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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

Dass ich von meinem Schlüsselloch aus auf 
der Lauer lag und die Vorgänge im Vestibüle ge 
nauest beobachtete, fand ich wieder selbstverständ 
lich. Nicht lange dauerte es und Nelly, die mittler 
weile meine Phantasie mit tausenderlei süssen Bildern 
füllte, erschien vor ihrer Thür. 
Jetzt erst konnte ich von meinem Observatorium 
aus bemerken, dass sie wahrhaftig eine kleine 
„Beaute“ war. 
Im weissen Flanell-Negligee, das sich weich an 
die jugendlichen Formen schmiegte, erschien sie mir 
wie eine Göttin, die eben von ihren olympischen 
Höhen auf die Erde herabgestiegen war, um sich in 
ihrer ganzen strahlenden Schönheit dem anbetenden 
Volke zu zeigen. 
Das Volk war natürlich nur ich, denn schon 
regte sich in mir so etwas wie Eifersucht, — dass 
auch andere Sterbliche ihre Augen zu diesem „star“ 
erheben könnten. 
Und Nelly stand noch immer im Vestibüle und 
spähte nach allen Seiten. — 
Was sie nur wollen mag — dachte ich. — 
Da kommt wie gerufen eine „femme de chambre“, 
— sie winkt, — sie lispelt —• und deutet dabei auf 
meine Thür. — 
Mir beginnt es schwarz vor den Augen zu werden. 
Sollte sie —•? 
Unsinn! nun musste ich beinahe selbst über 
mich lachen. 
Da sehe ich in den Händen des Zimmermädchens 
etwas weisses und ein Goldstück blinken. — 
Das Fingerchen auf den Mund gelegt — so 
verschwindet Nelly in ihrer Thür; und das Mädchen 
nähert sich. — 
Himmel! Jetzt beginnt mir aber das Herz der 
art zu pochen, dass ich kaum das Klopfen an meiner 
Thür vernehmen und öffnen kann. Scheinbar er 
staunt — nehme ich das zierliche Briefchen in 
Empfang, danke zerstreut — und nun, nachdem ich 
allein, öffne' ich dasselbe — eine Wolke von — da 
mals dachte ich von „all the flowers“, die Englands 
Blumenflor überhaupt aufzuweisen hat, strömte mir 
entgegen und da — mit grossen, energischen Schrift 
zügen standen nur die Worte: 
„Come at 5 o-clock — in the floor — she 
sleeps“. 
Ja Du lieber Gott — wie sollte ich das ver 
stehen — englisch musste es sein, — für mich war 
es ein spanisches Dorf! 
In meiner Verzweiflung kam mir der erlösende 
Gedanke, in der nächsten Buchhandlung einen kleinen 
Dictionnaire zu kaufen. 
Atemlos eilte ich davon — atemlos kam ich 
nach Hause. 
„Kommen an 5 Uhr — in den Hausflur — sie 
schläft“ — so übersetzte ich. Hurrah! Jubelnd 
schwang ich den Brief in der hoch erhobenen 
Rechten, das nenne ich Glück! 
Sie musste mich trotz ihres beinahe flucht 
artigen „nach Hause eilens“ bemerkt und — prüfend 
musterte ich mich im Spiegel gegenüber — an dem 
braunen, bärtigen Jungen Gefallen gefunden haben. 
So langsam waren mir in meinem Leben noch nicht 
die Stunden geschlichen. 
Endlich schlug es vom Turme der Kathedrale „5“. 
Geräuschvoll war ich in das Vestibüle getreten. 
Da öffnete sich die Thür und Nelly erschien — 
nein, ein Engel, dem nur die Flügel fehlten, stand 
vor mir. 
Weiss, durchwegs weiss, bis zum französischen 
Stöckelstiefelchen, das neugierig unter dem Rock 
saum hervorlugte. 
Höflich grüssend näherte ich mich ihr. 
„Wir wollen in den Lesezimmer gehen“, — 
sagte sie mit leichtem Erröten in zwar nicht 
fliessendem aber immerhin ganz gutem „Deutsch“. 
Als' ich hierüber meiner Freude Ausdruck gab, 
meinte sie: „Mamma war eine Deutsche — von ihr 
haben ich diese Sprake lernen“. 
„Frau Mamman ist wohl die alte Dame“ 
damit meinte ich die rotbackige Lady. 
„Shoking“ —• rief sie nun mit einem silber 
hellen Lachen, „das ist Miss Clever, meine — o — 
bitte, wie sagt man doch — my old nurse?“ 
Ich zog das Wörterbuch, das ich vorsichtshalber 
mitgenommen hatte, aus meines Sackes Tiefen. 
Nelly lachte wie ein übermütiges Kind — dann 
suchten wir beide, nachdem wir im Lesezimmer 
in einer recht traulichen Ecke Platz genommen 
hatten, nach der „nurse“ im Wörterbuch. 
„Pflegemutter“, — jubelte Nelly —, ja — das 
ist meine Pflegemutter, my sweet old goodling!“ 
Obwohl dem Englischen fremd, stellte ich mir 
unter „goodling“ etwas gutes, dickes, rundes vor 
und sprach Nelly für diesen Namen meine Aner 
kennung aus, denn er schien Miss Clever an den 
Leib erfunden. 
im Laufe des Gespräches hatte ich erfahren, 
dass Nelly Waise und Erbin eines grossen Ver 
mögens, den Winter in „New York“, ihrer Heimat, 
den Sommer auf Reisen verbringe — dass ich ihr 
geliele und dass sie mich morgen um dieselbe Stunde 
im Lesezimmer erwarten würde — nun aber würde 
Miss Glevers Nachmittags-Siesta bald zu Ende sein 
— damit huschte sie mit einem huldvollen Kopf 
neigen davon. 
Mir aber schien es, als ob in diesem Augen 
blick eine schwere Wolke sich vor die Sonne ge 
schoben hätte; trübe und düster war es rings umher 
und wie ein Träumender verbrachte ich den Abend 
— r als Endziel meiner Wünsche die morgige fünfte 
Stunde ersehnend. 
Auf diese Weise verging fast eine Woche; zum 
Staunen der guten Miss Clever, die es nicht be 
greifen konnte, was Nelly an Lausanne so zu fesseln 
wusste. 
Endlich, anlässlich einer Segelpartie am Genfer- 
see, die Nelly geschickt in Scene zu setzen wusste, 
wurde ich den beiden Damen offiziell vorgestellt 
und mithin war auch das Hindernis behoben, mich 
ihnen auf ihren Promenaden und Touren an- 
zuschliessen. 
Nur Eines lag mir beschämend auf der Brust: 
ich hatte mich als „Doktor“ vorgestellt; dabei aller 
dings den ernsten Entschluss gefasst, das nächste 
Jahr es auch zu werden — aber ich war es ja noch 
nicht und diese Lüge brannte mir auf der Seele. 
Miss Clever war es keineswegs entgangen, dass 
Nelly mich besonders auszeichnete und einmal, als 
Nelly eben von irgend einem landschaftlichen Reize 
festgehalten, etwas hinter uns zurückblieb, gab 
sie mir zu verstehen, dass sie mich zu sprechen 
wünsche. 
Das „wie“ liess allerdings einige Schwierigkeiten 
aufkommen, denn ihr „Deutsch“ klang so „Englisch“ 
dass es einiges Studiums bedurfte, um es überhaupt 
als Deutsch annehmen zu können. 
Spät am Abend, Nelly schlief bereits, huschte 
Miss Clever in mein Zimmer. 
Wie wir uns verständigt, glaube ich übergehen 
zu können, der Tenor der Besprechung klang so 
ziemlich so: 
Nelly ist sehr reich — willst Du um sie werben, 
musst Du „Etwas“ sein, — womit sie eine höhere 
gesellschaftliche Position meinte, — denn sie ent 
stammt einer alten amerikanischen Patrizierfamilic 
— und die vornehmsten „Baronets“ viele Meilen im 
Umkreise würden stolz darauf sein, sie als Gattin 
heimführen zu können. 
Nelly ist eigenwillig — widerspenstig — aber 
trotzdem ein gutes Kind. —- Jetzt wisse ich alles ■— 
nun möge ich sprechen. 
Und ich sprach — erzählte auch, dass ich den 
Titel ,,Dr.“ noch nicht rechtmässig tragen dürfe und 
— — 0I1! oh! klang es gedehnt von Miss Glevers 
Lippen. Dann bat sie mich abzureisen.
        
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