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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

Das malerische Berlin. 
Von Friedrich Fuchs. 
iele Stimmen höre ich, die fragen: Berlin und 
malerisch ? Denn für eine Mehrzahl der Ge 
müter verquickt sich dies Eigenschaftswort mit Vor 
stellungen von Burgruinen, die finster träumerisch 
ein friedliches Flussthal überragen oder von alter 
tümlichen Städtchen, die mit ihren roten Dächern 
aus dem Waldgrün lugen. Der Rhein, Alt-Heidel 
berg, Rothenburg! Doch dass Berlin „direkt“ 
malerisch wäre, davon hat man denn doch noch 
nichts gehört. Amüsieren thut man sich dort ja 
grossartig: dieser Trubel überall und die vielen 
HANS HERRMANN 
eleganten Läden ! Aber alles ist doch noch so neu, 
— die neuen Häuser, die langen geraden Strassen! 
Freilich lassen sich im heutigen Berlin die 
Bauten, die älter als fünfzig Jahre sind, an den zehn 
lungern herzählen, und die ältesten sind auch noch 
nicht alt. Was der erste und der zweite Friedrich 
erbauen Hessen: Schloss und Zeughaus von Schlüter, 
die „Gensdarmentürme“ und die „Kolonnaden“ von 
Gontard sind dafür aber Dinge, die es schöner und 
charaktervoller nirgendwo auf der Welt giebt. Und 
dann Schinkel, der mit seinen feingebildeten Neigungen 
einem merkwürdigen Zeitalter den einzig eigen 
tümlichen Ausdruck erfand: Neue Wache, Altes 
ADOLF MENZEL 
Museum, Schauspielhaus, ja auch der Backsteinkasten 
der Bauakademie sind Schöpfungsbauten. Diese 
vereinzelten Gebäude können nun nicht wohl den 
Charakter des grossen neuen Berlins bestimmen, kaum 
mehr beherrschen sie die Plätze, für die sie gedacht 
waren. Aber was will es zur Not besagen? Ein Bau, der 
schön ist und stilrecht, braucht an sich noch nicht 
durchaus malerisch zu sein. Für die Maler wird er 
erst durch allerhand Zuständigkeiten zum inter 
essanten Objekt. Und übrigens ist die Species 
„Architekturmaler“, welche bauliche Schönheiten mit 
liebevoller, sachlicher Genauigkeit konterfeite, am 
Aussterben. Was es aber an malerischen „Parthien“ 
und „Motiven“ aus dem alten Berlin während der 
letzten Jahrzehnte noch gab, das hat vor allen 
Dingen Julius Jacob mit seinem treu verliebten 
Spürsinn aufgepürscht und in zahlreichen Bildern und 
Blättern einer Nachwelt, die dafür viel dankbarer sein 
sollte, überliefert. Auch Georg Schöbel hat wunder 
liche Winkel der Altstadt, pietätvoll abgebildet; 
und der Malerradierer Bernhard Mannfeld, der, in 
Romantik schwelgend, durch alle deutschen Gaue 
gezogen ist, hat in dem für seine Technik re 
spektablen Blatte „Schillerplatz“ vom historischen 
Berlin einen Ausschnitt voll starken Stimmungsreizes 
gegeben. Aber schon zeigt sich in manchen Dar 
stellungen Jacobs nicht mehr nur der Hang zum 
Idyllischen und Altromantischen, nicht mehr nur das 
Befangene vom Zauber der Vergangenheit, sondern 
das Magnetische einer neuen Sphäre, die frische 
Freude am intensiven Leben, an der Gegenwart. 
Schon klingt in manches Bild das Brausen vom 
Werktag der grossen Stadt. 
Denn wenn es auch an altem Gemäuer und im 
posanten Strassendurchblieken in Berlin mangelt, so 
ist doch eine Schar, eine Schule von Berliner Malern 
erstanden, die es sich von Goethe nicht zweimal hat 
sagen lassen, nämlich erstens: „Warum in die Ferne 
schweifen . . . .“ und zweitens: „Greift nur hinein 
ins volle Menschenleben . . . .“ Es versteht sich 
von selbst, dass künstlerische Arbeitsnaturen, wie 
Adolf Menzel und Max Liebermann solches malten, 
das sie am Orte ihres Weilens, auf ihren Spazier 
gängen, von ihren Fenstern aus wahrnahmen. Ihrer 
schnell und kräftig zupackenden Art und unfehl 
baren Beobachtung verdanken wir darum verschiedene
        
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