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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

Ko. 2340. 
P> ernstein- S a \v e r s k v. 
S onntag und der zweite schöne Frühlingsabend 
' in diesem Jahre. . . 
Die laue Luft lächelt die Lindenbäume längs 
des Ufers und der Mond spiegelt sich einfach und 
doppelt — doppelt und mehr je nach dem 
Wellentanze - in den Wassern der Spree. 
Und auch die Paläste mit ihren Vorgärten zeigen 
nicht mehr das winterhafte Greisenangesicht. Wo 
sie die Strahlen des Mondes treffen, lächeln sic 
silberfreundlich und grüssen ihre Umgebung aus 
den himmelblauen Augen ihrer Fenster . . . 
Nach langer Winterstarre Frühlingsmilde . . 
Frühlingsmilde am Sonntag . . 
Und Frühlingslust und Frühlingsleben — 
Lebenslust und Frühlingssehnsucht . . 
Und Frühlingsmilde . . 
Und unter den Droschkenkutschern an der 
Haltestelle war auch nur einer der nicht die 
Frühlingssonnennatur auf sich wirken lies. Gehörte 
er nicht zu den Modegigerln? No. 2340 sass in 
seinem schmutzigen Schafpelze und fror . . 
„Jeh zu Muttern 1,1 , riefen dem alten Graukopf 
die Kollegen zu ■— „Du versäumst nichts“, scherzten 
sie — „wir fahren für dich“! Fr nahm keine 
Notiz davon — er musste heute noch etwas 
schaffen . . 
Und eine Fuhre war ihm sicher heute 
unerwarteter Weise sicher. 
Lützowufer 23, hochparierrc, leuchtete das 
Ampellicht durch Stores und Portieren. Wenn es 
erlosch, so wusste er, Droschke 2340 muss in 
Aktion treten. 
Den Connex des Arupeilichtes mit seiner 
Thätigkeit hatte er sehr bald mit dem Instinkte 
eines alten Berliner Droschkenkutschers eruiert. 
Dann verlangte eine junge Dame seine fort 
bewegenden Dienste. 
Ohne zu zahlen und doch nicht unentgeltlich. 
Das ist übrigens weiter nicht seltsam; es kommt 
öfters vor. 
Der junge Herr, welcher hier wohnt, ist sehr 
reich und auf seine Kosten fährt seine Geliebte zu 
ihm und wieder nach Hause. 
Sie wohnte am Halleschen Thore —- auch am 
Wasser . . 
Sonst durfte sie ihn blos an den Wochentags 
abenden besuchen, da aber seine Mutter, der er 
sich jeden Sonntag widmete, seit vorgestern ihre 
Reise nach dem Süden angetreten hatte, hat er sie 
bis auf Weiteres auch für Sonntag zu sich gebeten. 
Endlich ging das Licht aus und sie erschien. 
Es erschien ein schönes Weib — ein Weib 
der Sünde und der Liebe . . 
Und der Herr begleitete das seidenrauschende, 
formenschöne Weib bis an die Thürc. 
Der Droschkenkutscher war vorgefahren. 
Vielleicht war auch das Pferd allein, ohne 
Zuruf, aus eigenem Antrieb, vorgefahren. Auch 
Pferde haben eine grosse Beobachtungsgabe und 
kennen in Berlin Zeichen und Wahrzeichen der 
I hebe. 
Der Herr begleitete das Weib und reichte ihr 
ein blumenreiches Bouquet zum Abschied. Lächelnd 
sprang sie in die Droschke und die Droschke rollte 
davon . . 
Die junge Dame schmiegte sich in die Polster 
und der soeben erlebten und oft erlebten Scenen 
gedenkend, träumte sie: „War das wieder ein 
schöner Abend! Wie er dich begehrt, wenn er 
Dich umfasst, wie er dich umfasst, wenn er dich 
liebt, und seine zarten Aufmerksamkeiten,die kleinen 
und grossen Geschenke eine Brillantnadel auf 
der Toilette, ein grauer Schein unter dem Kopf 
kissen. - - O diese Zauber — dieser echte Zauber 
und dieser Scheinzauber der stimmungsvollen 
Beleuchtung der stimmungsvollen Bilder, der liebe 
taumelsinnlichen Bilder über dem seidenen Pariser 
Bett! Und so an seinem Mund, an dem Munde 
der Liebe! Ja, so müsste man ewig lieben! . . 
Das träumende und im Traum schwelgende 
Weib dehnte sich vor Glück und Leben, zitterte 
vor Glück und Genuss, und es wuchs das Verlangen, 
das der Selbstrausch in ehelicher Verbindung mit 
der Frühlingsstimmung erzeugt, in tollem, tollerem 
Übermut die Welt zu durchjagen, in königlichem 
Glanz die Welt zu besiegen, und zu vergessen, 
dass es Schatten giebt, wo die Sonne leuchtet, dass 
zu jedem Menschen das Elend als Gast kommt — 
eines Tages als Gast kommt — oder ihm im 
Spiegelbilde des Lebens gezeigt wird . . 
Dem Schatten des Lebens wollte sic ent 
fliehen. — 
Dazu ging ihr freilich die Droschke zu langsam. 
Zu langsam für diese Hetzfahrt des Glückes. Und 
sie beugte sich aus dem Fenster und rief nach 
dem Bocke empor: „Rascher, rascher!“ 
Merkwürdig, ihr Kutscher war sonst immer 
auf dem Posten. Trinkgelder spielten ja bei ihr 
keine Rolle. Und er erfüllte ganz besonders ihre 
Wünsche immer gern, aber heute — —. Er fuhr 
nicht nur nicht schneller, er fuhr immer langsamer, 
die Droschke blieb plötzlich sogar stehen . . .? 
Wirkte die Frühlingsstimmung anders auf ihn, 
ermüdend? 
Oder? — 
Es kam ihr ganz seltsam vor und mit der 
Frage: „Kutscher, warum fahren Sie nicht, was 
ist denn los?“, sprang sie aus dem Wagen. 
„Was los ist?“, antwortete ein Schutzmann, 
der die Droschke angehalten hatte, „sehen Sie 
hinauf!“ 
Er deutete nach dem Bock. „Er kann Sie 
nicht mehr weiterfahren, für alles Geld in der 
Welt nicht. Sehen Sie ihn an.“ 
Nun sah das Weib zum Kutscher empor. 
Seltsam, während das Weib in leidenschaft 
licher Sehnsucht, phantastischen, ungezügelten 
Zauberfluges die Welt durchjagte, wirbelten durch 
das alte Gehirn des Kutschers diese kleinen Ge 
danken: „Hättest du eine Hülfe wie das Weib, 
könntest du Sekt trinken wie das Weib, leben 
und lieben wie sie und er, leben und gemessen 
wie sie und er, leicht verdienen wie sie und er. 
du brauchtest in deinen alten Tagen nicht zu 
frieren“ — - — 
Während sie mit ihrer Phantasie ungezügelt 
die Welt durchjagte, liess er die Zügel fallen. — 
Während sie das Leben in allen Zügen kostete, 
überraschte ihn der Tod . . . 
Er starb in seinem Berufe . . . 
Nun sah das Weib empor. Der Kopf des 
Droschkenkutschers war nach hinten und zur Seite 
gebeugt, die offenen Augen waren verglast. Das 
Gesicht war gelb und stach ab von dem weissen 
Hut. Es grinste der Tod aus seinen Zügen . . . 
Das Weib sah eine Weile zu dem toten Mann 
empor. — 
„Sie sind mit einem toten Kutscher gefahren“, 
lächelte sie der Schutzmann an. Da ging ein Beben 
über den sündenschönen Leib des Weibes . . .
        
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