiht 
dem Bilde einen noch grösseren Reiz. Jede einzelne 
Figur auf dem abwechslungsreichen Felde erregt 
das Interesse, und man muss es dem Künstler be 
sonders zugute halten, dass er dem Feind ebenso 
gerecht geworden ist wie den vaterländischen 
Kämpfern. Der ritterliche Geist der Leibgrenadiere, 
welche das Bild für ihr Kasino in Frankfurt am Main 
bestellt und erworben haben, wird aus diesem Um 
stande die schönste Befriedigung schöpfen. 
Geheimrat Bode an der Stätte seiner ruhm 
vollen Wirksamkeit ist eine Darstellung, die 
uns zeitgemäss ins Gedächtnis ruft, wie viel in 
Berlin geschieht, um die Stadt zum Wallfahrtsort 
für die Freunde und Jünger der Kunst in aller 
Herren Länder zu machen. Seit die Königliche 
Gemäldegalerie im alten Museum der Leitung 
Wilhelm Bode’s untersteht, ist ihr Bestand um eine 
grosse Anzahl der köstlichsten Kostbarkeiten ver 
mehrt worden, zumal in der allerletzten Zeit, der 
u. a. das wundervolle Bildchen des I.ucas Cranach, 
die „Ruhe auf der Flucht nach Egypten“, ferner ein 
grosser Rubens, die „Bekehrung Pauli“, und dann 
eine prachtvolle Reihe von Kabinetstücken aus der 
altniederländischen Schule hinzukamen. Geheimrat 
Bode, der in Dr. Max J. Friedländer einen fein 
sinnigen Assistenten hat, ist nicht nur der erste 
aller gelehrten Kenner, sondern vor allen Dingen 
ein geschickter Aquisiteur, der das Seltene aufzu 
spüren und sich geschickt heranzupürschen versteht, 
um sodann im richtigen Moment schnell entschlossen 
zuzugreifen. Der Kaiser Friedrich-Museumsverein 
steht ihm als materieller Förderer zur Seite. Aber die 
jenigen, welche solche Kleinodien zu veräussern oder 
zu verschenken haben, geben sie schon deshalb gern 
an die Berliner Galerie ab, weil sie die Kunstwerke 
dort in der Pflege des Professors Alois Hauser, des 
ersten Restaurators, am besten aufgehoben wissen. 
In die Vor-Mysterien der grossen Kunstaus 
stellung, welche demnächst wieder ihre Pforten 
öffnet, gewährt uns das gelungene Bild von Hermann 
die „Hängekommission“ einen pikanten Einblick. 
Mancher Idealist, welcher die Kunst nur immer in 
ihren fertigen Erzeugnissen und in stimmungs 
voller Umgebung aufsucht, hat sich die Szene 
anders vorgestellt: eine feierliche Versammlung in 
feierlichem Raume mit feierlichen Reden und Gegen 
reden. Nun sieht er die Wirklichkeit vor sich. Wie 
eine eilige Auktion von Nachlasssachen in der 
Wohnung eines verschuldeten Toten sieht diese 
„Würdigung“ aus, kalt und traurig, formlos und 
grob. Und doch, wie viele Herzen macht diese Ver 
sammlung höher schlagen, wie viele Hoffnungen, 
auf die ein ganzes Menschenleben sich aufbaut, er 
stickt sie im Keime! 
Eins von den interessantesten Bildern, welches 
dieser Kommission demnächst unterbreitet wird, ent 
hält die schöne Reihe von Werken, die wir nach 
Originalen von Wedepohl reproduzieren. Theodor 
Wedepohl, der erst am Ende der Dreissiger steht, 
und aus Westfalen stammt, beherrscht die Porträt 
malerei in hervorragender Weise. Nicht nur auf 
den deutschen Ausstellungen, auch im Pariser Salon 
fand er Anerkennung. Unter Anderem hat er mit 
grossem Erfolge ein Kaiserbild für die Stadt Liegnitz, 
dann die Generäle Hänisch, von Winterfeld und 
von Roques, Freiherrn von Schorlemer-Alst (für die 
Provinz Westfalen) gemalt. Das Porträt des 
Kommandanten von Berlin, Generalmajors von 
Hoepfner in Khakiuniform, das der Künstler 
soeben vollendet hat, zeichnet sich durch besonders 
originelle Auffassung aus; auch fehlt in dem Gesicht 
kein einziges Detail. Dies ist das Porträt, von dem 
man hoffen darf, ihm in der „Grossen“ wieder zu 
begegnen. Mit nicht geringerem Wohlgefühl aber 
wird der Leser die anderen Porträts betrachten, von 
denen wir Reproduktionen bieten. Auf den Damen 
porträts liegt ein Duft von seltener Feinheit. 
Die Musikwelt ist auch in der vorliegenden 
Nummer nicht zu kurz gekommen. Frau Ottilie 
Metzger gebührt der Vorrang. Der einzige Lieder 
abend, welchen diese ausgezeichnete Altistin vor 
kurzem im Beethovensaale gab, war ein Ereignis, 
an dem wieder „ganz Berlin“ Anteil nahm. Mit dem 
Vortrag von Kompositionen Hugo Wolf’s, Schubert’s 
und Brahms’ erntete sie stürmischen Beifall, der er 
kennen liess, wie schwer es das hauptstädtische 
Publikum empfindet, diese an Umfang, Kraft und 
Schmelz wahrhaft seltene Altstimme oft so lange 
entbehren zu müssen. Hedwig Kirsch hat mit 
ihren letzten Vorträgen im Philharmonischen Konzert 
ihren Ruf als eine von den grossen Pianistinnen der 
Zukunft begründet. Ihr Name wird der Musikwelt 
bald sehr geläufig werden. 
Die Mittwochsgesellschaft der Berliner 
französischen Kolonie, die wir im Bild vereinigt 
haben, dankt ihren Ursprung einer Unterhaltung 
zwischen dem Prediger Palmie' und Herrn Violet auf 
der Fete du Refuge im denkwürdigen Jahre 1871. 
Dieses alljährliche Fest ist dem Andenken des Edikts 
von Potsdam (29. Okt. 1665) gewidmet, welches den 
durch das antiprotestantische Edikt von Nantes aus 
Frankreich vertriebenen Hugenottenfamlien eine 
zweite Heimat in Preussen anbot. Man weiss, welch 
schätzenswertes Glied in unsrer Bürgerschaft diese 
„Refugie's“ seither geworden sind. Durchweg gute 
Preussen und zum Teile sogar im Staatsdienst stehend, 
legten sie doch Wert darauf, die Geschichte ihrer 
Einwanderung nicht zu vergessen und man wird 
ihnen das um so weniger verübeln, als eine solche 
Erinnerung nur geeignet erscheint, das Gefühl der 
Liebe für die neue Heimat stets von Neuem zu be 
stärken. Dem Vorstande gehören Landgerichtsrat 
Dr. Be'ringuier und Stadtverordneter Michelet an. — 
Paul Heyses dreiundsiebzigster Geburtstag gab uns 
Veranlassung, die neueste Porträtaufnahme des 
Dichters wiederzugeben, der wegen der Schicksale 
seines Dramas „Maria von Magdala“: in der jüngsten 
Zeit so viel genannt worden ist. Diesen männlich 
schönen Zügen voll Kraft und Bestimmtheit sieht 
aber niemand die Siebzig an. — Freiherr von Kley 
dorff, früher Leutnant in deutschen Diensten, hat 
als Bariton durch sein Gastspiel mit Lili Lehmann 
am Theater des Westens von sich reden gemacht. 
Erst von Morel in Paris, dann von Lili Lehmann 
ausgebildet, erzielte er unter dem Pseudonym Egenieff 
grosse Erfolge als Don Juan und in anderen hervor 
ragenden Baritonpartien. — Dem Direktor der eben 
genannten Bühne, Max Hofpaur, gebührt in der 
vorliegenden Nummer gleichfalls ein Ehrenplatz. Am 
Vorabende seines Abschieds vom Theater des Westens 
hat er sein vierzigjähriges Bühnenjubiläum gefeiert 
und die Glückwünsche all derjenigen entgegen 
genommen, denen seine Schauspielkunst schon von 
den Tagen des Münchener Ensembles her lieb und 
wert geworden ist. — Dass unter unseren Bildern 
diesmal auch die Spreewälder-Ammen-Verkleidung 
Guido Thielschers im „Posaunenengel“ nicht 
fehlen durfte, versteht sich ebenso von selbst, wie 
die Reminiszenz an das gelungenste Ballfest des 
Nachkarnevals, den famosen „Gesindeball“ in Ge 
stalt einer Skizze, die Thomas und Pategg als Brüder 
der heiligen Hermandad festhält. m. Handl.
        
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