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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

Erstaufführung ain 6. November 1902 
im Apollo-Theater, Berlin.^— 
NAKIRI'S HOCHZEIT“ 
Ausstattungsoperette in zwei Akten, 
's»—Musik von Paul Lincke. 
j\Tach den beispiellosen Erfolgen, welche die Schöpfungen Paul Lincke’s, des 
IM populärsten Berliner Komponisten, im Apollotheater errungen haben — 
„Frau Luna“ erzielte bekanntlich 400, „Lysistrata“ über 200 Aufführungen — 
sah man in Berlin und weit über die Grenzen der Reichshauptstadt hinaus dem 
neuesten Opus des genialen Meisters mit begreiflicher Spannung entgegen. 
Eine Lincke-Premiere pflegt im Theaterleben Berlins ein Ereignis zu 
sein, und so hatte sich denn am 6. November d. J. neben der grossen Lincke- 
Gemcinde ein ebenso zahlreiches wie kritisches Publikum ein Rendezvous 
in den eleganten Räumen des Apollo-Theaters gegeben, um die neue Aus- 
stattungsoperettc „Nakiris Hochzeit“ aus der Taufe zu heben. 
Ein ausverkauftes Haus harrte in einer von Unruhe und Erwartung 
gemischten Stimmung, die jede Erstaufführung zu begleiten pflegt, des Augen 
blickes, in dem Paul Lincke am Dirigentenpult erschien, um ihn mit lautem 
Beifall zu begrüssen. Der Gefeierte ergreift den Taktstock, ein kurzes, rhyth 
misches Klopfen tönt durch die lautlose Stille, und die Ouvertüre beginnt. Man 
lauscht mit Interesse den Klängen, die in den Motiven wieder eine Fülle echt 
Lincke’scher Schlager andeuten. Dann rauscht der Vorhang auf und vor uns 
liegt ein Platz der Hauptstadt Exotiens. Im Hintergründe gleisst und schimmert 
im goldigen Sonnenlichte ein schwimmender Tempel, und während zur Linken 
Direktor Rudolf Schier 
das „Hotel zum weissen Rüssel“ seine gastlichen Pforten öffnet, ragt gegenüber 
der Palast Ragupakos, des allmächtigen Polizeiministers, auf. Eine Schar 
reizender,Jugendschöner Mädchengestalten eilt geschäftig hin und her und 
dekoriert den Platz mit buntem Festschmuck. Gilt cs doch, dem Sohne Ragu 
pakos, dem feschen Ikuto, der heute von einer Studienreise aus Berlin zuriiek- 
"•‘-hrt, einen glanzvollen Empfang zu bereiten. Unter Gesang vollenden sie ihr 
Werk, als Ragupako mit seinen Polizeisoldaten und Würdenträgern erscheint. 
Emil Sondermann verkörpert diesen dunklen Ehrenmann mit dem ganzen 
ihm eigenen trockenen Humor, und verleiht der Figur in Spiel und Maske ein 
so originelles Gepräge, dass seine Interpretation des Polizeiministers als eine 
Meisterleistung der Charakterkomik bezeichnet werden muss. Ragupako setzt 
p l T ! n . eine m textlich wie musikalisch gleich wirksamen Auftrittsliede die 
Prinzipien auseinander, nach denen er seine Pflicht als erster Würdenträger 
des Reiches ausübt. Er sagt dem versammelten Volke ein paar recht verfänglich 
klmgende Schmeicheleien, in denen ein „seidenes Schnürchen um den Hals“ 
un ° «def Stosszahn des Elcphanten“ eine nicht unwesentliche Rolle spielen, 
und schickt dann alle nach Hause. Ausser anderen irdischen Gütern besitzt 
der Herr 1 olizeiminister u. a kein Geld, und er versucht nach berühmten 
Mustern eine Anleihe aufzunehmen, und zwar bei dem Chinesen Latschmi, 
den Arnold Rieck sehr drollig zur Darstellung bringt. Der Chinimann ist 
aber an Durchtriebenheit Ragupako noch überlegen; er verspricht dem Gewaltigen 
die erbetene Summe, wenn jener ihm schriftlich die Bewilligung zur Verheiratung 
seiner Nichte, der als Chinesin die Ehe untersagt ist, giebt. Ragupako geht 
auf den Leim und händigt dem wackeren Zopfträger den Heiratssche n aus, 
während ihm jener schriftlich bestätigt, dass er die ausbedungene Summe 
bestimmt „nicht“ zahlen wird, und sich seitwärts in die Büsche schlägt. Ragu 
pako zieht sich ärgerlich darüber, dass er düpiert worden ist, in sein Haus 
zurück, um sich für den Empfang seines Sohnes vorzubereiten. 
Kaum ist er fort, so tollt eine lustige Mädchenschar auf den Platz: 
es ist die schöne Nakiri, Ragupakos Nichte, mit ihren Gespielinnen. Sie sind 
soeben von einer Reise zurückackehrt und freuen sich, dass Ragupako sie 
endlich zurückgerufen hat. Nakiri, von Cäcilie Carola mit dem ganzen 
Charme ihrer berückenden Persönlichkeit und in Spiel und Gesang gKich 
meisterhaft dargestellt, erzählt ihren Freundinnen von ihrer Liebe zu dem 
Baumeister Max Ziegra, Besitzer des Apollo-Theaters 
Leutnant Fredi in dem reizenden Frediwalzer, der sich bereits einer ungewöhn 
lichen Popularität erfreut. Dann eilt sie ihren Onkel zu begrüssen. 
Mittlerweile erscheint Gustav Proppen, Schutzmann aus Berlin, auf der 
Bildfläche: der urkomische Martin Ke 11 n e r ist es. der mit Pickelhaube, dem be 
kannten blauen Rock und einem entsprechenden Embonpointangethan, preussische 
Kaltblütigkeit unter der heissen 1 Sonne Exotiens zur Geltung bringen will. 
Ragupako hat ihn sich eigens aus der deutschen Reichshauptstadt zum Schulze 
seiner werten Persönlichkeit verschrieben und Proppen hat dem ehrenvollen 
Rufe Folge geleistet. Und das Schicksal ist ihm hold: an der Schwelle seines 
neuen Heims tritt ihm seine alte Berliner Liebe, die er einst treulos verlassen 
und die jetzt als Küchenfee im Hause des Polizeiministers waltet, entgegen, 
ln Anbetracht der Qualität des von ihr zubereiteten Diners, das aus Erbsen, 
Sauerkohl und Pöke fleisch besteht, sieht Proppen ein, dass seine Rie-ke, die 
von Ida Perry famos gegeben wird, doch die beste war, und in der Küche 
einigt ein neuer Liebesbund die so lange Getrennten. 
Nakiri hat im Hause keine Ruhe gefunden; sie verlässt den Palast in 
der Hoffnung, ihren Fredi zu treffen und ihre Hoffnung täuscht sie nicht. Der 
Leutnant ist von gleicher Sehnsucht getrieben, herbeigeeilt, ebenso auch Latschmi, 
der eine Faible für die schöne Nakiri hat; er giebt sich den beiden als guter 
Freund zu erkennen, der zu ihren Gunsten ein wenig Vorsehung spielen und 
ihre eheliche Verbindung, die bei Ragupako auf energischen Widerstand stösst, 
in die Wege leiten will. Ein reizendes Duett zwischen Fredi, dem Johannes 
Se mpfk e seine schöne Stimme leiht, und Nakiri mit dem stimmungsvollen Refrain: 
„ln Deinen Augen steht cs geschrieben, 
„Was mir Dein Mund verborgen hält! 
„Ich will Dich lieben, ewig lieben, 
„Weil Du mein Alles auf der Welt!“ 
endigt die Scene des Wiedersehens, die von Ragupako jäh unterbrochen wird, 
der die Liebenden trennt. 
Mittlerweile ist die Stunde der Ankunft Ikutos herangerückt; die Ein 
wohner der Stadt strömen herbei, um den Sohn ihres Polizeiministers gebührend 
zu empfangen. Ikuto kommt geradenwegs vom Schiff: Robert St ei dl, der 
Kapellmeister und Komponist Paul Lincke 
diese Partie mit der ihm eigentümlichen Schneidigkeit, seinem quecksilbernen 
Temperament und seinem erquickenden Humor verkörpert, ist nicht zu er 
kennen, so echt sieht er aus; er ist der Typ eines von abendländischer Kultur 
beleckten Exoten, jedenfalls eine im ganzen wie in den Details gleich originelle, 
amüsante Figur. Ikuto ist aber nicht allein gekommen; eine kleine fesche 
Spreeathenerin Lcda (Kathi Herold) hat er sich aus Berlin mitgebracht und zwar 
als seine angetraute Gemahlin; doch hat er bisher seinem Vater noch nichts 
von seiner Vermählung bekannt gegeben, und fürchtet nun, dass Ragupako sein 
Geheimnis vorzeitig entdecken könnte. Er bringt infolgedessen seine Leda in 
dem Hotel zum weissen.Rüssel unter, dann begrüsst er seinen Papa und stattet 
ihm einen drolligen Bericht über seine Studien, denen er in Berlin obgelegen 
hat, ab. 
Ragupako rückt jetzt mit einer Ueberfaschung heraus, die er schon 
lange geplant hat: er verkündet, dass er noch am heutigen Tage seine Nichte 
Nakiri mit Ikuto vermählen werde. Die zunächst Beteiligten sind entsetzt: 
Der unfreiwillige Bräutigam, weil er schon einmal in ehelichen Rosenketten 
schmachtet, die Braut, weil sie ihren Fredi liebt. Ragupako aber, ein Freund 
entschlossenen Handelns, hat bereits die Bonzen bestellt, um die Cercmonie 
vornehmen zu lassen; er bleibt taub gegen die Bitten und Einwendungen der 
anderen, und der Oberbonze ist eben im Begriff, das widerstrebende Pärchen 
einzusegnen, als ein Telegramm an Ragupako überbracht wird, nach welchem 
in Xing-Xing eine Revolte ausgebrochen ist, bei der die sofortige Anwesenheit 
des Polizeiministers erforderlich ist. Ragupako muss nolens volens abreisen, 
nachdem er noch einmal die sofortige Vollziehung der Trauung angeordnet 
hat. Ikuto erklärt de-m Bonzen, dass er bereits vermählt ist. aber das ist nach 
exotischen Gebräuchen kein Hinderungsgrund, eine neue Ehe einzugehen. In
        
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