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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

,,Ja, mein Kind. In Deutschland bitten die 
Soldaten, wenn sie begnadigt worden sind, auf den 
Knieen um Verzeihung für ihr Vergehen, wobei sie 
die Hand an die Fahne des Regiments legen, und 
nur diese Berührung allein rehabilitiert sie und giebt 
ihnen das Recht wieder, die Waffen zu tragen. Bei 
allen Fahnen, die im Invalidendom vom militärischen 
Ruhme Frankreichs erzählen, ist der Stoff an sich 
keine sechs Francs wert, aber jede Sache hat den 
Wert in der Wichtigkeit, die man ihr beilegt, und 
das Verlassen der Fahne ist ebenso infam, wie das 
Desertieren. Also ich wiederhole, die Fahne ist ein 
Talisman, der dem Soldaten die ferne Heimat vor 
zaubert, seine alten Eltern, die auf Nachricht von 
ihm warten, das Dorf, wo er gespielt und gearbeitet, 
wo er gross geworden ist, wo er gelitten und geliebt 
hat. Mit einem Worte, die Fahne ist beinahe eine 
Gottheit, sie ist die Seele des Vaterlandes selbst!“ 
Der Oberst hatte geendigt, den Blick in ge 
heimnisvoller Ferne verloren, wo sich ihm die grossen 
Kriege vergangener Zeiten spiegelten, und aller Gäste 
hatte sich Rührung bemächtigt, wie wenn die glühende 
Sprache des Soldaten tausend verworrene Gefühle 
aufgerüttelt hätte, die in ihren Herzen schliefen und 
sie zwangen, an ernstere Dinge zu denken, als die 
jenigen des gewöhnlichen Lebens. 
Bob aber war sehr ernst geworden und ein 
wenig verlegen, währendMaggy flüsternd wiederholte: 
„Es ist beinahe eine Gottheit!“ . . . 
„Also“, sagte plötzlich Frau von Champerel, 
„es ist gleich halb zehn Uhr. Ihr Kleinen, sagt 
Gute Nacht und geht schlafen.“ 
So machten sie die Runde um den Tisch, reichten 
ihre Stirne, wie das von Victor Hugo besungene 
Kind: 
„Den Blick Hess es erstaunt und entzückt 
schweifen, 
Nach allen Seiten die junge Seele dem Leben, 
Und seinen Mund den Küssen bietend.“ 
Die Gesellschaft kehrte in den Salon zurück, 
und Bob und Maggy suchten ihr Zimmer auf. Aber 
während des Brimm-Brumm der Gespräche horchte 
die Oberstin ins Nebenzimmer und war erstaunt, 
nicht jene Ruhe zu gewahren, welche dort herrschen 
sollte. Und merkwürdig, nicht aus dem Kinder 
zimmer, sondern aus dem Arbeitskabinet des Obersten 
drang das Geräusch an ihr Ohr. Erstaunt ging sie 
mit leisen Schritten zur Thüre und öffnete sie vor 
sichtig. Und nach einem kurzen Blick durch die 
Spalte, eilte sie zu den Gästen zurück: 
„Leise, leise, macht keinen Lärm und kommt 
mit mir!“ 
Mit äusserster Vorsicht näherten sich alle der 
Thüre und da bot sich ihnen ein merkwürdiges 
Schauspiel dar. Bob und Maggy lagen nebenein 
ander auf den Knieen vor der kleinen Sammetestrade, 
auf welcher die Fahne stand, und verrichteten hier 
ihr Abendgebet. Man konnte nichts Rührenderes 
sehen, als diese zwei kleinen Wesen, wie sie im 
langen weissen Nachthemd, mit gefalteten Händchen, 
ernst ihr kleines Gebet hersagten, vor der Fahne, 
die über ihnen beiden hing, mit ihrem Ehren kreuz 
und dem goldbefransten Stoff und den eingestickten 
Schlachten. 
Als sie zu Ende waren, erhoben sie sich, ver 
neigten sich ein letztesmal, wie vor einem Altar und 
gingen, sich gegenseitig an der Hand haltend, in 
ihr Zimmer zurück. 
„Kinder,“ sagte nachher Frau von Champerel, 
als die beiden in ihren kleinen Betten lagen, „was 
ist Euch denn eingefallen, vorhin, dass Ihr Euer 
Gebet vor der Fahne verrichtet habt?“ 
Bob erwiderte: 
„Maggy hat die Idee gehabt. Sie hat alles gut 
behalten, was Papa uns erklärt hat. Und da hat 
sie mir gesagt: „Weil die Fahne das Schönste, das 
Heiligste und das Beste von der Welt ist ... so 
muss sie ein kleines Stückchen vom lieben Gott sein“. 
^2)er toten ffjjuUer. 
J^clp gehe durclp die weite ^ladl alleirp, 
j2)er~\(?inlerlag wehl ^chnee mir irp die ^vVangeq; 
Ich denl^ an diclp mit Jgebnsuchl und m il JB an J et l ; 
jj)ir jVierl die Qrde bis ins js^erz hineirp 
ff^ir ist, als ob mich deine glimme riej, 
Irrp Qhre juhl’ ich deine Vierte beberp: 
f^omrrp f^ind und bringe mir zurück mein £eben - 
j2)er ‘-piedlpoj' ist so kalt, deirp (grab so tiej . . . 
Emil Faktor. 
Frühlingsstimmung. 
Von Dr. Heinrich Pudor. 
■ ie ein Wunder war es gekommen. Erst war 
es kalt gewesen — nordischer Winter — 
und nun kamen heisse Winde aus dem Süden. Die 
brachten glühwarme Küsse, Liebe, Hoffnungen, 
Freuden, schmeichelnde Koseworte, Wünsche und 
Tröstungen. Wie Flammen so weich waren sie: 
sie kamen aus wärmeren Ländern, aus dem Süden, 
aus Italien, und schmiegten sich an die Wangen 
wie Küsse und kosten mit dem Fleisch und liefen 
wie Sonnenblicke über die Augen. Süsse Lieder 
sang dieser Wind; Liebesgedichte schien er zu 
hauchen. Und wie man diesen warmen Luftwellen 
sich entgegenneigte, mit welcher Hingebung, mit 
welcher Wollust man die lauen Winde mit Llaar 
und Wangen spielen Hess! Die Sonne schien noch 
nicht; aber hin und wieder sah man den blauen 
Himmel durch die grauen Wolken blicken wie die 
Erinnerung an sommerliche Freuden durch trübe 
Winternächte. 
Von den Dächern tropfte der getaute Schnee; 
von den Bäumen rann es nieder — es war, als ob 
alles in Hingebung und Liebe sich aullösen wollte. 
Der Schnee schmolz, das Eis zerrann; die Bäume 
schienen wieder zu atmen; die Luft war lind 
es wurde etwas in der Welt! „Ach, wie ist das 
Leben doch schön“, schienen diese warmen Luft 
wellen zu sagen — man fühlte sich wie von Federn 
umbettet; wie weiches Frauenlfeisch schmiegte sich 
die Luft an den Körper; sie meinte es so gut mit 
ihm und wollte ihn für all den Winterfrost ent 
schädigen. „Mein Geliebter, mein Heissgeliebter“, 
sprachen diese Winde, „ich will dein Herz öffnen 
und will es wärmen; du sollst nicht glauben, dass 
die Liebe die Erde verlassen hat. Hier bin ich, ich 
komme zu dir aus dem Süden, wo Granatäpfel und 
Mandarinen wachsen — gestern bin ich über Oliven 
haine geweht und habe die Wangen von schwarz 
äugigen Südländerinnen geküsst — heute bin ich 
bei dir in Finland, mein Kind, wo gestern noch das 
Holz im Froste knarrte, wo gestern noch die 
Menschen vor Kälte schauerten; heute bin ich bei 
dir; da hast du mich, ich bin Hebetrunken, ich ver 
gehe vor Sehnsucht nach Küssen und Umarmungen, 
•—■ nimm mich hin, ich will dein sein, ich will von 
dir umarmt sein, an deiner Brust will ich liegen, 
deine Küsse will ich brennen fühlen, feurige Küsse 
von deinen jungen Lippen. . . “ 
Und nun kamen die Menschen aus ihren Woh 
nungen und ergingen sich in der warmen Luft — 
leise kamen sie — wie ein Wunder schien es ihnen 
— brünstig sogen sie die laue Luft ein. Den 
ganzen l ag ergingen sie sich in der warmen Luft, 
und am Abend, ehe sie sich niederlegten, öffneten 
sie die Fenster und Thüren und lockten die linde 
Luft herein und wagten nicht zu schlafen, nur zu 
träumen vom Frühling, von warmen Ländern, von 
sonnigen Gestaden, von Küssen und Umarmungen 
der Liebe . . .
        
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