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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

$)er ßeffler. 
Von Karl Pauli. 
H r batte es ja vorher gewusst, dass es nichts 
war, warum sich immer die weiten Wege 
machen, sich müde und hungrig laufen, wenn man 
nichts besass, sich satt zu essen und bald keine 
Stelle mehr haben würde, wo man ausruhen konnte. 
Zweiundachtzig Mark Mietsrückstand, er konnte es 
ja dem Wirt garnicht verdenken, wenn er ein Ende 
machte! Zweiundachtzig Mark, da war wenigstens 
ein Jahr grösste Sparsamkeit nötig, um das gut zu 
machen. Natürlich, sparen konnte man bloss, wenn 
man Arbeit hatte und Arbeit schien es überhaupt 
nicht mehr zu geben. 
Arbeit, »wer arbeiten will, iindet immer Arbeit!« 
ach wie oft hatte er das gesagt, wenn ihm einer 
geklagt, er habe keine Beschäftigung und könne 
keine bekommen und nun —? er wollte doch ge 
wiss arbeiten, gern arbeiten, jede Beschäftigung an 
nehmen, die sich ihm bieten würde, seit Monaten 
meldete er sich überall, lief da und dorthin: nichts, 
nichts, nichts! Heute war er schon vor Tagesan 
bruch aufgestanden, um nur ja der Erste zu sein, 
beinahe ein und eine halbe Stunde hatte er zu 
laufen gehabt, vom äussersten Norden bis zum 
weitesten Südwesten und wieder umsonst! Zehn 
Arbeiter waren angenommen worden von den zwei 
hundert, die gekommen waren, dass er nicht da 
runter, war ja selbstverständlich, es wunderte ihn 
nicht einmal, nur an seine Frau musste er denken, 
sie war so überzeugt gewesen, dass es diesmal was 
sein würde, er sah sie vor sich, das von Kummer 
und Sorge durchfurchte, frühgealterte Gesicht, mit 
jener stumpfsinnigen Hoffnungslosigkeit auf ihn ge 
richtet, mit der stummen Frage: „was soll denn nun 
werden?“ Ja, was sollte werden? satt gegessen hatte 
sich seit Wochen keiner, vorigen Montag war das 
letzte Deckbett versetzt worden. Trotz aller Spar 
samkeit hatte das wenige Geld nur ein paar Tage 
gereicht, seit der Zeit hungerten sie. — Ehrlich ge 
standen, er hatte sich immer das Hungern schlimmer 
vorgestellt, und den Kindern schien es auch weiter 
nicht schwer zu werden, denn sie weinten und 
schrieen nicht, na, die mochten wohl manchmal in 
der Schule eine Stulle bekommen oder hatten sie 
sich das Essen langsam abgewöhnt? 
Das Wetter fing an, schlecht zu werden, Schnee 
und Regen fiel durcheinander. Er zog den dünnen 
grauen Rock fester um den Hals zusammen, aber 
er beschleunigte seine Schritte nicht. Wohin ? nach 
Hause, dorthin wäre er am liebsten gar nicht mehr 
gegangen, mehr als Jammer und Klagen fürchtete 
er die hohläugigen Blicke der Kinder, und das 
Kleinste, wie es dalag, mit den Aermchen und 
Beinchen, die so dünn waren wie Streichhölzer. Er 
wusste wohl, was ihm fehlte, aber woher sollte er 
das Geld für Milch nehmen. Er blieb plötzlich 
stehen, ein eisiger Schreck durchzuckte ihn, er hatte 
bemerkt, dass Wasser in seine Stiefel gedrungen 
war. Eine Weile stand er still, als fürchtete er sich, 
sich von dem Unglück zu überzeugen, dann aber 
bückte er sich doch. Allmächt’ger! auch das noch, 
an der einen Seite des Stiefels löste sich die Sohle 
vom Oberleder. Das machte ihm kein Schuster 
mehr. Was nun? Er musste doch im Winter 
Stiefeln haben, wie wollte er sich denn nach Arbeit 
umsehen, wie welche annehmen, wenn er keine 
Stiefeln hatte? Ob er nicht ein Paar geborgt be 
kam? neue? schwerlich, aber hatte denn kein Be 
kannter ein Paar alte, die er ihm für ein paar 
Groschen abliess? — ein paar Groschen, wie sich 
das anhörte! er hatte nicht einmal ein paar Pfennige 
mehr, nichts, nichts, er war ein Bettler. Aber wenn 
er ein Bettler war, warum bettelte er nicht, vielleicht 
schenkte ihm einer ein Paar Stiefel, hier in den 
grossen, schönen Häusern mussten doch nur reiche 
Leute wohnen, die halfen ihm gewiss gern. Und 
was war denn auch dabei, es war schon mancher 
betteln gegangen, der ganz was anders in der Welt 
vorgestellt wie er. Wenn er in zehn Häuser ging, 
fünf Pfennige bekam er wohl in jedem, das machte 
fünfzig Pfennige. Mein Gott, da konnte er für 
vierzig Pfennige Brot, nein, für dreissig Pfennige 
Brot, für zehn Pfennige Kartoffeln und für zehn 
Pfennige Schmalz kaufen. Aber das Kleinste? er 
änderte die Rechnung nochmals, da er aber fand, 
dass für zwanzig Pfennige Brot zu wenig war, so 
beschloss er, es beim alten zu lassen und in zwei 
Häuser mehr zu gehen, um für das Kleine ein 
wenig Milch zu bekommen. Er war ordentlich 
stolz und glücklich, ein Mittel gefunden zu haben, 
den Seinen helfen zu können. Freilich, betteln, er, 
der lleissige Arbeiter, der so stolz war auf seiner 
Hände Arbeit, aber wenn man ihm keine Arbeit 
gab, war es eine Schande, arm zu sein? nein! Aber 
Frau und Kinder hungern, verhungern zu lassen 
aus — — Stolz, aus Bettelstolz, das war nicht nur 
eine Schande, das war ein Verbrechen! Ja, Bettel 
stolz, das war das richtige Wort. Also vorwärts. 
Aber es war doch nicht so leicht, wie er sich vor 
gestellt, in die ersten zwei Häuser wagte er sich 
nicht hinein, die Portiers störten ihn, beim dritten 
endlich fasste er ein Herz. Er ging hinein und 
klingelte an der Hinterthür, ein junges Dienst 
mädchen öffnete, sie warf die Thür zu, nachdem sie 
durch seine unverständlich gestammelten Worte 
wohl begriffen was er wollte, er wartete eine Weile 
und wollte dann an der gegenüberliegenden Thür 
klingeln, da kam jemand die Treppe herab; vor den 
Schritten entfloh er, als habe er ein Verbrechen be 
gangen. 
Nein, so leicht war das Betteln doch nicht, es 
muss eben alles gelernt sein! Er ärgerte sich, dass 
er ausgerissen war, das sollte ihm nicht wieder 
passieren. Entschlossen ging er auf das nächste 
Haus zu, aber eben, als er die Stufen zur Hausthür 
emporsteigen wollte, kamen Herrschaften heraus, das 
verwirrte ihn, unschlüssig ging er an der Thür vor 
bei und kehrte dann wieder um, ging aber doch nicht 
in das Haus hinein, der Portier hatte ihn gewiss 
beobachtet — was sollte der denken, sicher liess 
er ihn nicht hinein. Als er noch so unschlüssig 
dastand, sah er plötzlich einen Bekannten auf sich 
zukommen, er wollte ausweichen, aber jener hatte 
ihn schon gesehen. Sie sprachen eine Weile zu 
sammen und der Neuzugekommenc forderte ihn 
auf, mit ihm einen Schnaps trinken zu gehen. Zuerst 
wollte er ihn bitten, ihm lieber die fünf Pfennige für 
den Schnaps zu schenken, 
dann aber fiel ihm ein, 
dass ein Schnaps ihm die 
fehlende Courage zu seinem 
neuen Handwerk verleihen 
möchte, er ging also mit und 
trank, einen, ja sogar zwei. 
Und nun gings wirklich mit 
Dampf, bis vier Treppen 
hoch klapperte er jedes 
Haus ab, überall in grellen 
Farben sein Leid schildernd 
und zudringlich um Mitleid 
bittend. Aber esging,Fünf- 
und Zehn - Pfennigstücke 
wurden seine Beute, er 
klimperte damit in der 
Tasche. Er hatte schon 
längst eine, ja zwei Mark 
zusammengefochten, und es 
fiel ihm gar nicht ein, auf 
zuhören, leichter konnte er 
ja kein Geld verdienen, und 
schlief seine Energie etwas 
ein, so erweckte er sie durch 
einen neuen Schnaps zu 
neuem Leben. Ja, ja, der 
Schnaps, sagte er dann, das 
ist der einzige Freund der 
armen Leute, ohne ihn 
hätte ich nie den Mut ge 
funden, fechten zu gehen. 
Aber er musste sich wohl 
in dem Charakter des ein 
zigen Freundes der armen 
Leute getäuscht haben,denn 
auf einmal hing sich der 
selbe an seine Beine, an 
seine Zunge, die er schwer 
und ungefüge machte und 
setzte sich in sein Gehirn, 
um da zu rumoren und zu 
spektakeln. — Der Bettel 
novize lachte, was sollte 
denn das heissen? er wusste 
doch, was er vertragen 
konnte! was sollten denn 
die vier Schnäpse bedeuten ? 
Deshalb nach Hause gehen? 
Unsinn! vorwärts, der Zu 
stand würde schon vor 
übergehen. Er kannte sich, 
jawohl, in gesunden Tagen, 
aber heute, vom Hunger 
geschwächt, auf leeren 
Magen, da wirkt ein Schnaps 
wie sonst zehn und deshalb 
ging der Zustand nicht vor 
über wie er gehofft, sondern 
wurde immer schlimmer, so 
schlimm zuletzt, dass er ihn 
völlig übermannte. Eben, 
als man auf sein Klingeln 
eine Thür geöffnet, fiel er, 
nachdem er ein paar Worte
        
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