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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

berliner Bilder von kostbarer Echtheit. Immerhin war 
es dabei nicht so wesentlich darauf angekommen, etwas 
Berlinisches zu malen, als vielmehr ein farbiges Stück 
der bunten Welt. Alsdann giebt es zahlreiche Bilder 
aus Berlin, von solchen Künstlern gemalt, die ein 
bestimmtes Stoffgebiet pflegen und nun aus dem 
vielgestaltigen Leben einer Hauptstadt dasjenige 
herausgegriffen haben, was in ihr Fach schlug: Paul 
Meyerheim, der Tiermaler, malt amüsante Szenen aus 
dem „Zoologischen“ und Georg Koch, der Sportmaler, 
das Treiben auf den Rennplätzen; als Soldatenmaler 
begeistert sich der Holländer Hoynck van Papendrecht 
hier für den Aufmarsch der „Fahnenkompagnie“ 
und Hans W. Schmidt beschreibt eine Parade; einer, 
der wie William Pape es liebt, historische Momente 
darzustellen, studiert den Glanz der lloffeste; Hermann 
Schnee, dessen Spezialität verwitterte, epheuumrankte 
Mauern sind, führt uns auf den alten Judenkirchhof; 
und Martin Brandenburg, der sonst freilich mehr das 
Symbolische im Sozialen liebt, zeigt uns Asphalt 
arbeiter. Aber wir haben auch Maler, die nicht 
zufällig Entdecktes nur Wiedergaben und deren Werke, 
aneinandergereiht, eine umfassende, typische Schilde 
rung vom Leben .in einer bestimmten Kulturzone 
der grossen Stadt darbieten: so Josef Block mit 
seinen feinen Novellen aus Berlin W. und Hans 
Baluschek mit seinen krassen Berichten von da 
draussen, wo die Häuser aufhören. 
Doch das sind Gebiete, die abseits liegen 
oder nicht jedem offen stehen, dass ihm aus den 
Schilderungen sogleich Bekanntes und Vertrautes an 
spräche. Aber es giebt Wahrnehmungen, die in einer 
Stadt alle Menschen gemeinsam machen, Eindrücke, 
deren verwirrender, belangender, berückender Macht 
niemand sich entziehen konnte, wenn er je einen 
Potsdamer Platz überschritten hat, eine Leipziger 
strasse gewandelt ist. In reissenden, strudelnden 
Strömungen flutet der Verkehr zwischen den hohen 
unabsehbaren Häuserdämmen und bricht sich bran 
dend an den Borden der weiten Plätze. Ein Rollen 
und Rufen, gellende Glocken, trappelnde Hufe! 
MAX ' LIEBERMANN 
Lebenslüste und Gefahren ! Eine schiebende, stossende, 
wühlende Menge von Emsigen und Müssigen, von 
Munteren und Müden; Jugend, Schönheit und Luxus, 
Alter, Ekel und Elend, es drängt durcheinander und 
schnell vorüber. Ein heiter strahlendes und frisch 
PAUL HOENIGER 
bewegtes Bild wohl, wenn eine lie-lle Sonne warmes 
Licht darüber giesst, und vom grossen grauen Ernste 
der anderen Lebensseite ein tiefstimmendes Bild, 
wenn ein trüber Tag seine schweren, feuchten Schleier 
darüberhängt. Aber welche Magie, wenn plötzlich 
in früher Dämmerung die rosig-weissen Lichtkugeln 
der elektrischen Lampen in tausendfacher Zahl auf 
blinken, wenn die roten, die grünen und die blauen 
Laternen der ungezählten Omnibusse und Strassen- 
bahn wagen aus dem Dunste hervorglühen, wenn aus 
der ununterbrochenen Reihe der funkelnden Schau 
fenster, aus den Glaspalästen der Warenhäuser ein 
blendender gelber Schein auf den spiegelnden Asphalt 
und das schwärzliche Gewimmel flutet, und wenn 
die Fanale der Reklame den Wolkenhimmel röten! 
Alles dies, die Pracht und der Prunk, das Graue 
und das Grelle, das Laute und Leise, das Heitere 
und Herbe hat seine Maler gefunden, die die flüch 
tigen Erscheinungen bannten. Franz Skarbina aber 
steht an der Spitze dieses neuromantischen Geschlechts 
als einer, der, durch die Strassen schlendernd, nicht 
nur Kenneraugen für die farbigen Sensationen des 
Lichterspiels oder die Eleganz schöner Frauen hatte, 
sondern auch den Menschen, die ihm begegneten, 
ins Antlitz sah, um ihr Leid darin zu lesen. Dass 
ebenso Friedrich Stahl nicht bloss ein Chicmaler ist, 
dass auch er der Grundmelodie des Lebens lauscht, 
zeigt er mit dem Bilde, worauf an der stillen Stätte 
der Toten das Leben auf den ehernen Gleisen vor 
überdonnert. Den Blick mehr für das Freundliche,
        
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