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Full text: Berliner Leben Issue 5.1902

LUeffersehiessen. 
„Die Welt, von Grau umwoben, 
Ist keinen Dreier wert!“ 
E. Eckstein. 
g ierrot war krank. Der arme Pierrot konnte 
das deutsche Klima nicht vertragen; er war 
Licht, Wärme, Pracht und Farbe gewöhnt, den 
ewig blauen Himmel und die silbernen Wogen der 
Riviera, strahlende weisse Städte und Dörfer, ragende 
Pracht der Kirchen und Paläste — und hier in 
Deutschland, alles so nüchtern, so eintönig! Der 
Himmel grau, das Wasser grau, die Strassen grau — 
alles grau in grau, und statt der ragenden Dome 
mit ihren Malereien und schlanken Marmorsäulen 
grosse Fabriken und rauchende Schlote! — Nein, 
Pierrot gefiel es garnicht in DeutsclLand und nun 
gar dieser Sommer! Dieser Sommer ohne Sonne — 
ein rechter Sommer unseres Missvergnügens! Er 
hatte recht, diesen Sommer musste es sogar den 
Amphibien zu feucht werden. 
„Das Wetter! — Das Wetter!“ jammerte 
Pierrot, wenn er aufstand, „das Wetter! — Besser 
gar kein Wetter!“ grollte er, wenn er schlafen ging; 
denn er gab dem Wetter die meiste Schuld daran, 
dass er sich so unglücklich und elend fühle in 
Deutschland, dem mächtigen Verbündeten von la 
bella Italia! Vergebens suchten ihn seine Freunde 
zu trösten und machten ihn auf die vielen Schön 
heiten aufmerksam, die er auch hier finden würde, 
wenn er nur suchen möchte. Pierrot glaubte das 
nicht, er blieb bei seiner Klage und machte den 
ganzen Tag ein so trauriges Gesicht, wie ein echter 
Pierrot garnicht machen dürfte. Aber da er ein 
ganz echter Pierrot war, so sah er mit seinem 
traurigen Gesicht, in seinem grotesken Anzug noch 
viel, viel komischer aus, als wenn er die lächerlichste 
Grimasse geschnitten hätte. Wenn das nun auch 
seine Freunde auf’s köstlichste amüsierte, der arme 
Pierrot litt doch fürchterlich darunter. Zuletzt ging 
er garnicht mehr aus dem Zimmer, lag den halben 
Tag im Bett und stöhnte: „Das Wetter, das Wetter!“ 
Seine Freunde wurden ernstlich besorgt; sie 
traten zusammen und beratschlagten, was zu thun 
sei. Als kluge Leute brauchten sie nicht lange zu 
überlegen. Gegen Schwermut, Trübsinn, Gram, 
Heimweh, Seelenschmerz — kurz, gegen jedes Übel 
hilft am besten der Wein und vor allem der Sect! 
Sie gingen also hin und kauften einige Flaschen 
„Rheingold“ und dazu eine kleine Lafette, denn sie 
wollten sich einen Witz mit dem guten Pierrot 
machen, schickten ihm beides und schrieben dazu, 
da er so unter dem Wetter zu leiden habe, so 
schickten sie ihm anbei eine ganz neu erfundene 
Wetterkanone; mit der sollte er einmal gegen das 
Wetter losknallen. Vom Wetterschiessen werde er 
doch schon gehört haben. 
Pierrot war ein ehrlicher Mann, vom Wetter 
schiessen hatte er schon gehört. Er nahm daher 
das ihm zugesandte Geschütz, lächelte wehmütig, 
als er sah, dass es eine graue Bauchbinde*) trug, 
als hätt’ auch ihm dieser böse Sommer es angethan, 
dann schüttelte er verständnisinnig den Kopf und 
richtete es, nachdem er zum Schiessen alle Vor 
bereitungen getroffen, gegen das offene Fenster. Er 
nahm einen langen Draht, der die Lunte vorstellen 
sollte, und rüttelte damit am Korken der Flasche. 
Bum! ging der Schuss los — Pierrot erschrak fast 
zu Tode und retirierte mit krummen Beinen bis in 
eine Ecke. Dann aber fasste er sich ein Herz, 
näherte sich der Wetterkanone, sah die perlende 
Ladung sich ergiessen und fühlte ein liebliches und 
kräftiges Aroma seine Sinne umschmeicheln. Mächtig 
zog es ihn an — er musste den köstlichen Ex 
plosionsstoff einmal kosten. Und siehe da — kaum 
genippt, fing er zu schlürfen an — in durstig langen 
Zügen! Schnell noch ein Geschoss! Doch welch’ 
ein Wunder! Je mehr er trank, desto blauer wurde 
der Himmel, desto rosiger die Wolken, desto leuch 
tender seine Umgebung und die Welt immer schöner 
und schöner! 
Durch den Wein zum Blumenbeet 
Ward die Phantasie verwandelt. 
Blumen blühen ihm zu Füssen, 
Und zu Häupten glühen Sterne — 
Jene aus der Nähe grüssen, 
Diese grüssen aus der Ferne. 
Welch’ ein liebliches Gewimmel — 
Wonne jeder Trunk erweckt — 
Und ein ganzer Sternenhimmel, 
Liegt im — — Söhnlein-Rheingold Sect. 
Er dankte seinen Freunden tausendmal für ihren 
glänzenden Einfall, und als er bald darauf eine grosse 
Reise um die Welt antrat, bestand der grösste Teil 
seines Reisegepäcks aus Kisten von Söhnlein-Sect, 
„denn,“ sagte er, „in der ganzen Welt sind Wolken 
und Tage schlechten Wetters. 
Aber mit dieser kleinen Kanone schiesse ich 
alle entzwei, die schwärzesten Wolken und das 
schlechteste Wetter!“ Karl Pauli. 
*) Die Sectflasclien haben infolge der neuen Besteuerung jetzt 
alle eine graue Bauchbinde!
        
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