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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

gelallt, der Länge nach in den offen stehenden 
Korridor. Die entsetzte Dame, die selbst aufgemacht 
hatte, schrie erschreckt um Hilfe, der Portier wurde 
gerufen, der, zum Abscheu der sich inzwischen 
angesammelten Hausbewohner konstatierte, dass der 
Kerl sternhagelbesoffen sei. Von der Verachtung 
der Versammelten begleitet, schleppte der Portier und 
ein zufällig anwesender Rohrleger den betrunkenen 
Bettler davon, während die Zurückbleibenden mit 
gerungenen Händen über die Schlechtigkeit der 
Menschheit und die Genusssucht der niederen 
Klassen jammerten, und es nicht zu fassen ver 
mochten, wie ein Mensch es wagen könne betteln zu 
gehen, wenn er betrunken, und wie es möglich sei, dass 
ein Mann so tief sinken kann, den letzten Groschen 
zu vertrinken, für stinkenden Fusel auszugeben, an 
statt für seine hungernden Kinder Brot zu kaufen. 
Die verrückten Stadtmoden 
von F. Jüttner. 
Frit^ ^einemann. 
Iffilic Kunst der Bildhauer, 
liner, 
insonderheit der Ber- 
hat in den letztverflossenen Jahren nicht 
nötig gehabt, nach Brot zu gehen. Man wird in 
der deutschen Kulturgeschichte von einer Epoche 
des Denkmalsetzens reden müssen, die mit dem 
Sterbejahr Wilhelm 1 begann. Das dankbare Vater 
land ehrte seine Kaiser, seinen Kanzler, seine Kriegs 
helden. Kein Kreisstädtchen, das nicht eine Kon 
kurrenz veranstaltete, nicht einen Künstler mit der 
Herstellung eines Standbildes betraute. Und nicht 
zu vergessen des fürstlichen Geschenkes, das Wil 
helm II seiner Stadt Berlin machte: „die Maler der 
Siegesallee“. Naturgemäss mussten in solcher Zeit 
hinter diesen gewissermassen offiziellen Aufträgen, 
die so viele produktiven Kräfte in Anspruch nahm, 
diejenigen Aufgaben zurückstehen, die in freiem 
Hang und Drang sich der Künstler selber stellt. Die 
Skulpturenhallen der grossen Kunstausstellungen 
wiesen die Lücken; nur ganz wenige hatten der 
lockenden Nachfrage nicht ihre Angebote gemacht. 
Unter denen aber, die widerstanden oder sich die 
Müsse für ein gewissermassen zweckloses Kunst 
schaffen erübrigten, befand sich immer Fritz Heine 
mann. Nicht dass diesem für die offizielle Kunst 
das Glück und die Gabe gefehlt hätten — es stehen 
von ihm Denkmäler im Lande, und im Wettbewerb 
um ein Kaiserstandbild in Hildesheim ward ihm der 
Erste Preis — sondern er schaffte, wozu die Lust 
ihn trieb. Er ist ein „Genrebildhauer“ von der 
Sorte. Seine Formen und Umrisse sind nicht 
die strengsten im Sinne der Antike, noch die freiesten 
im Sinne des modernen Impressionismus und doch: 
seine Gruppen wirken von allen Seiten rund und 
geschlossen und welch ein warmes wirkliches Leben 
regt die steinernen Körper! Innige Gefühle, Kindes 
freude, Mutterglück drückt seine Kunst auf das An 
sprechendste, Liebenswürdigste aus. Heine mann 
ist von Geburt Westfale und noch nicht aus den 
Dreissig heraus. Als Holzbildhauer fing er an, 
bildete sich bei Schaper und ist seitdem in Berlin 
sesshaft geblieben, von den notwendigen Studien 
fahrten nach Rom und Paris abgesehen. Auf die 
Gruppe „Heimkehr“ bekam er 1900 die „kleine 
Goldene“. ^ y ; F. F. 
ßegumil Sepler. 
( |,»°gumil Zepler wurde am 6. Mai 1858 zu 
Breslau geboren. Er studierte Medizin, wandte 
sich aber nach Absolvierung seines Doktorexamens 
zur Musik, zu der ihn schon seit den Kinderjahren 
eine innere Neigung getrieben hatte. Er siedelte 
nach Berlin über, wo er bei Prof. Heinrich Urban 
dem bekannten Kompositionslehrer und Musikrefe 
renten der „Voss. Ztg“, musikalischen Studien oblag. 
1891 trat er zum ersten Male (am Wallner- 
Theater) mit einem Bühnenwerke an die Oeffentlich- 
keit, nämlich mit der Cavalleria Berolina, einer 
Parodie auf Mascagnis „Cavalleria“! 1892 folgte 
die bei Kroll zuerst aufgeführte einaktige komische 
Oper „Der Brautmarkt zu Hira“. Beide Werke 
bekundeten das der heiteren Seite seiner Kunst zu 
neigende Talent des Autors. Aber schon im „Braut 
markt“ und noch mehr in der nun folgenden abend 
füllenden komischen Oper „Der Vicomte von 
Letorieres“, die 1898 in Hamburg ihre ersten 
Aufführungen erlebte, trat auch die lyrische Note 
Zeplers in den Vordergrund. Ein Einakter, „Nacht“, 
dagegen, von dem bekannten Baritonisten Funnagalli 
in Zürich und Bern 1899 kreirt, sowie eine Pantomime 
„Die Galgenfrist“ (nach einem Wolzogenschen 
Stoff) zeigte den Komponisten mit Erfolg im hoch 
dramatischen Stile der neu-italienischen Schule. 
Trotzdem überwiegt als Grundzug von Zeplers 
Begabung das Melodisch-Heitere und Graziöse, und 
dessen Bedeutung gelangte so recht erst zum Aus 
druck im Repertoire des von Wolzogen 1901 ge 
gründeten Bunten Theaters (Überbrettl), zu dem 
Zepler — als einer unter wenigen — einige sehr 
wirksame Gesangs-Nummern, wie Laufmädel, 
Königssohn, Pfaffenkutten, Gelbstern, Das 
Lied vom Mädel etc. lieferte. Mit dem Erfolg 
dieses Unternehmens war auch der Name Zeplers 
begründet. 
Einem ähnlichen Genre wie diese Lieder ge 
hören auch einige weitere Kompositionen des Autors 
an, unter denen zu nennen sind: ein paar Hefte 
Lieder, eine Ballettsuite „Teufelsmesse“ für grosses 
Orchester, eine Ballettpantomime (nach einem Stoff 
von FI. Regel) und eine einaktige Operette„Diogenes“ 
(Text von Julius Freund), die im Centraltheater zu 
Berlin zur ersten Aufführung gelangte. 
Studie 
von Knut Hansen
        
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