Path:

Full text: Berliner Leben Issue 6.1903

Die Puppenschwesfern. 
Von 
max Kretzer. 
Ich seh’ beide noch hinter dem («identisch, 
Die Eine verschrumpelt, die Andre hübsch frisch; 
Wie Dag und (lacht zwei verschied'iie Gestalten, 
Die Junge bemuttert stolz von der Alten. 
Auf der Einen Wangen des liebens Verzicht, 
Zwei, lachende Augen im andern Gesicht; 
Und wenn trübe der Ältesten Wort erklang, 
Dann schien mir der Jungen Gespräch wie Gesang. 
„Ach mein Püppchen, steig docti die heiter hinauf 
Und mach’ oben den blauen Kasten mir auf, 
Dort links, da liegen die Kleidchen und Strümpfchen." 
„Ja, Sdiwester ITlartha." Und flink wie ein riymphchen 
War Püppchen schon oben und dann hinunter 
Und madite ringsum die Puppenwelt munter. 
Dann klang’s, als wenn plötzlich ein Wunder geschah, 
In verschiedenem Con „Papa" und „ITlama". 
Und während die Schwester nähte die Sadien, 
Wollte sidi aussdititten Püppdien vor hacken, 
Und am meisten, wenn die Puppen geschunden, 
Und gar schwer zu heilen waren die Wunden. 
Dann kam zürnend die Schwester ITlartha heran 
Und probierte die richtigen Glieder an, 
Und dann klang es manchmal wie mufferlauf edif; 
„Idi setz' Püppchen auch Dir den Kopf noch zurecht, 
So wahr ich Dir diesen Hamen gegeben." 
Und die Kleine lachte: „niemals im heben." 
Und so war’s geblieben, noch manches Jährlein 
Sah ich im haden das ähnliche märlein. 
Doch einstmals bei Sdineesturm vor dem Weihnachtsfest, 
Fand ich seltsam verändert das Schwesterimesf, 
ich sah nur die Alte mit müdem Blick, 
Wie sie schaute ins kleine Zimmer zurück, 
Wo hinter den Scheiben zwei Kerzen brannten, 
Und die hichtschatten um die heuditer rannten. 
Und sie winkte midi näher zu sidi heran. 
„Idi kleide mein einziges Püppdien nun an." 
Dann weinte sie leise, „mir wird es so schwer, 
Und dodi hab’ ich's gethan bei tausend und mehr.' 
Da hab’ ich still meine Bände gefaltet, 
Die Cote gepriesen, die hier gewaltet. 
JDer LUüstensprenguoagen. 
Humoreske 
von Karl Paul i.] 
a lch hatte auch einmal einen Freund,”der war 
Musiker, aber ich weiss nicht, mit der Freund 
schaft mit Musikern ist es nicht weit her! ■— Noten 
leben aus zu üben, ganz gleichgiltig ob es Musiknoten 
oder Banknoten sind! — und so ging mirs mit 
meinem Freunde, ihm hatten die Noten fast ganz 
den Kopf verdreht und das Herz verhärtet und zwar 
die Noten in beiderlei Gestalt, über die er im reichen 
Masse verfügte, denn die Musiknoten machte er 
selber und die Banknoten hatte er von seiner Frau, 
einer Raubtierfallenfabrikantenwitwe, in deren grösste 
Falle er gegangen war. Als wir noch Freunde 
waren, war alles anders. 
Er war mir lange aus den Augen gekommen, 
und da ich kein Bild von ihm besass, hatte ich ihn 
beinahe vergessen, ich war übrigens nicht der Ein 
zige, der kein Bild von ihm besass; es existierten 
noch viele, die an dem gleichen Mangel litten. Nicht 
dass es seine Absicht gewesen, sie ohne sein Kon 
terfei zu lassen, nein, es existierten überhaupt keine 
Bilder von ihm, konnte keins existieren, ja es war 
völlig ausgeschlossen, dass sein Bild auf die Nach 
welt kam, seine Züge verewigt wurden, völlig aus 
geschlossen und ins Land der Unmöglichkeit ver 
bannt! Warum? — ja warum? Aus einem einzigen 
Grunde —1 er war Zucker! Nicht Rohr- oder 
Rübenzucker Gott bewahre, trotzdem er sogar sehr 
raffiniert war, nein, er war ein Zucker, der immer 
zuckte und deshalb war es unmöglich, ihn zu zeichnen, 
malen, photographieren, oder sonst auf dem Papier 
festzuhalten, denn sobald er gezeichnet, gemalt oder 
photographiert oder modelliert werden sollte, zuckte 
er jedesmal so, dass es weder dem besten Maler, 
noch dem vorzüglichsten Apparat gelang, sein Bild 
zu fixieren. Mein Freund war darüber untröstlich, 
denn er war ein wenig eitel und hätte gerne sein 
Portrait in den Stuben seiner zahlreichen Freunde 
prangen gesehen, eine Freude, auf die er gänzlich 
verzichten musste, und da er meinen Rat, ein Stück 
Zucker an der Stelle eines Bildes aufhängen zu 
lassen, was an ihn, als ewigen Zucker gemahnt 
hätte, nicht befolgte, so verwischte er mit eigener 
Hand sein nicht existierendes Bild in der Erinnerung 
seiner Mitmenschen. 
Auch ich hätte seiner beinahe vergessen, wenn 
ich nicht eine Erfindung gemacht hätte, zu deren 
Ausbeutung ich Geld gebrauchte. — „Ich hatte keins, 
er hatte welches, wir konnten uns also gegenseitig 
ergänzen; nebenbei gesagt, sollte er nur von zwei 
Leidenschaften beherrscht sein, von der Musik und 
dem Gelderwerb. Und Geld konnte man mit meiner 
Erfindung verdienen — Geld wie Heu; das musste 
jeder einsehen, der nur eine Idee von einer Idee 
besass. — Was ich erfunden hatte? Etwas Gross 
artiges! und noch heut schwillt meine Brust mit 
unsäglichem Stolz, wenn ich daran denke. Ich hatte 
einen „Wüstensprengwasserwagen“ zur Verhinderung 
des Samum erfunden“, jawohl das hatte ich. Ich 
selbst hätte auf die Erfindung gar kein so grosses 
Gewicht gelegt, erst mein Freund Ademahr von 
Dallesström belehrte mich über den Wert derselben. 
Als ich ihm anlässlich eines Besuchs (und er war 
durchaus nicht verschwenderisch mit seiner Gegen 
wart, im Gegenteil er liess sich oft vierteljahrelang 
nicht sehen und kam nur, wenn er Geld brauchte, 
anders litt es sein Stolz nicht) also, als er mich 
eines Tages, zu dem genannten Zweck besuchte 
scheinen keinen günstigen Eindruck auf das Gemüts 
und ich ihm die gemachte Erfindung mitteilte, da 
sank er mir mit dem Ausruf: Beinkleiderianna! in 
die Arme. 
Beinkleiderianna! endlich ist der Weg gefunden, 
Freund, du bist der grösste Mann meiner Zeit! 
„Beinkleiderianna“ sagte er deshalb, weil seine vor 
nehme Erziehung verbot, von „Hosen“ zu sprechen 
und ihm deshalb unmöglich machte, das Wort 
„Hosianna“ zu gebrauchen. Er riet mir auch statt 
„Verhinderung“ „Unmöglichmachung“ des Samum 
zu schreiben. Aber unmöglich macht meine Er 
findung den Samum eigentlich nicht, sie beugt nur 
jedem Schaden vor, den der böse giftige Wind an- 
richten kann! — Wie? auf welche Weise? ganz 
einfach. Am Tage vor dem Samum wird die ganze 
Wüste mit meinem Wüstensprengwagen gesprengt; 
kommt nun der Samum, so kann er keinen Staub 
aufwirbeln, was das gefährlichste an diesem Wind 
sein soll, und geht daher unschädlich vorüber. Dies 
Projekt wollte ich meinem Freunde unterbreiten, 
ich wusste damals noch nicht, dass er die Bank 
noten stark vernachlässigte und sich ganz auf die 
Musiknoten geworfen hatte; wie, sollte ich bald er 
fahren. 
Mein Freund hatte sich in Schlüsselburg nieder 
gelassen und zwar einzig aus dem Grunde, weil der 
Name der Stadt an den Violinschlüssel erinnerte; 
die Strasse, in welcher er wohnte, hiess Töpfergasse, 
er hatte sie gewählt, weil Töpfer mit „Thon“ zu 
thun haben und der Zufall hatte es getroffen, dass 
sein 1 lauswirt Stufer hiess, ein Name, der sich 
zweifellos von den Abstufungen der < Irgelpfeifön 
ableitete. Dies alles wusste ich damals noch nicht, 
ich hatte keine Ahnung, wie weit die Musik das 
Gehirn meines armen Freundes ergriffen. Deshalb 
erstaunte ich nicht wenig, als ich bei meinem 
Besuch, die Glocke an der Thür seiner Wohnung 
zog, mir nicht das grelle Schrillen einer elektrischen 
Klingel, sondern die Melodie 
Klinge Glöckchen, klin - ge 
entgegentönte. Ich fand dies reizend, und als sich nun 
gar die Thür öffnete, und statt dem Geknarre der 
Angel, mir in vollen Accorden der Willkommengruss 
*1. V - ■ - - - - H 
^ II * • [ I -u.—1 u- 
^ Seidgegri/sslihr Volker-scharen 
entgegenbrauste, gratulierte ich meinem Freund 
innerlich zu diesem ingeniösen Gedanken und sah 
darin ein günstiges Zeichen für meinen Wüsten 
sprengwagen. Unter den Klängen des wundervollen: 
5 
I 
— 
* Treulich geführt z 
ieh'n wir da 
hin 
geleitete mich das hübsche, junge Dienstmädchen 
durch den langen Korridor bis ins Empfangszimmer, 
dessen Thüre sich unter den Accorden
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.