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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

$)ie Tragik des Lebens. 
Parabel 
von J. von Immendorf. 
(Nachdruck verboten.) 
jin Kindlein lag schlummernd in der Wiege. Die 
Wiege stand in einem paradiesisch schönen 
Garten, dessen Grenzen der Blick nicht erreichte. 
Ringsumher tönte lieblicher Vogelsang, im blauen 
Aether lachte die Sonne, bunte Falter flogen von 
Blume zu Blume, mächtige Bäume reckten ihre Arme 
gen Himmel, — alles schien im Glanze dieses 
wolkenlosen Lichtes zu strahlen. 
Lächelnd nahte ein Weih. Sie nahm das Kleine 
aus der Wiege, schaukelte es in ihren Armen und 
zog singend durch die wonnige Landschaft. Sie 
liebkoste es gleich einer Mutter, öffnete seine Aeuglein 
mit einem Kusse und zog einen rosigen Schleier vor 
dieselben. Nun sah das Kindlein die Welt durch 
einen rosigen Hauch. Aufjauchzend schlug es in 
die Hände, erfreute sich der bunten Schmetterlinge, 
des blauen Himmels, der lachenden Sonne . . . und 
glücklich lächelnd schlief es wieder ein . . . Die 
Zeit, — sie war es, die das Kindlein trug, — schau 
kelte es weiter und summte ihm süsse Melodien ins 
Ohr . . . 
Das Kindchen gedieh unter Lachen und Scherzen, 
stand auf seinen Beinchen, zappelte lustig umher, 
und fand an der Hand der Nimmermüden die 
schönsten Plätze im Garten. Die Erkenntnis wuchs, 
aber der Schleier blieb. Also pflückte es die Blumen 
am Wegesrand und warf sie tändelnd wieder fort, 
um nach den bunten Schmetterlingen zu langen, 
oder sich Schlösser und Türme aus Sand zu bauen; 
oder sah den lustigen Fischlein im Flusse zu, der 
durch dieses Paradies nach dem fernen Meere da 
hinzog. Es welkten zwar die gepflückten Blumen — 
die Farbenpracht der Schmetterlinge blieb an seinen 
Fingern hangen — die Fischlein schwammen fort — 
Schlösser und Türme fegte der erste Hauch davon, — 
aber das Kind merkte das nicht, denn die rastlose 
Zeit führte es weiter, an noch schönere Stellen, in 
noch schönere Gefilde. 
Doch eines Tages trat seine getreue Freundin, 
die Zeit, nicht lachend wie sonst, sondern gemessenen 
Schrittes heran, gefolgt von einem alten erfahrenen 
Mann. Er sah aus wie ein Schulmeister und war 
es auch. Erstaunt, doch arglos blickte es auf den 
Ankömmling und freute sich des Neuen. 
Da neigte sich die Zeit über das Mägdlein und 
küsste es auf die Augen; und dabei bekam der rosige 
Schleier einen kleinen Riss. 
An der Hand des Alten ging es wieder in den 
Garten, doch dieser schien nicht mehr derselbe zu 
sein. Schwache Schatten zeigten sich, die früher 
nicht zu sehen, und wenn die Kleine nach einem 
Schmetterlinge haschte, was ihr überdies der Schul 
meister nur selten erlaubte, denn es war ein wür 
diger Mann, der das Verlangen des Kindes nicht 
begriff, da sah sie, dass der bunte Staub der Flügel 
an ihren Fingern blieb, und der entfärbte Falter, 
wieder befreit, zuckend zu Boden fiel. Als sie das 
zum erstenmal bemerkte, rann ein Thränlein über 
ihre Wange. Das kam, weil die Zeit ihr einen Riss 
in den rosigen Schleier geküsst hatte. 
Viele Monde vergingen. Der Lehrer wurde 
immer ernster und gedankenvoller und gab sie nicht 
mehr frei, so oft sie sich auch bücken wollte, da 
und dort eine Blume zu pflücken. Fort und fort 
sprach er und erzählte ihr Dinge, die sie nicht ver 
stand und die derart in ihren Ohren summten, dass 
sie die Vöglein im Garten nicht mehr hörte. Da 
wurde sie traurig, Sehnsucht nach Spiel und Scherz 
zog in ihr Herz, sie misste die sorglose Freiheit, 
und abermals rann ein Thränlein über ihre Wange. 
Aber die Zeit führte sie auf eine kleine Anhöhe; 
ein neues Land lag vor ihren Blicken, und sie ver- 
gass die Schmetterlinge und die Blumen und er 
freute sich am weiten, luftig gezimmerten Horizont, 
den ihr der schöne Ausblick bot. Der weise Mann 
wies auf die Ferne und sagte: 
„Dort ist das, was Du suchst: — das Glück! 
denn dort ist das Wissen.“ 
Verwundert sah sie zu ihm auf. Der Alte ver 
stand die stumme Frage und sagte: 
„Dort blühen Blumen, die nie welken, und über 
ihnen schweben Schmetterlinge, deren Farbenpracht 
in täglich neuem Glanz erstrahlt.“ 
Und im selben Augenblick trat ein Jüngling 
heran: der Wunsch, — und hinter ihm, so dicht, 
als wären sie zusammengeschmiedet, ein herrliches, 
duftiges Frauenbild: die Hoffnung. 
Der Jüngling hob seinen Arm, und wo er hin 
wies, zeigte sich der Glanz eines Wunsches. Der 
Schulmeister kleidete ihn in Worte, und die schöne, 
engelgleiche Fee hauchte in des Mägleins Busen den 
Zauber der Hoffnung ein. Die Zeit aber neigte sich 
über das Mädchen, küsste es auf seine Augen und 
der rosige Schleier bekam abermals einen Riss. 
Dann nahm der Lehrer wieder das Kind bei 
der Hand und führte es den Hügel hinab in eine 
lange, lange, schattige Allee. 
„Wo führst Du mich hin?“ fragte das Kind. 
„Zum Wissen,“ sagte der Meister. 
„Das Wissen lag doch dort oben im goldigen 
Sonnenschein ? hier sehe ich es nicht.“ 
„Ich führe Dich hin. Lang ist der Weg und 
steinig; doch nur auf diesem gelangst Du zu ihm.“ 
Das Mägdlein gehorchte. Der Pfad wurde enger 
und dunkler, Steine verletzten die Füsse und dorniges 
Gestrüpp zerkratzte das Gesicht der kleinen Wanderin. 
Müde wurde sie zum Umsinken, und als sie immer 
noch kein Ende vor sich sah, rann wieder eine 
Thräne über ihre Wange. 
Aber in ihrem Herzen regte sich der Atem der 
Hoffnung, und vor ihr schwebte, in herrlich junger 
Schöne, der Wunsch. 
So waren sie lange gewandert. Die rastlose 
Zeit liess das Mägdlein wachsen, dass es grösser 
wurde und grösser, und der Meister sprach fort 
und fort und wurde schliesslich von ihr verstanden. 
Oft jedoch kam es ihr nun vor, dass, während 
sie ihn nicht begriffen hatte, jetzt er derjenige war, 
der ihre Frage ohne Antwort liess. Hing sie einem 
Worte nach, das ihr der Wunsch ins Ohr geraunt, 
und wandte sie sich vertrauend an den Meister — 
an ihn, den sie für einen Allwissenden hielt —, dass 
dieser ihr das Rätsel deute, dann wurde er ver 
legen und sagte höchstens: 
„Das verstehst Du noch nicht!“ 
Anfangs liess sie sich damit genügen, aber der 
Wunsch heftete sich an ihre Fersen, und immer 
hartnäckiger drängte seine Frage sich ihr auf. Da 
sah sie durch den zweiten Riss, den ihr die Zeit in 
den Schleier geküsst, dass der Meister nicht all 
wissend sei, wie sie gedacht, und besorgt fragte sie 
ihn, ob denn wirklich dies der Weg zum Wissen sei? 
„Gewiss ist er es,“ sagte der Führer, „es giebt 
keinen anderen; aber der Weg ist weit.“ 
Und so vergingen Jahre und Jahre. Das 
Mägdlein war zur herrlichen Jungfrau herangeblüht 
und blickte noch immer, wenn auch der Schleier 
schon an mancher Stelle zerrissen war, durch dessen 
rosigen Schimmer in die Welt. Der Wunsch zog 
sie, der Lehrer führte sie, und, war sie müde, so 
lieh die Hoffnung ihren ermatteten Schritten Flügel. 
Eines Tages aber wendete sich der Meister an 
die Jungfrau und sagte: 
„Bis hierher habe ich Dich geführt; nun muss 
ich Dich verlassen. Den Weg zum Wissen musst 
Du Dir allein jetzt bahnen.“ 
Erschrocken blickte sie zu ihm auf; hilflos hob 
sie flehend die Hände. 
Den alten Meister überkam Rührung, er senkte 
betrübt sein Haupt und wehrte sie sanft ab: 
„Ich lasse Dir den Wunsch,“ sprach er. „Die 
Zeit wird Dich stählen, und die Hoffnung Dir das 
Ziel stets nahe zeigen.“ 
Und er verschwand. 
Da sank das Mädchen auf einen Stein und zwei 
grosse Thränen rannen aus ihren Augen. Aber der 
Wunsch hob sie in seine Arme, küsste ihr die 
Thränen weg und flüsterte ihr sanfte Worte des 
Trostes in das Ohr. 
„Werde ich das Wissen durch Dich finden?“ 
fragte die Jungfrau schüchtern. 
„Das Wissen nicht —; es giebt kein Wissen. 
Aber die Gelehrsamkeit, wenn Du willst.“ 
„Was ist Gelehrsamkeit?“ fragte begierig das 
Mädchen. 
„Worte und Thaten, die Menschen erdacht.“ 
„Werden sie zum Wissen mich führen?“ 
„Nein. Aber sie suchen es.“ 
„Und finden sie es nicht?“ 
„Nein.“ 
„Niemals?“ 
„Nie.“ 
Da stürzte ein Thränenstrom über die Wangen 
der Jungfrau und sie drückte die Hände vor die 
Augen, dass der ganze rosige Schleier zerriss. 
Als sie die Augen wieder aufschlug, war. der 
Wunsch verschwunden, und sie stand allein auf dem 
langen leeren Wege. 
Die Zeit jedoch, die sie in Gesellschaft des 
Meisters und des Wunsches ganz vergessen hatte, 
trat wieder an ihre Seite und führte sie in ein neues, 
zauberhaftes Wunderland: in das Land der Liebe. 
Ein Jüngling, tausendmal schöner als der Wunsch, 
kam ihr auf halbem Wege entgegen, hauchte ihr 
süsse Worte in das Herz und zog einen neuen, noch
        
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