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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

Franzi. 
0 diese Wochen voll ITIusik und ßuld! 
Wie es begann? Auf einmal kam es so: 
Erwartend stand ich täglich in Seduld 
Und täglich kamst du winkend, leicht und froh. 
Und unser hohes Stübchen, denkst du dran? 
mit schmalem Ringlein pochtest du ans Chor; 
In Armen hielt’st du einen sel'gen mann 
Und brachtest lachend kaum ein Wort hervor. 
Und im Cheater, zärtlich=eng gepreßt, 
Und wenn die Scene gar zu traurig war, 
ßielf ich im Finstern dein Stieflettchen Fest 
Und küfjfe heimlich deine Band, dein Baar . . . 
Die Sonntagnachmitfage auf dem ftand! 
Da scherzten wir ob deines Alltags Drill — 
Einmal verlorst du deinen Kamm, dein Band, 
Und du verlorst o Bluse, schweige still . . . 
0 diese Wochen voll Blusik und ßuld! 
Wie es verflog ? Auf einmal kam es so . . 
Run wartet dein ein andrer in Seduld 
Und einem andern winkst du, leicht und froh. 
Wien. Paul Werfheimer. 
, - | , | - 
Um ein Testament. 
Ein Familienrondo. Von H. von Endorff. 
Alle Rechte Vorbehalten. 
8 ‘a reden die Kerls in der Stadt immer soviel 
: von der Ruhe des Landlebens. Der Teufel 
mag den Sommer ruhig nennen, den ich hinter 
mir habe! 
Fortreisen hätte ich sollen, aber: erstens langts 
bei uns notleidenden Agrariern nicht dazu. Ausser 
dem: gute Luft, Ozon umsonst. Na, das Umsonst 
muss man bildlich nehmen. Stellt ein hübsches 
Sümmchen stets im Jahre dar, was ich bei dem 
Zauber zusetze. 
Aber: hält’ ichs selbst dazu, — Schockschwere 
not, bliebe trotzdem da, statt wie andere fremde 
Orte und Wässer aufzusuchen. Kenne aus dem 
ff-Fall die Wunderquellen! Wurde nach 70, wo 
mir der verfluchte Granatsplitter Arm und halbe 
Schulter wegriss, dass ich als Major Königlichen 
Dienst quittieren musste, jedes Jahr nach ’ner 
anderen geschickt. 
Haben meinen Arm auch nicht wieder wachsen 
lassen. 
Na, dann ging ich auf die väterliche Klitsche, 
ärgerte und rackerte mich mit selbstherrlich ge 
wordenem Inspektor ab, bis ich selbst den Rummel 
raushatte, was mir altem Invaliden höllisch sauer 
ankam. 
Aber: ich verstehst wirtschafte allein. Musste 
manchmal Lehrgeld zahlen anfangs, jetzt nicht 
mehr. Bin mit Leib und Seele Landwirt. Kann 
von schlechten Preisen, Leutenot gründlich mitreden! 
Leutenot, jawohl! 
Hat man wirklich Kerls sich mit Müh und 
Not zusammengetrommelt Nette Sorte das! 
Ohne jeden Schneid, Appell! 
Drillte lieber noch auf meine alten Tage 
Rekruten, als mich mit der Bande rumzuschlagen! 
Dabei muss man froh sein, wenn man Arbeitshände 
in der Ernte kriegt. 
Böse Zeit! 
Dann: Familiensenior seit des alten Onkel 
Adolfs Tod. Bringt viel Scherereien. Soll stets 
vermitteln, schlichten. Und auf mich schimpft 
schliesslich jeder. — — 
Habe vier Neffen, Söhne von verstorbenen 
Brüdern. Gute Jungens. 
Reisen sonst im Sommer immer fort: Hoch 
gebirge, See. Zweie freilich, Karls Söhne, reisten 
schon mal früher. Gleich nach Amerika. Grund: 
Schulden und andere Dummheiten. Und waren doch 
beide Leutnants in S. Maj. schönstem Garde 
regiment, wo wir Oldewitze seit mehr als zwei 
hundert Jahren standen. Die zwei anderen Neffen 
auf Gütern in der Mark: Willy Landmann, Bernd 
nur Mitchrist, Zeitgenosse. Lässt durch Inspektoren 
alles machen. Na, ihn drückts nicht, wenn er 
übers Ohr gehauen wird und mich gehts nicht an! 
Kommt da Anfang Juni eines Nachmittags der 
Willy. Geht mir immer auf die Nerven mit der 
lauten Stimme und dem Bramsigthun. Machte so ’ne 
Heirat... Na, Geld hat sie. Wenn sie „mir“ statt 
„mich“ sagt, ist das seine Sache. 
Rechnen kann sie auch, die Doris. Graulte 
gleich beide Schwestern. Willys, die bis dahin bei 
ihm lebten, auf die Strasse, dass sie ihr nicht auf 
der Tasche lägen. 
Zwei famose Mädel! Ganz moderner Stil trotz 
feudaler Rasse. Zeigten Schneid. Eine in Berlin 
längst Directrice in grossem Wäschegeschäft; andere 
erste Buchhalterin. Fahren sonntags öfters zu mir 
rüber. Praktisch, klug, klarer Blick fürs Leben. 
Echte Oldewitze! Wurden die einst — darauf 
hielt mein Bruder, trotz den knappen Mitteln! — 
exklusiv erzogen! Ist vorbei. Machten mutig Strich 
darunter. Alle Achtung! 
Also: Willy kommt, fragt nach Befinden, spricht 
vom Wetter, Ernteaussichten, Wildstand. 
Jungeken, du willst was, sag’ ich mir. Stimmt. — 
Nach hier Weile schiesst er los: „Bernds wollen 
reisen!“ 
„Na, warum nicht?“ 
„Aber erst im Herbst, September, und zwar 
nach Jerusalem, Indien und China!“ Bernd, einziger 
Sohn meines jüngsten Bruders, ist der Krösus der 
Familie. Erbte unerwartet riesig. Liess sich dann 
— zehn Jahre müssens sein — von ’ner späten Hof 
dame einfangen. Aufgeblasene Pute. Posiert mit 
Vornehmheit. Thut, als sei ihr nie was teuer, fein 
genug! Hat den Bernd gezogen.... Alles soll er 
wie bei Hofe machen: Frack zu Tisch, Mittagessen 
spät, Handkuss, wenn er ihr nur in den Weg 
kommt, Jäger auf Bock mit Federhut. — Reise nach 
Jerusalem gilt jetzt als feudal. Muss sie hin natürlich, 
statt, dass er auf seinem Prachtsitz nach dem 
Rechten und den Inspektoren auf die Finger sieht. 
„Meinethalben“, sag’ ich, „wer kein Sitzfleisch hat, 
soll immer reisen.“ „Hm, wenn dem Bernd nun 
aber unterwegs was Menschliches zustiesse? Bei dem 
schlechten Klima und den unsicheren Wegen....“ 
Horche auf. Gemütsmensch? Das ist sonst 
doch nicht seit Doris’ Zeiten? Ja, da rückt er denn 
heraus: Bernd hätte nicht testiert: Kinder und 
Geschwister nicht da; würde also alles mal, vom 
Witwenteil abgesehen, an die Vettern fallen. 
„Na, dann freu’ dich doch“, wert’ ich hin. 
Iwo, er verlangt: Onkel Karls Söhne müssten, 
als unwürdig, übergangen werden. 
„Mensch, die armen Bengels drüben können 
ein paar Kröten doch am meisten brauchen!“ 
Donnerwetter, rückt er da mir zu Leibe: 
Familiengeist, Erhaltung des ungeteilten Besitzes, 
heilige Verpflichtung und was weiss ich noch! 
„Schön! Also,: du, mit deinen . Schwestern, 
willst den ganzen Rummel?“ 
Hustet. — „Hm, ja, — das heisst, Doris meint, 
die Mädchen heirateten wohl doch nicht mehr. 
.Eine Rente würden wir ihnen, gerade wie an Karls 
Söhne, natürlich freiwillig,....“ 
Also: sie gefälligst wollten faktisch alles nur 
für sich und ihre sieben Göhren! 
Und ich, als Familiensenior, sollte den Bernd 
noch vor der Reise zu solchem Testament pressen. 
„Ne, das giebts nicht, Willy!“ 
Doch der drängt und drängt. Und ich sage 
mir: Testament und Ordnung muss sein. — Fingern 
wirs. Aber: anders, als du dir mit deiner Doris 
ausklaviert hast. 
Willy zieht befriedigt ab und ich lasse mir 
den Bernd kommen, der mit seiner Frau grad in 
Berlin ist, wo sie sich ein „Pied-ä-terre“, wie die 
Melanie es nennt, halten und die Sommereq.uipierung 
bei Bister und Konsorten bewerkstelligen. 
Bernd erscheint denn auch. Gottseidank, allein. 
Lispelt was von: Melanie bedaure, notwendigen 
Anproben, knapper Zeit u. s. w.! — 
„Bitte, ganz auf meiner Seite!“ 
Früher netter, etwas weicher Bengel. Jetzt 
ganz unter seiner Melanie Pantoffel. 
Sitzt da, wie ein Gletscher. Gehrock, Hand 
schuhe, Oylinder. So gehe ich nicht mal zur 
Kirche! ■— Draussen die Viktoria mit dem Jäger, 
die sie sich für die drei Wochen durch die halbe 
Mark mit nach Berlin geschleppt. Ohne den 
Klimbim thuts die Melanie nicht. 
Nun, sie habens ja dazu. Werden ihre 
Biester bald kaput kriegen, wenn die öfters solche 
Touren machen müssen.
        
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