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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

(Kalenderbild von Franz Christoph) 
AHNE. 
Von Richard 
O ’ M o n r o y. 
Autorisierte Uebersetzung von J. v. Immendorf. 
(Nachdruck verboten.) 
M;j;)jjcr kleine Bob und die kleine Maggy von Champerel — der eine 
zwölf, die andere neun Jahre alt — spielten im grossen Salon, 
dessen Fenster auf den Platz Saint-Augustin gingen, als Bob plötzlich 
zu Maggy sagte: 
,,Komm schnell, Schwesterchen, komm schnell! Da bringt man 
die Fahne zu Papa zurück.“ 
In der That marschierte soeben, die Musik an der Spitze, mit 
dem Regimentstambour und den Sappeuren, eine Kompagnie Sol 
daten aus dem Gitterthor der Kaserne und schritt auf das Haus 
des Obersten von Champerel zu, am Boulevard Malesherbes, auf 
der anderen Seite des Platzes, gerade gegenüber der Statue der 
Jungfrau von Orleans. Die Trommeln wirbelten, die Blasinstrumente, 
von Zimbeln unterstützt, forderten den frischen Schritt heraus; die 
Mannschaft in Parade und weissen Handschuhen eskortierte die gold 
befranste Fahne, die ein Offizier, umgeben von zwei alten Unter 
offizieren trug. Und in den hellen Strahlen der Sonne flatterte diese 
Fahne, die sich so oft mit ruhmvollem Staub bedeckt, Gegenstand 
eines vergötternden, abergläubigen Kultus, unter dem Schall fröh 
licher Fanfaren von der Menge begrüsst. 
Bob schlug begeistert in die Hände: 
„Ach, wie das schön ist! wie lustig!“ 
Maggy aber blickte betroffen: 
„Warum erweist man denn einer ein 
fachen Holzstange, die oben ein Stück Stoff 
hat, alle diese Ehren?“ 
„Das weiss ich nicht ... es ist eben so 
Gebrauch.“ 
„Aber warum lässt man sie nicht in der 
Pepiniere-Kaserne ? “ 
„Die Fahne muss bei Papa bleiben, weil er 
der Oberst ist, und darf nur aus dem Hause, 
wenn zu den Waffen gegriffen wird. Im 
übrigen weiss ich nicht mehr wie du.“ 
„Da müssen wir fragen,“ sagte Maggy 
sehr ernst. „Es muss einen Grund haben, 
warum man wegen eines Stückes Holz so viel 
Geschichten macht.“ 
Durch einen grossen Menschenknäuel hin 
durch waren der Offizier und die beiden Ser 
geanten in das vom Obersten bewohnte Stock 
werk hinaufgestiegen. Dann stellte der Leut 
nant die Fahne in die Ecke des Arbeitszimmers, 
wo sie auf einer rotsammetnen Estrade, die 
wie ein kleiner Altar aussah, in einem Ringe 
festgehalten wurde. Draussen aber ertönte das 
Signal: „Zur Fahne!“ und die Soldaten prä 
sentierten das Gewehr. 
Durch die angelehnte Thür blickten die 
beiden Kinder, neugierig auf den Fussspitzen 
stehend, dem Schauspiel zu und blieben, wäh 
rend der Abend sich herniedersenkte, noch lange 
unbeweglich und stumm in diesem stillen Raum 
vor dem hübschen Gegenstand aus dreifarbiger 
Seide, der reich gestickt, das Kreuz der Ehren- 
legion trug, mit dem Fahnenband am Schaft, und 
den siegreichen Namen: Rivoli, Austerlitz, Mont- 
mirail, Sebastopol, Magenta. 
Abends waren Gäste zum Diner, und Bob, am 
Ende des Tisches sitzend, wagte nicht vor all den 
Leuten das Wort zu ergreifen; aber auf die wieder 
holten Mahnungen seiner Schwester, die ihn durch 
Fussstösse unter dem Tisch an sein Versprechen er 
innerte, fasste er endlich beim Dessert einen Entschluss; 
und plötzlich stiess die Kinderstimme heraus: 
„Papa, bitte, erkläre doch Maggy und mir so 
ganz genau, was das eigentlich ist, eine Fahne?“ 
Alle Blicke richteten sich auf das Ende des 
Tisches, wo Bob, scharlachrot, mit den Thränen 
kämpfte, denn zur Rechten seiner Mutter sass ein 
alter General, sehr rot im Gesicht, mit struppigen 
Augenbrauen und einem mächtigen weissen Schnurr 
bart — eine geröstete Mandel in Baumwolle ge 
wickelt — der ihn mit einem furchtbaren Blick 
fixierte, offenbar der Sprache beraubt durch diese 
ungereimte Frage des kleinen Burschen. 
Aber der Oberst von Champerel lachte ihm 
freundlich und beruhigend zu und sagte mild: 
„Du hast recht gehabt, mich danach zu fragen, 
Bob, denn ich bin ja da, um dich zu unterrichten, 
und du bist schon gross genug, um dir gewisse 
Dinge erklären lassen zu können. Die Fahne ist 
ganz einfach das Symbol des Vaterlandes. Für den 
guten Soldaten ist sie der Turm, um den sich alles 
dreht, und er braucht keinen anderen zu kennen, 
denn überall wo sich die Fahne erhebt, überall wo 
ihre Farben wehen, überall wo sie aufgepflanzt ist, 
stellt sie das Vaterland dar. In fernen Landen, in 
der Stunde der Gefahr und des Kampfes, vereinigt 
man sich um sie, um sie zu verteidigen, und so 
lange sie gegen den Feind getragen wird, geht alles 
gut — man folgt ihr, die Augen fest auf sie ge 
richtet, wie die Augen der drei Könige auf den Stern. 
Dem Soldaten, hat der Marschall von Sachsen gesagt, 
muss es wie ein Evangelium sein, seine Fahne niemals 
zu verlassen; sie muss ihm heilig sein, und man 
kann sie nicht genug mit Geremonien umgeben, um 
ihr Respekt und Wert zu verleihen. Die Fahne ist 
mehr als ein Symbol, sie ist beinahe ein lebendes 
Wesen: sie hat das Recht auf Ehrenbezeugungen; 
man dekoriert sie, wie die unselige, wenn das Re 
giment sich gut geschlagen hat; und es giebt keinen 
Soldaten, der nicht sein Leben einsetzen würde, um 
eine seiner Fahne angethane Beleidigung zu rächen. 
Das ist mehr, als patriotischer Respekt, das ist ein 
Kultus. Im Glück verherrlicht man sie; im Unglück 
verehrt man sie, oder beweint sie. Der Dichter von 
Jouy sagt: 
„Unsere unglücklichen Fahnen sind nur um so 
geheiligter, wenn das trauernde Vaterland sie umgiebt. 
Nichtswürdig der, der sie verlässt!“ 
„Bravo!“ brüllte der alte General und schlug 
mit seiner Faust auf den Tisch, dass die Gläser 
tanzten. „Nieder mit Bazaine!“ . . . 
Maggy hatte mit grossen, vor Erstaunen auf 
gerissenen Augen zugehört: 
„Also die Fahne“, sagte sie, „ist das, was es 
Edelstes und Schönstes giebt auf der Welt“?
        
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