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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

reden, dass der Stein immerhin so fest sass, dass er 
nicht verloren gehen konnte. Aber eine dünne 
Schnur wurde hinten angenäht als Notleine, wenn 
das Schloss brechen sollte. — Plötzlich, nachdem 
endlich das Halsband umgenommen und befestigt 
worden, entdeckte Hedwig im Schmuckkasten, der 
einen doppelten Boden hatte, einen silbernen Reifen, 
an dem einzelne Nadeln emporgingen. Wiederum 
stiess sie einen Schrei des Entzückens aus, man 
konnte das Halsband also auch als Diadem benutzen. 
Dass musste unbedingt probiert werden. Schnell 
war das Kollier wieder abgetrennt und auf den 
Reifen gesteckt. Alle Vorrichtungen waren dazu vor 
handen. Es half nichts, dass Adolf protestierte und 
meinte, der Ball sei schon halb zu Ende. Es sah 
aber auch im Haar aus wie eine Königskrone, ein 
förmlicher Glorienschein. Hedwig hatte sich noch 
nie so bewundert, wie an diesem Abend, und doch, 
es war gar zu auffällig, es ging nicht, und dabei 
war es doch sehr schade, das Kollier auf der Brust 
zu tragen, es verdeckte gerade den von der Natur 
am schönsten geformten Teil von Hedwigs Decolletes, 
und auf diesen Teil war sie sonst recht stolz, denn 
sie sah öfter, wie bewundernde Blicke daran hingen. 
Adolf war durchaus dafür, es nur auf der Brust zu 
tragen, aber Hedwig musste probieren, ob es nicht 
möglich wäre, das Kollier zu teilen und auf jeder 
Schulter eine Hälfte zu befestigen. So alte Schmuck 
stücke hatten ja oft sehr praktische Vorrichtungen, 
und da die Schlüsselbeine Hedwigs, infolge der 
Magerkeit ihrer Besitzerin, etwas zu stark hervor 
traten, so wäre ihr das recht willkommen gewesen. 
Es wurde sofort versucht, aber es fand sich keine 
Vorrichtung. Man probierte es nun auf der rechten 
Schulter, dann auf der linken, schliesslich sogar auf 
dem Rücken. Alles erwies sich aber als undurch 
führbar, ein Halsband gehört eben ein für alle Mal 
auf die Brust, deshalb heisst es ja Halsband. 
Um zwölf Uhr zehn Minuten war nach zwei 
stündigem Probieren der erste Zustand wieder her 
gestellt, und das Kollier mit seiner Notleine wieder 
befestigt. Adolf war darüber sehr befriedigt, trotz 
der Verspätung. Die schöne kleine Stelle des De- 
colletes war also doch verdeckt. ' Nun endlich — 
bebend vor Schauer der Wonne und der Erwartung — 
gemischt mit der Angst vor der Möglichkeit des Ver 
lustes bestieg Hedwig mit Adolf den Taxameter, der 
bereits längst Nachttaxe fuhr. Seufzend bedachte 
Adolf, dass ihn das Kollier bereits sechs Mark an 
Droschke kostete, wofür er schon eine kleine Skizze 
hätte schreiben müssen, um sie zu verdienen, nota 
bene, wenn es ihm gelungen wäre, die Skizze irgend 
wo anzubringen. Aber was thut man nicht für ein 
Brillanthalsband, weil es doch auch so viel Ver 
gnügen macht. 
Endlich betraten sie die Garderobe, und Adolf 
wickelte seine Gattin aus den äusseren Umhüllungen, 
die sie in diesem Augenblick trug. Sonst war Hedwig 
immer schnell und munter damit fertig, heute ge 
schah alles ganz langsam, damit das Kollier nicht 
erschüttert würde und am Ende einer der Brillanten 
sich noch mehr löste. Adolf verzweifelte beinahe, 
innerhalb fünf Minuten blickte er viermal nach der 
Uhr. Aber als das Cape und der Boa und der 
Schleier und der Shawl und das Fichii und die 
Ueberschuhe und der Pompadour und die ver 
schiedenen anderen Dinge endlich in der Garderobe 
abgelegt waren, wurde Frau Hedwig urplötzlich 
kreidebleich und fuhr sich schnell mit der Hand 
nach dem Herzen. Auch Adolf erbleichte; sollte ihr 
etwas zugestossen sein? Sie war manchmal sehr 
nervös, und heute hatte sie sich des dummen Kolliers 
wegen vielfach aufgeregt. Schnell sprang er an 
ihre Seite. 
„Um Gotteswillen, Kind, was ist Dir?“ fragte 
er, aber sie winkte nur mit der Hand, sie vermochte 
nicht zu sprechen. 
„Willst Du einen Schluck Wein?“ stiess Adolf 
hervor. 
Sie schüttelte den Kopf, und kaum vernehmbar 
hauchte sie: „Ein — ein — ein — Spiegel!“ 
Adolf drehte sich wie ein Kreisel herum. Er 
konnte im Augenblick in der kolossalen Garderobe 
nicht erkennen, wo ein Spiegel war. Endlich er 
blickte er ihn in nicht unbedeutender Entfernung. 
Schnell führte er sie dort hin. Er fürchtete sehr, 
dass sie die Strecke nicht zurücklegen könnte, so 
schwankte sie an seinem Arm. Aber sieh da! Als 
sie vor dem Spiegel trat, hellte sich ihr hübsches 
Gesichtchen plötzlich wieder auf, wie der Vollmond, 
wenn die Wolken sich verzogen. Es war aber auch 
keine geringe Angst, die sie ausgestanden hatte. Als 
sie vorhin mit der Hand nach dem Kollier fühlte, da 
hatte sie — entsetzlich! — geglaubt, der Stein fehle. 
Aber Gott sei Dank! es waren noch alle da. Und 
wie schön sie aussah in der Jugend ihrer zweiund 
zwanzig Jahre! Er betrachtete sie mit verliebten 
Blicken, aber sie hatte jetzt keinen Sinn dafür. Er 
wollte ihr etwas Gutes sagen, aber sie zählte noch 
mals schnell die Steine des Plalsbandes. Acht grosse 
und zweiundzwanzig halbgrosse, ausser den kleinen. 
Gott sei Dank, es war alles da! 
Adolf aber fing an, das Kollier zu hassen, doch 
sie fühlte das nicht. Mit strahlendem Lächeln be 
schreitet sie an seinem Arm den Festsaal, gierig 
fliegen ihre Blicke auf die Hälse der Damen, und 
noch heitrer wird sie, nirgends kann sie ein solch 
wunderbares Halsband entdecken, wie Grossmamas 
Halsband. O Wonne! Sie sieht, sie fühlt, sie merkt, 
sie empfindet, wie bewundernde Blicke von nah und 
fern an ihr hängen. Doch da sehen sie schon Be 
kannte, und sie gehen auf sie zu.. Es ist ein ein 
flussreicher Kritiker und Redakteur, der Adolf bisher 
sehr protegierte und ihm mancherlei Verdienst zuwies. 
Seine Frau, die alle ihre armseligen Bröschchen an 
gesteckt hatte, führte der Kritiker am Arm. Wäh 
rend sie auf die Beiden zugehen, bemerkt Adolf, 
wie in der Frau des Kritikers plötzlich eine merk 
würdige Stimmung aufzusteigen scheint, heftig 
flüstert sie ihrem Manne etwas zu. Ihr Gesicht hat 
einen hämischen Ausdruck. Jetzt kommen beide 
Paare zusammen, aber merkwürdig, die Kritiker 
familie, die sonst die Liebenswürdigkeit selbst, ist 
heute kühl und reserviert. Schnell verabschiedet 
man sich. 
„Haha, der blasse Neid!“ flüstert Frau Hedwig 
ihrem Manne zu, indem sie weitergehen. Der aber 
denkt bereits: „Ach, liebe Grossschwieger- oder 
Schwiegergrossmama, hättest Du doch Dein Fials 
band für Dich behalten.“ Ueberhaupt sind die „be 
freundeten“ Damen alle so sonderbar heute. Frau 
Hedwig liegt nichts daran, denn die Herren sind 
desto liebenswürdiger. Der alte Kommerzienrat 
Silberthal, der sie nicht zu seinem Ball eingeladen, 
kam sogar persönlich herüber und begrüsste sie. 
„Respekt vor meinem Reichtum,“ denkt Frau 
Hedwig. Mit Adolf tanzt sie zunächst einen Walzer, 
und dann trennt sich das Paar, denn viele um 
schwärmen Hedwig und bitten um einen Tanz. 
Rein wie vernarrt sind heute die Herren in sie; sie 
muss diesmal besonders gut aussehen, denkt Frau 
Hedwig. Ja, so ein Brillantkollier, wie das gleich 
die ganze Gestalt und die Toilette hebt! — Sie 
weiss es selbst nicht, dass das Interesse der Plerren 
auch daher kommt, weil sie heute etwas kokett 
ist und die Bewunderung herausfordert. Aus der 
Ferne richtet Adolf hie und da einen Blick auf sie, 
und leise dämmert die Eifersucht in ihm auf. Ganz 
einerlei, ob Schwiegergrossmama oder Gross 
schwiegermama der richtige Ausdruck ist, ihr Hals 
band soll der Kuckuck holen. Und weil er sich 
ärgert, stürzt er sich ins Vergnügen und tanzt mit 
anderen Damen, mehr als je zuvor. •— Doch wie er 
einmal zur Seite steht, um sich auszuschnaufen, da 
sieht er, wie Hedwig ihren schmucken Tänzer ver 
lässt und auf ihn zueilt. Seine Stimmung klärt sich 
mit einem Male auf. Sie hatte also doch Sehnsucht 
nach ihm, sein gutes Weibchen, sie verlässt jenen 
und fliegt auf ihn zu. Wie hübsch von ihr. Schon 
weht ihm ihr heisser, anregender Odem entgegen. 
„Hedwig!“ flüstert er ihr zu, und sie lehnt sich 
an ihn in ihrer Erschöpfung mit suchendem, etwas 
wirrem Blick und dem Ausdruck hülfloser Kindlich 
keit. Ach, wie sie schön und lieblich war! Seine 
Pulse beginnen schneller zu schlagen. „Bist Du doch 
zu mir gekommen, Weibchen?“ flüstert er ihr zu. 
„Ach ja,“ seufzte sie, „liebster Adolf, zähle 
doch einmal schnell nach. Sind sie noch alle da? 
Acht grosse Steine, zweiundzwanzig halbgrosse, ohne 
die kleinen.“ 
O o'“ 
Es schrie in ihm auf. Schwiegermama musste 
die Besitzerin des Kolliers heissen, sogar Gross- 
Schwiegermama, denn sie war die potenzierte 
Schwiegermama. Was hatte sie nötig, ihr das 
Kollier zu schenken? Ach was, schenken, dann 
würde er es verkauft haben. Aber noch nicht ein 
mal geschenkt hatte sie es. Das Gespenst des 
Kolliers konnte noch auf wer weiss wieviel Bällen 
wiederkehren. FIol’s der Teufel! 
„Nun, Adolf,“ flüsterte sie, schon etwas unge 
duldig über sein langes Schweigen, „hast Du nach 
gezählt? Acht grosse —“ 
„Zweiundzwanzig halbgrosse, ich weiss schon,“ 
schrie er mehr als er es sagte, „es ist leider alles 
richtig.“ 
„Leider?“ fragte sie erstaunt. 
„Ich wollte sagen wieder, wieder, jawohl,“ rief 
er wütend, weil er sich seiner Eifersucht schämte. 
Sie hatte nicht Zeit, mehr zu fragen, denn 
schon kam ein Herr, dem sie den nächsten Tanz 
versprochen hatte, und sie wirbelte davon.
        
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