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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

tausendmal schöneren Schleier ihr Uber die Augen. 
Und Blumen und Schmetterlinge sah sie wieder, 
und einen blauen Himmel — eine lachende Sonne, 
wie in ihrer Kindheit! Wieder hörte sie die Flöten 
töne der Nachtigall und Drossel im Gezweig, und 
in ihrem Herzen sprach das Glück und sagte: 
„Ich hin bei Dir, auf immer bei Dir! 1,4 
Und sie lernte Schönheiten, die sie nie gekannt, 
Gefühle, die sie nie geahnt; es wuchsen ihr Flügel 
und sie schwebte über den steinigen Pfad des 
Lebens wie eine sonnige Wolke, denn in den Armen 
des schönen Jüngling hatte die Liebe sie in das 
Zauberland der Seligkeit entführt, in die Gefilde der 
Täuschung und der Wonnen. . . . Träumend lag 
sie an seinem Halse. . . . 
Als sie erwachte, war es Nacht. Sie stand am 
Rand eines Abgrundes, den sie nicht sah; der 
Jüngling war verschwunden, und als sie sich wandte, 
ihn zu suchen, blickte sie dem Wahnsinn in die 
Augen: . . . Die Enttäuschung stand vor ihr! Die 
Zeit schlug eine helle Lache an und stiess sie 
unbarmherzig in die Tiefe. . . . 
Zerschmettert blieb sie liegen. . . . 
Als sie zu sich kam, graute fern im Osten der 
Dämmerschein. Ein neuer Tag brach an. Mühsam 
richtete sie sich auf. An ihrer Seite sass ein häss 
liches Weib, die der Gram ihr gebracht: die Krank 
heit! Auch die Zeit war da, aber sie erkannte sie 
nicht: es war nicht mehr das gütig lächelnde Weib 
aus ihrer Kindheit, sondern ein zur Furie entstelltes 
Gespenst. Nicht wie ehedem eilte sie gefällig herbei 
und brachte ihr Blumen und Früchte — langsamen 
Schrittes ging sie und stöhnend und ächzend hinter 
ihr und türmte Berge aus den Trümmern der Ver 
gangenheit auf ihre Schultern. Die Krankeit lähmte 
ihr die Füsse und grub tiefe Furchen in ihr Gesicht. 
Eng schmiegte sie sich an sie und versprach Treue 
bis in den Tod. 
Das junge Weib keuchte unter der Last, aber 
sie stöhnte nicht, und langsam nur rannen unauf 
hörlich ihre Thränen über die Wangen. 
Da fühlte die Krankheit Mitleid: leise entfernte 
sie die letzten Reste des zweiten Schleiers, der beim 
Sturz in den Abgrund zerrissen war. Erleichtert 
atmete die Müde auf, denn mit den letzten Resten 
des Schleiers fielen auch die Steine der Erinnerung 
von ihrer Seele. Sie sah nur mehr, was vor ihr 
lag: die Leere, das Nichts. 
Weit war der Weg und steinig der Boden. Die 
Krankheit nahm Stück für Stück die Freude des 
Lebens aus ihrem Herzen und nistete sich darin 
ein in Centnerschwere; die Zeit aber hing sich mit 
bleiernen Fesseln an ihre Sohlen. 
Da frug die Wanderin: 
„Wohin führt Ihr mich?“ 
„Zum Tod.“ 
„Was ist das?“ 
„Die Erlösung.“ 
„Erlösung? von was?“ 
„Vom Leben, von Dir selbst. Er nimmt Dich 
auf in den Frieden seiner Brust.“ 
„So werde ich dann nicht mehr wandern müssen 
auf steinigem Weg? Euch nicht mehr schleppen? 4 ' 
„Wandern wirst Du —, es giebt keinen Still 
stand —, aber ohne Bewusstsein und ohne Empfinden, 
und Deine Seele wird, befreit von ihrer Hülle, in 
den Plimmel fliegen.“ 
„Was ist der Himmel?“ 
„Das Nichts im Weltenraum. Du wirst zer 
stieben in dem All und Deine Seele wird das finden, 
was sie gesucht.“ 
Bei diesen Worten umarmte die Krankheit das 
Weib und führte es ein in den Hain des Todes. 
Dort nahm ein milder Greis das müde Erdenkind 
in seine Arme und deckte es mit seinem langen 
wallenden Mantel zu. . . . 
Die entschleierten Augen schlossen sich, und 
mit dem letzten erlösenden Seufzer irrte die unbe 
antwortet gebliebene Frage in den weiten Welten 
raum hinaus. . . . 
Vergangenes Berliner heben. 
(Eine harmlose Vision.) 
... Es sass am Alexanderplatz, dicht an der 
„Berolina“ Ohr, ein „Spreewasser getaufter“ Spatz, 
der sich den noblen Fleck erkor, dieweil er ganz 
besonde s lüstern, der kalten, ernsten, spröden Frau 
ganz leis etwas ins Ohr zu flüstern, das dort der 
Schutzmann, der „so blau“ einherspaziert, nicht hört. 
. . . „Warum?“ „Das Polizei-Präsidium liegt 
in unmittelbarer Näh’, und dann . . . oweh! . . .“ 
— Frau Berolina neigt das Ohr dem kleinen 
Bummler! . . Dieser piept ihr erst die Frage mit 
Humor: „Wen, als sie jung, sie einst geliebt?“ 
. . . Die Lina, mit metall’nem Glanze im Auge, 
sieht ihn träum’risch an: „Nur eine echt berliner 
Pflanze so Indiskretes fragen kann! . . . Doch aus 
nahmsweis’ — auf Deine Frage ich Dir die offne 
Antwort sage, wie keinem ich bisher sie gab, — 
— nun drucke sie mein’twegen ab!! 44 . . . 
„Auch ich war in Arkadien geboren, das 
damals noch nicht „Behrenstrasse“ lag. . . Mit 
zotenfreien, glücklichen flumoren erleichterten wir 
unsern Arbeitstag! Cafes, die Bummler des Tarock 
(— das rächt sich —) war’n von der Donau noch 
nicht importiert, — die Alten spielten abends „Sechs 
undsechzig“, und eine „Weisse“ hat sie delektiert, 
die höchstens mal an einem Feiertag „mit 1-limbeer’n“ 
oder in der „Strippe“ lag. . . . „Weisse“ mit 
Sittenpolizei in Fehde, von solcher Brut war damals 
keine Rede, — bei Josty ward man von Cafe er 
starkt, fand aber keinen weissen Sklavenmarkt, 
— es gab noch keine güldnen Amorsäle, nicht ein 
mal die solide . . Hundekehle, und hätte in der 
Residenz Berlin ein dickes Weib sich auf ein Rad 
gesetzt . . die Wache hätte — glaub’ ich — „raus“ 
geschrie’n und man die Köter hinterher gehetzt! 
Totalisator und Automobil — •—■ schier eines 
unbekannten Sportes Welt, . . man ging zum 
Murmel-, Drachen-, Reifenspiel, „nach Neune“ 
auf das Tempelhofer Feld und trank als seines 
Sieges Ehrenpreis vielleicht ’nen Gilka bei Herrn 
Kreideweiss! . . Krank trank man weder Karlsbader 
noch Emser, nahm höchstens einen Hoffschen Malz 
extrakt, und zu den Landpartie’n im alten Kremser 
ward ein Fresskober einfach eingepackt!“ 
„— Uns jungen Mädchen wäre unser Vater 
hässlich aufs Dach gestiegen, wollten wir etwa wie 
heut’ ins Residenztheater . . . Konzert bei Bilse 
äusserstes Plaisier. Da sassen mit dem Strickstrumpf 
hold errötend wir, eine „kleine Selter“ nippend, 
still, ob sich ein Ref’rendar nicht honigflötend, zur 
Not ein Einjähr’ger nicht nähern will! . . . Und — 
ach — erfüllte sich der heisse Wunsch, gleich machte 
„Mutter 4 “ einen bösen Flunsch!! . . 
„Im Gross’ und Ganzen aber schlug das Herze 
doch etwas heisser an das enge Mieder, als heute 
unter diesem kalten Erze, blüht auch und duftet 
heut wie sonst der Flieder! „Gemüt 14 war unser 
Schmuck der Häuslichkeiten und — nahmen wir 
uns einen ernsten Schatz, dann war’s kein „kleiner 
Cohn“ mit „grossen Pleiten“, kein Gimpel, Narr, 
kein hergeflogner Spatz, kein Mühlendammer 
Lord mit Aermeln dran — es war mit einem kurzen 
Wort: „ein Mann!“ . . . 
- Die erzne Lina schwieg ... In ihrem 
Blicke lag eine lang versunkne Herzenswelt!! . . . 
Träumt man sich die Vergangenheit zurücke, die 
Gegenwart noch weniger gefällt. . . — Die Weiber 
kamen aus des Marktes Hallen mit ihren Körben, 
Fisch, Gemüse, Speck. . . — Dem Sperling hat die 
Antwort nicht gefallen, er hat sie kaum verstanden 
— — er flog weg! . . 
Er flog zu einem . . Taxameterpferde, zu einem 
amüsantem pour-parler, frass dessen Hafer, der dort 
auf der Erde herumlag — — und mit ihm nach 
Weissensee, wo unsrer Bäckermeister Rosse traben, 
dieweil wir etwas klein’re Schrippen haben. . . „Der 
Sieg dort,“ sagt der Spatz, der ungehobelt — wird 
dort im Rennen manchmal ausgeknobelt!“ . . 
— Der Spatz ist — leider — doch ein dummes Tier, 
— ihm macht „berliner Bildung“ . . kein Plaisir!! . . 
— Als mir die Berolina jüngst begegnet, — 
d. h. ich ging um Mitternacht vorbei, es hatte, wie 
gewöhnlich, stark geregnet in dem verflossenen, so 
kalten Mai, — da schien es mir, als hingen in den 
Augen des Erzbilds — Thränen, doch es kann 
wohl sein, dass meine alten Angen wenig taugen 
. . es blitzten Tropfen da im Mondenschein. . . 
Ob sie an die Vergangenheit gedacht, die erzne 
Frau, die soviel durchgemacht? 
. .. Ich sagte ihr ganz leise: „Gute Nacht!!“... 
Mx. Br.
        
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